Der Mensch im Vergleich zum Computer aus konstruktivistischer Sicht


Seminararbeit, 2002
12 Seiten, Note: sehr gut

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Gliederung

1. Die triviale Maschine

2. Die nichttriviale Maschine

3. Technische Trivialisierung

4. Zum Wesen des Computers

5. Der Mensch als nichttriviale Maschine aus konstruktivistischer Sicht

6. Trivialisierung des Menschen

7. Gehirn versus Prozessor

8. Folgen für die Sicht auf den Menschen

„Wir beginnen uns mit anderen Augen zu sehen, sobald wir unser Bild im Spiegel des Computers erblicken“[1]

Spätestens seit dem Beginn der Industrialisierung ist der Wettstreit zwischen Mensch und Maschine ein Thema im gesellschaftlichen Diskurs. Existierten früher ausschließlich Werkzeuge als ein Hilfsmittel zur Arbeitserleichterung, die ohne den Menschen nutzlos waren, so gab es nun plötzlich Maschinen, die dem Menschen in speziellen Aufgaben weit überlegen waren. Mittlerweile sind technische Geräte aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken und ersetzen sowohl körperliche als auch geistige Arbeitsleistungen des Menschen. In vielen Bereichen arbeiten heute computergesteuerte Anlagen schneller, effizienter und präziser als der Mensch.

„Sind Computer die besseren Menschen?“[2]

Eine provokante These. Dass sich der moderne Mensch jedoch solche Vergleiche mit Maschinen zumindest gefallen lassen muss, zeigt sich beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt. Hier werden Stellen abgebaut, weil Maschinen ökonomischer arbeiten.

Das Vergleichsdenken zwischen Mensch und Computer bestimmt in unserer Zeit maßgeblich das vorherrschende Menschenbild mit, gerade in der westlichen Industriegesellschaft.

Um die Problematik dieses Denkens aufzuzeigen sollen zuerst die Begriffe triviale und nichttriviale Maschine erklärt werden. Im Anschluss soll erörtert werden, welche Eigenschaften den Menschen gegenüber Computern auszeichnen. Dadurch soll aufgezeigt werden warum es aus konstruktivistischer Sicht nicht vertretbar ist technische Trivialisierung gegenüber dem Menschen anzustreben. Diese Überlegungen haben letztendlich konkrete Auswirkungen auf die konstruktivistische Pädagogik und ihr Menschenbild.

1. Die triviale Maschine

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Eine triviale Maschine ist durch eine eineindeutige Beziehung zwischen ihrem Input (Stimulus, Ursache) und ihrem Output (Reaktion, Wirkung) charakterisiert. Diese invariante Beziehung ist 'die Maschine'.“[3]

Der Begriff „triviale Maschine“ wurde von Heinz von Foerster geprägt und beschreibt Operatoren, die fehlerfrei und unveränderlich Ursachen mit gewissen Wirkungen verbinden und ähnlich einer mathematischen Funktion in immer gleicher Weise funktionieren. Der Begriff „Maschine“ wird hierbei nicht wie im üblichen Sprachgebrauch verwendet, sondern muss in Anlehnung an Alan M. Turing als die Verkörperung einer Gesetzmäßigkeit verstanden werden.

Im Folgenden soll ein fiktiver, idealer Taschenrechner, der auf jede Eingabe das erwartete Ergebnis liefert, als Beispiel für eine triviale Maschine dienen. Triviale Maschinen wie dieser Taschenrechner zeichnen sich durch mehrere entscheidende Eigenschaften aus:

„[...] triviale Maschinen werden nicht nur durch ihre Synthese bestimmt, ebenso gut sind sie durch Analyse bestimmbar. Da ihre Operationsregeln unverändert bleiben, d.h.. von ihrer Vergangenheit unabhängig sind, sind sie außerdem voraussagbar![4]

