Soziale Arbeit und Soziale Gerechtigkeit. Die Perspektive der Sozialen Arbeit


Referat (Ausarbeitung), 2005
14 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Ungleichheiten und das Projekt „Soziale Arbeit“

3. Soziale Arbeit angesichts neo-sozialer Transformationen

4. Diskussion anhand von 5 Thesen
4.1 These 1
4.2 These 2
4.3 These 3
4.4 These 4
4.5 These 5

5. Schluss

Literaturangabe

1. Einleitung

Die Sozialsysteme in Deutschland unterliegen derzeit starken Reformbestrebungen. Die öffentlichen Kassen sind leer und der Sozialsektor ist einer der Bereiche, die den größten Kürzungen unterliegen. Um nicht nur Leistungen zu kürzen, gibt es gleichzeitig Bemühungen, die Sozialsysteme so neu zu strukturieren, dass die soziale Absicherung bestehen bleibt.

Es ist aber fraglich, ob diese Neustrukturierung immer gerecht zugeht. Viele Menschen werden von den sozialen Sicherungssystemen ausgeschlossen, teilweise aus finanziellen Gründen, teilweise aber auch aus anderen.

Um die Perspektive der Sozialen Arbeit auf diese Neuordnung der Sozialsysteme zu betrachten, werden zunächst die Standpunkte von Werner Thole und Peter Cloos und von Fabian Kessl und Hans-Uwe Otto dargestellt. Diese Texte entstanden im Zuge des 5. Bundeskongress Soziale Arbeit im Jahre 2003.

Im Anschluss an diese Darstellung erfolgt die Diskussion einiger provokanter Thesen, die sich im Zusammenhang mit den Texten ergeben.

Zuletzt erfolgt ein Versuch, die Aufgaben der Sozialen Arbeit im Zuge der derzeitigen Neuorientierung in der Sozialpolitik zu skizzieren.

2. Soziale Ungleichheiten und das Projekt „Soziale Arbeit“

Thole/Cloos stellen für Westeuropa und im Besonderen für die Bundesrepublik Deutschland ein immer weiter reduziertes Angebot an Sozialleistungen des Wohlfahrtsstaates fest. Im Zuge von neoliberaler und neosozialer Rationalisierungspolitik fallen diese Leistungen zunehmend Einsparungskonzepten zum Opfer (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S.37).

Diese Entwicklungen zeigen sich ihrer Meinung nach in vier allgemeinen Tendenzen:

1) Deregulierung
2) Privatisierung
3) Ökonomisierung
4) Destabilisierung (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S.41)

Deregulierung meint nach Thole/Cloos die „Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse sowie der sozialen Sicherungssysteme“ (Thole/Cloos, 2005, S.41). Sie zeigt sich ihrer Meinung nach in der Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen wie Teilzeitarbeit,

Mini-Jobs, Ich-AGs usw. und an der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitszeiten, die als Antwort auf die sich zuspitzende Arbeitsmarktlage gepriesen werden, aber, realistisch gesehen, die Situation nicht signifikant verändern können. Solange die Zielvorgabe jedes Unternehmens die Gewinnmaximierung ist, kann keine Art der Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse die Beschäftigungsquote anheben, denn das Angebot an Arbeitsplätzen orientiert sich am zu erwartenden Kapitalzuwachs und nicht an der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S.39).

Die Zukunft der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen ist derzeit noch völlig offen. Die Entwicklung deutet jedoch in die Richtung, dass sich der Staat immer weiter aus der Finanzierung dieser sozialen Absicherung zurückziehen wird und die Risikoabsicherung zunehmend jedem selbst überlassen sein wird (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S.40).

Das führt zur Tendenz der Privatisierung, also der Verlagerung der bisher staatlich geregelten Absicherung an private Firmen, die diese Funktion übernehmen sollen. So ist zunehmend jeder selbst verantwortlich für die Bildung seiner individuellen Risikoabsicherung. Besonders private Rentenversicherungen sind auf dem Vormarsch. Durch die hohen in Rechnung gestellten Verwaltungskosten der Privatversicherer, die so ihre Erträge sichern, ist die Auszahlung an die Versicherten dementsprechend geringer als bei der staatlichen Rente (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S.41).

