Religiöse Begleitung - Trauerarbeit


Praktikumsbericht (Schule), 2003
6 Seiten, Note: 1

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Inhalt

1. Personenbeschreibung

2. Ziele/Begründung für die Wahl des Themas

2.1 Übergeordnete Ziele
2.2 Untergeordnete Ziele
2.3 Konkrete Ziele

3. Optimale Passung

4. kurze Durchführungsbeschreibung

5. Reflexion

1. Personenbeschreibung

Allgemeine Daten

Herr D. ist 37 Jahre alt. Er hat eine geistige Behinderung über deren Schwere aber keine konkrete Aussage getroffen werden kann, da Herr D. sehr antriebsschwach ist und häufig ein „nicht können“ von „nicht wollen“ nicht unterscheidbar ist. Weiterhin hat er eine schlaffe Spastik in den Extremitäten. Er kann hören, aber nicht sprechen. Gebärden führt er, aufgrund der schlaffen Spastik meist nur unsauber aus. Bittet man ihn aber langsam und sauber zu gebärden, so kann man ihn vorwiegend gut verstehen. Herr D. ist ein eher schüchterner und zurückhaltender Mensch. Er beobachtet gern andere, bleibt selbst aber lieber passiv. Herr D. ist sehr christlich erzogen worden und legt auch heute noch sehr viel Wert auf christliche Traditionen. Zu seiner Mutter besteht ein regelmäßiger Kontakt. Sein Vater verstarb im Mai 2002, seine Schwester, die Nonne im Kloster Siessen war und auch dort beerdigt ist, im August 2001.

Für die Durchführung relevante Kriterien

Emotionaler Bereich

Herrn D.’s Grundstimmung ist eher ruhig. Er ist recht ausgeglichen. Nur sehr selten reagiert er mit körperlicher Aggressivität. Wenn Herr D. traurig ist zieht er sich meist zurück oder fragt die Mitarbeiter nach dem, was ihn bewegt. Zurzeit ist dies der Verlust seiner Schwester und seines Vaters. Kann ein Mitarbeiter ihn nicht verstehen, z.B. aufgrund unsauber ausgeführter Gebärden oder mangelnder Kenntnis über Gebärden von Seiten der MitarbeiterInnen, so zieht er sich weiter zurück und spricht fast gar nicht mehr.

Kognitiver Bereich

Herr D. kann den Zusammenhang herstellen, dass er auf dem Friedhof seinen verstorbenen Verwandten etwas näher sein kann. Er kennt die christliche Auffassung über das Leben nach dem Tod. Herr D. betet und spricht so mit seinem Vater und seiner Schwester. Für ihn ist der Friedhof - Besuch eine Möglichkeit der Kommunikation und des Kontaktes zu den Verstorbenen. Er kann so mit seinem Schmerz besser umgehen. Er hat dies erkannt und teilt sich mit, wenn er diesen Schmerz akut verspürt.

Weiterhin kann Herr D. Zusammenhänge zwischen wichtigen christlichen Festen oder des

Geburtstags bzw. Todestages herstellen. Das sind die Termine an denen er das Grab besuchen möchte.

Sprachlicher und kommunikativer Bereich

Herr D. hat einen großen passiven Wortschatz. Er versteht sehr viel. Auch im Bereich der

Gebärden ist sein aktiver Wortschatz umfangreich. Er wendet ihn von sich aus allerdings nur sehr selten an. Auf Ansprache häufig unsauber, außer ein Thema interessiert ihn sehr. Über seine Gefühle spricht Herr D. nur Aussagen. Wenn ihn der Tod seiner Schwester oder seines Vaters gerade traurig stimmt, so spricht er einen Mitarbeiter meist in Gebärden mit der Frage an: „Der Papa ist gestorben“. Diese Gebärde benutzt er auch, wenn es um seine Schwester geht. Er sagt nicht, dass er traurig ist, wegen des Todes. Wenn er den Friedhof besuchen will, so benutzt er auch diese Gebärde und zeigt aber dann in die Richtung Saulgau.

