Kants positive Bestimmung des Begriffes von Objekt in der Kritik der reinen Vernunft


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

43 Seiten, Note: Sehr gute Rekonstruktion


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Hintergründe der Kritik der reinen Vernunft und Inhaltsangabe der Arbeit

1. Kants System der Erkenntnis
1.1. Die transzendentale Ästhetik: metaphysische und transzendentale Erörterung von Raum und Zeit
1.2. Die transzendentale Logik
1.3. Die transzendentale Deduktion der Kategorien
1.4. Zusammenfassung der transzendentalen Deduktion und die positive Bestimmung des Begriffes von Objekt

2. Die Realismus-Idealismus Debatte und das Problem des Skeptizismus
2.1. Kants Position in der Realismus – Idealismus Debatte
2.2. Von der ungerechtfertigten Meinung, Kant aufgrund der Unterscheidung Phaenomenon-Noumenon als Skeptiker zu bezeichnen

3. Ausblick: Probleme des „kantischen Internalismus“; Materie, Intersubjektivität und das „transzendentale Subjekt“

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Einleitung: Hintergründe der Kritik der reinen Vernunft und Inhaltsangabe der Arbeit

Kant schrieb seine Kritik der reinen Vernunft unter anderem, weil er – vom dogmatischen Schlummer rationalistischer Zeitgenossen erwacht – mit der empirischen und tendenziell skeptischen Auffassung angelsächsischer Philosophen wie Hume, Locke, Berkeley konfrontiert wurde, die der Philosophie, insbesondere der Metaphysik, einen positiven Begriff des Objektes zu verwehren schien. Was für den vorkritischen, rationalistischen Kant einst im reinen Reich der Begriffe unbedingt notwendig geschlossen werden konnte, fand im Empirismus sein Ende in der blossen Meinung, dass das wahrnehmende Subjekt nur ein unbestimmtes Etwas empfindet, welches es dann durch eine willkürliche Folgerung, als materieller Gegenstand, bzw. als Objekt begreift. Dass damit der Begriff von Objekt auf ein nicht notwendiges, sondern – wie etwa im Falle Humes – der Gewohnheit entspringendes, kausales Verhältnis von Empfindung und Objekt beruhe und deshalb Erkennen der „Realität“ problematisch, wenn nicht gar unmöglich sei, konnte Kant nicht akzeptieren; denn damit konnte weder die Notwendigkeit erkenntniserweiternder Sätze der Mathematik, noch die Notwendigkeit kausaler Zusammenhänge, wie sie in der Physik vorgestellt werden, noch metaphysische Wahrheiten möglich sein. Gleichzeitig schien Kant jedoch nicht mehr die alten dogmatischen Auffassungen, wie etwa die eines Christian Wolffs, bewahren zu können, da sie der empirischen Kritik, welche aufgrund fehlender Anschauung den Begriffen Leere vorwarf, nicht standhalten konnten.

Kant musste, um nicht in die Dunkelheit des sich selbst widersprechenden Skeptizismus geraten zu müssen, einen neuen, sicheren Weg einschlagen und leitete dafür seine berühmte „kopernikanische Drehung“ ein; eine Wende, welche der Philosophie, insbesondere der Metaphysik, den Plan „standfester Pfeiler für den Titel einer Wissenschaft“ ermöglichen würde.

„Bisher nahm man an, alle Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über die Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit eben so, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe liess.“[i]

Die Annahme, dass die Gegenstände sich nach unserer Erkenntnis richten, ist, wie in dieser Arbeit unter anderem zu zeigen versucht wird, ein wesentlicher Fortschritt Kants heraus aus dem Zwist von Rationalismus und Empirismus und heraus aus Dogmatismus und Skeptizismus – in eine, wie er meinte, aufgeklärte und aufklärende Transzendentalphilosophie; eine „Wissenschaft, welche die Möglichkeiten, die Prinzipien und den Umfang aller Erkenntnisse a priori“ bestimmt.[ii] Denn diese Annahme darf nicht, wie es trotz allem und, wie ich meine, aus verführerischen Gründen in etlichen Kantinterpretationen seit Erscheinen der Kritik der Fall ist, dahingehend missverstanden werden, dass Kant sich vollends dem Skeptizismus oder einem Solipsimus verpflichtet hätte, und Gegenstände nur ideal, d.h. bloss von einem Subjekt Wahrgenommenes wären, und somit jener Begriff von Objekt, der eine perspektivenunabhängige und intersubjektive Sicht der Dinge voraussetzt, überhaupt unmöglich sei. Denn die bedeutende Konsequenz jener Annahme Kants besteht darin, dass in positiver Weise ein grundsätzlich neuer Begriff des Gegenstandes, bzw. von Objekt gedacht wird, welcher den Einwänden eines Skeptikers schlicht den Grund entzieht, weil letztere nur unter einer Voraussetzung zustande kommen können, die für Kant bereits verfehlt ist: die Erkenntnis richte sich nach den Gegenständen.