Der triviale Taschenrechner wurde bei seiner Entstehung mit bestimmten Eigenschaften versehen, die seine Funktionsweise festlegen, er ist also durch seine Synthese bestimmt. Es ist jedoch auch möglich mit etwas Geduld über empirisches Vorgehen diese Funktionsweise zu ergründen, das Gerät ist somit also durch Analyse bestimmbar. Der Zustand des idealen Taschenrechners bleibt immer konstant. Jede Rechenoperation ist von anderen Operationen in der Vergangenheit unabhängig. Da die Funktionsweise bekannt ist, sind alle gelieferten Ergebnisse voraussagbar. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass es sich um einen sehr guten Taschenrechner handelt, wie man ihn sich nur Wünschen könnte.

2. Die nichttriviale Maschine

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Der große Unterschied zwischen den trivialen und den nicht-trivialen Maschinen besteht darin, dass die Operationen dieser Maschinen von ihren jeweiligen ‚inneren Zuständen’, z, abhängen, die selbst wieder von den vorangegangenen Operationen beeinflusst werden.“[5]

Real existierende Geräte erfüllen die Eigenschaften von trivialen Maschinen nicht. Auch hochwertige Taschenrechner können sich beispielsweise abnutzen oder die Batterie wird leer. In beiden Fällen ist die eindeutige Beziehung zwischen Input und Output durchbrochen, die Maschine operiert unvorhersehbar. Es ist jedoch keinesfalls so, dass die Beziehung zwischen Input und Output bei nichttrivialen Maschinen rein zufällig wäre, sie hängt vielmehr vom sogenannten inneren Zustand der Maschine ab. In unserem Beispiel wäre ein solcher innerer Zustand der Grad der Abnutzung oder der Ladezustand der Batterie. Dieser innere Zustand wiederum ist nicht konstant, sondern er wird durch die zuvor durchgeführten Operationen bestimmt. Jeder Rechenvorgang entlädt die Batterie des Taschenrechners ein Stück mehr und treibt die Abnutzung voran. Diese Beispiele zeigen, dass reale Taschenrechner im Gegensatz zu trivialen Maschinen durchaus vergangenheitsabhängig sind.

„Die Synthese, also das Bauen nichttrivialer Maschinen, das heißt Maschinen, deren innere Zustände sich ununterbrochen, wenn auch nach einer vorgeschriebenen Regel ändern, ist überhaupt kein Problem. Du kannst jede beliebige nichttriviale Maschine bauen. Die Analyse jedoch, das analytische Problem, stellt sich als unlösbar heraus“[6]

Die Konstruktion von nichttrivialen Maschinen nach bestimmten Vorgaben stellt keine Schwierigkeit dar. Von Foerster konnte jedoch nachweisen, dass es sogar bei einfachsten nichttrivialen Maschinen nicht möglich ist, durch Versuche die genaue Funktionsweise einer nichttrivialen Maschine zu bestimmen oder nachzuvollziehen.

„Das Amüsante an diesen nichttrivialen Maschinen ist, dass schon eine Maschine mit ganz wenigen inneren Zuständen, das heißt eine Maschine mit ganz wenigen Möglichkeiten der Operation, so sein kann, dass die Anzahl der verschiedenen Maschinen, die man mit diesen Operationen bauen kann, so groß ist, dass, wenn man zur Zeit des Urknalls des Universums angefangen hätte, mit ihnen zu experimentieren und man jede Mikrosekunde eine solche Maschine berechnet hätte, man heute immer noch keine Ahnung hätte, wie diese Maschine funktioniert“[7]

Auch wenn es möglich ist, durch Versuche statistische Aussagen über die durchschnittliche Lebensdauer von Taschenrechnern zu erhalten, so bleibt der genaue Zeitpunkt, an dem ein bestimmtes Gerät nicht mehr das erwartete Ergebnis liefert analytisch unbestimmbar.