Sozialer Bereich

Ich bin inzwischen dreimal mit Herrn D. am Grab seiner Schwester gewesen. Er verbindet diesen Besuch mit mir und möchte ihn auch weiterhin mit mir durchführen. So ist zwischen mir und Herrn D. eine bestimmte vertraute Bindung entstanden die er speziell mit dem Besuch des Grabes seiner Schwester verbindet.

Interessen

Für Herrn D. sind christliche Feste und der wöchentliche Besuch des Gottesdienstes sehr wichtig. Montags morgens freut er sich auf die Andacht im Rotachheim und sonntags besucht er allein den Gottesdienst im Betsaal.

Quellen: Beobachtung, Akte des Bewohners, Rücksprache mit anderen Mitarbeiter/Innen

2. Ziele/Begründung für die Wahl des Themas

2.1 Übergeordnete Ziele

Es gibt zwei übergeordnete Ziele. Ein Ziel ist auf den Bewohner bezogen und eines auf mich. Das Ziel für Herrn D. ist das Erleben der christlichen Lebensweise bzw. das weitere Erleben der christlichen Traditionen.

Ein weiteres Ziel, das auf mich bezogen ist, ist die Bindung und Vertrauen zu mir als

Mitarbeiterin aufzubauen und zu stärken. Ich begleite und unterstütze ihn in einer schwierigen Phase seines Lebens. Ich zeige ihm Wege mit seiner Trauer und seinem Schmerz umzugehen. Ich ermögliche ihm den Raum für seine Trauer zu finden und ihn besuchen zu können.

2.2 Untergeordnete Ziele

Herr D. sollte lernen, dass er über den Verlust seiner Schwester und seines Vater eine Trauer spüren darf. Er soll einen Raum (den Friedhof) dafür haben, um ihn für sich zu nutzen und den Verlust besser verarbeiten zu können.

Er sollte seinen Schmerz mitteilen und kommunizieren, wenn er dies möchte und sich nicht zurückziehen.

Herr D. sollte erfahren, dass jeder Mensch über den Verlust von ihm nahestehenden Personen traurig ist und dass es nicht schlimm ist deshalb zu weinen.

2.3 Konkrete Ziele

Herr D. soll selbständig sagen, dass er zum Friedhof fahren möchte.

Er soll allein entscheiden, ob er etwas (Blumen, Gesteck…) und wenn ja, was, er mitnehmen möchte und dieses auch weitestgehend eigenständig einkaufen. Weiterhin soll Herr D. es selbst auf dem Grab platzieren.

Er soll entscheiden, was er auf dem Friedhof macht und wie lange er bleiben möchte.

Herr D. soll entscheiden, ob er alleine fahren möchte oder ob er noch andere BewohnerInnen mitnehmen will.

Er soll selbst entscheiden, ob er am Grab beten möchte und wie, z.B. allein und leise für sich, ob ich ein lautes Gebet sprechen soll oder ob wir alle gemeinsam leise beten. Herr D. soll entscheiden, wie er den Besuch auf dem Friedhof abschließen möchte (zurück auf die Gruppe, Kaffee trinken o.Ä.).

Alle genannten Ziele stehen unter einem konkreten Ziel. Herr D. soll hingeführt werden zur Aktivität und seine Passivität überwinden. Die einzelnen Ziele sind keine neuen Inhalte für ihn. Er kann diese Ziele definitiv erreichen. Wichtig ist mir dabei, dass Herr D. selbständig auf mich zu kommt und mir beispielsweise sagt, dass er Blumen kaufen möchte. Dass er diese Blumen allein aussuchen und kaufen kann, weiß ich. Er soll selbst aktiv werden.

3. Optimale Passung

Herr D. ist vor unserem ersten Besuch direkt auf mich zugekommen. Er hat ganz klar den Wunsch geäußert, dass er mit mir zum Friedhof seiner Schwester fahren möchte. Da er diesen Wunsch noch immer selbständig und klar an mich ausspricht, ist die optimale Passung gegeben. Herr D. weiß am besten was für ihn gut ist, was ihm bei dem Schmerz und der Trauer hilft und wer ihn dazu begleiten soll.

