Mit den frühen 80er Jahren begann für die extreme Rechte in Frankreich ein Aufschwung, wodurch sich der Front National (FN) zu einer festen Größe im französischen Parteiensystem entwickelte und dessen Außergewöhnlichkeit in der Konstanz des Erfolgs liegt. Mit der Gründung dieser Partei im Jahr 1972 sollten die schwachen Kräfte der Rechten in einer Organisation konzentriert werden. Das erklärte Ziel des FN ist „die elektorale Ausrichtung unter der Vorraussetzung einer weitgehenden Re-Integration der zersplitterten alten Rechten.“1 Dass dies gelungen ist, zeigen die sich ab den 80er Jahren einstellenden Wahlerfolge der extremen Rechten mit der später daraus resultierenden Möglichkeit der parlamentarischen Einflussnahme und Dauerrepräsentanz im Parteiensystem des Landes. Auch im Verlauf der Wahlgänge der diesjährigen Präsidentschaftswahlen offenbarte die Partei ihre demagogische Zugkraft auf einen großen Teil der Wähler. Jean-Marie Le Pen, langjähriger Parteivorsitzender und Präsidentschaftskandidat, erreichte den zweiten Wahlgang. Auch wenn es in der Präsidentschaftswahl weniger um die Partei selbst als um den Kandidaten ging, stellte der FN sein Gewicht im politischen Systems Frankreichs auch in diesem Jahr unter Beweis. Grundsätzlich stellt sich hier die Frage, mit welcher Programmatik es der Partei gelingt, trotz ihrer extrem rechten „Abseitsstellung“ im Links-Rechts-Kontinuum, seit Jahren einen großen Teil der Wählerschaft auf allen Ebenen für sich zu gewinnen. In diesem Zusammenhang sollen die FN - Wähler näher betrachtet werden. Wer stimmt für diese Partei und welchen Schichten entstammen die Wähler? Zudem stellt sich auch die Frage nach faschistischen Tendenzen beim Vertreter der extremen Rechten in Frankreich. Nicht nur die Programmatik, auch die Struktur und Organisation sowie die Geschichte der Partei spielen dabei eine Rolle.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung und Werdegang des Front National
2.1 Von der Gründung bis zu den ersten Wahlerfolgen des FN 1983
2.2 Die Etablierung des FN auf allen Ebenen
3. Ein programmatischer Grundriss
3.1 Die primär besetzten Themen
3.2 Faschistische Tendenzen
4. Die Organisationsstruktur im Kontext der Spaltung 1999
5. Das Wählerpotential des FN
5.1 Alter und Geschlecht
5.2 Der Beruf
5.3 Die Konfession und Kirchenbindung
5.4 Zusammenfassung: Wählerpotential zwischen 1984 bis 1988
6. Schlussfolgerungen
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Aufstieg und die Etablierung des Front National (FN) im französischen Parteiensystem. Im Zentrum steht die Analyse der Frage, mit welcher Programmatik und Organisation die Partei trotz ihrer extrem rechten Positionierung seit Jahren signifikante Wahlerfolge erzielen und verschiedene gesellschaftliche Schichten ansprechen kann, wobei auch der Vorwurf faschistischer Tendenzen kritisch beleuchtet wird.
- Historische Entwicklung und Etablierung des Front National
- Analyse der programmatischen Schwerpunkte und fremdenfeindlichen Positionen
- Strukturelle Organisation und parteiinterne Dynamiken
- Soziologische Untersuchung des Wählerpotentials hinsichtlich Alter, Geschlecht, Beruf und Konfession
- Diskussion potenzieller faschistischer Tendenzen innerhalb der Partei
Auszug aus dem Buch
3.2 Faschistische Tendenzen
Der Faschismusbegriff steht in engem Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Grundgedanken. Mit der Herausbildung eines praktizierten Faschismus im Italien der 20er und 30er Jahre durch Benito Mussolini und der Partei PNF (Partito Nazionale Fascista; Gründung 1921) nahm sich auch die deutsche extreme Rechte im selben Zeitraum dieses System zum Vorbild. „Gemeinsam ist ihnen a) eine charismatische, autoritäre Führerfigur, b) die strikte Unterwerfung unter das Führerprinzip und c) der hierarchische Aufbau der politischen Organisation; weiterhin d) das rechtsextreme, offen rassistische und fremdenfeindliche Gedankengut und e) die (in bezug auf andere politische Überzeugungen) negative Eigendefinition (als anti-demokratisch, anti-parlamentarisch, anti-liberal, anti-humanistisch etc.).“
Ausgehend von dieser Definition trifft dies allerdings nur teilweise auf den Front National zu. So kann dem FN beispielsweise keine anti-parlamentarische Grundüberzeugung unterstellt werden. Zum einen nimmt er selbst aktiv an der parlamentarischen Arbeit über die erworbenen Mandate teil, zum anderen findet sich auch in der Programmatik die Forderung nach mehr Pluralismus in der Nationalversammlung. Demgegenüber steht der oben genannte Gedanke nach einer Transformation des Systems in eine präsidentielle Richtung. Im FN - Programm existieren zudem Äußerungen, in denen eine Ausweitung der Volksabstimmungen, Referenden auf Antrag der Bevölkerung sowie die „Wiederherstellung der gewerkschaftlichen Freiheit“ ein Anliegen nationaler Politik sei. Dies wiederspricht den dem Faschismus eigenen anti-liberalen und anti-demokratischen Charakter, schränkte in seiner Durchsetzung allerdings die Rechte des Parlaments ein und gibt diese in die Hände eines durch Propaganda beeinflussbaren Wahlvolkes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Aufstiegs der extremen Rechten in Frankreich und Formulierung der Fragestellungen hinsichtlich Programmatik, Organisation und Wählerschaft.