Da es in der Realität laut von Foerster keine trivialen Maschinen gibt, kommt er zu folgendem Weltbild:

„Die ganze Welt ist, so behaupte ich, eine nichttriviale Maschine.“[8]

3. Technische Trivialisierung

Das Bestreben eine nichttriviale Maschine zu einer trivialen Maschine zu machen nennt von Foerster Trivialisierung.

Hätte man die freie Wahl zwischen den zuvor beschriebenen trivialen und nichttrivialen Taschenrechnern, so würden sich die meisten Konsumenten höchstwahrscheinlich für einen trivialen Taschenrechner entscheiden um sich dafür späteren Ärger durch Abnutzung und leere Batterien zu ersparen. Jeder, der schon einmal Erfahrung mit Wartungs- und Reparaturdiensten gemacht hat weiß jedoch um das wahre Wesen aller käuflichen Geräte als nichttriviale Maschinen. Die Qualität eines Gerätes hängt für uns davon ab, wie konstant die inneren Zustände und somit die Zuverlässigkeit einer immer gleich bleibenden Funktionalität ist. Abweichungen von der vorgesehenen Operationsweise bedeuten Störfälle, die in der Realität oft schwere Folgen haben können. Nur wenigen Geräten, z.b. Spielautomaten, gestatten wir unvorhersehbar zu reagieren, doch auch sie müssen ganz bestimmten Anforderungen der Zuverlässigkeit genügen. Wie fatal es sein kann, reale technische Errungenschaften für trivial, also perfekt, zu halten, zeigt sich vielleicht am besten am tragischen Schicksal der Titanic, die für unsinkbar gehalten wurde und heute fast sprichwörtlich als Mahnmal vor diesem Irrtum warnt.

Dem Fortschritt sei Dank kommen die meisten Taschenrechner dem Ideal der Trivialität schon sehr nahe und falls sich ein Gerät doch einmal unerwartet verhalten sollte, gibt es in unserer Gesellschaft ganze Wirtschaftszweige, die sich ausschließlich der technischen Trivialisierung widmen.

„Alle Maschinen, die wir konstruieren oder kaufen, sind hoffentlich triviale Maschinen. Ein Toaster sollte toasten, eine Waschmaschine waschen, ein Auto sollte in vorhersagbarer Weise auf die Handlungen seines Fahrers reagieren. Und in der Tat zielen alle unsere Bemühungen nur darauf, triviale Maschinen zu erzeugen oder dann, wenn wir auf nicht-triviale Maschinen treffen, diese in triviale Maschinen zu verwandeln.“[9]

4. Zum Wesen des Computers

Computer zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie enorme Datenmengen in kürzester Zeit mit mathematischer Präzision verarbeiten können. Schon heute werden Daten über Glasfaserkabel mit einer Geschwindigkeit übermittelt die einer Datenmenge von etwa 1000 Büchern pro Sekunde entspricht[10]. Die gewonnenen Informationen können über beliebig lange Zeiträume digital abgespeichert werden, ohne an Zuverlässigkeit oder Objektivität zu verlieren. Die gewünschten Arbeitsvorgänge können außerdem beliebig oft wiederholt werden, ohne an Qualität zu verlieren.

Solange bei Computern keine Funktionsstörung vorliegt – und diese Betrachtungsweise reicht im Folgenden völlig aus – funktionieren sie als triviale Maschinen. Um Computer zu verstehen muss man sie als das begreifen, was sie sind, nämlich Rechenmaschinen, die ausschließlich nach genau festgelegten mathematischen Regeln funktionieren.