Auch die weiteren, dazugehörigen Aufgaben bzw. Ziele sind auf ihn abgestimmt. Herr D. weiß was ihm gefällt und was er kaufen möchte. Er ist also in der Lage, das Gesteck oder Blumen selbst auszuwählen. Auch ist er in der Lage die Sachen selbst einzukaufen. Er wird aber auf dem Weg zu dem von ihm ausgewählten Geschäft von mir begleitet, da er nur bedingt verkehrssicher ist.

Er wird dort abgeholt wo er steht. Herr D. kann eigenständig sagen, wenn ihn etwas bedrückt und was er tun möchte. Ab und zu gebe ich ihm aber den Hinweis, dass er mir sagen soll, wenn er zum Friedhof fahren möchte, damit er sich sicher sein kann, dass ich unsere Fahrten nicht vergessen habe und gerne darauf eingehe. So fällt es Herrn D. leichter seinen Wunsch zu äußern und nicht das Gefühlt zu haben, damit zur Last zur fallen.

Auf den Fahrten zum Friedhof führe ich mit Herrn D. meist Gespräche, in denen ich ihm etwas von meinen persönlichen Erfahrungen erzähle. So erlebt er auch, wie es anderen Menschen geht, die jemanden verloren haben und er fühlt sich mit seinem Schmerz nicht so allein. Herr D. antwortet darauf häufig nicht, aber er hört interessiert zu. Um ihn nicht zu überfordern frage ich ihn zwischendurch immer, ob ich weitererzählen soll. Herr D. gibt mir darauf die Antwort, was ich tun soll.

4. kurze Durchführungsbeschreibung

Da ich mit Herrn D. bereits dreimal am Grab seiner Schwester war, beschreibe ich nur die zweite Fahrt. Die anderen zwei Fahren sind auch ähnlich abgelaufen. Herr D. kam am Freitag den 31.10.03 auf mich zu und fragte mich, ob wir am nächsten Tag zum Grab seiner Schwester fahren könnten. Ich bestätigte dies und fragte ihn, ob er noch Blumen oder ein Gesteck kaufen wolle. Als er dies bestätigte, bin ich mit ihm in den von ihm ausgewählten Laden gegangen. Dort hat er sich ein einfaches Gesteck ausgesucht, das er bis zum nächsten Tag in seinem Zimmer aufbewahren wollte. Am Abend habe ich Herrn D. gesagt, dass ich am nächsten Tag ab 14 Uhr im Dienst sein werden und wir gleich fahren könnten, wenn er bis dahin fertig sei mit anziehen und waschen - Herr D. trödelt normalerweise gern.

Am Samstag, als ich um 14 Uhr kam war Herr D. schon fertig angezogen. Ich habe ihn gefragt, ob er mit mir alleine fahren möchte oder ob noch jemand mitkommen soll. Er ging daraufhin zur BewohnerIn Frau S. und gebärdete ihr, sie solle ihre Jacke anziehen. Um ca.

14.30 Uhr waren dann beide fertig angezogen. Herr D. nahm das Gesteck und gab es mir im Auto. Er gebärdete selbständig, dass ich es auf dem Vordersitz aufbewahren sollte. Herr D. kennt den Weg zum Friedhof am Kloster. Er geht immer vorn weg und grüßt die anderen Nonnen sehr freundlich. Frau S. und ich halten uns meist hinter ihm auf. Am Grab angekommen gebe ich Herrn D. immer etwas Zeit um sich zu Recht zu finden. Er kann so etwas zur Ruhe kommen und sich darüber klar werden, was er tun möchte. Nach ca. fünf Minuten stellte Herr D. das Gesteck auf das Grab. Ich habe ihn dann gefragt, ob er noch etwas beten möchte. Er bejahte. Ich habe ihn gefragt, ob er alleine beten möchte, ob wir alle zusammen beten sollen und ob laut oder leise oder ob Frau S. und ich ihn etwas allein lassen sollten. Herr D. gebärdete mir, dass wir alle zusammen leise beten sollten. Nach einiger Zeit habe ich Herrn D. gesagt, dass er entscheiden kann wann wir wieder gehen sollen und das er dann einfach zum Auto losgehen soll, wenn er gehen möchte. Etwa fünf Minuten nach dem Gebet ist Herr D. zum Auto zurückgegangen. Im Auto habe ich Herrn D. dann gefragt, ob er gleich zur Gruppe zurück möchte oder erst noch einen Kaffee trinken gehen will. Er gebärdete das er einen Kaffee trinken möchte. Ich habe ihn noch gefragt, wo er den Kaffee trinken gehen will: in Wilhelmsdorf oder in Pfullendorf. Er zeigte in Richtung Pfullendorf.