2. Entwicklung und Werdegang des Front National: Analyse der Parteigeschichte von der Gründung 1972 über erste lokale Erfolge bis hin zur nationalen Etablierung in den 80er und 90er Jahren.
3. Ein programmatischer Grundriss: Untersuchung der inhaltlichen Schwerpunkte, insbesondere des Einwanderungsthemas, sowie der Diskussion möglicher faschistischer Tendenzen innerhalb der Partei.
4. Die Organisationsstruktur im Kontext der Spaltung 1999: Beschreibung des hierarchischen Parteiaufbaus und der Auswirkungen der Spaltung durch die Mouvement National.
5. Das Wählerpotential des FN: Empirische Betrachtung der Wählerstruktur anhand soziologischer Merkmale wie Alter, Geschlecht, Beruf und Kirchenbindung im Zeitraum 1984 bis 1988.
6. Schlussfolgerungen: Synthese der Ergebnisse zur Einordnung des FN im Parteiensystem und Bewertung der Vereinbarkeit der Parteiziele mit demokratischen Grundsätzen.
7. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Publikationen.
Schlüsselwörter
Front National, Frankreich, Rechtsextremismus, Jean-Marie Le Pen, Parteiensystem, Programmatik, Wahlerfolge, Wählerpotential, Faschismus, Organisation, Einwanderung, Nationalismus, Politische Kommunikation, Parteistruktur, Demagogie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Entwicklung, die organisatorische Struktur und die ideologische Programmatik des französischen Front National sowie die soziologische Zusammensetzung seiner Wählerschaft.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Autor?
Die zentralen Felder umfassen die Parteigeschichte, den programmatischen Fokus auf nationale Identität und Einwanderung, die interne Organisationshierarchie und die Analyse des Wählerverhaltens.
Was ist das Hauptziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu erklären, wie es dem Front National gelingt, trotz seiner extremen Positionierung im Links-Rechts-Spektrum konstant einen beachtlichen Teil der Wählerschaft für sich zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung von Umfragedaten und Wahlergebnissen zur Bestimmung der sozialen Merkmale der FN-Wählerschaft.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung, die inhaltliche Programmatik, eine Diskussion über potenzielle faschistische Tendenzen sowie eine detaillierte Auswertung soziologischer Wählerdaten.
Welche Schlüsselbegriffe sind für das Verständnis der Arbeit essenziell?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Front National", "Rechtspopulismus", "Wählerpotential", "Parteien in Frankreich" und die Rolle von "Jean-Marie Le Pen".
Welche Rolle spielt die Spaltung von 1999 für die Organisationsstruktur?
Die Spaltung führte zur Entstehung der Mouvement National unter Bruno Mégret, während der FN unter Le Pen seine bisherige hierarchische Struktur und das "système Le Pen" beibehielt.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis des FN zur Demokratie?
Der Autor konstatiert eine oppositionelle Haltung zur bestehenden Ordnung und warnt davor, dass plebiszitäre Forderungen der Partei lediglich dazu dienen könnten, das Parlament zu schwächen und den Willen der Bevölkerung durch Propaganda zu steuern.
- Quote paper
- M.A. Stefan Waldheim (Author), 2002, Der Front National in Frankreich - Organisation, Programmatik und Wählerpotential, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10946