Auch die Finanzierung der staatlichen Sozialsysteme wird zunehmend auf die Privathaushalte übertragen. Die Sozialquote selbst hat sich in den Jahren zwischen 1980 und 1998 kaum erhöht, aber der Beitrag der Privathaushalte stieg um 6%, während der unternehmensfinanzierte Anteil sank.

Die Tendenz der Ökonomisierung wurde bereits angesprochen. Diese Tendenz bezeichnet die zunehmende Orientierung an Zielen der Gewinnmaximierung und Effektivitätssteigerung. Diese Ziele sollen vor allem durch Einsparungen im Personalbereich erreicht werden. Hier werden immer mehr Arbeitsplätze „wegrationalisiert“, um die Gewinne des Unternehmens zu erhöhen. Gleichzeitig wird die Arbeitsleistung der verbliebenen Angestellten durch neue Organisations- und Personalsteuerungskonzepte erhöht (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S.38f).

Die Tendenz der Destabilisierung, also der „Infragestellung der historisch gewachsenen ökonomischen und wohlfahrtsstaatlichen Bezugsgrößen“ zeigt sich in allen oben angesprochenen Tendenzen. Das gesamte System der sozialen Sicherung, das sich im wohlfahrtsstaatlichen Deutschland im Laufe der Geschichte entwickelt hat, steht zur Disposition. Die alten Systeme scheinen nicht mehr zeitgemäß zu sein und die aktuellen Probleme nicht mehr lösen zu können (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S.40).

Es werden zunehmend Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen, die keine Chance mehr zu haben scheinen, auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Diese Menschen werden, so Thole/Cloos, für die Gesellschaft quasi nutzlos, wenn nicht sogar zu einer Belastung.

Die Situation ist aber auch für die Betroffenen eine Belastung, denn sie fallen aus der historisch gewachsenen Ordnung heraus. Somit fehlt ihnen die Orientierung an allgemeinen Werten und Verhaltensmustern. Sie müssen sich neu orientieren in Bezug auf soziale Beziehungen, Freizeitgestaltung, finanzielle Möglichkeiten, Normen, Werte, Lebensziele und vieles mehr.

Diese Situation der Neuorientierung und Loslösung von alten Strukturen wird allgemein als Zugewinn an Freiheit empfunden und als Chance zu mehr Individualität. Sie birgt aber auch Gefahren. Es gibt keine Normallaufbahn mehr, in der das Leben einem Automatismus folgt. Die Menschen werden zu eigenen Entscheidungen gezwungen. Aus diesem Entscheidungszwang resultieren aber zwangsläufig auch falsche Entscheidungen, die im schlimmsten Fall zu einem temporären oder auch dauerhaften Ausschluss vom ersten Arbeitsmarkt führen.

Doch nicht nur die Integration in den Arbeitsmarkt ist gefährdet, sondern auch die soziale Integration; viele Sozialkontakte entstehen über das Erwerbsarbeitsverhältnis, oft wird die Teilnahme am öffentlichen Leben durch finanzielle Einschränkungen erschwert (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S43f).

Dieses Problem lässt sich nicht mehr auf bestimmte Risikogruppen in der Bevölkerung eingrenzen, sondern ist in allen Bevölkerungsgruppen und –schichten präsent. Der mögliche Ausschluss von einigen Lebenslagen bezieht sich nicht nur auf den Arbeitsmarkt, sondern auch auf die Versorgung der älteren Familienmitglieder und die Betreuung der Kinder, die zunehmend nicht mehr familiär regelbar sind.

