Gemeinschaft versus Gesellschaft


Ausarbeitung, 1999
6 Seiten

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Land — Stadt

GEMEINSCHAFT versus GESELLSCHAFT

Wo finden wir noch die ländlich-dörf­liche Gemeinschaft auf der einen Sei­te, die grossstädtisch industrielle Ge­sellschaft auf der anderen? Das Bild der idyllischen Harmonie und Sicher­heit auf dem Lande neben der in dau­ernder Wandlung und Entwicklung sich befindenden anonymen Welt der Stadt ist überholt — sollte es sich über­haupt je so zugetragen haben und hier nicht viel eher ein Mythos, genährt durch Kunst und Literatur, durch unsere Köpfe geistern.

Damit aber ist die in der Soziologie durch Ferdinand Tönnies” vertretene und lange Zeit von anderen übernom­mene Auffassung, der Gegensatz zwi­schen Stadt und Land liege vor allem im Strukturgegensatz von Gemein­schaft und Gesellschaft fraglich ge­worden. Viele sozialwissenschaftliche Dorfuntersuchungen der letzten Jah­re bezeugen, dass Dörfer und Landge­meinden bereits derart verstädtert sind, dass man ihnen den Charakter einer “Gemeinschaft” im philosophi­schen Sinne kaum mehr zuschreiben kann.

Doch, wenn die Überlegungen gros­ser Denker vergangener Tage von der Urbanisierung überholt wurden, was bleibt uns, um Stadt und Land vonein­ander zu unterscheiden? Die Bevölke­rungsdichte? Der Grad an Technolo­gie?

Die Stadt, so belehrt uns das Lexikon, sei eine Siedlungsform, die sich “durch Grösse, Bevölkerungsstruktur, vor allem aber durch die Rechtsstel­lung (Städteordnung) vom Dorf un­terscheidet»2. Das Land hingegen ist das landwirtschaftlich genutzte Ge­biet — als Pendant zur Stadt.

Ist dies dann auch schon des Pudels Kern? Befinde ich mich immer dann auf dem Land, wenn um mich herum Sonnenblumen wachsen und Trakto­ren rattern? Und ist immer dann von Stadt die Rede, wenn ich Gefahr lau­fe, von einem Bus überrollt zu wer­den und statt Wiesenduft Fabrikluft schnuppere? Ja und Nein.

Zunächst der desillusionierende Ver­weis darauf, dass Soziologen im Hin­blick auf eine reine Unterscheidung von Stadt- und Landleben nicht ein­fallsreicher sind als Demografen. Auch hier wird zunächst ganz und gar trocken von der Einwohnerzahl her argumentiert. Womit ein kleiner ver­träumter Ort der Schweiz wie Amris­wil TG als Stadt zu bezeichnen ist - ein Umstand, der sich erst kürzlich bei der feierlich begangenen Partner­schaft mit der Stadt Radolfzell (D) in das Bewusstsein drängte.

Alle subjektiv relevanten Aspekte wie kulturelles Angebot, Infrastruktur oder Freizeitwert, werden erst in zweiter Linie in Augenschein genom­men — wenn das Kind in den Brunnen gefallen oder besser der Ort offiziell bezeichnet ist.

Die Unterscheidung, wie viele Men­schen auf einer bestimmten Fläche le­ben, hilft zwar, das Augenmerk auf individuelle Lebensbedingungen zu lenken, auf demographische Trends und Entwicklungstendenzen ebenso wie auf Auswirkungen sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen — auf Aspekte eben, die unter subjektiven Gesichtspunkten die Unterscheidung von Stadt und Land bedingen. Aber es sagt noch lange nichts über die Qualität des Lebens aus.

Heinrich Wefing, Feuilletonkorres­pondent der “Frankfurter Allgemei­nen Zeitung (FAZ)” in Berlin, ist der festen Überzeugung, die urbane Stadt sei ein Ort, “der Rückzugsmög­lichkeiten bietet, Nischen für Aussen­seiter, für die im Dunkeln und jene, die sich nach den Lichtern der Strasse sehnen, nach der Lust und dem Las­ter.” Tatsächlich finden sich in kaum einer anderen Stadt so viele Gegen­sätze dicht an dicht und scheinbar friedlich koexistierend wie in Berlin. Doch ist dies auch ein Beweis für Le­bensqualität? Vielleicht denken Sie ja jetzt gerade, Lebensqualität, das ist der See vor der Tür, die Berge am Ho­rizont, der Hahnenschrei am Morgen oder der Plausch im Lädeli um die Ecke.