Zweck dieser Arbeit ist somit erstens die positive Bestimmung des Begriffes von Objekt bei Kant so ausführlich wie möglich darzustellen. D.h. wir wollen hier zu bestimmen versuchen, was Kant sich unter dem Ausdruck Objekt allgemein vorstellt; im Gegensatz dazu, liegt in der negativen Bestimmung ein Interesse zu erklären, was ein Objekt nicht ist; womit wir uns hier im Gegensatz zu Kant, der dieser Frage einen ausführlicheren Teil in der zweiten Hälfte der Kritik widmet, nicht beschäftigen wollen. Bezeichnend dafür soll der im ersten Teil stehende Satz, aus der transzendentalen Deduktion sein:

„Objekt aber ist das, in dessen Begriff das Mannigfaltige einer gegeben Anschauung vereinigt ist.“

Immanuel Kant , Kritik der reinen Vernunft, B137

Die Aufgabe besteht also zunächst darin, gemäss dem zitierten Satz ein genaues Verständnis für einzelne, den Begriff von Objekt konstituierende Aspekte, wie “das Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung“, “Einigung“ etc., zu ermöglichen. Für dieses Vorhaben ist in der kantischen Philosophie die Auslegung der einzelnen Konstituenten des menschlichen Erkenntnisvermögens zentral, wenn tatsächlich im Begriff des Objektes die Konstitution desselben durch die Erkenntnis impliziert ist. Dabei gilt es zunächst vor allem, die Relationen der einzelnen kantischen Begriffe untereinander in konsistenter Weise aufzuzeigen.

Andererseits wollen wir diese Auffassung weiterführend interpretieren, um die Schlussthese zu erläutern, dass die kantische Drehung einen internalisierten Begriff von Objekt impliziert, welcher einerseits einen transzendentalen Idealismus, anderseits (und gleichzeitig) einen empirischen Realismus nahe legt, der sich gegen skeptische Einwände zu schützen vermag. Diese philosophisch bedeutende Konsequenz nachzuvollziehen und im Detail zu belegen, beabsichtigt letztlich die folgende Rekonstruktion seines Systems der Erkenntnis.

1. Kants System der Erkenntnis

Kants System der Erkenntnis wollen wir hier als dasjenige System bezeichnen, in dem das “menschliche Gemüt“ von Kant zu theoretischen Zwecken als in zwei “vielleicht aus einer gemeinsamen Wurzeln entspringende Stämme der menschlichen Erkenntnis“ analysiert erscheint: Sinnlichkeit und Verstand. Durch die Sinnlichkeit werden uns die Gegenstände gegeben, durch den Verstand gedacht. Diese anfangs der Kritik vorgenommene Unterscheidung wird später zwar durch andere Momente der Erkenntnis, bzw. von Erkenntnisvermögen, wie Urteilskraft, Einbildungskraft, Vernunft, ergänzt. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass das Anschauen der Sinnlichkeit und das Denken des Verstandes die Grundstruktur des Systems der (positiven) Erkenntnis bei Kant schon repräsentieren. Vernunft im engeren Sinne und die ihr entspringenden Ideen (Seele, Welt und Gott) sind nicht eigentlich positive Teile dieses Systems. Denn fasst man Erkenntnis sehr allgemein als eine Relation zwischen Subjekt und Objekt auf und sind, wie Kant nahe legt, Ideen nur als Objekt denkbare, nicht aber erkannte, bzw. erkennbare Entitäten, gehören sie nicht in den positiven Teil des Systems, sondern zu demjenigen, der negativ einen Bereich abgrenzen soll, in welchem Urteile nicht oder nur auf problematische Weise objektiv gelten können. Deshalb wollen wir uns auch in der positiven Auslegung des Begriffes von Objekt bei Kant auf die zwei “Wissenschaften“ konzentrieren, welche die Erkenntnisstämme Sinnlichkeit und Verstand als Gegenstand betrachten.