Aus diesen komplexen und sich noch mehr ausweitenden Problemlagen ergibt sich ein zunehmender Bedarf an Hilfeleistungen der Sozialen Arbeit. Es sollte somit eine zunehmende Anerkennung und Ausweitung der Angebote Sozialer Arbeit erwartet werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Die Notwendigkeit der Sozialen Arbeit wird zwar erkannt, aber die Anerkennung der Leistungen und der Sozialarbeiter selbst ist weiterhin eher gering. Diese fehlende Anerkennung zeigt sich besonders in den im Vergleich zu anderen Bereichen der Politik überdurchschnittlich hohen finanziellen Einsparungen in diesem Bereich. So wird den allgemein als notwendig anerkannten Hilfeleistungen der Sozialen Arbeit die finanzielle Grundlage entzogen, so dass sie die dringend benötigten Maßnahmen in vielen Fällen nicht mehr anbieten kann (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S. 45f).

Nach Thole/Cloos ist es deshalb längst an der Zeit, öffentlich auf das Dilemma der Sozialen Arbeit aufmerksam zu machen und sich stärker politisch einzubringen. Viele Menschen sehen auch den Anteil der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft nicht. Deshalb ist es wichtig, das Bild der Sozialen Arbeit in der Öffentlichkeit zu verändern. Es muss deutlich werden, dass die Jugendgerichtshilfe der Sendung „Das Jugendgericht“ und die Arbeit der „Super-Nanny“ Leistungen der Sozialen Arbeit sind und dass nicht allein der zwar empathische, aber erfolglose Streetworker im „Tatort“ die Soziale Arbeit repräsentiert. Denn es gibt in der Öffentlichkeit durchaus anerkannte Beispiele für Vertreter der Sozialen Arbeit (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S. 47f).

Doch nicht nur die Medien stellen ein oft verzerrtes Bild der Sozialen Arbeit dar, auch die Mitarbeiter der Sozialen Arbeit selbst legen zu wenig Wert auf eine Abgrenzung ihrer Arbeit zu anderen Professionen und auf eine Darstellung der Sozialen Arbeit als eine professionelle Tätigkeit. Es muss sich auch ein gestärktes professionelles Selbstbewusstsein herausbilden, um mit gestärktem Selbstbewusstsein das neue Bild der Sozialen Arbeit an die Öffentlichkeit tragen zu können (Vgl. Thole/Cloos, 2005, S.49).

3. Soziale Arbeit angesichts neo-sozialer Transformationen

Kessl/Otto setzen in ihrem Artikel den Schwerpunkt in der Betrachtung der sozialen Sicherungssysteme. Sie stellen die Potentiale aber auch den Missbrauch der Sozialen Arbeit in diesem Zusammenhang dar. Sie sehen in den aktuellen neoliberalen Tendenzen in der Sozialpolitik die Gefahr der Marginalisierung von ohnehin benachteiligten Bevölkerungsgruppen.

Sie geben für die Gewährleistung von sozialer Sicherung zwei entscheidende Bedingungen an, die ökonomische und die soziale, die sich gegenseitig beeinflussen. Traditionell ist in der Familie der Mann für die ökonomische Absicherung, die Frau für die soziale Absicherung zuständig. Aus diesen zwei Bedingungen ergeben sich nach Kessl/Otto drei Ebenen der Absicherung, die familiäre Sicherung zwischen Eltern und Kindern und zwischen den Ehepartnern, die teilkollektive Sicherung der Erwerbstätigen untereinender in Form der Sozialversicherungssysteme und die nationalstaatliche Sicherung in Form der Existenzsicherungssysteme, z.B. Sozialhilfe (Vgl. Kessl/Otto, 2005, S.56).

Seit den 1970er Jahren gibt es verschiedene Positionen, die sich aus verschiedenen Gründen gegen dieses System der sozialen Sicherung ausgesprochen haben. Seit den 1990er Jahren bestimmen neoliberale Überlegungen sowohl im Bereich der Sozialpolitik als auch in der Ökonomie die Kritik am bestehenden Sozialstaatssystem. Das Leitprinzip der Argumentation ist dabei das Prinzip der individuellen Freiheit. Demnach gilt es als erstrebenswert, Eigenverantwortung und Selbstorganisation zu fördern und die staatliche Intervention abzubauen (Vgl. Kessl/Otto, 2005, S.57).

