Kollektive Organisation als Antwort auf die 'soziale Frage': die Gewerkvereine der frühen Arbeiterbewegung


Seminararbeit, 2003

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

0 Einleitung

1 Wirtschaftliche Entwicklung im 19. Jh. und die Entstehung der „Sozialen Frage“
1.1 Rahmenbedingungen der Industriellen Revolution
1.2 Änderung der Lebensbedingungen
1.3 Das Aufkommen der „Sozialen Frage“

2 Auf dem Weg zur Gründung der ersten Gewerkvereine
2.1 Arbeiterbildungsvereine
2.2 Genossenschaftsvereine
2.3 Auslandsvereine

3 Die Bildung der ersten Gewerkvereine in Deutschland
3.1 Gutenberg-Bund
3.2 Assoziation der Zigarren-Arbeiter Deutschlands

4. Schlussfolgerung

5 Bibliographie

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Männliche Angehörige der „handarbeitenden Klassen“ (1822/46) in Prozent der Einwohnerzahl der männlichen Personen über 14 Jahre

0 Einleitung

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet.“[1] Auch wenn das „Kommunistische Manifest“ in späteren Jahren eine große politische Bedeutung erlangen sollte, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielte es für die politische und soziale Situation in Deutschland keine entscheidende Rolle. Das Proletariat war noch keine Masse, und noch existierte keine proletarische Massenorganisation. Genauso wenig existierte das Klassenbewusstsein, welches sich später noch entwickeln sollte.[2] Diese Arbeit bezieht sich auf den Zeitraum von 1810 bis 1850 und beschreibt die Entwicklung einer durch den Industrialisierungsprozess neu zusammengestellten Unterschicht und deren ökonomische Probleme, die von bürgerlicher Seite ab 1840 auch als „soziale Frage“ bezeichnet wurden. Betrachtet werden hier deren Zusammenschlüsse und deren Vereinsbildungen. Es soll geklärt werden, ob kollektive Organisation zu einer Verbesserung ihrer Lage beitrug. Desweiteren wird zu beleuchten sein, ob es sich bei den Zusammenschlüssen der Unterschicht um selbstmotivierte Phänomene handelt, oder aus dem Interesse des Bürgertums entstanden sind. Es sollen die verschiedenen Zielsetzungen und Formen der Zusammenschlüsse abgegrenzt werden, sowie die Wege die diese einschlugen um eine Besserung des Wohles der Unterschicht zu erlangen. Außerdem soll geklärt werden warum es zwischen 1830 und 1848 kaum Vereinsbildungen gab. Es sollen die Anfänge einer sozialen Bewegung beleuchtet werden, die entstanden war um ihre ökonomische und soziale Lage zu verbessern und zu einer Massenbewegung zu werden, die auch in der Lage war ihre Interessen durchzusetzen. Die Rede ist vom kurzen aufflackern der Gewerkvereine. Mit ihnen hatte die Unterschicht zum ersten Mal, obwohl für sehr kurze Zeit, in der Industrieellen Revolution ein Druckmittel um der Ausbeutung durch die Kapitaleigener etwas entgegenzusetzen.

1 Wirtschaftliche Entwicklung im 19. Jh. und die Entstehung der „Sozialen Frage“

1.1 Rahmenbedingungen der Industriellen Revolution

Im Zuge der Industrialisierung vollzog sich der Wandel von der feudalen Agrargesellschaft zur kapitalistischen Industriegesellschaft.[3] Das Industrielle Wachstum wurde begünstigt durch verschiedene Faktoren. Politische- und rechtliche Rahmenbedingungen änderten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu erwähnen sind der Wegfall der Feudalherrlichkeit und die mit ihr verbundenen Leibeigenschaft in der Bauernbefreiung von 1807 in Preussen,[4] die Auflösung der Zünfte von 1810/11 bis 1845 und die Schaffung eines einheitlichen Zoll- und Handelsgebiets durch den 1833/34 gegründeten Zollverein.[5] Ein weiterer Faktor ist das Aufkommen einer neuen Wirtschaftsform und die Durchsetzung einer neuen Arbeitsaufassung. Die Gewinnorientierung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, durch die klassische Nationalökonomie von Adam Smith, wurde zum treibenden Motor der wirtschaftlichen Entwicklung. Das Bürgertum stieg zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elite auf, und es entwickelten sich neue Interessensgegensätze zwischen Arbeit und Kapital, zwischen Arbeitgeber als Besitzer von Produktionsmittel und dem Arbeitnehmer, der nur seine Arbeitskraft besass.[6] Ein weiteres Merkmal ist das Aufkommen technischer Neuerungen und die Technisierung der Produktion. Das explosionsartige Bevölkerungswachstum soll hier noch als letzten Faktor erwähnt werden. Die Einwohnerzahl Deutschlands stieg von 24 Millionen 1800 auf über 36 Millionen im Jahre 1856. Es wurden neue Absatzmöglichkeiten für Massenprodukte geschaffen, die Dank einer sinkenden Sterblichkeitsrate und verbesserter Hygienischer Bedingungen ein grosser Markt nachfragte.[7]