Weil Erkenntnis allgemein als Relation zwischen Subjekt und Objekt erklärt wird, ist zunächst ohne auf das Spezifische dieser Relation einzugehen, jeweils die subjektive Hinsicht von der objektiven trennen. In der subjektiven Hinsicht betrachten wir die Subjektivität, d.h. die Fähigkeiten und “Aktivitäten“ eines Subjektes, wenn es erkennt. In der objektiven Hinsicht wird dagegen parallel zur Subjektivität die Objektivität entwickelt, d.h. hier die einzelnen Aspekte, die im Begriff des Objektes enthalten sind, wenn das Subjekt erkennt. Diese methodisch begründete Zweiteilung lässt sich bei Kant nur andeutungsweise wiederfinden, wenn er jeweils einzelne Momente der Subjektivität erläutert, die mit etwas (auf Seite des Objektes) “korrespondieren“.[iii] Wie sich erweisen wird, führt diese Sichtweise jedoch an vielen Stellen die grundlegenden Strukturen in ein klareres Licht.

1.1. Die transzendentale Ästhetik: metaphysische und transzendentale Erörterung von Raum und Zeit

Die transzendentale Ästhetik ist die „Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori“, d.h. sie behandelt die Bedingungen der Möglichkeit von Sinnlichkeit als vom Begriffe des Verstandes abgetrennte. So stellt Kant anfangs eine nicht weiter begründetet, aber zumindest teilweise wohl durch die Tradition legitimierte Modellierung der Sinnlichkeit in subjektiver und objektiver Hinsicht vor: Die Vorstellung eines Gegenstandes wird ermöglicht, indem wir von etwas affiziert werden, d.h. empfinden, und diese innerhalb notwendiger und allgemeingültiger Bedingungen der Sinnlichkeit, d.h. einer reinen Anschauung, gewissen Verhältnissen nach ordnen. Das der Empfindung korresponierende, d.h. in objektiver Hinsicht gewonnene, ist die Materie: ein Mannigfaltiges etwas. Die notwendigen und allgemeingültigen Bedingungen der Sinnlichkeit sind gewisse Formen, Anschauungsformen. Die Subjektivität, d.i. die Tätigkeit des Subjekts in der Sinnlichkeit ist die empirische Anschauung. Der Gegenstand der empirischen Anschauung, die geformte Materie, ist ein unbestimmter Gegenstand oder eine Erscheinung. Er ist deshalb noch unbestimmt, weil er noch nicht begriffen, d.h. durch Begriffe bestimmt ist. Soweit die Auslegung der Relationen zentraler Begriffe in der transzendentalen Ästhetik. (Vgl. dazu meine Graphik im nächsten Kapitel.)

Die Materie scheint Kant innerhalb des Rahmens einer transzendentalen Ästhetik nicht weiter erklären zu wollen, denn – so seine Begründung – die Materie sei nie a priori gegeben und ihre Erörterung damit auch nicht Teil einer Transzendentalphilosophie. Es liesse sich hier allerdings die Frage stellen, ob die Materie als solche nicht näher zu bestimmen wäre, ist sie doch als solche auch eine Bedingung der Möglichkeit von Sinnlichkeit überhaupt. Es wären hier Fragen zu stellen wie: Was ist Materie? Woher kommt sie? Lässt sie sich ebenfalls mit einer kopernikanischen Drehung verstehen oder wird sie nicht durch Erkenntnis konstituiert? Ist sie am Ende vielleicht dasjenige, was das kantische Gerüst zum Einsturz bringt? etc. Diesen Einwänden freilich nur andeutungsweise entgegentretend stellt sich möglicherweise auch die grundsätzliche Frage, ob man von ihr überhaupt Bestimmteres sagen kann, als dass sie ein mannigfaltiges Etwas ist. Denn jeder Versuch sich ihr sprachlich-begrifflich zu nähern, dürfte sie nicht bei dem belassen, was sie ist, und damit auch nicht erfassen können. Die Materie als das Einzelne, nicht weiter Teilbare (Individuelle), ist –könnte man sagen– nicht als Art oder Gattung zu begreifen, weil überhaupt kein artbildender Unterschied vorliegen kann, insofern sie eben begrifflich, d.h. durch eine allgemeine Vorstellung, nicht fassbar ist.[iv] Schwierigkeiten, die immer wieder im Zusammenhang mit dem Problem der Sinnlichkeit angesprochen werden, denen die wir uns hier jedoch nicht weiter zuwenden können.-

