Die Diskussion um den Umbau der sozialen Sicherungssysteme steht seit langem auf der sozialpolitischen Tagesordnung. So bewegten sich die Reform-Bemühungen der letzten Jahre stets zwischen der Notwendigkeit innovativer Wettbewerbsmodelle und der Beibehaltung der sozialen Grundsicherung.
Hiervon war das Gesundheitswesen in besonderem Maße betroffen. Kritik von Überregulierung, Uneffektivität bis hin zu volkswirtschaftlicher Verschwendung trafen vor allem die Struktur der Gesetzlichen Krankenversicherungen.
Die Gesundheitsreform 1992, hier besonders das Gesundheitsstrukturgesetz (GSG), versprach durch Einführung der allgemeinen Kassenwahlfreiheit insgesamt mehr Wettbewerb zum Wohle der Versicherten. Die finanzielle Ausgestaltung beinhaltete im Kern die Einführung des Risikostrukturausgleichs (RSA) zwischen den einzelnen Krankenkassen. Ziel war neben der Herstellung gleicher Startchancen für die Kassen die solidarische Finanzierung der Leistungen für bestehende verschiedene Risikogruppen.
Als theoretische Konzeption durchdacht, war der RSA in der Praxis von Anfang an ein umstrittenes Element der neuen GKV-Wettbewerbsordnung. Kritiker sprachen von einem ,,Finanzausgleich durch die Hintertür"1 und bemängelten, der RSA hätte die politisch ungewollte Risikoselektion nicht verhindert.
In Bezug hierauf soll die vorliegende Arbeit zunächst Grundstrukturen der Gesetzlichen Krankenversicherungen, des Risikostrukturausgleiches und die sozialpolitisch gesehenen Notwendigkeiten des RSA aufzeigen. Weiterhin besteht die Absicht, in der Analyse Schwächen und Problemfelder des RSA als Transferinstrument zwischen den Krankenkassen darzustellen.
Ziel ist es zu entscheiden, ob der RSA sich mit Hilfe von aktuell vorliegenden Reformenvorschlägen (bzw. schon verabschiedeten Gesetzen), wie z.B. der Einführung der von Lauterbach/Wille geforderten Wechselkomponente unter Berücksichtigung der Morbidität, noch ein geeignetes Mittel, darstellt einen auf Versorgungsqualität der Versicherten gerichteten Wettbewerb zu garantieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bausteine der GKV
2.1 Solidarität
2.2 Kassenwahlfreiheit und Kassenwettbewerb
2.3 Beitragssatz
3. Ziele des Risikostrukturausgleichs
4. Ausgestaltung des Risikostrukturausgleichs
5. Funktionsweise des RSA
6. Analyse der Ergebnisse
7. Diskussion der Kernthesen der Studie von Lauterbach/Wille (2001)
8. Die Reform des Risikostrukturausgleichs
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Effektivität des Risikostrukturausgleichs (RSA) in der Gesetzlichen Krankenversicherung, insbesondere im Hinblick auf seine Funktion als wettbewerbliches Steuerungsinstrument sowie die durch den RSA induzierten Fehlanreize für Krankenkassen bei der Versichertenselektion.
- Grundlagen und Strukturprinzipien der Gesetzlichen Krankenversicherung
- Analyse des Wettbewerbsverhaltens von Krankenkassen und Versicherten
- Identifikation von Problemen bei der Risikoselektion ("Rosinenpicken")
- Evaluierung der Reformmaßnahmen und des Disease-Management-Programms
- Untersuchung der Zielkonformität zwischen solidarischer Finanzierung und Wettbewerb
Auszug aus dem Buch
Die drei Hauptaufgaben des RSA sind:
1. Vermeidung von Risikoselektion
Wie schon im letzten Kapitel beschrieben, besteht für die im Wettbewerb stehenden Krankenkassen der Anreiz, Risikoselektion zu betreiben. Das Versichern von möglichst guten Risiken steigert aufgrund der damit verbundenen Kostenvorteile und der Möglichkeit, einen relativ niedrigen Beitragssatz anzubieten, die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den anderen Kassen. Diese Tatsache soll im Sinne der Versicherten und aufgrund der solidarischen Finanzierung verhindert werden. Gerade hierbei zeigen die Studien aus der letzten Zeit (vgl. Lauterbach/Will 2001) Schwächen in der Ausgestaltung des RSA bezüglich seiner Zielkonformität. Deren Erreichung wäre gewährleistet, wenn für die Kassen ökonomisch gesehen auch die bis jetzt regulierten Prämien in „quasi risikoäquivalente“ Prämien umgewandelt werden könnten.