In diesem Zusammenhang bietet sich die Soziale Arbeit als Instrument zur Durchsetzung dieser Strategie an. Das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe und der Aktivierung von vorhandenen Potentialen läuft in eine ähnliche Richtung wie die neoliberalen Bestrebungen in der Sozialpolitik. In der Sozialpolitik geht die Blickrichtung hin zur Aktivierung und weg von der reinen Versorgung. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass bei diesem Prinzip des Förderns und Forderns das Fordern im Vordergrund steht und Hilfe nur im Zusammenhang mit vorangegangener Eigenaktivität gewährt wird. Das Fordern steht also an erster Stelle und nur wer sich fordern lässt, wird auch gefördert. Die sozialen Sicherungssysteme werden immer mehr eingeschränkt und die Unterstützung der Hilfeempfänger wird von deren Engagement abhängig gemacht.

Die Gefahr für die Soziale Arbeit besteht nun darin, dass sie für diese neoliberalen Tendenzen instrumentalisiert wird und dazu beiträgt, benachteiligte Bevölkerungsgruppen, die möglicherweise als nicht förderungswürdig gelten, weiter zu marginalisieren.

Eine andere Schwierigkeit besteht darin, dass gefordert wird, ohne die Voraussetzungen zu berücksichtigen, d.h. dass jeder für seinen eigenen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich ist und diese Verantwortung übernehmen muss, unabhängig davon, ob seine Ausgangsbedingungen Erfolg versprechend waren oder nicht. Es wird also von jedem, egal ob arm oder reich, gebildet oder ungebildet, erwartet, dass er alleine für seinen eigenen Erfolg sorgt (Vgl. Kessl/Otto, 2005, S.58f).

Durch die von Kessl/Otto dargestellte Etablierung von neosozialen Entwicklungen in der Sozialpolitik sehen sie eine Auflösung der Zusammenhänge von ökonomischer und sozialer Absicherung. Durch finanzielle Einschränkungen und zunehmende Globalisierung der marktwirtschaftlichen Systeme stößt die ökonomische Absicherung zunehmend an ihre Grenzen, während bisher unberücksichtigte Potentiale der sozialen Absicherung gefördert werden. Soziale Netzwerke sollen gefördert werden, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich gegenseitig zu unterstützen und Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Durch die Programme zur Sozialraumorientierung wird eine Gemeinschaftlichkeit geschaffen, die es den Menschen ermöglichen soll, durch soziale Beziehungen ihre Lebensqualität eigeninitiativ zu verbessern. Die Verbesserung der Lebensqualität ist subjektiv für den Einzelnen auch durchaus erfolgreich. Auf kollektiver Ebene führt die Sozialraumorientierung aber zur Ausgrenzung eben dieser Sozialräume durch Beschränkung der sozialen Beziehungen auf den eigenen Sozialraum. Eine Orientierung nach außen wird erschwert. So wird der Eindruck eines Kollektivs geschaffen, das sich von der Außenwelt abgrenzt. Das fördert die Marginalisierung dieser Sozialräume und schärft den Blick auf deren Unzulänglichkeiten.

Das Dilemma der Sozialen Arbeit besteht nun darin, die Klienten in den benachteiligten Sozialräumen zu fördern, aber eine Begrenzung auf den eigenen Sozialraum zu verhindern und sich nicht für Strategien der neoliberalen Sozialpolitik instrumentalisieren zu lassen (Vgl. Kessl/Otto, 2005, S.59f).

4. Diskussion anhand von 5 Thesen

Anhand dieser Texte können fünf Thesen erarbeitet und zur Diskussion gestellt werden.

1. Durch Konzepte „Aktivierender Sozialraumorientierung werden Klienten weiter ausgegrenzt.
2. Vom Versorgungs- zum Aktivierungsprinzip, die Gesellschaft zieht sich immer mehr aus der Verantwortung zur Behebung sozialer Ungleichheiten zurück.
3. Soziale Arbeit muss sich um ihre Klienten kümmern, sie aber nicht als Anwalt auf politischer Ebene vertreten.
4. Durch Sparkonzepte in der Sozialpolitik werden soziale Lasten und Risiken immer mehr privatisiert und individualisiert, Soziale Arbeit muss in diesem Kontext ihre Klienten zur Selbsthilfe aktivieren.
5. Bildungspolitik muss als integraler Bestandteil von Sozialpolitik angesehen werden, Soziale Arbeit muss sich deswegen auch mit sozialen Ungleichheiten im Bildungssektor auseinandersetzen.

