Die Leitfrage der Arbeit: `welche Konflikte werden von volksfrömmischen Bewegungen getragen?` wird im folgenden Hauptteil in Beziehung mit den Faktoren Staat, Kirche und Volk gesetzt. Diese Vorgehensweise erscheint mir, aus der Möglichkeit dadurch ähnliche Konfliktursachen zusammenfassen und gliedern zu können, und aufeinander Aufbauende verknüpfen zu können, sinnvoll. Es werden hier also lediglich Konflikte zwischen Volksreligiosität und den jeweiligen Unterpunkten (Staat, Kirche, Volk) diskutiert, nicht aber Konflikte zwischen den Unterpunkten, da sie die Leitfrage nicht enthalten. Beispielsweise wird der Kulturkampf als eigentlicher Konflikt zwischen Staat und Kirche nur in soweit erwähnt, wie er in Beziehung zur Volksreligiosität steht.
Zur Begriffserklärung verwendete Quellen, die in der Einleitung schon erwähnt wurden, sind Werke von Max Weber und Winfried Schulze. Quellen zu den Unterpunkten stellen einerseits die Dokumentensamlung zur Geschichte des Staatskirchenrechts von Ernst Rudolf Huber9, andererseits eine zeitgenössische Eigenpublikation des später noch erwähnten Kölner Erzbischof Vischering10 und ein kritisches Überblickswerk zu Staat und Kirche11 von einem zeitgenössischen evangelischen Theologen12 dar. Die Literatur gliedert sich neben Überblickswerken von Nipperdey und Siemann hauptsächlich nach den Unterpunkten Staat (Blessing, Lepsius), Kirche (Busch, Herres) und Volk (Ulenhusen, Busch, Herres). Die Miteinbeziehung soziologischer (Ebertz), volkskundlicher (Mohrmann) und sozialgeschichtlicher (Schieder) Aufsatzsammlungen ist für den komplexen Zusammenhang mit dem Thema essentiell und bietet wichtige Informationen für jeden Unterpunkt. Vor allem der Literaturbericht von Lönne13 war hilfreich bei der Auswahl der Sekundärliteratur und verschaffte mir zusätzlich einen guten Gesammtüberblick.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Volksreligiosität und Volksfrömmigkeit
1.2 Die Unterscheidung von offizieller- und Volksreligiosität
1.3 Problemstellung und Erklärung der Vorgehensweise
2 Die Beziehung zwischen Staat und Volksreligiosität
2.1 Die Opposition zur Moderne
2.2 Die Kölner Wirren
2.3 Die Milieubildung und der politische Katholizismus
2.4 Die Schulaufsicht
2.5 Der Kulturkampf
2.6 Weitere Konflikte in Zusammenfassung
3 Die Beziehung zwischen Kirche und Volksreligiosität
3.1 Der Deutschkatholizismus
3.2 Die Kontrolle über Kulte und Kongregationen
3.3 Der Feiertagsstreit im Rheinland
4 Die Beziehung zwischen Volk und Volksreligiosität
4.1 Bildung und soziale Lage im Verhältnis zur Volksfrömmigkeit
4.2 Die Feminisierung der Volksreligiosität
5 Schlußwort
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel der Arbeit ist es, die Konflikte zu untersuchen, die von volksfrömmischen Bewegungen im 19. Jahrhundert in Deutschland getragen wurden, und diese in einen direkten Zusammenhang mit den einflussreichen Faktoren Staat, Kirche und Volk zu setzen.
- Wechselwirkungen zwischen staatlicher Macht und katholischer Volksreligiosität.
- Die Rolle der Volksfrömmigkeit im politischen Katholizismus und bei der Milieubildung.
- Konfliktlinien zwischen kirchlicher Hierarchie und autonomer Kultpraxis.
- Soziale und geschlechtsspezifische Dimensionen der Frömmigkeit im 19. Jahrhundert.
- Die Bedeutung von Feiertagsregelungen und Bildungsansprüchen als Streitpunkte.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Opposition zur Moderne
Als grundsätzlichen Konflikt im 19. Jahrhundert zwischen Staat, katholischer Kirche und Volksreligiosität in Deutschland, ist die Gegenposition des katholischen Milieus zur Moderne zu nennen. Die Vernunft, die Aufklärung und das Vertrauen auf Wissenschaft und Technik stand im Widerspruch zum „Glauben an die göttliche Offenbarung und die lehramtliche Tradition“22. Diese Opposition verhärtet sich zunehmend mit der Ultramontanisierung und dem pianischen Pontifikat. Die Generation des aufgeklärten Klerus wurde rasch durch ultramontane Neuscholastiker abgelöst23.