Stellen wir fest: Die transzendentale Ästhetik beschäftigt sich hauptsächlich mit den Formen des unbestimmten Gegenstandes, der Erscheinung. Die Formen, welche notwendig und allgemeingültig jede Materie in geordnete Verhältnisse bringen, sind für Kant Raum und Zeit. Die Erörterungen von Raum und Zeit werden in systematischer Weise abgehandelt; zunächst der Raum, dann die Zeit und beides sowohl in metaphysischer wie in transzendentaler Weise. D.h. Raum und Zeit werden jeweils sowohl hinsichtlich ihrer Apriorität (metaphysisch) als auch hinsichtlich ihrer Funktion als Prinzipien synthetischer Urteile a priori (transzendental) vorgestellt.[v]

Die metaphysischen Erörterungen von Raum und Zeit, d.h. was Raum und Zeit für Subjektivität und für den Begriff des Objektes sind, gehen - wenn auch nur skizzenhaft – als Folge einer reductio ad absurdum anderer - im 18.Jahrhundert bekannter Ansichten - über Raum und Zeit hervor. So stellt Kant die Fragen:

„Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen ? Sind sie zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der Dinge, aber solche, welche ihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschaut würden, oder sind sie solche, die nur an der Form der Anschauung allein haften, und mithin an der subjektiven Beschaffenheit unseres Gemüts, ohne welche diese Prädikate gar keinem Dinge beigelegt werden können?“[vi]

Kant zählt mit diesen Fragen vier Varianten auf, wie Raum und Zeit seiner durch das philosophisch-naturwissenschaftliche Umfeld geprägten Meinung nach metaphysisch überhaupt erörtert werden können. Für ihn kommen die ersten drei allerdings nicht in Frage. Denn erstens ist die etwa von griechischen Atomisten oder Epikur vertretene Auffassung des Raumes als wirklichen Dinges (als Raum-Atome) für Kant unhaltbar. Denn wie soll man sich dieses Ding vorstellen? Dem ist auch zuzustimmen nicht unvernünftig, denn man versuche z.B. sich Raum ohne Materie, d.h. ohne etwas, was räumlich ist und ohne Linien und Flächen vorzustellen, bzw. anzuschauen! Und die Zeit ohne eine Bewegung auszuführen oder beobachten! Die Unmöglichkeit dieses Versuches beweist, dass Raum und Zeit nicht als selbständige, wirkliche Dinge angeschaut werden können. (Wenngleich man kann sich Raum und Zeit vielleicht als solche „Undinger“denken kann.) Zweitens scheinen Raum und Zeit keine Bestimmungen, d.h. Eigenschaften der Dinge zu sein, wie z.B. Newton in seinen Principia meint. Denn ein Ding kann nicht angeschaut werden, wenn es nicht schon in Raum und Zeit geordnet ist; also sind Raum und Zeit notwendige Bedingungen für die Anschauung der Dinge überhaupt, d.h. keine Eigenschaften unter anderen, die man in der Anschauung weglassen könnte. Raum und Zeit sind daher auch keine definitorische Element der Dinge und somit keine Eigenschaften im akzidentiellen Sinne. Dass drittens Raum und Zeit Verhältnisse der Dinge sind, wie sie sind, auch wenn sie nicht angeschaut werden, scheint einerseits als Meinung schon unbegründbar, weil die Möglichkeit der Überprüfung fehlt (da eine Überprüfung notwendig ein Anschauen beinhalten würde). Andrerseits kann man sich, so Kants nicht sehr transparente Erklärung, die Dinge nur als in dem einen Raum und in der einen Zeit vorstellen. Wären Raum und Zeit jedoch Verhältnisse der Dinge, wie sie sind, wenn sie nicht angeschaut würden, so würde man von vielen Räumen gleichzeitig und vielen Zeiten nebeneinander reden. Die Anschauung von Dingen in mehreren Räumen gleichzeitig und in mehreren Zeiten nebeneinander ist im absoluten Sinne nicht möglich, d.h. ohne die Bedingung, dass Räume und Zeiten nur nebeneinander stehen können, wenn sie als in einen Raum und in einer Zeit gedacht werden, könnten solche Verhältnisse gar nicht angeschaut werden.