4.1 Durch Konzepte „Aktivierender Sozialraumorientierung“ werden Klienten weiter ausgegrenzt.

Kessl/Otto beschäftigen sich mit den Folgen der aktivierenden Sozialraumorientierung

auf die Bewohner der aktivierten Sozialräume. Ziel dieser Strategie ist es, sozial schwache Bezirke mit hoher Arbeitslosigkeit und geringem Einkommen dazu zu verhelfen, sich innerhalb des Bezirkes zu orientieren und sich gegenseitig zu unterstützen.

Innerhalb dieser Bezirke ist diese Strategie durchaus erfolgreich, es kann eine subjektiv empfundene Verbesserung der Lebensqualität und der Selbstwahrnehmung verzeichnet werden. Soziale Netzwerke werden gestärkt und die Infrastruktur verbessert.

Diese Hilfe zur Selbsthilfe bezieht sich aber nur auf bestimmte Bereiche, die zu „Problemvierteln“ deklariert werden. So werden die Bewohner dieser Bereiche ausgegrenzt und marginalisiert. Es entsteht eine unsichtbare Grenze zwischen den „Problemvierteln“ und dem „Rest der Stadt“.

Die Infrastruktur innerhalb dieser Viertel wird durch die Sozialraumorientierung deutlich verbessert, aber die Anbindung nach außen wird geschwächt. So entstehen Ghettos mit einer eigenen Bevölkerungsstruktur, die sich von den anderen Vierteln ausgegrenzt fühlt. Sie werden zu einem Sammelbecken für soziale Randgruppen, die nur noch schwer zu integrieren sind und oft auch nicht integriert werden wollen.

4.2 Vom Versorgungs- zum Aktivierungsprinzip, die Gesellschaft zieht sich immer mehr aus der Verantwortung zur Behebung sozialer Ungleichheiten zurück

Die Soziale Arbeit muss im Angesicht der gegenwärtigen neoliberalen Sozialpolitik eine Gratwanderung versuchen.

Zum einen ist die Soziale Arbeit natürlich ihrem Leitmotiv „Hilfe zur Selbsthilfe“ verpflichtet. Dieses Motto soll auch weiterhin großgeschrieben werden, denn Ziel der Sozialen Arbeit muss es weiterhin sein, ihre Klienten zu befähigen, eigenverantwortlich und selbständig ihr Leben zu organisieren. Eine Demokratie kann nur mit mündigen Bürgern funktionieren, die bewusste Entscheidungen für sich und ihre Zukunft fällen können.

Dieses Leitmotiv ist aber nicht nur auf staatlicher Ebene unabdingbar, sondern auch für den einzelnen Bürger notwendig. Das Selbstbewusstsein wird gestärkt und so die Lebensqualität gesteigert. Auf Dauer wird damit auch die Notwendigkeit der Hilfe aufgelöst.

Andererseits besteht die Gefahr, dass die Soziale Arbeit für die Umsetzung der neoliberalen Sozialpolitik instrumentalisiert wird. Denn Ziel dieser Politik ist es, die Bürger zu aktivieren, damit sie sich selbst versorgen können. Dabei wird jedoch sämtliche Verantwortung auf die Bürger selbst übertragen. Sie werden mit ihren Problemen allein gelassen.

Dabei wird nicht berücksichtigt, dass viele Bürger Voraussetzungen mitbringen, die es ihnen sehr schwer, wenn nicht unmöglich, machen, ihr Leben selbständig zu führen. Für den Fall, dass sie bei dem Versuch, ihr Leben eigenverantwortlich zu meistern, scheitern, wird ihnen die komplette Verantwortung aufgeladen, denn soziale Sicherung wird nur denen gewährt, die in der Lage sind, selbständiges Engagement vorzuweisen.