1.2 Änderung der Lebensbedingungen

Mit der Industrialisierung kam es zu einer Änderung der Familien- und Arbeitsverhältnisse.[8] Der Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten ging immer mehr zurück. Im gleichen Maße, wie die Industrialisierung und Verstädterung die Lebensumstände veränderte, verwandelte die industrielle Produktionsweise die Arbeitswelt: Die Arbeiter und Arbeiterinnen „bedienten“ Maschinen, deren Arbeitsgeschwindigkeit ihren Tagesablauf bestimmten.[9] Arbeitsteilung und Zerstückelung der Produktion bis zur Monotonie; Dreck, Lärm, Gestank und gesundheitliche Gefahren; Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung; Unterwerfung unter das Zeit- und Arbeitsdiktat des „Fabrikherren“ – diese Stichworte müssen genügen um den Prozess der „Entfremdung“ zu beschreiben, den die industrielle Produktionsweise mit sich brachte oder wie Marx kritisiert: „Der Arbeiter wird ein bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird.“[10]

Angetrieben durch das Überangebot an Arbeitskräften, sahen sich die Arbeiter in ihrer Not veranlasst schlecht bezahlte Arbeiten unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen anzunehmen.[11] Durch die Konkurrenzsituation untereinander und dem Konkurrenzkampf der Fabriken kam es zu einer rapiden Absenkung des Lohnniveaus, dass die alleinige Arbeitsleistung des Familienvaters oft nicht ausreichte, um die Familie zu ernähren.[12] Es war unumgänglich, dass die ganze Familie arbeiten musste um ihren Lebensunterhalt sicher zu stellen. Das Phänomen der Arbeitslosigkeit griff um sich und mit ihm wurde das ganze damit in Verbindung stehende soziale Elend zum Alltag der Arbeiterfamilie. Der „E-lende“ bedeutet der Land- und Heimatlose, jener, der aus der Sicherheit der Stammes und Familienbande ausgeschlossen ist und damit schutz- und rechtlos, der Willkür der Gesellschaft und der Natur ausgesetzt ist.[13] Genauso sahen sich auch die Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Familien gegenüber den katastrophalen sozialen Begleiterscheinungen des industriellen Kapitalismus.

Es kam zur Entstehung einer grossen Unterschicht, die in sich wiederum vielfältig gegliedert war. Hier vereinigten sich die Armen, die es schon immer gegeben hatte und die als gottgewollte Randgruppe der Ständeordnung galten. Zu ihnen gehörten Bettler, Kranke, Arbeitsunfähige, Vagabunden und ehemalige Leibeigene. Hinzu kamen die in Arbeitsverhältnisse eingebundenen „handarbeitenden Klassen“ oder auch „Arbeiter“ im vorindustriellen Sinn. Ihr gemeinsames Merkmal war die „Unselbständigkeit“: Es mangelte ihnen an eigener landwirtschaftlicher oder gewerblicher Existenzgrundlage. Sie mussten ihr Dasein durch Lohn fristen, und weil dieser oft unzureichend war, waren sie auf Zusatzeinnahmen angewiesen. Frauen und Kinder mussten durch Gelegenheitsarbeit dazu verdienen. Sie waren die Hauptopfer von „Massenarmut und Hungerkrisen“. Die preussische Statistik verteilte sie anteilsmässig auf folgende Gruppen:[14]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Männliche Angehörige der „handarbeitenden Klassen“ (1822/46) in Prozent der Ein- wohnerzahl der männlichen Personen über 14 Jahre.[15]

Unter ihnen befanden sich viele, die sich zu Unrecht in ihren gesellschaftlichen Status heruntergestuft fühlten. Es lassen sich sechs Gruppen unterscheiden, von denen einige gute Gründe für sozialen Unmut hatten.