Ein gutes Beispiel zur Verdeutlichung des Wesens von Computern sind sogenannte Zufallsgeneratoren. Dabei handelt es sich um Programme, die darauf ausgelegt sind einen zufälligen Wert auszugeben und dadurch beispielsweise dafür sorgen, dass bei einem Computer-Brettspiel nicht immer die selbe Zahl gewürfelt wird. Es ist einem Computer jedoch auf Grund seines konsequent mathematischen Aufbaus absolut unmöglich, spontan einen zufälligen Zahlenwert auszugeben. Das Programm behilft sich mit einem Trick: Die interne Systemuhr eines Computers arbeitet im Millisekundenbereich und liefert dadurch einen sich ständig ändernden Wert. Der Zufallsgenerator errechnet daraus nun mit Hilfe bestimmter mathematischer Algorithmen eine Zahl im gewünschten Wertebereich. Das Ergebnis ist scheinbar zufällig, da bei jedem Aufruf ein anderer Ausgangswert für die Berechnung vorliegt.

Auch wenn der Computer dem Menschen in der Effizienz mathematischer Datenverarbeitung haushoch überlegen ist, brilliert der Mensch dagegen immerhin durch die Fähigkeit spontan eine Zahl nennen zu können, ohne dafür zuerst auf die Uhr sehen zu müssen.

5. Der Mensch als nichttriviale Maschine aus konstruktivistischer Sicht

Der Mensch ist dem Computer in erster Linie durch seine Menschlichkeit überlegen. Unter diesem Begriff verstehen wir vor allem Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit Emotionen zu empfinden, die unser Zusammenleben mehr oder weniger sozial gestalten. Im Gegensatz zum Computer, der nur auf Basis vorhandener Daten agieren kann, ist der Mensch fähig über sich selbst hinauszuwachsen und wirklich Neues zu schaffen. Diese Fähigkeit, wir nennen sie Kreativität, fehlt Computern gänzlich. Außerdem wird mit dem Begriff Menschlichkeit im Allgemeinen auch Irrtum und Fehlbarkeit assoziiert.

„Nobody is perfect“ – Diese Redensart bringt das nichttriviale Wesen des Menschen auf den Punkt. Der Mensch lässt sich sehr gut durch das Modell der nichttrivialen Maschine beschreiben. Der Input wird durch die Wahrnehmung mit Hilfe unserer Sinne geliefert. Zum Output gehören alle Handlungen wie Bewegung, Sprache, Mimik und unsere Körperfunktionen. Für das Maschinenmodell ist es dabei zunächst einmal unwichtig, ob Input und Output bewusst oder unbewusst stattfinden. Auch an inneren Zuständen hat der Mensch einiges zu bieten: Man könnte an dieser Stelle das Bewusstsein, das Unterbewusstsein, körperliche Parameter oder das autobiographische Gedächtnis aufführen. Alle diese inneren Zustände hängen von den früheren Operationen des Menschen ab und bilden wiederum die Grundlage für den jeweils gegenwärtigen Zusammenhang zwischen Input und Output, den man als „das Verhalten“ der Person bezeichnen könnte.

Der Konstruktivismus beschäftigt sich auf besondere Weise mit den inneren Zuständen des Menschen. Die Kernaussage des Konstruktivismus beschreibt von Foerster folgendermaßen:

„Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung“[11]

Die Existenz einer objektiven Realität wird im radikalen Konstruktivismus verneint. Die vom Menschen wahrgenommene Welt wird als Konstruktion, als seine Erfindung betrachtet. Auf welche Weise wir unsere Welt konstruieren, hängt von uns selbst ab, man könnte sagen von unserem inneren Zustand. Dieser innere Zustand wird wiederum durch unsere Wahrnehmung ständig verändert. Die konstruktivistische Anschauung des Menschen erweist sich also als deckungsgleich mit dem Modell der nichttrivialen Maschine, wenn man davon ausgeht, dass die Funktionsweise der Maschine Mensch darin besteht zu konstruieren.