Teilhabe wird an Teilnahme geknüpft. Nur diejenigen, die willens und in der Lage sind, an der Gesellschaft teilzunehmen, wird die Möglichkeit gegeben, an den sozialen Sicherungssystemen teilzuhaben.

So können die derzeitigen Aktivierungsmodelle auch als ein Abwälzen von Verantwortung auf den einzelnen Bürger angesehen werden.

4.3 Soziale Arbeit muss sich um ihre Klienten kümmern, sie aber nicht als Anwalt auf politischer Ebene vertreten.

Ein Aspekt der Sozialen Arbeit ist das klientenzentrierte Arbeiten. Die Soziale Arbeit richtet den Blick auf einzelne Menschen und deren individuelle Problemlagen. Ziel ist es, speziell auf einen Klienten zugeschnittene Lösungen zu finden. So kann die Soziale Arbeit als eine Profession angesehen werden, die sich nur mit einzelnen Menschen beschäftigt.

Doch die Aufgabe der Sozialen Arbeit sollte noch weiter gehen. Indem sie ihre Interessen auch auf politischer Ebene vertritt, kann sie dafür sorgen, die Bedingungen ihrer Klienten zu verbessern. Sie kann Sprachrohr sein für deren Bedürfnisse und auf die Missstände der Gesellschaft aufmerksam machen.

Außerdem sollte die Soziale Arbeit ihr Bild in der Öffentlichkeit verändern. Viele Menschen verkennen die Aufgaben der Sozialen Arbeit und sehen nicht die Bedeutung, die sie für den Alltag aller Menschen hat, nicht nur derjenigen, die allgemein als Zielgruppe bekannt sind, wie z.B. Ausländer oder verhaltensauffällige Jugendliche.

Gerade in einer Zeit, in der die Soziale Arbeit zunehmend ihre Arbeit legitimieren muss, um nicht Sparmaßnahmen zum Opfer zu fallen, ist diese Art der Öffentlichkeitsarbeit notwendig.

4.4 Durch Sparkonzepte in der Sozialpolitik werden soziale Lasten und Risiken immer mehr privatisiert und individualisiert, Soziale Arbeit muss in diesem Kontext ihre Klienten zur Selbsthilfe aktivieren.

Die sozialen Sicherungssysteme wie Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung usw. unterliegen derzeit großen finanziellen Engpässen und enormen Sparmaßnahmen. Um Geld zu sparen zieht sich der Staat immer weiter aus der Finanzierung dieser Systeme zurück und schafft auch keine neuen öffentlich geförderten Systeme. Die Verantwortung für die soziale Absicherung wird auf die Bürgern übertragen. Die privaten Rentenversicherungen stellen dementsprechend einen großen Zulauf fest. Die Bürger müssen hier also selbständig für ihre Absicherung sorgen und sie selbst finanzieren. Ist jemand nicht in der Lage, die Absicherung zu finanzieren, muss er das Risiko selbst tragen und ist u.U. nicht ausreichend abgesichert.

So kann es Aufgabe der Sozialen Arbeit sein, sich auf politischer Ebene dafür einzusetzen, die sozialen Sicherungssysteme soweit wie möglich zu erhalten oder sozialverträglich zu reformieren. Außerdem kann die Soziale Arbeit Aufklärung leisten und ihre Klienten in die Lage versetzen, sich privat absichern zu können. Dazu müssen neue Angebote geschaffen, die auf die veränderte Situation abgestimmt sind. Das können u.a. Beratungsangebote, aber auch Bewerbungstrainings und Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung sein.

4.5 Bildungspolitik muss als integraler Bestandteil von Sozialpolitik angesehen werden, Soziale Arbeit muss sich deswegen auch mit sozialen Ungleichheiten im Bildungssektor auseinandersetzen.

Es gibt in diesem Zusammenhang drei Komponenten, die sich stark gegenseitig beeinflussen. Die Bildung ist von der sozialen Herkunft abhängig, die berufliche Situation hängt von der Bildung ab und die berufliche Situation wiederum bedingt die soziale Situation.