Tatsächlich ist die empfundene Le­bensqualität eine subjektive Kompo­nente, und so werden auch in den So­zialwissenschaften zunächst die «harten» Fakten der Unterscheidung von Stadt und Land betrachtet, bevor Dimensionen wie Altersstruktur, Sied­lungs- und Verkehrsfläche, Landwirt­schaftsfläche, Waldgebiete, Wasser­fläche oder Schadstoffimmissionen ins Zentrum der Arbeit rücken.

Zu dichtes Zusammenleben beispiels­weise kann Aggressionen fördern, ein grösseres Bedürfnis nach Kontrolle und Strukturierung hervorrufen. Eine sehr geringe Bevölkerungsdichte da­gegen kann zu Isolation und Ge­fühlen der Einsamkeit führen, Proble­me der Infrastruktur erzeugen oder Zurückgezogenheit und Rückständig­keit entstehen lassen.

Ländliche Gebiete zeichnen sich vor allem durch eine geringe Siedlungs- ­und Verkehrsfläche aber einem noch immer überdurchschnittlich hohen Anteil an landwirtschaftlich genutzter Fläche aus. Auch wenn heute die meisten Bewohner kleiner Gemein­den nicht mehr oder nur teilweise von der Landwirtschaft leben können.

Gleichzeitig hat ein Trend eingesetzt, der vor allem besser Verdienende das Leben auf dem Land als attraktives Pendant zur Arbeit in der Stadt ver­mittelt. Immer häufiger — und das lässt sich wiederum mit Zahlen der Demografie belegen — gibt es auf dem Land vor allem sehr alte Men­schen oder diejenigen, die zwischen 30 und 50 Jahre alt sind. Das Land als Altersruhesitz und Erholungsraum für gestresste Manager...

Im Hinblick auf das kulturelle Ange­bot, wozu auch die Erholungsfläche gehört, kann keine genereralisieren­de Antwort zur Unterscheidung von Stadt und Land gegeben werden. Der Wertewandel in der Gesellschaft hat auch dazu geführt, dass sich die An­sprüche an die Funktion von «Erho­lung» verändert haben. Durch die Entwicklung hin zur aktiv gestalteten Freizeit, spielen die Freiflächen eine immer grössere Rolle. Erstaunlicherweise haben hier die Städte eine Vor­reiterrolle, was die ausgewiesenen Flächen zur Freizeitnutzung betrifft. Aber ein hoher Prozentsatz an Erho­lungsfläche heisst nicht automatisch hoher Freizeitwert.

Ländliche Umgebung hat statt roller­skategeeigneter Strassen Wälder und Seen zu bieten. Kinder können auf der Wiese vor der Tür statt auf eigens für sie angelegte und eingezäunte Spielplätze. Auch das Angebot von Ki­nos und Theatern zentriert sich auf Grossstädte — wobei sich dieses Bild hinsichtlich Museen und Bibliotheken eindeutig verschiebt.

Insgesamt muss aber leider — zumin­dest für Deutschland — zusammenge­fasst werden, dass Kultur in den Me­tropolen stattfindet. “Die Provinz ist kulturarm, und zwar kulturarm an Bil­dungskultur.” (Korczak 1995, 148)

Durch die sich immer stärker abzeich­nende Attraktivität der ländlichen Re­gionen für Berufstätige bleibt aller­dings abzuwarten, ob es auch in Europa in absehbarer Zukunft «Geis­terstädte» wie beispielsweise Brasilia geben wird. Individuelle und dorfge­meinschaftlich organisierte Freizeitge­staltung könnte den Städten auch diesen (letzten) Rang ablaufen.

1) Tönnies, Ferdinand (1935).
2) Das Bertelsmann Lexikon (1968),1 197.

Literatur:

- Bollmann, Stefan (Red.) (1999): Kursbuch

Stadt: Stadtleben und Stadtkultur an der Jahrtausendwende. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.

- Das Bertelsmann Lexikon (1968): Band 4, 6 Gütersloh: C. Bertelsmann Verlag.
- Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (1986): Lebensbedingungen in Stadtge­bieten. Dublin: Loughlinstown House Shankill, Co.
- Korczak, Dieter (1995): Lebensqualitäts­Atlas. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH.
- Tönnies, Ferdinand (1935): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der rei­nen Soziologie. Neudruck der & Aufla­ge. Darmstadt: Wissenschaftliche Buch-gesellschaft, 1988.

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Details

Titel
Gemeinschaft versus Gesellschaft
Hochschule
Universität Konstanz
Autor
Jahr
1999
Seiten
6
Katalognummer
V110343
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Artikel erschien unabhängig von der Universität in der Schweiz bei: NORA. Die Frau in Leben und Arbeit. 9/99, 4-5
Schlagworte
Gemeinschaft, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Dr. Sabrina Böhmer (Autor), 1999, Gemeinschaft versus Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110343

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