Komplementär zur metaphysischen Erörterung, die den apriorischen (metaphysischen) Charakter von Raum und Zeit feststellt, versucht jeweils die transzendentale Erörterung die prinzipielle Bedeutung der beiden Anschauungsformen für synthetische Erkenntnisse a priori zu verdeutlichen. Die Erkenntnis, dass Raum und Zeit Anschauungsformen a priori sind, ermöglicht damit eine erste Antwort auf die Grundfrage der Kritik der reinen Vernunft, wie nämlich synthetische Urteile a priori möglich sind. Mit Raum und Zeit als Anschauungsformen a priori erklärt Kant einerseits die Tatsache, dass wir in der (euklidischen) Geometrie fähig sind, notwendige und allgemeingültige Urteile, d.h. hinsichtlich ihrer Geltung von jeder Erfahrung unabhängig, zu fällen. Anderseits erklärt er mit der Zeit, wie synthetische Urteile a priori, die in der Bewegungslehre, d.h. der Darstellung allgemeiner Begriffe der Veränderung und der Bewegung und damit, wie er meint, auch kontradiktorischer Prinzipien, möglich sind.[vii]

Diese Funktion von Raum und Zeit wurde mit der Entwicklung nicht-euklidischer Geometrien und der physikalischen Theorien des 20. Jahrhunderts stark kritisiert und ihre Apriorität überhaupt in Frage gestellt. Kants Konzept, auf dem Hintergrund meso-physikalischer Theorien entworfen, scheint überholt.

Die Gültigkeit der kantischen Auffassung, was unsere Anschauung betrifft, kann jedoch verteidigt werden, bzw. die hier ausgeübte Kritik weist möglicherweise falsche Voraussetzungen auf. N-Dimensionale Räume und das Raum-Zeit-Kontinuum können mathematisch beschrieben und nachweislich von praktischem wissenschaftlich-technischen Nutzen sein. Aber z.B. durch einfache Zeichnungen annähernd korrekt illustriert werden (wie dies bei der euklidischen Geometrie der Fall ist) können sie nicht. D.h. wir können uns einen n-dimensionalen Raum denken und wir können uns eine Geometrie denken, in der sich z.B. Parallelen im finiten Bereich schneiden, aber in einer erfahrbaren Annäherung illustrieren, d.h. Ähnliches anschauen, ist uns nicht möglich. Bezeichnend dafür ist, dass für anschauliche Skizzierungen von Thesen neuerer Theorien, etwa der Krümmung des Raumes, nach wie vor dreidimensionale Zeichnungen verwendet werden müssen (wobei der Raum, bzw. das Raum-Zeit-Kontinuum zweidimensional dargestellt werden). Oder hat jemand schon einen n-dimensionalen (wobei n>3) Raum gesehen ? Die Frage scheint und ist sinnlos.– Vielmehr besteht für mich (und andere, vornehmlich analytische Philosophen und Wissenschaftstheoretiker[viii]) die Auffassung, dass Raum und Zeit in der modernen Physik und Mathematik Begriffe sind, die mit den kantischen schlicht nichts zu tun haben, sondern –pragmatisch formuliert- als praktische und theoretische Konzepte für die Erklärung von Wirkungen fungieren, deren Ursachen (im kantischen Sinne) nicht empirisch angeschaut werden können. Durch einen derartigen Vergleich inkommensurabler Begriffe wird die Konsistenz einer Kritik an Kant jedoch grundsätzlich in Frage gestellt.

[...]


Endnoten

[i] Kritik der reinen Vernunft, Vorrede zur zweiten Auflage, B XVI

[ii] Kritik der reinen Vernunft, Einleitung, B27

[iii] Z.B. B 34: „In der Erscheinung nenne ich dasjenige, was der Empfindung [in subjektiver Hinsicht] korrespondiert, die Materie derselben.“ etc.

