Weiterbildung - Der rettende Anker?


Ausarbeitung, 2000
6 Seiten

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Zwischen Arbeitslosigkeit und altem Rollenbild

WEITERBILDUNG -DER RETTENDE ANKER?

Was bedeutet berufliche Weiterbil­dung für die Teilnehmerinnen? Was bringt sie ihnen und inwieweit, wenn überhaupt, verändert sie ihre Hand­lungsautonomie in Bezug auf den Umgang mit der eigenen Arbeitslosig­keit? Dies sind angesichts des guten Rufes von Fortbildungs- und Umschu­lungskursen einerseits und den kata­strophalen Eingliederungszahlen bei Frauen andererseits Fragen, die sich immer mehr Personen stellen, die in irgend einer Weise professionell mit beruflicher Weiterbildung beschäftigt sind.

Dass Frauen um ihr Recht auf Arbeit kämpfen, zeigen die Weiterbildungs­zahlen eindeutig. So sind beispiels­weise allein in der Bundesrepublik jährlich rund zwei Drittel aller Weiter­bildungsteilnehmer weiblich. Sie ver­folgen hierbei eher die Strategie, auf ihrem Beruf aufzubauen und wählen eine Fortbildung, häufig im kaufmän­nischen Bereich, statt einer Umschu­lung.

ZURÜCK ZUR TRADI­TIONELLEN ROLLE

Doch schon von Beginn an ist die Si­tuation für sie weitaus problemati­scher als für die männlichen Betroffe­nen. Dies zeigt sich sowohl in der sub­jektiven Verarbeitung der Situation «Arbeitslosigkeit» als auch in der ge­sellschaftlich vorherrschenden Einstel­lung und den Effekten in Familienbeziehungen, die unter Umständen weiteren Druck erzeugen. Betrachtet man die Auswirkungen von Arbeits­losigkeit wird auch hier schnell klar, dass sich die Voraussetzungen und Motive zur Teilnahme an einer Fort­bildung oder Umschulung bei Män­nern und Frauen völlig voneinander unterscheiden. So kommt es zwar in den meisten Familien bei Arbeitslosig­keit zu einer Verschiebung der Rollen. Doch während die Arbeitslosigkeit des Mannes seine familiale Position in Frage stellt und latente Konflikte häufig erst jetzt ausbrechen, kehrt die Familie bzw. Partnerschaft bei Stellenverlust der Frau meist sehr schnell wieder zur traditionellen Aufgabenverteilung der bürgerlichen Familie zurück. Während ein arbeitsloser Mann also häufig mit seinen Bestre­bungen gleichermassen versucht, die in Frage gestellte Rollenverteilung wieder herzustellen, probieren Frau­en auch unter dem Aspekt des Aus­brechens aus alten «neuen» Mustern Zuhause, wieder eine Stelle zu finden.

Arbeitslosigkeit wirkt sich bei Frauen schneller auf das Selbstvertrauen aus als bei Männern. Dies hat unter ande­rem zur Folge, dass sie ihre Chancen auf Wiedereingliederung von Beginn an viel schlechter einschätzen als Männer. Auch vor diesen Aspekten entwickelt sich bei ihnen eine, von den angestrebten Effekten weit ent­fernte, Motivation zur Teilnahme. Nicht unbedingt die Wiedereingliede­rung in den Arbeitsmarkt steht bei vielen Frauen im Vordergrund, son­dern der hier mögliche soziale Kon­takt zu anderen Betroffenen sowie die finanzielle Absicherung.

Bei der Auswertung biographischer Interviews im Rahmen eines wissen­schaftlichen Projekts (Böhmer 1997; Meier et al. 1998) konnte herausge­arbeitet werden, dass es aber nicht unbedingt zu einem Motivationsver­lust infolge geringer Wiedereinglie­derungschancen kommen muss. Viel­mehr ist es häufig der Fall, dass sich Ziele verschieben und im Bereich der qualitativ unabhängigen Bewertun­gen ansiedeln. Gerade Frauen beton­ten in Interviews immer wieder, wie wichtig ihnen die Weiterbildung im Hinblick auf soziale Kontakte und ein gewisses Sicherheitsgefühl sei.