„Aus der Idee des Konstruktivismus ergeben sich zwei Konsequenzen. Erstens die Toleranz für die Wirklichkeiten anderer - denn dann haben die Wirklichkeiten anderer genauso viel Berechtigung als meine eigene. Zweitens ein Gefühl der absoluten Verantwortlichkeit. Denn wenn ich glaube, dass ich meine eigene Wirklichkeit herstelle, bin ich für diese Wirklichkeit verantwortlich, kann ich sie nicht jemandem anderen in die Schuhe schieben.“[12]

6. Trivialisierung des Menschen

Das Konkurrenzdenken der Menschen gegenüber der Technologie hat dazu geführt, dass Ziele die für den technischen Fortschritt gesetzt werden auch zunehmend auf den Menschen übertragen werden. Das Streben nach Trivialisierung wird somit nicht nur auf die Technik angewendet, sondern auch auf den Menschen:

„Denken Sie doch an unsere Kinder, die absolut nicht-triviale Maschinen sind. Also man fragt: Wie viel ist zwei mal zwei, da sagt er: grün. So geht das nicht weiter, da schickt man ihn sofort in eine staatliche Trivialisationsmaschine, da wird er trivialisiert: zwei mal zwei ist vier![13]

„Ein gutes Zeugnis ist ein Beleg für eine geglückte Trivialisierung.“[14]

Ein solches Schulsystem, dass darauf basiert, Menschen zu trainieren auf einen bestimmten Input in einer festgelegten Weise zu reagieren wiederspricht allen konstruktivistischen Prinzipien. Zum einen kann aus konstruktivistischer Sicht keine Unterscheidung zwischen einer richtigen und einer falschen Antwort gegeben werden, da davon ausgegangen wird dass kein objektives Richtig und Falsch existiert. Zum anderen muss die Annahme, dass jeder Mensch seine Wirklichkeit selbst konstruiert zum Ziel haben, dass anderen Ansichten mit Toleranz begegnet werden muss. Ein System, bei dem alle Menschen ohne Rücksicht auf ihre Eigenarten zum selben Verhalten konditioniert werden, widerspricht diesem Anspruch. Die vorgegebenen Fakten entbinden den Lernenden von der Verantwortung für das Gelernte und die daraus folgenden Konsequenzen. Der Konstruktivismus hingegen betont die Verantwortlichkeit für die eigene Realität.

Aufgabe der konstruktivistischen Pädagogik muss also die Enttrivialisierung sein. Sie muss auf andere Antworten aufmerksam machen, zu einer Vielfalt der Lösungen und Sichtweisen anregen.[15]

7. Gehirn versus Prozessor

Eine weitere große Gefahr besteht darin, menschliches Verhalten wie das einer Maschine einzustufen. Dass dies ein großer Irrtum wäre, soll im Folgenden am Unterschied zwischen der Datenspeicherung eines menschlichen Gehirnes und eines Computerprozessors gezeigt werden.

Die Zentrale Recheneinheit (Central Processing Unit, CPU) eines Computers wird als Prozessor bezeichnet. Er stellt für den Computer eine Instanz dar, die man mit der Bedeutung des Gehirns für den gesamten Menschen vergleichen kann.

Die oft unpraktische Eigenschaft des Menschen vergesslich zu sein hat ihn dazu bewegt sogenannte Gedächtnismedien zu erfinden. Von Knoten-Codes der Inkas über die Erfindung des Buchdrucks bis zum Internet hat die Entwicklung der Gedächtnismedien das menschliche Zusammenleben geprägt wie keine andere. Parallel zur technologischen Entwicklung dieser Medien haben sich auch Gedächtnismethaphern wie fotographisches Gedächtnis oder menschliches Tonbandgerät eingebürgert[16]. Sie suggerieren, das menschliche Gehirn würde in einer ähnlichen Weise wie diese Medien funktionieren.

Ein Gedächtnismedium wie zum Beispiel ein Computer oder eine Videokamera speichern ein Ereignis entsprechend der technischen Möglichkeiten mehr oder weniger detailliert, jedoch stets wertungsfrei ab. Die gespeicherte Information verliert auch nach Jahren nichts von ihrer Objektivität.

