Pietismus und Naturwissenschaften


Hausarbeit, 2005
35 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt:

I. Vorbemerkungen

II. Begriffsbestimmungen
1. Der Begriff der Natur in der frühen Neuzeit
2. Der Begriff der Technik in der frühen Neuzeit
3. Der Begriff der Technologie
4. Die Emanzipation der Naturwissenschaften
5. Konzeption und Triebkraft der Innovationen in der frühen Neuzeit
6. Die Physikotheologie

III. Naturwissenschaften und Technik im Pietismus
1. Aspekt: Methoden des Informationstransfers
2. Aspekt: Die Arbeits- und Berufspädagogik August Hermann Franckes
3. Aspekt: Die Kunst- und Naturalienkammer in den Franckeschen Stiftungen
4. Aspekt: Die Apotheke in den Franckeschen Stiftungen
5. Aspekt: Das psychodynamische Medizinkonzept Georg Ernst Stahls
6. Aspekt: Der Techniker-Theologe Philipp Matthäus Hahn
7. Aspekt: Der pietistische Berufsethos nach August Hermann Francke

IV. Der Gedanke der Nützlichkeit und die pietistische Techniknutzung
1. Die Prämisse der Zweckmäßigkeit
2. Die Anwendung der Thesen Webers in der These Mertons
3. Probleme der Merton-These

V. Schlussbemerkungen

VI. Literatur
1. Quellen
2. zitierte Sekundärliteratur

I. Vorbemerkungen

Naturwissenschaften und Theologie haben sich in ihren Anschauungen der Welt und ihren Methoden in den letzten 300 Jahren auseinanderentwickelt. Sie haben sich weitgehend von einander abgegrenzt. Wenn ich nach dem pietistischen Verhältnis zu den Naturwissenschaften frage, begebe ich mich an die Anfänge dieser Entwicklung.

Die Geschichte der Naturwissenschaften beinhaltet die Entwicklung naturwissenschaftlicher Theo- rien und deren praktische Umsetzung in der Technik. Mit Blick auf den Pietismus stelle ich zwei Fragen: Wie haben pietistisch geprägte Persönlichkeiten die naturwissenschaftliche Entwicklung geprägt? Und andersherum: Wurden die Erkenntnisse der Naturwissenschaften innerhalb der pietistischen Gemeinschaften aufgenommen? Wenn ja: Warum?

Die Gestaltung des gelebten Pietismus geschah durch einzelne pietistische Persönlichkeiten. Die Geschichte des Pietismus ist daher schwer von der Geschichte der Pietisten zu trennen. Auch in dieser Arbeit stehen einzelne Persönlichkeiten exemplarisch für einzelne Phänomene.

Ich verwende den engeren Pietismusbegriff, wie er von Johannes Wallmann in der Diskussion um den Pietismusbegriff vertreten wird.1

Die Arbeit ist in drei Hauptteile gegliedert. Nach Annäherung an die Denkweisen der Zeit durch die Bestimmung zentraler Begriffe untersuche ich anhand von sieben Aspekten die Beziehung von Naturwissenschaften und Pietismus. Dabei betrachte ich sowohl den Diskurs naturwissenschaft- licher Erkenntnisse und deren Weitervermittlung durch Pietisten, als auch deren Anwendung. Anschließend analysiere ich den bei den Untersuchungen der Beispiele immer wiederkehrenden Gedanken der Nützlichkeit anhand der These von Robert K. Merton.

Der Schwerpunkt der Untersuchungen liegt aufgrund der guten Quellenlage im Hallischen Pietis- mus. Um auszuschließen, dass die Zusammenhänge nicht nur auf den mitteldeutschen Raum be- schränkt, sondern auf den Pietismus im Ganzen übertragbar sind, ist der Blick auf andere Formen des gelebten Pietismus in den deutschen Ländern des 18. Jahrhunderts notwendig.2 Quellen zu naturwissenschaftlich tätigen Anhängern der Herrnhuter Gemeinschaft Zinzendorfs konnte ich nicht nachweisen. Die Quellenlage zu den verschiedenen radikal-pietistischen Strömungen erlaubt gleichfalls keine Schlüsse zur Fragestellung. Einen Zusammenhang zwischen Pietismus und Frühindustrialisierung im Wuppertal vermute ich zwar, kann diesen aber ebenfalls nicht durch Quellen belegen. Daher werde ich ein Beispiel aus dem württembergischen Pietismus, der sich in Profil und Wirkungsgeschichte vom Hallischen Pietismus unterscheidet, untersuchen.

Diese Arbeit beruht auf dem von mir am 29. November 2004 im Rahmen des Seminars „Pietismus und Aufklärung“ gehaltenen Referat.3 Durch vertieftes Literaturstudium habe ich in der Zwischen- zeit weitere Erkenntnisse gewonnen. Dies lässt mich in einzelnen Punkten dieser Arbeit zu Aus- sagen kommen, die über die im Referat vorgetragenen Gedanken hinausgehen.

