Wörterbücher und Gesprächsbücher. Geschichtliche Entwicklung und Beschreibung der Textsorten.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
27 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschichte der Lexikographie

3. Wörterbücher
3.1. Makrostruktur von Wörterbüchern
3.2. Mikrostruktur von Wörterbüchern
3.3. Gerhard van der Schueren: Teuthonista
3.4. Wörterbuchartikel imVergleich
3.5. Wörterbücher – eine Auswahl

4. Gesprächsbücher
4.1. Einführung in die Entstehungsgeschichte
4.2. Aufbau von Gesprächsbücher
4.3. Tönnies Fenne – ein Russisch-deutsches Gesprächsbuch

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Anfang meiner Ausarbeitung hinsichtlich von Wörter- und Gesprächsbüchern möchte ich den Oberbegriff dieses Themas, Lexikographie, klären.

Nach dem Lexikon der Sprachwissenschaft ist Lexikographie abgeleitet vom griechischen Begriff ‚lexikographos’ – ein Wörterbuch schreibend. Es bezeichnet den Vorgang, das Ergebnis und die Methode der Anfertigung von Wörterbüchern.

Man unterscheidet verschiedene Darstellungsformen, die davon abhängig sind, ob es sich um ein- oder mehrsprachige Lexika handelt, ob es eine diachrone oder synchrone Bestandsaufnahme eines spezifischen Wortschatzes ist oder ob zum Beispiel deskriptive oder präskriptive Absichten verfolgt werden. Auch die Ordnung innerhalb eines Wörterbuches kann unterschiedlich sein. Neben der häufigsten Form, der alphabethischen Anordnung steht die begriffliche Ordnung, die das Material nach inhaltlichen Kriterien zusammenstellt Es gibt aber auch zum Beispiel rückläufige Wörterbücher, die sich an den Reimwörterbüchern des Mittelalters orientieren. Die alphabetische Reihenfolge geht hierbei von den Endbuchstaben aus; der Nutzen dieses Verfahrens liegt in einer gewissen Durchsichtigkeit von Wortbildungszusammenhängen. Stilwörterbücher hingegen kodifizieren das sprachliche Material nicht nach paradigmatischen, sondern nach syntagmatischen Aspekten. Syntaktisch orientiert sind auch die sogenannten Valenzwörterbücher, die das Inventar der Verben hinsichtlich ihrer Valenz zusammenstellen (Lexikon der Sprachwissenschaft). Hinzuzufügen ist auch, dass Sprachen im allgemeinen und deren Wortschatz im besonderen sozial, regional, zeitlich und funktional differenziert und zudem unterschiedlichen Benutzerinteressen unterworfen sind. Dadurch werden die bereits vorhandenen Typen weiter spezifiziert und differenziert.

Auch wenn das Thema Wörterbücher und Gesprächsbücher lautet, möchte ich meinen Schwerpunkt auf die Wörterbücher legen. In meiner Ausarbeitung werde ich auf die geschichtliche Entwicklung von Wörterbücher eingehen und darauf, warum sie geschrieben wurden. Im weiteren gehe ich dann auf die Makro- und Mikrostruktur ein, werde sie am Beispiel des Teuthonista veranschaulichen und am Anschluss zwei Wörterbuchartikel miteinander vergleichen.

Im zweiten Teil meiner Arbeit befasse ich mich dann mit Gesprächsbüchern und werde eine kurze Einführung hinsichtlich der Entstehungsgründe sowie des Aufbaus geben und dann genauer am Tönnies Fenne erklären.

Bevor ich näher auf die Geschichte von Wörterbüchern eingehe, möchte ich zwei Definitionen nennen:

Lexikon kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wörterbuch.

Zusammenstellung der Wörter einer Sprache (bzw. eines regionalen, sozio-

lektalen oder sprachspezifischen Ausschnitts) in alphabetischer oder

begrifflicher Ordnung zum Zwecke des Nachschlagens.

(Bußmann, H.: Lexikon der Sprachwissenschaft)

Wörterbuch ist ein Nachschlagewerk, das den Wortschatz einer Sprache

nach bestimmten Gesichtspunkten auswählt, anordnet und erklärt.

Das Wörterbuch gibt Sprachinformationen, während das Lexikon Sach-

informationen bietet.

(Brock Haus)

Diese Definitionen geben Auskunft darüber, was man heute unter einem Wörterbuch versteht. Wenn man dieses mit den ersten Wörterbüchern vergleicht, stellt man fest, dass es über die Jahrhunderte eine starke Veränderung hinsichtlich der Struktur als auch der Funktion gegeben hat. Dienten sie am Anfang als Übersetzungshilfe für biblische und Gelehrtentexte vom Lateinischen in die Volkssprache, so sind Wörterbücher heute fast in jedem Haushalt und in jeder Sprache zu finden; ein Gebrauchsgegenstand für jedermann.