Antimoderne Dogmen des Papstes nahmen an Radikalität zu, 1854 die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Mariens und 1864 dem Syllabus, eine Enzyklika über 80 Irrtümer der Zeit, d.h. „eine geballte Kampfansage an die moderne Welt“ u.a. auch an die „Staatskirche, Staatsschule; Liberalismus [...], Volkssouveränität und Demokratie, [...]“24. 1870 beanspruchte er mit dem Unfehlbarkeitsdogma „im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit zu sein“25.
„Eine Kriegserklärung an den modernen Staat, eine Kriegserklärung an den Protestantismus ist in der Proklamierung der päpstlichen Infallibilität […] nicht zu verkennen[…].“26
Die Möglichkeit so provozierend gegen den moderner werdenden Staat zu dogmatisiern, bot die im kleinsten durch Volksreligiosität verankerte Masse der Gläubigen, die ihre Ablehnung der modernen Welt durch strenge Romtreue, Wunderbegeisterung und Bildungsfeindlichkeit zeigte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die zentralen Begriffe Volksreligiosität und Volksfrömmigkeit, definiert deren synonyme Verwendung und legt die methodische Vorgehensweise für die Analyse der Konfliktfelder dar.
2 Die Beziehung zwischen Staat und Volksreligiosität: Dieses Kapitel beleuchtet das Spannungsfeld zwischen Staat und katholischem Milieu, das insbesondere durch den Kulturkampf, die Schulaufsicht und die Ablehnung der Moderne geprägt war.
3 Die Beziehung zwischen Kirche und Volksreligiosität: Hier wird der interne Wandel der Kirche untersucht, die nach anfänglicher Distanz dazu überging, populare Frömmigkeit als Machtinstrument zu nutzen und zu kontrollieren.
4 Die Beziehung zwischen Volk und Volksreligiosität: Das Kapitel analysiert, wie soziale Lage, Bildung und insbesondere geschlechtsspezifische Faktoren das Bedürfnis nach Volksreligiosität und die Beteiligung an kulturellen Praktiken beeinflussten.
5 Schlußwort: Das Fazit fasst zusammen, dass die Volksfrömmigkeit im 19. Jahrhundert als ständiger, dynamischer Faktor in einem permanenten Kulturkampf fungierte, der von der Kirche taktisch instrumentalisiert wurde.
Schlüsselwörter
Volksreligiosität, Volksfrömmigkeit, Katholizismus, 19. Jahrhundert, Ultramontanismus, Kulturkampf, Kirche, Staat, Milieubildung, Massenreligiosität, Herz-Jesu-Kult, Feiertagsstreit, Säkularisierung, Konfessionalisierung, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Konfliktpotenziale zwischen katholischer Volksreligiosität und den gesellschaftlichen sowie politischen Strukturen im Deutschland des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Interaktion zwischen Staat und Religion, die Etablierung des politischen Katholizismus, die kirchliche Kontrolle von Riten sowie die soziokulturelle Verankerung von Frömmigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie volksfrömmige Bewegungen in die Konflikte der Zeit eingebunden waren und wie sie von der kirchlichen Führung als Machtinstrument genutzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wählt eine systematisierende, historisch-soziologische Analyse, bei der Konflikte in Beziehung zu den drei Faktoren Staat, Kirche und Volk gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Konfliktbereiche, angefangen von der allgemeinen Opposition zur Moderne über den Kulturkampf bis hin zum Feiertagsstreit und der Feminisierung der Frömmigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Volksreligiosität, Ultramontanismus, Kulturkampf, kirchliche Kontrolle und Milieubildung.
Welche Rolle spielte der Deutschkatholizismus bei der Mobilisierung?
Der Deutschkatholizismus fungierte als radikale Oppositionsbewegung, deren Radikalität jedoch laut Autor dazu führte, dass selbst gemäßigte Katholiken sich aus Sicherheitsgründen dem ultramontanen Mainstream zuwandten.
Warum war die Volksreligiosität im 19. Jahrhundert so stark weiblich geprägt?
Laut Arbeit lag dies an der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, der sentimentalen Natur der Kulte sowie der Verlagerung der religiösen Erziehung der Familie in den privaten Bereich der Frau.
Was bedeutete die „Entweltlichung“ der Feiertage?
Dies bezeichnete das Bestreben von Staat und Kirche, weltliche Festlichkeiten wie Tanz und Wirtshausbesuche an Feiertagen zu unterbinden, um eine konfessionell geprägte Arbeitsethik durchzusetzen.
- Quote paper
- Thomas Oliver Schindler (Author), 2001, Konflikte um katholische Volksfrömmigkeit in Deutschland im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107653