II. Begriffsbestimmungen

1. Der Begriff der Natur in der frühen Neuzeit

Seit der Antike wurde die „Natur“ - fÚ sij - in Opposition zum Unnatürlichen, Künstlichen, zum Ar- tefakt, zum Produkt der menschlichen Tätigkeit, zu allem, was mit tšcnh verbunden ist, gedacht. Natur ist damit das Gegenteil von Kultur.4 Im mittelalterlichen Europa herrschte das technomorphe Naturverhältnis vor. Es gab dem Menschen gleichzeitig einen Beherrschungs- und einen Bewah- rungsauftrag. Die Natur außerhalb der Städte erzeugte eher Angst.

Der Begriff der Natur gewann im 17. Jahrhundert einen neuen Sinn. Die Gegenüberstellung von Natürlichem und Künstlichem bzw. Technischem verschwand. Natürliche Phänomene wurden mit Hilfe technischer Vorstellungen erklärt. Die Mechanik wurde zum Kern der neuen Wissenschaften der Natur. Das Natürliche wurde mit dem Künstlichen, Technischen identifiziert. Dies ist die Differenz zwischen der antiken und der neuzeitlichen Naturauffassung.5

Die Vereinheitlichung der Gegensätze von Natur und Technik entspricht ganz dem Weltbild des Barock6, das von Widersprüchen in allen Lebensbereichen, von zerrissenen Lebensgefühlen geprägt war. Diese Antithetik ist das Hauptmotiv der barocken Kunst. Die Menschen waren durch die Erfahrung der existentiellen Not im Dreißigjährigen Krieg und den Jahren des zähen Wiederaufbaus lebenshungrig. Gleichzeitig war ihnen die ständige Bedrohung durch den Tod bewusst, dem keiner entfliehen kann. Das irdische Leben ist einmalig. Die wahre Bestimmung des barocken Menschen war es aber, ins Jenseits einzugehen und ein Teil der göttlichen Ewigkeit zu werden. Diese starken Gegensätze und Spannungen ließen in der Kunst ein Vergänglichkeitsbe- wusstsein aufkommen - das sogenannte Vanitas-Motiv. Dieses führte in vielen barocken Werken entweder zur besonderen Hinwendung zu Gott oder zur Weltflucht. Typisch für das Vanitas-Motiv ist die provozierende Gegenüberstellung von vollem, sattem Leben mit dem Tod oder Todesboten. Das Natürliche gilt dabei immer als das Vergängliche, letztendlich zu überwindende.7 Zur Überwindung der vergänglichen Natur war ihre Technisierung das geeignete Mittel. Eine mechanisierte Natur konnte sich der Vanitas widersetzen. Daher ist das technisch-utilitäre Natur- verhältnis der Aufklärung das Verhältnis des Barock zur Natur. Sie wurde dem Menschen vollständig untergeordnet. Der einziger Zweck der Natur war ihre Nutzung durch den Menschen. Ziel war es, die Natur zu gestalten, zu verfremden und nachzuahmen. So wurde durch die an den absolutistischen Höfen künstlich geschaffenen Welten versucht, die erlebte Vergänglichkeit un- wirksam zu machen, zu verdrängen. Während der Hauptzeit des Pietismus hat sich das technisch- utilitäre Naturverhältnis weitgehend durchgesetzt.8

[...]


1 Vgl. WALLMANN: Der Pietismus, 21-27; WALLMANN: Pietismus, HWP; WALLMANN: Pietismus, RGG; WALLMANN: Was ist Pietismus?; BRECHT: Zur Konzeption der Geschichte des Pietismus; WALLMANN: Eine alternative Geschichte des Pietismus; LEHMANN: Engerer, weiterer und erweiterter Pietismusbegriff; WALLMANN: Pietismus - ein Epochenbegriff oder ein typologischer Begriff?

2 Vgl. den Hinweis zur unzulässigen Verallgemeinerung der im Hallischen Pietismus gemachten Beobachtungen bei WALLMANN: Der Pietismus, 24.

3 Der Referatstext ist unter { http://www.heydecke.de/marcus/studium.html#kg } veröffentlicht.

4 Vgl. HARRINGTON: Natur I. Begriff und naturwissenschaftlich; ROSENAU: Natur, 98-99; 102-104.

5 Vgl. GAIDENKO: Natur- und Technikbegriff in der beginnenden Neuzeit.

6 Der Barock wird in der Literatur zumeist nach 1600 und einschließlich des Rokoko bis 1750 terminiert.

7 { http://www.literaturwelt.com/epochen/barock.html }

8 Zedler geht in seinem Natur-Begriff bereits von einem technisch-utilitären Naturverhältnis aus. Vgl. ZEDLER (HG.): Natur.

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Details

Titel
Pietismus und Naturwissenschaften
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Hauptseminar Kirchengeschichte „Pietismus und Aufklärung“
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
35
Katalognummer
V110099
ISBN (eBook)
9783640082766
ISBN (Buch)
9783640969395
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Text des dieser Arbeit zugrundeliegenden Referats ist auch unter http://www.heydecke.de/marcus/studium.html#kg erhältlich.
Schlagworte
Pietismus, Naturwissenschaften, Hauptseminar, Kirchengeschichte, Aufklärung“
Arbeit zitieren
Marcus Heydecke (Autor), 2005, Pietismus und Naturwissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110099

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