Aktuelle Forschungen zeigen jedoch vom menschlichen Erinnerungsvermögen ein völlig anderes Bild und bestätigen die konstruktivistische Sicht. Zunächst muss festgehalten werden, dass die menschliche Wahrnehmung kein objektiver Prozess ist, was sich sehr anschaulich am Beispiel von Sinnestäuschungen nachvollziehen lässt. Bevor die wahrgenommenen Informationen kodiert, also im Gehirn abgespeichert werden, werden sie interpretiert. Dieser Vorgang hat mit Speicherung im technischen Sinn wenig zu tun. Der Mensch kodiert ausgesprochen selektiv, der Großteil der aufgenommenen Information gelangt niemals in das Langzeitgedächtnis. Außerdem werden die Informationen mit Bedeutung versehen, in dem die Erinnerung in ein Geflecht aus Assoziationen eingebunden wird. Im Lauf der Zeit werden die Erinnerungs-Informationen immer lückenhafter, je weniger sie gebraucht werden. Trotzdem können wir uns oft sehr lebhaft erinnern, so als wäre etwas erst gestern gewesen. Diese Erinnerungen sind jedoch weniger wiedererlangt, sondern eher eine Rekonstruktion aus den übrig gebliebenen Assoziationsmustern. Dieser Effekt zeigt sich besonders deutlich am Phänomen der falschen Erinnerungen:

„Qualitäten wie Lebhaftigkeit und Genauigkeit können nicht als Beleg dafür gelten, dass eine Erinnerung wahr ist, und wo solche Qualitäten fehlen, kann man dennoch nicht den Schluss ziehen, dass die Erinnerung falsch ist.“[17]

„Falsche Erinnerungen sehen genauso aus und fühlen sich genauso an wie echte“[18]

Wenn man nun jedoch menschliche Erinnerungen gleichwertig wie die Daten eines Gedächtnismediums einstuft, kann dies verheerende Folgen haben. Bedenkt man, dass unser Rechtssystem auf Zeugenaussagen und der Einschätzung ihrer Glaubwürdigkeit beruht, muss man auf Grund dieser aktuellen Erkenntnisse feststellen, dass das System auf sehr dünnem Eis gebaut ist.

8. Folgen für die Sicht auf den Menschen

Als Ergebnis dieser Überlegungen kann festgehalten werden, dass es wichtiger als je zuvor ist, sich immer wieder den Unterschied zwischen Menschen und Computern zu vergegenwärtigen. Wenn Menschen die Ansprüche, die sie an Maschinen stellen auch auf sich selbst anwenden besteht die Gefahr, dass nicht mehr die Maschine das Werkzeug des Menschen ist, sondern der Mensch zum Sklaven der Technisierung wird.

Schulen sollten keine Trivialisierungsanstalten sein, sondern Orte an denen Toleranz für die Wirklichkeit des anderen geübt wird, anstatt starre Verhaltensmuster auswendig zu lernen. Ein vernünftiger Umgang mit neuen Medien gehört auf jeden Fall zu diesem Konzept dazu, denn nur so kann man erlernen, wie man Computer und andere Geräte benutzt ohne sich dabei selbst zu verlieren.

In seinem schon zu Anfang erwähnten Buch „Sind Computer die besseren Menschen?“ kommt Joseph Weizenbaum zu folgendem Ergebnis, welches auch hier als Schlusswort dienen soll:

„Ich glaube, es ist ein großer Fehler, das Menschsein nach dem zu definieren, was der Mensch kann, aber der Computer nicht. Aus solchen Versuchen geht ein Bild des Computers hervor, der insgeheim als Maßstab des Menschseins dient. Jeder Mensch ist aber ein Sonderfall - jeder Mensch ist von seiner eigenen und einzigartigen Lebensgeschichte geprägt. Ein Computer kann einfach keine menschliche Geschichte oder menschliche Erfahrung haben. Schon deswegen sind Mensch und Computer in einem strengen Sinn unvergleichbar.“[19]

Literaturverzeichnis

- Foerster, Heinz von: Sicht und Einsicht.