Die PISA-Studie hat wieder mal gezeigt, dass Kinder aus reichen Elternhäusern eine bessere Bildung erfahren und dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Diese guten Voraussetzungen sorgen in der Regel dafür, dass sie im späteren Leben einen hohen sozialen Status haben werden.

Andersherum bekommen Kinder aus armen Familien eine schlechtere Bildung und haben darum schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und verbleiben weiterhin auf einem niedrigeren sozialen Stand.

Aufgrund dieser Zusammenhänge muss die Bildungspolitik als wichtiger Bestandteil von Sozialpolitik angesehen werden. Sozialpolitik muss in diesem Zusammenhang dafür sorgen, dass auch Kinder aus sozial schwachen Schichten eine gute Bildung bekommen, um aus diesem Teufelskreis ausbrechen zu können.

Das Klientel der Sozialen Arbeit besteht zu einem großen Teil aus Menschen mit niedrigerer sozialer Herkunft. Durch bessere Bildungschancen für Menschen dieser Schichten haben sie die Chance, aufzusteigen. Dadurch verringert sich möglicherweise die Notwendigkeit für diese Menschen, die Leistungen der Sozialen Arbeit in Anspruch zu nehmen.

Diese Verbesserung der Chancen auf eine höhere soziale Stellung ist auch Aufgabe der Sozialpolitik. Aufgrund der oben geschilderten Zusammenhänge von Bildung und sozialem Status ist also auch die Bildungspolitik als Bestandteil von Sozialpolitik anzusehen.

5. Schluss

Es zeigt sich also, dass die Soziale Arbeit in einer schwierigen Situation steckt. Sie muss vielen verschiedenen, teilweise widersprüchlichen Ansprüchen gerecht werden. So ist es wichtig, dass die Soziale Arbeit als Profession ein stärkeres Profil entwickelt, um auf Grundlage dieses Profil entscheiden zu können, wie sie sich zu den verschiedenen Problemlagen verhalten soll.

Ein gestärktes Profil hilft, zu verhindern, dass die Soziale Arbeit für politische Interessen instrumentalisiert wird. Mit einem genaueren Leitfaden kann sie sich auch auf politischer Ebene zielgerichteter und damit effektiver für ihre Interessen einsetzen.

Gleichzeitig darf die Soziale Arbeit bei aller Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit sich selbst ihre Klienten nicht aus den Augen verlieren. Sie muss ihre Angebote weiter stärken und durch Evaluation Bedarfe aufdecken und Maßnahmen verbessern.

Grundlegend ist aber auch, das Bild der Sozialen Arbeit in der Öffentlichkeit neu zu formen und zu stärken, um sich so eine breitere Unterstützung in der Öffentlichkeit zu sichern und die Öffentlichkeit von der Brisanz der Themen der Sozialen Arbeit zu überzeugen.

So zeigt sich, dass sich nicht nur die Sozialpolitik an einem Wendepunkt befindet, sondern auch die Soziale Arbeit. Die Soziale Arbeit muss diese Veränderung mitmachen und sich verändern und dadurch wieder stärken. Das kann aber nur gelingen, wenn Theorie und Praxis ihre gegenseitigen Kommunikationsschwierigkeiten überwinden und wieder stärker vernetzt arbeiten.

Literaturangabe:

Kessl, F./Otto, H.-U., 2005: Soziale Arbeit angesichts neo-sozialer Transformationen, in: Thole, W., u.a. (Hg.):

Soziale Arbeit im öffentlichen Raum. Soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen, Wiesbaden, 2005

Thole, W./Cloos, P., 2005: Soziale Ungleichheiten und das Projekt “Soziale Arbeit”, in: Thole, W., u.a. (Hg.):

Soziale Arbeit im öffentlichen Raum. Soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen, Wiesbaden, 2005

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit und Soziale Gerechtigkeit. Die Perspektive der Sozialen Arbeit
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Seminar: Soziale Arbeit und Soziale Gerechtigkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V110436
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Arbeit, Gerechtigkeit, Perspektive, Sozialen, Seminar
Arbeit zitieren
Annika Klein (Autor), 2005, Soziale Arbeit und Soziale Gerechtigkeit. Die Perspektive der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110436

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