[iv] Auch Hegels Ausführungen im Kapitel zur sinnlichen Gewissheit (in der Phänomenologie des Geistes) lösen dieses Problem nicht. Denn die Einführung der Ausdrücke „dieses, jetzt, hier etc.“ beinhaltet nicht eine korrekte Wiedergabe desjenigen, was in der sinnlichen Gewissheit gleichsam als „am Anfang der Erkenntnis stehend“ zu denken ist. Nach Kant wird uns die Materie gegeben; „dieses, jetzt, hier etc.“ impliziert jedoch schon die Tätigkeit eines Bewusstseins und verändert unausgesprochen schon den Gegenstand. Die Dialektik Hegels scheint hier deshalb also fragwürdig, weil in der These die Bedeutung der sinnlichen Gewissheit schon verändert wird. Dass der Gegenstand ein Allgemeines oder das Allgemeinste überhaupt sein soll, gründet dementsprechend in einer Ambivalenz (oder etwa schon Dialektik?) der These; logisch nicht gerade unproblematisch.–

[v] Das Prädikat „metaphysisch“ kommt bei Kant des Öfteren an Stellen vor, in denen er erklären will, was und weshalb ein Apriori ist, was es ist. So werden wir an späterer Stelle z.B. auch die „metaphysische Deduktion der Kategorien“ antreffen. Nebenbei sei also vermerkt, dass Kants Kritik der Metaphysik nicht bloss eine Destruktion der Metaphysik beinhaltet, sondern eher eine Definition im Sinne einer Eingrenzung ihrer Möglichkeit. Der Begriff von Metaphysik ist demnach zunächst, wie Kant selber meint, ein allgemeiner (metaphysica generalis) und unterscheidet sich vom speziellen Begriff der Metaphysik (metaphysica specialis), der die Beschäftigung der Vernunft mit den drei Ideen Seele, Welt und Gott beinhaltet. Die allgemeine Metaphysik wird von Kant als „Wissenschaft von den ersten Prinzipien der menschlichen Erkenntnis“ bezeichnet (B871) und ist dementsprechend in einem bestimmten Sinne mit Transzendentalphilosophie gleichzusetzen. (Kant spricht an einer Stelle (B 873) sogar von „Ontologie“). Man muss hier also ausdrücklich darauf hinweisen, dass Kant nicht ein Metaphysik-Alleszermalmer ist, wie unbegründeterweise in vielen sonst so hellen Köpfen von Philosophen (in denen der nicht philosophisch gebildeten Öffentlichkeit sowieso) als Gerücht scheinbar noch kursiert. Der Begriff “Metaphysik” wurde und wird (vor allem bei zeitgenössischen analytischen Philosophen) oft mit fast barbarischer Unkenntnis der Philosophiegeschichte leichtsinnig als eine vage, unplausible Lehre von pseudo-platonischen Ideen, die irgendwo im Himmel immer und ewig ihr (Un)Wesen treiben, verstanden. Kant ist im starken Gegensatz zu dieser Meinung, die nur entstehen kann, wenn man sein theoretisches Hauptwerk nicht (oder nur schlecht) kennt, sehr wohl ein Metaphysiker in dem allgemeinen Sinne eines Transzendentalphilosophen. Dies wäre (und war auch schon) Thema einer eigenen Arbeit.-

[vi] Kritik der reinen Vernunft, B37

[vii] Dazu siehe Kritik der einen Vernunft, B48/49

[viii] Vgl. z.B. Gottlob Frege in Grundlagen der Arithmetik, §14

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Kants positive Bestimmung des Begriffes von Objekt in der Kritik der reinen Vernunft
Hochschule
Universität Zürich  (Philosophisches Seminar)
Note
Sehr gute Rekonstruktion
Autor
Jahr
1999
Seiten
43
Katalognummer
V10965
ISBN (eBook)
9783638172530
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant Objekt Kritik der reinen Vernunft
Arbeit zitieren
Andrea Anderheggen (Autor), 1999, Kants positive Bestimmung des Begriffes von Objekt in der Kritik der reinen Vernunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10965

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