Braunschweig: Vieweg, 1985

- Foerster, Heinz von: Entdecken oder Erfinden – Wie lässt sich Verstehen verstehen?

In: Gumin, Heinz (Hrsg.); Mohler, Armin (Hrsg.):

Einführung in den Konstruktivismus. Band 10. München: Oldenbourg, 1986, S. 27-68

- Foerster, Heinz von: KybernEthik.

Berlin: Merve Verlag, 1993

- Foerster, Heinz von: Wissen und Gewissen – Versuch einer Brücke. 4. Auflage.

Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997

- Foerster, Heinz von; Pörksen, Bernhard: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – Gespräche für Skeptiker. 4. Auflage.

Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag, 2001

- Foerster, Heinz von; Bröcker, Monika: Teil der Welt.

Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag, 2002

- Kotre, John: Weiße Handschuhe – Wie das Gedächtnis Lebensgeschichte schreibt.

München: Hanser, 1995

- Turkle, Sherry: Leben im Netz – Identität in Zeiten des Internet.

Reinbek: Rohwohlt, 1998

- Watzlawick, Paul: Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit.

München: Piper, 1988

- Weizenbaum, Joseph; Haefner, Klaus: Sind Computer die besseren Menschen?.

Zürich: Pendo-Verlag, 1990

Internetquellen

- Beats Biblionetz

Autor: Beat Döbeli

http://beat.doebe.li/bibliothek/w00270.html

zuletzt abgerufen am 10. Oktober 2003

- Telepolis – Magazin der Netzkultur

Franke, Herbert W.

http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2742/1.html

zuletzt abgerufen am 10. Oktober 2003

[...]


[1] Turkle, Sherry: Leben im Netz, 1998, S.9

[2] vgl. Weizenbaum, Joseph: Sind Computer die besseren Menschen?, 1990

[3] Foerster, Heinz von: Sicht und Einsicht, 1985, S.12

[4] Foerster, Heinz von: KybernEthik, 1993, S. 137 f.

[5] Foerster, Heinz von: Entdecken oder Erfinden, 1985, S. 44

[6] Foerster, Heinz von: Teil der Welt, 2002, S. 176

[7] ebd., S. 177

[8] Foerster, Heinz von: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, 2001, S. 57

[9] Foerster, Heinz v.: Wissen und Gewissen, 1997

[10] vgl. http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2742/1.html

[11] Foerster, Heinz von: Wissen und Gewissen, 1997, S.26

[12] Watzlawick, Paul: Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit, 1988, S. 31

[13] Foerster, Heinz: zitiert nach http://beat.doebe.li/bibliothek/w00270.html

[14] Foerster, Heinz von: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, 2001, S. 68

[15] vgl. Foerster, Heinz von: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, 2001, S. 67

[16] vgl. Kotre, John: Weiße Handschuhe, 1995, S. 26

[17] Kotre, John: Weiße Handschuhe, 1995, S. 54

[18] ebd. S.52

[19] Weizenbaum, Joseph: Sind Computer die besseren Menschen?, 1990, Seite 90

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Der Mensch im Vergleich zum Computer aus konstruktivistischer Sicht
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Veranstaltung
Proseminar: Biographieforschung und Konstruktivismus
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
12
Katalognummer
V108307
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich vor allem mit Heinz von Foersters Beschreibung von trivialen und nichttrivialen Maschinen mit Schwerpunkt auf der Problematik der Trivialisierung des Menschen, beispielsweise in der Schule.
Schlagworte
Mensch, Vergleich, Computer, Sicht, Proseminar, Biographieforschung, Konstruktivismus
Arbeit zitieren
Andi Huber (Autor), 2002, Der Mensch im Vergleich zum Computer aus konstruktivistischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108307

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