„Wörterbücher sind keine Bücher, die für den Tag geschrieben werden: Sie sind Kulturdokumente, die Menschen, Völker, Zeiten, Länder, Landschaften und Lebenswelten in einer bestimmten historischen Situation sprachlich spiegeln“(S. P. Szlek 1999, S. 13).

2. Geschichte der Lexikographie

Die ersten deutschen Wörterbücher entstanden aus dem Geist der alten Glossen. Ihre Vorarbeit reicht weit bis in die althochdeutsche Zeit zurück. Mit der Glossierungstechnik wurden lateinische Texte auch volkssprachlich aufbereitet. Sie ist ein unabdingbares Hilfsinstrument der Gelehrtentätigkeit und des Schulbetriebs. Glossen dienten als Quelle des lateinischen Vokabulars und zur Erhellung der im Unterricht gelesenen Texte.

Am Anfang stehen die Bibelglossare. Sie bilden auch den größten Teil und dienten der Bibelexegese. Des Weiteren gibt es reiche Überlieferungen aus karolingischen Schulen des 9. Jahrhunderts im Hinblick auf vielgelesene Schulautoren sowie Sachglossare (z.B. Körperteilglossar). Die meisten Glossierungen werden aber dem Lehrbetrieb in den mittelalterlichen Dom- und Klosterschulen zugeschrieben. Sie sind aus heutiger Sicht eine Wiedergabe des damaligen Wissens und erlauben Rückschlüsse auf die Schul- und Unterrichtspraxis jener Zeit.

Die ersten lexikographischen Erklärungen sind am Rand, zwischen den Zeilen oder im Text zu finden und werden danach Marginal-, Interlinear- oder Kontextglosse genannt. Aus den in die Texthandschriften integrierten Glossen entwickeln sich Glossenhandschriften. Die ersten außertextlichen Glossen sind nach der Abfolge der Wörter im Bezugstext geordnet, dann nach systematischen oder nach alphabetischen Anordnungsprinzipien zusammengestellt bzw. treten in kombinierter Form auf. Auch die älteste Sammlung von Glossen, also das erste Lateinisch-althochdeutsche Wörterbuch, ist noch unmittelbares Ergebnis von Kontextglossierung. Es ist nach seinem ersten lateinischen Stichwort, im weiteren auch Lemma genannt, benannt: ‚abograns’, das der Schreiber mit ‚dheomodi’ neuhochdeutsch ‚demütig’ übersetzt hat. Es ist an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert geschrieben worden. Diesem Abograns liegt ein alphabetisch geordnetes lateinisches Verzeichnis seltener, durch Synonyma erläuterte Wörter zugrunde, das als Wegweiser zu gewähltem Stil gedacht war. Die althochdeutsche Sprache tritt hier nur in glossierender, also erklärender bzw. übersetzender Funktion auf.

Die weitere Entwicklung des Abograns zeigt die generelle Entwicklungsrichtung an. Das lateinische Lemma mit der entsprechenden Interpretamente werden ins Alphabet eingeordnet und aus dem Stilwörterbuch wird eine alphabetische lateinisch-deutsche Vokabelsammlung (ca.8./9. Jahrhundert).

Neben den alphabetischen treten auch, wie schon erwähnt, sachlich geordnete Wörterbücher auf. Der früheste Zeuge dafür ist der Vocabularis Sancti Galli. Trotz der Verwendung gelehrter Quellen kristallisiert er sich als Sonderfall eines auf praktische Zwecke gerichteten Sprachführers heraus. Aber auch bei zweisprachigen Sachglossaren sind literarischer Ursprung und gelehrter Zweck die Regel. Das Deutsch der Glossen diente in erster Linie das Latein zu erobern, auf dem die christliche und schriftliche Bildung beruhte. Des weiteren dienten sie der corectio (Verbesserung) der Texte, der Lektüre der kanonischen Schriftsteller des Altertums und der Christenheit. Sie waren Verständnishilfen bei der Lektüre und standen ganz im Zweck der Bildung, also der Schule und den fortgeschrittenen Interessen der Lehrer und Gelehrten.

Der schulische Charakter wird auch durch zusätzliche Erläuterungen, wie grammatische Informationen über Genus, Flexion und Derivation aber auch durch erste Versuche von Etymologien, Synonyma oder Aequivoca bestätigt.

Eine glossographische Neuerung des 11. Jahrhundrets sind die so genannten Derivationes. Hier werden im Anschluss abgeleitete Wörter an ein Grundwort ohne weitere Erklärung gereiht.

Im 12. Jahrhundert wurden dann die Derivationes um die Wortfamilien, bei deren Erläuterung das Grundwort eine zentrale Rolle spielt, und durch Personalendungen erweitert.

Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts gewannen dann die alphabetischen Glossen immer mehr an Bedeutung. Lateinische Sacherklärungen wurden zugefügt und man erkennt immer mehr den Einfluss sprachtheoretischer und sprachphilosophischer Bemühungen. Der lateinische Wortschatz wird so zusammengestellt, dass der Zusammenhang des Sprachsystems über Ableitungen und semantische oder lautliche Beziehungen zu erkennen ist.

In unterschiedlicher Form, aber mit ähnlichem Ziel haben die Wörterbücher der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts den Charakter lateinischer Sach- und Sprachlexika der vorausgegangenen Jahrhunderte. Sie sind bestrebt den Zugang zum niedergelegten Wissen zu vereinfachen. Dies geschieht durch präzisere Auswahl von Sprachmaterial, durch Kürzung, formale Alphabetisierung und zu meist auch durch die Einfügung deutscher Elemente in die erläuternde Interpretamente. So entstehen in diesem Jahrhundert eine Vielzahl von lexikographischen Werken, die miteinander konkurrieren oder sich gegenseitig ergänzen, und zwar im Typ (alphabetisches Vokabular vs. Sachglossar), in der Dichte der Glossierungen, in der Lemma – Interpretamenten – Abfolge (lateinisch-deutsch, deutsch-lateinisch) sowie in der geographischen Verteilung.

Bald nach dem 14. Jahrhundert erscheint der Vocabularis Ex quo. Er macht sich frei von Beschränkungen, wie den Wortartklauseln (z.B. in Nominalglossaren), der Aufgliederung in nur eine Bezugssprache, komprimiert lateinische Sacherklärungen zu knappen Aussagen, bindet diese an die Lemmaübersetzung und fügt grammatische Informationen in sparsamster Verkürzung hinzu. Durch die Reduktion und Kombination der verschiedensten formalen und inhaltlichen Errungenschaften der vorherigen ein- und zweisprachigen Lexikographie entsteht ein Informationssystem durchschnittlichster Inhalte mit dem Ziel, ein praktisches Hilfsmittel zum Verständnis der Bibel und anderer lateinischen Texte für diejenigen zu schaffen, die im elementaren Sprachverständnis zur Erschließung des Letterals auf Hilfe angewiesen sein mochten (aus der Vorrede des Vocabularis Ex quo).

Im 15. Jahrhundert gibt es keine Neuheiten und Besonderheiten in der Lexikographie. Erst in der Inkunabelzeit erwächst dem Vocabularis Ex quo Konkurrenz, und zwar mit dem Teuthonista des Gerhard van der Schueren sowie durch den Vocabularius praedicantium.

Das besondere am Teuthonista ist, dass das Lemma im Niederrheinischen geschrieben ist. Das Werk basiert auf dem umfassenden konsequenten und einer Ideologie der Muttersprache abgestützten Versuch, ein nach deutschen Stichworten geordnetes Wörterbuch zu schaffen. Dieser Versuch war bis dato erstmalig. Doch näheres dazu später.

Die „Entdeckung und Entwicklung der Buchdruckerkunst, die humanistischen Bestrebungen nach einer Vertiefung der Bildung und nach einer Verbesserung des Lateinunterrichts, die Erneuerung des Schulwesens und, wenn auch nur im geringerem Maße, die Liebe zur eigenen Nation sowie der Stolz auf die Muttersprache“ (de Smet 1986, S. 59) lassen eine neue Lexikographie aufkommen.

Die im deutschen Sprachraum des 16. Jahrhunderts entstandenen und gedruckten Wörterbücher stehen bewusst im Dienst des Unterrichts und der Erlernung einer gepflegten , an den klassischen Autoren orientierten lateinischen Sprache, in denen die deutsche Volkssprache - in den meisten Fällen als Interpretiersprache - ein Rolle spielt. Aber trotz der regelmäßigen Aufnahme volkssprachlichen Wortgutes spiegelt sich zunächst die lateinische Sprachideologie wieder. Dadurch wird der Universalitätsanspruch des Lateins dokumentiert und gegen die Partialität der Volkssprache gesetzt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Wörterbücher und Gesprächsbücher. Geschichtliche Entwicklung und Beschreibung der Textsorten.
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Wissensvermittlung im Mittealter
Note
2,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
27
Katalognummer
V10807
ISBN (eBook)
9783638171397
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wörterbücher, Gesprächsbücher, Geschichtliche, Entwicklung, Beschreibung, Textsorten, Wissensvermittlung, Mittealter
Arbeit zitieren
Andrea Wieseke (Autor), 2000, Wörterbücher und Gesprächsbücher. Geschichtliche Entwicklung und Beschreibung der Textsorten., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10807

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