OFFENSIV MIT SITUATIONEN UMGEHEN

Um auf ihre Situation immer wieder hinzuweisen, sind Frauen eher bereit, über ihre Probleme im Hinblick auf Arbeitslosigkeit und Weiterbildung zu sprechen. Bei der erwähnten Studie (Meier et al. 1998) erklärten sich über­wiegend Frauen zu einer zweiten Be­fragung bereit. Bei ihnen wurde sei­tens der Weiterbildungseinrichtungen auch eine hohe Motivation beobach­tet — und dies, obwohl ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nachweislich schlechter sind als für ihre männlichen «Mitschüler».

WEITERBILDUNG ALS STELLENERSATZ

Insgesamt muss hier ganz klar gesagt werden, dass Frauen längst versu­chen, die angebotenen Kurse in ihrem Sinne zu verwerten. Der Gebrauchswert der Fortbildung oder Umschu­lung wird hoch eingeschätzt, auch dann noch, wenn nach ihrem Ab­schluss die neu erworbene Qualifika­tion keine Anwendung im Beruf fin­den kann. Demnach gibt es durchaus eine «Weiterbildung um der Weiter­bildung willen»: Für einen beträcht­lichen Anteil der Beteiligten nicht zuletzt auch wegen fehlender Alter­nativen.

Vor allem für Frauen nehmen die so­zialen Komponenten die ersten Rän­ge ein: Die sinnvolle Überbrückung die Pflege sozialer Kontakte mit Men­schen in ähnlicher Bedrängnis. Doch während Männer die Bildungsmassnahme überwiegend als Sprung­brett betrachten — von dem sie bei sich bietenden Möglichkeiten auch vorzeitig abspringen, identifizieren sich Frauen viel mehr mit den Kursen und betrachten diese häufig selbst als «Beruf». Diese Identifikation mit der Weiterbildung birgt aber auch eine Reihe von Gefahren. Je mehr ich mich in einer Situation sicher und «aufge­hoben» fühle, desto grösser ist die Leere, die das Verlassen zurücklässt. Statt also die Weiterbildung als Zwi­schenstation zu betrachten, wird sie zum Ziel — eine Grundeinstellung, die im Hinblick auf die angestrebte Rein­tegration fatale Folgen haben kann.

RESIGNATION ALS FOLGE

Kommt zur prekären Situation und ei­ner bereits besuchten Fortbildung noch das Argument “Ihr Mann hat ja noch eine Stelle», überlegt sich jede dritte Frau spätestens nach Auslaufen des Arbeitslosengeldes, ob sie sich überhaupt noch als arbeitssuchend re­gistrieren lassen soll. Der Versuch, Frauen massenhaft zurück in Familie und Haushalt zu drängen, ist allerdings nicht neu – war aber schon immer mit Konflikten verbunden. So entwickelte das Kriegsministerium des Deutschen Reiches 1918/19 beispiels­weise eine spezielle Vorgehensweise für «Frauenarbeit in der Übergangswirtschaft»: Berufstätige Frauen soll­ten heimkehrenden Soldaten Platz machen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es dann in den USA grosse Konflikte, als auch hier Mittel­schichtfrauen ihre Arbeitsplätze für heimkehrende Soldaten räumen mussten.

Belegt ist, dass Frauen, die arbeitslos werden, noch immer viel eher das Problem haben, völlig aus dem Er­werbsleben herauszufallen als Män­ner. Bisher konnte die Arbeitslosigkeit die Tradition kontinuierlicher Berufs­tätigkeit in den Vorstellungen betrof­fener Frauen allerdings noch nicht be­seitigen.

Literatur

- Böhmer, 5. (1997): «Vom (lrr-)Glauben, durch arbeitspolitische Massnahmen eine Chance zu erhalten». In: Sozialwis­senschaften und Berufspraxis (SUB) Zeit­schrift des Berufsverbandes Deutscher Soziologen eV., Heft 20/2, 1997, 141—1 53.
- Meier, A. et al. (1998): «Weiterbildungs­nutzen. Über beabsichtigte und unbeab­sichtigte Effekte von Fortbildung und Umschulung. trafo-verlag, Berlin.

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Details

Titel
Weiterbildung - Der rettende Anker?
Hochschule
Universität Konstanz
Autor
Jahr
2000
Seiten
6
Katalognummer
V110345
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Universität war mein Arbeitgeber. Der Artikel erschien in der Schweiz bei: NORA. Die Frau in Leben und Arbeit. 1/00, 9-11
Schlagworte
Weiterbildung, Anker
Arbeit zitieren
Dr. Sabrina Böhmer (Autor), 2000, Weiterbildung - Der rettende Anker?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110345

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