2. Gleiche Startchancen der Kassen
Über den einer Auswertung der Versichertenstruktur vorgelagerten Ausgleich von bestimmten Risiken sollten bei Einführung des RSA gleiche Startchancen für alle Kassen im zu erwarteten Wettbewerb geschaffen werden. Der RSA war also die Voraussetzung für die Intensivierung des Kassenwettbewerbs. So wurden die durchschnittlichen Mehr- und Minderausgaben, die eine Kasse aufgrund ihrer Versichertenstruktur aufweist, durch Transferzahlungen an die anderen Kassen ausgeglichen. Hintergrund hierfür ist die Tatsache, dass die Kassen keinen oder nur sehr geringen Einfluss auf ihre Versichertenstruktur und damit auf ihre Ausgaben- und Einnahmenseite haben. Zudem soll der RSA als wettbewerbliches Steuerungsinstrument in erster Linie Anreize zur Wirtschaftlichkeit innerhalb des Kassenmanagment setzen und keinen reinen Verdrängungswettbewerb einläuten. Deshalb ist die anfängliche Chancen- und Startgleichheit ein politisch und solidargemeinschaftlich gewollter Zielaspekt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Ausgangslage der gesetzlichen Krankenversicherung und die Zielsetzung der Arbeit bezüglich des Risikostrukturausgleichs.
2. Bausteine der GKV: Erläuterung der fundamentalen Organisationsmerkmale Solidarität, Kassenwahlfreiheit und Beitragssatzgestaltung.
3. Ziele des Risikostrukturausgleichs: Analyse der Hauptaufgaben des RSA hinsichtlich Risikoselektionsvermeidung, Chancengleichheit und Beitragsangleichung.
4. Ausgestaltung des Risikostrukturausgleichs: Untersuchung der Anforderungen an Ausgleichsparameter und der Grundfaktoren auf der Ausgabenseite.
5. Funktionsweise des RSA: Beschreibung des technischen Transfermechanismus zwischen den Krankenkassen über das Bundesversicherungsamt.
6. Analyse der Ergebnisse: Kritische Betrachtung der Wettbewerbswirkungen, insbesondere des selektiven Wechselverhaltens gesunder Versicherter.
7. Diskussion der Kernthesen der Studie von Lauterbach/Wille (2001): Bewertung der Wechselkomponente und der Rolle von Disease-Management-Programmen.
8. Die Reform des Risikostrukturausgleichs: Vorstellung der gesetzlichen Neuerungen zur Reduktion von Fehlanreizen und zur besseren Berücksichtigung chronischer Erkrankungen.
9. Fazit: Resümee über die sozialpolitische Bewährung des RSA und Ausblick auf zukünftige morbiditätsorientierte Anpassungen.
Schlüsselwörter
Risikostrukturausgleich, GKV, Solidarprinzip, Kassenwettbewerb, Risikoselektion, Beitragssatz, Versicherte, Disease-Management-Programm, Morbidität, Krankenkassen, Gesundheitsreform, Umverteilung, Versorgungsqualität, Risikopool
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Instrument des Risikostrukturausgleichs in der gesetzlichen Krankenversicherung und dessen Auswirkungen auf das Wettbewerbsverhalten der Krankenkassen.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Themenschwerpunkte sind die GKV-Struktur, die Mechanismen der Beitragsgestaltung, Risikoselektion durch Krankenkassen sowie die Reformen zur Verbesserung des RSA.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, ob der RSA in seiner aktuellen Form ein geeignetes Mittel ist, um trotz solidarischer Finanzierung einen auf Versorgungsqualität gerichteten fairen Wettbewerb zu garantieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine theoretische Analyse der GKV-Grundstrukturen durch und evaluiert empirische Studien, insbesondere das Gutachten von Lauterbach und Wille.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Funktionsweise des RSA, analysiert die negativen Folgen der Risikoselektion und diskutiert notwendige Reformbausteine wie die Einführung von Disease-Management-Programmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Risikostrukturausgleich, Solidarprinzip, Kassenwettbewerb und Risikoselektion definiert.
Warum betreiben Krankenkassen trotz Kontrahierungszwang Risikoselektion?
Da Kassen aufgrund regulierter Beiträge einen wirtschaftlichen Vorteil haben, wenn sie vorwiegend junge, gesunde Versicherte anziehen, nutzen sie indirekte subtile Methoden zur Beeinflussung der Versichertenstruktur.
Welche Rolle spielt die Morbidität bei den aktuellen Reformen?
Die Morbidität soll zukünftig als direktes Kriterium in den RSA einfließen, um eine genauere und gerechtere Risikobewertung pro Patient zu ermöglichen.
Inwiefern beeinflusst der Risikopool die finanzielle Situation der Kassen?
Der Risikopool entlastet Kassen bei überdurchschnittlich hohen Leistungsaufwendungen für einzelne Versicherte und mindert somit Wettbewerbsnachteile durch chronisch kranke Mitglieder.
- Arbeit zitieren
- Massimo Meurer (Autor:in), 2002, Der Risikostrukturausgleich in der Gesetzlichen Krankenversicherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108646