Die erste Gruppe waren die Handwerksgesellen. Diese waren im überbesetzten Kleingewerbe beschäftigt und hatten geringe Aussicht zu einem selbständigen Meister aufzusteigen. Bei ihnen bestand die Gefahr ins Proletariat abzusinken. Sie gehörten zu der am stärksten politisierten Gruppe der Unterschichten. Im zunftgemässen Wandern erwarben sie einen Urteilshorizont, der über das Kleinstädtisch-Regionale hinausreichte.[16] Die zweite Gruppe waren die Berg- und Hüttenarbeiter. Sie besaßen noch ständische Sonderrechte und waren knappschaftlich sozialversichert. Als dritte Gruppe sind die Lohn- und Heimgewerbetreibenden aufzuführen. Diese arbeiteten auf eigene Rechnung, waren aber abhängig von einem Unternehmer, obwohl sie den formalen Status als Meister inne hatten. Der Bevölkerungsdruck zwang sie zu unrentabler Arbeit, und auch sie wurden zu potentiellen sozialen Absteigern. Die vierte Gruppe bestand aus den Fabrikarbeitern. Diese waren qualifizierte Kräfte und sie kamen aus den Reihen ehemaliger Handwerksgesellen, Heimarbeitern oder Meistern. Ihre Existenz schien gesichert. Sie waren jedoch gezwungen sowohl unter rechtlich ungewisser Betriebsverfassung zu arbeiten, als auch ohne Kranken- und Invaliditätsversorgung tätig zu sein. Die Handarbeiter oder Tagelöhner, als fünfte Gruppe, bildeten die Hauptmasse der „handarbeitenden Klasse“. Sie hatten keine Qualifikation und verdienten sich ihr Geld als Tagelöhner. Als sechste und letzte Gruppe sei das Gesinde erwähnt. Es gehörte zum bürgerlichen oder feudalen Haushalt, hatte hier Unterkunft und Verpflegung und war speziellen Gesindeordnungen unterworfen, die auch das Züchtigungsrecht der „Herrschaften“ zuliess.[17]

[...]


[1] Vgl. Marx, K. / Engels, F. (2002), S. 19.

[2] Vgl. Wurm, F. (1969), S. 44.

[3] Vgl. Henning, F.-W. (1995), S. 15f..

[4] Vgl. Conze, W. (1967), S. 21.

[5] Vgl. Schneider, M. (1998), S. 19.

[6] Vgl. Kinder, H. / Hilgemann W. (1996), S. 321.

[7] Vgl. Engelmann, B. (1977), S. 203.

[8] Vgl. Schneider, M. (1998), S. 19.

[9] Vgl. Schneider, M. (1998), S. 21f..

[10] Vgl. Marx, K. / Engels, F. (2002), S. 27.

[11] Vgl. Henning, F.-W. (1995), S. 105.

[12] Vgl. Schneider, M. (1998), S. 21f..

[13] Vgl. Wurm, F. (1969), S. 58.

[14] Vgl. Siemann, W. (1985), S. 35.

[15] Vgl. Conze, W. (1954), S. 348.

[16] Vgl. Siemann, W. (1985), S. 36.

[17] Vgl. Siemann, W. (1985), S. 37f..

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Kollektive Organisation als Antwort auf die 'soziale Frage': die Gewerkvereine der frühen Arbeiterbewegung
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Frühindustrialisierung
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V108081
ISBN (eBook)
9783640062850
ISBN (Buch)
9783640856534
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollektive, Organisation, Antwort, Frage, Gewerkvereine, Arbeiterbewegung, Frühindustrialisierung
Arbeit zitieren
Fabian Padilla Crisol (Autor:in), 2003, Kollektive Organisation als Antwort auf die 'soziale Frage': die Gewerkvereine der frühen Arbeiterbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108081

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kollektive Organisation als Antwort auf die 'soziale Frage': die Gewerkvereine der frühen Arbeiterbewegung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden