Äthiopien ist in vielerlei Hinsicht ein interessantes Land, vor allem aber, weil es eine lange schriftliche Tradition pflegt. Es werden etwa achtzig verschiedene Sprachen in Äthiopien gesprochen, die vier unterschiedlichen Sprachfamilien zugehören, wobei sich Amharisch als offizielle Sprache durchgesetzt hat, auch wenn Oromo etwa gleich viele Muttersprecher aufweist (1998 hatte Oromo 17.080.000 Muttersprachler 1 , und Amharisch 17.372.913 Muttersprachler 2 ). [...] Äthiopien unterscheidet sich von anderen Afrikanischen Nationen dadurch, dass es ein sehr altes orthodoxes Christentum hat, das im 4. Jahrhundert über die ägyptisch-koptische Kirche nach Äthiopien gelang, und von König Ezana zur Staatsreligion gemacht wurde. 4 Es ist älter als die christlichen Wurzeln in Europa. Der christliche Glaube wurde von den Amharen über die Jahrhunderte weiter tradiert, während sie sich nach Süden verbreiteten. Natürlich haben auch andere Religionen in Äthiopien Anhänger gefunden, wie das Judentum, das mit jüdischen Pilgern zu Zeiten Salomos über Handelsruten aus Jerusalem den Weg nach Äthiopien fand. Der Islam festigte sich im 9. Jahrhundert in Form von kleinen Sultanaten. 5 Davon abgesehen haben sich natürliche volkstümliche Bräuche erhalten, und sich zum Teil mit den importierten Religionen vermischt. Eine weitere Besonderheit Äthiopiens ist es, dass es nie wirklich kolonialisiert wurde. Im ausgehenden 19. Jahrhundert versuchten die Italiener das Land zu besetzen. Doch dem damalige Kaiser Menilek II., der das Land auf seine heutige Größe ausdehnte, gelang 1895/96 bei der Schlacht von Adwa ein überwältigender Sieg und er schaffte es die Italiener bis in ihre damalige Kolonie Ertra zurück zu drängen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Äthiopien — eine Einführung
1.2 Aufbau der Arbeit
2. Literatur in Äthiopien
2.1 Geez — Amharisch — Englisch
2.2 Die äthiopische Literatur des 20. Jahrhunderts
3. Daniachew Worqu — Leben und Werk
4. Die Dreizehnte Sonne
4.1 Handlung
4.2 Schauplatz
4.3 Personen
5. Äthiopien zwischen Tradition und Moderne
5.1 Fitawrary Woldu
5.2 Goytom
5.3 Woynitu
5.4 Der Bauer
5.5 Die Zauberin und der Priester
5.6 Weitere Charaktere
6. Thirteen months of sunshine
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert den äthiopischen gesellschaftlichen Wandel vom 20. Jahrhundert bis zur Zeit der Revolution anhand von Daniachew Worqus Roman „Die Dreizehnte Sonne“. Das primäre Ziel ist es, die vielschichtige Spannung zwischen traditionellen Werten und der Moderne zu untersuchen sowie die Rollen der verschiedenen Generationen und sozialen Schichten im Kontext dieses Transformationsprozesses zu beleuchten.
- Die literarische Entwicklung Äthiopiens unter besonderer Berücksichtigung der Sprachwahl (Geez, Amharisch, Englisch).
- Biografische Hintergründe des Autors Daniachew Worqu und deren Einfluss auf sein schriftstellerisches Schaffen.
- Die symbolische Bedeutung der Romanfiguren als Repräsentanten für den Zustand der äthiopischen Gesellschaft.
- Das Spannungsfeld zwischen christlich-orthodoxem Glauben und tradiertem Aberglauben im Alltag.
- Die kritische Auseinandersetzung des Autors mit politischen Missständen und dem kaiserlichen Regime.
Auszug aus dem Buch
5.1 Fitawrary Woldu
„‚Du vertraust mehr auf weiße Ärtzte, nicht wahr, Goytom?’ sprach der Fitawrary. ‚Du kriechst ihnen zu Füßen. Sie sind deine Götter. Nun, es war ja sogar dein Wunsch, mich unter ihrem Schlachtmesser sterben zu sehen.’ [...]
‚Ich würde eher zu einem Priester gehen, dessen Behandlung aus geflüsterten Zaubersprüchen und Spucke besteht, als zu einem Artzt.’“
Viele solcher Bemerkungen hört man aus des Fitawrarys Mund, der voller Skepsis gegenüber den westlichen Wertvorstellungen ist, sei es in der Medizin oder auf anderen Gebieten. Doch dies ist die allgemeine Praxis in Äthiopien, zumindest unter den meisten Konservativen und Älteren. Denn Priester und die äthiopisch-orthodoxe Kirche genießen eine hohe Autorität und hohes Ansehen unter den Äthiopiern, was definitiv mit der Verbundenheit zwischen Kirche und Monarchie zusammenhängt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die äthiopische Sprach- und Religionsvielfalt sowie Darlegung des methodischen Aufbaus der Hausarbeit.
2. Literatur in Äthiopien: Überblick über die historische Entwicklung der äthiopischen Literatur von den Geez-Schriften bis hin zur verstärkten Nutzung des Englischen in den 60er und 70er Jahren.
3. Daniachew Worqu — Leben und Werk: Biografie des Autors, die dessen familiäre Prägung und akademischen Werdegang als Grundlage für sein literarisches Verständnis beleuchtet.
4. Die Dreizehnte Sonne: Vorstellung des Romans hinsichtlich der Handlung, des Schauplatzes und der Protagonisten.
5. Äthiopien zwischen Tradition und Moderne: Tiefgehende Analyse der Romanfiguren und ihrer Rollen im Spannungsfeld zwischen altem, kaiserlichem Äthiopien und den Einflüssen der Moderne.
6. Thirteen months of sunshine: Reflexion über die Ambiguitäten im Roman und die kritische Auseinandersetzung des Autors mit politischen Realitäten unter Zensurdruck.
7. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, welche den Roman als gesellschaftskritische Spiegelung der äthiopischen Zustände identifiziert.
Schlüsselwörter
Äthiopien, Daniachew Worqu, Die Dreizehnte Sonne, Amharische Literatur, Tradition, Moderne, Gesellschaftskritik, Religion, Aberglaube, Kaiserreich, Literaturgeschichte, Kulturwandel, Identität, Soziale Schichten, Postkolonialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Übergang Äthiopiens von Tradition zu Moderne anhand des Romans „Die Dreizehnte Sonne“ von Daniachew Worqu.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Entwicklung in Äthiopien, der Spannung zwischen Religion und Aberglauben sowie den sozialen Konflikten zwischen den Generationen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine Textanalyse aufzuzeigen, welche sozialen Rollen verschiedene Bevölkerungsgruppen in einer Gesellschaft einnehmen, die sich im Wandel befindet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman in seinen historisch-gesellschaftlichen Kontext stellt und dabei stark auf die Aussagen des Autors selbst zurückgreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Charaktere des Romans sowie die symbolische Bedeutung der Handlung und die politischen Ambivalenzen des Werks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen äthiopische Literatur, Daniachew Worqu, Tradition und Moderne, sowie Gesellschaftskritik und religiöser Synkretismus.
Warum spielt das „Koso-Wasser“ im Roman eine solche Rolle?
Es dient als Symbol für die Diskrepanz zwischen traditionellen Heilungsmethoden und moderner Medizin, während es gleichzeitig die Demütigung der alten Generation verdeutlicht.
Welche Bedeutung hat der „Schauplatz“ Berg Z™qwala?
Er fungiert als naturalistische Kulisse und als symbolischer Ort, der den Konflikt zwischen monarchisch-theokratischem Erbe und zeitgenössischem Wandel verdeutlicht.
Warum wird Daniachew Worqu als kritischer Autor eingestuft?
Er thematisiert in seinen Werken offen die sozialen Missstände und das autoritäre System, was zur Zeit seiner Publikation unter dem kaiserlichen Regime und der folgenden Zensur sehr riskant war.
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- Holger W. Körtge (Author), 2004, Äthiopien zwischen Tradition und Moderne am Beispiel von Daniachew Worqus Werk "Die Dreizehnte Sonne", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110754