Wenn Menschen das Verbrechen lieben. Vom schwierigen Umgang mit der Zivilisation


Essay, 1992

9 Seiten


Leseprobe

Walter Grode

WENN MENSCHEN DAS VERBRECHEN LIEBEN

Vom schwierigen Umgang mit der Zivilisation

(Erschienen in: >Lutherische Monatshefte<, Heft 12: Dezember 1992)

Es vergeht derzeit kaum ein Tag an dem die Zeitungen und der Rundfunk nicht vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien berichten und kein Abend an dem wir Fernsehzuschauer nicht mit Bildern des Grauens aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina konfrontiert und gleichzeitig desenibilisiert werden. Denn diese Reportagen sind zumeist so angelegt, daß bei uns schnell ein emotionaler Gewöhnungs- und Abnutzungseffekt eintritt, ohne unser Wissen über historische und kulturelle Zusammenhänge wesentlich zu erweitern.

Fast könnte man meinen, genau das Gegenteil sei von den meisten der journalistischen Kriegsberichterstatter beabsichtigt, denen der Ernst Jüngersche Wunsch nach "Bewährung in Stahlgewittern" geradezu ins Gesicht geschrieben steht.

Es ist fast ein Zufall eine fundierte, allgemeinverständliche Analyse der Ereignisse, wie Jürgen Christian Mahrenholz' Kommentar zu Bosnien-Herzegowina [vgl, LM 7/92] zu finden. Zumal dann, wenn der Autor seine profunden historischen Kenntnisse und persönlichen Erfahrungen nicht dazu benutzt, um die Liste der Untaten, zu denen Menschen fähig sind noch zu verlängern (und damit zumindest fahrlässig neues Blutvergießen zu legitimieren), sondern statt dessen an die politisch-historischen und kulturellen Gemeinsamkeiten appelliert. Dies scheint mir auch angesichts unserer eigenen deutschen Vergangenheit die einzig moralisch vertretbare Haltung zu sein.

Und doch sind es nicht nur beglichene und unbeglichene Rechnungen der Vergangenheit, die so heftige Kämpfe in weiten Teilen Osteuropas ausbrechen lassen; es ist auch und vor allem Zukunftsangst, die die Menschen - für uns Zuschauer schier unbegreiflich - dazu bringt, die innere Treppe zum Bösen bis zur tiefsten Stufe hinabzusteigen.

Fast sollte man glauben, die Zeitenwende von 1989, als die Völker Osteuropas die Freiheit wählten und die alten versteinerten Strukturen des Kalten Krieges und des "real existierenden Sozialismus" begeistert abwarfen, hätte nie stattgefunden.

Doch ganz gleich, ob der Sozialismus, der in den letzten drei Jahren in sich zusammenbrach, je "real" war oder stets nur Etikettenschwindel - eines steht fest: Mit ihm verschwand die osteuropäische Zweite Welt, und übrig blieben Erste und Dritte. Damit ist Osteuropa wieder an jenen Platz gerückt, den es seit einem halben Jahrtausend innehatte: an den äußeren Rand des Weltwirtschaftssystems. So jedenfalls sieht es der Soziologe Arno Tausch in seiner vor kurzem erschienen Studie zum Verhältnis von herrschendem Weltwirtschaftssystem, langen ökonomischen Zyklen und neuer Instabilität in Osteuropa.

Tausch geht davon aus, daß Osteuropa seit einem halben Jahrtausend zur Semiperipherie des kapitalistischen Weltsystems gehörte, was strukturell eine Blockade gegen Demokratisierung bedeutete. Die Wirkung dieser Zuordnung wird in Abschwungphasen der Weltwirtschaft (wie der gegenwärtigen) verschärft, da die "terms of trade" für Rohstoffexporte aus den Randbereichen der Weltwirtschaft sich eklatant verschlechtern. Reformperioden, so seine These, gingen und gehen in der Geschichte Rußlands stets mit weltwirtschaftlichen Abschwungphasen zusammen und dem folgen in der nächsten Aufschwungphase wieder Modernisierungsdiktaturen. In der nächsten Abschwungphase geht dann der während der Aufschwungphase in den rohstoffnahen Industrien der Semiperiphie erreichte Zuwachs weitgehend wieder verloren.

Nimmt man diesen Gedanken auf, so war die russische Revolution von 1917 nicht anderes als der Beginn einer solchen Modernisierungsdiktatur. Als der Krieg die Schwäche des Zarenreiches offenlegte, fiel die Macht auf die Straße und konnte von einer Verschwörergruppe aufgehoben werden. Die handelten sehr grob formuliert folgendermaßen: Abkopplung des Landes vom Weltmarkt durch Dichtmachen der Grenzen, staatliche Kontrolle des Außenhandels und von oben verordnete Entwicklungspolitik, sprich Zwangsindustrialisierung. Es versteht sich, daß ein solches Programm Freiheit im Innern ausschließt und in Grenzfällen Terror entbindet. Die Menschenopfer, die diese Gewaltkur forderte, war ungeheuerlich, aber diese Art von Entwicklungspolitik war alles andere als erfolglos. Wenn man bedenkt, daß es "das Mittelalter" war, dem Lenin sein Land, wie er mehrfach bemerkte, entriß, erscheint der Sputnik als Wundertat und selbst ein AKW wie das von Tschernobyl als unglaubliche Leistung.

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Details

Titel
Wenn Menschen das Verbrechen lieben. Vom schwierigen Umgang mit der Zivilisation
Autor
Jahr
1992
Seiten
9
Katalognummer
V109368
ISBN (eBook)
9783640075492
ISBN (Buch)
9783656247180
Dateigröße
352 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ohne Sekundärliteratur. Erschienen in: Lutherische Monatshefte, Kirche im Dialog mit Kultur, Wissenschaft und Politik, Heft 12: Dezember 1992
Schlagworte
Wenn, Menschen, Verbrechen, Umgang, Zivilisation
Arbeit zitieren
Dr. phil. Walter Grode (Autor), 1992, Wenn Menschen das Verbrechen lieben. Vom schwierigen Umgang mit der Zivilisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109368

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