Auf der Rückfahrt habe ich Herrn D. gesagt, dass die Menschen nach dem Tod zu Gott kommen. Dass Gott dort gut für sie sorgt. Außerdem habe ich Herrn D. gesagt, dass seine Schwester ihn sehen kann und ihn schützt - genau wie sein Vater.

In Pfullendorf sind wir, wie immer in ein bestimmtes Café gegangen. Dort haben wir gemeinsam Kuchen gegessen und Kaffee getrunken. Diese Situation hilft Herrn D. wieder etwas Abstand zu gewinnen und wieder in den Alltag zurück zu kehren. Nach dem Kaffeetrinken sind wir zurück auf die Gruppe gefahren. Dort zieht Herr D. sich immer gleich vor den Fernseher zurück.

Die anderen zwei Fahrten haben am Wochenende nach dem Todestag der Schwester und am Wochenende nach dem Geburtstag des Vaters stattgefunden. Bei allen Besuchen hat Herr D. sich gewünscht, dass Frau S. mitfährt. Außerdem möchte er meist am Samstag oder Sonntag fahren und sagt dies schon freitags, um noch Blumen o.Ä. kaufen zu können. Weiterhin möchte Herr D. meist nicht lange am Grab bleiben. Er bleibt etwa zehn Minuten in denen er betet und die Blumen oder das Gesteck platziert.

Bei allen drei Besuchen wollte Herr D. danach in Pfullendorf in einem Café, das wir bei unserem ersten Besuch gefunden haben, Kaffee trinken gehen.

5. Reflexion

Bei meinem ersten Besuch mit Herrn D. am Grab seiner Schwester war ich etwas unsicher, wie ich mich verhalten soll. Ich war mir nicht sicher, ob Herr D. lieber alleine sein möchte, ob ich still bei ihm bleiben soll oder ob ich ihn in ein Gespräch einbinden soll. Da Herr D. beim nächsten Mal wieder auf mich zugekommen ist und gefragt hat, ob ich mit ihm zum Friedhof fahre wurde mir bewusst, dass mein eigentlich intuitives Handeln richtig war. Inzwischen habe ich mir aber konkrete Gedanken gemacht wie ich Herrn D. helfen kann seine Trauer besser auszuleben. Überwinden wird er die Trauer wohl nie wirklich. Das muss ich mir aber immer wieder vor Augen halten. Ich sehe meine Aufgabe darin, Herrn D. die Möglichkeit zu geben zu dem Ort zu fahren, an dem er seine Trauer für sich am besten ausleben kann. Weiterhin ist mir natürlich wichtig, dass er weiter seinen christlichen Traditionen folgen kann. Solange ich auf der Wohngruppe arbeite werde ich auch weiterhin mit Herrn D. zu ihm wichtigen Terminen (Geburtstag, Todestag, Allerheiligen…) nach Siessen zu fahren. So hat Herr D. einen konkreten Ansprechpartner für dieses Thema. Es ist mir wichtig, dass dies nicht nur ein oder zweimal geschieht sondern Herr D. immer zu mir kommen kann, wenn er zum Friedhof fahren möchte. Ich möchte das er lernt, dass ich mir die Zeit dafür nehmen werde mit ihm zu fahren wenn er auf mich zukommt. Für die Zukunft werde ich die weitern Besuche genau beobachten, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und schnell darauf reagieren zu können um Herrn D. so gut wie möglich zu helfen seine Trauer zu leben.

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Religiöse Begleitung - Trauerarbeit
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
6
Katalognummer
V108808
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religiöse, Begleitung, Trauerarbeit
Arbeit zitieren
Claudia Reeh (Autor), 2003, Religiöse Begleitung - Trauerarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108808

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