Lehre ohne Zeichen? Augustinus Sprachphilosophie


Hausarbeit, 2007

28 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leben Augustinus und dessen philosophischer Hintergrund

3. Sprachphilosophie und Augustinus

4. Grundlagen und Einflüsse auf Augustinus Sprachauffassung

5. Die Schriften

6. Zeichenanalyse (De magistro)

7. Sprache und Lehren bei Augustinus

8. Sprache in De dialectica und De doctrina Christiana

9. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Sprachphilosophie Augustinus näher betrachtet werden. Um die Ausführungen thematisch einzugrenzen soll das von ihm erkannte Problem des Lehrens und Lernens näher untersucht werden.

Als Grundlage der Analyse dient der Dialog De magistro, wobei aber auch andere Texte zur Erhellung und näheren Erläuterung der Erkenntnisse herangezogen werden. Dazu zählen vor allem: De dialectica, De doctrina Christiana und Confessiones.

Damit seine Sprach- und Zeichentheorie verständlich dargestellt und richtig eingeordnet werden kann, soll zuerst kurz etwas über Augustinus Leben und dessen philosophischen Hintergrund erarbeitet werden. Danach wird sein Verhältnis zur Sprachphilosophie im Allgemeinen beschrieben, um dann auf die Einflüsse einzugehen, die seine Auffassungen maßgeblich geprägt haben.

Ein weiterer Schritt soll dann eine überblicksartige Vorstellung der relevanten Schriften sein. Dadurch wird es möglich, eine erkennbare Entwicklung seiner Annahmen und Standpunkte bezüglich des Themas Sprache kurz zu skizzieren und sein großes persönliches Interesse daran aufzuzeigen.

Deutlich hervorgehoben werden soll vor allem Augustinus besondere Sprachauffassung und das Verhältnis von Sprache und Wahrheit, dass diese kennzeichnet. Die von ihm vorgestellte Zeichentheorie soll dann in einem Hauptteil genauer betrachtet und untersucht werden, um dann die Fragen klären zu können, was durch Zeichen über Zeichen gelernt werden kann und was durch Zeichen über Dinge gelernt werden kann? Dazu stellt sich das Problem ob und wie überhaupt durch Zeichen gelehrt oder gelernt werden kann? Oder ist eine Lehre ohne Zeichen möglich?

Mit einer Zusammenfassung und einer kurzen Stellungnahme sollen abschließend noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse zusammengetragen und kritisch analysiert werden, um die Auffassung Augustinus aus heutiger Sicht würdigen zu können.

2. Das Leben von Augustinus und dessen philosophischer Hintergrund

Im Jahre 354, am 13. November1, wird Augustinus in Thagaste / Nordafrika (heutiges Algerien), als Sohn eines heidnischen Vaters und einer christlichen Mutter, geboren2, wo er die Elementarschule besucht. Die Grammatikschule absolviert er in der Regionalstadt Madaura, die Hochschule in der Hauptstadt Karthago. Dort studiert er Rhetorik und ist besonders von Ciceros Schrift „Hortensius“ begeistert. Geprägt ist diese Zeit vom spätrömischen Tempelkult und freien Lebensformen sowie vom Manichäismus. Dieser Religionsgemeinschaft gehört Augustinus zehn Jahre lang an, da er glaubt in der Lehre der Manichäer die Wahrheit zu finden. Dazu herrschen Konflikte zwischen Katholiken und der christlichen Sekte der Donatisten.3

Der Manichäismus, der den Materialismus predigt, kann Augustinus, wegen dessen innerer Widersprüchlichkeit, allerdings nicht zufriedenstellen. So knüpft er wenig später wieder an Cicero und die von ihm vermittelte Skepsis an. Als weitere Grundlage für Augustinus sprachphilosophisches Verständnis sind die Predigten von Ambrosius zu nennen, durch die er auf eine platonische Auslegung des christlichen Glaubens stößt. Dazu wird er durch die Hypothesenlehre Plotins sowie dessen Emanationstheorie und seine Auffassung von der Rückkehr der Seele zum Einen beeinflusst.4

Schließlich gelangt Augustinus über die Bekehrung im Mailänder Garten dazu, den ganzen christlichen Glauben anzunehmen und sich aus dem Rhetorendienst zurückzuziehen, um sich dem christlichen Leben zu widmen.5

372 bekommen Augustinus und seine Frau einen Sohn, Adeodatus („von Gott gegegeben“).6 Dieser ist in dem Dialog „Über den Lehrer“ (De magistro) sein Gesprächspartner. 389 schreibt er diesen, nach seiner Taufe durch den Mailänder Bischof Ambrosius. Im selben Jahr stirbt Adeodatus.7 In ihm zeigt er die zeitgenössische Grammatik auf, wobei sich auch Übereinstimmungen zu seiner frühen Schrift „Über die Dialektik“ (De dialectica) finden lassen, die eine stoische Strömung der Sprachphilosophie Augustinus erkennen lässt. Später wird jedoch platonisches Denken in seinen sprachphilosophischen Überlegungen bestimmend.8

Bei einem Aufenthalt in der Bischofsstadt Hippo Regius wird Augustinus zum Bischof ernannt, nachdem er, eher gegen seinen Willen, zum Presbyter geweiht wurde.9 In dieser Zeit entstehen unter anderem seine bekanntesten Werke:

„Bekenntnisse“ (Confessiones), „Über die Dreieinheit“ (De trinitate) und „Über den Gottesstaat“ (De civitate dei).10

Am 28. August 430 stirbt Augustinus währende der Belagerung von Hippo Regius durch Geiserich mit seinen Vandalen und Alanen.11

3. Sprachphilosophie und Agustinus

Seit Ende des 18. Jahrhunderts hat die philosophische Betrachtung der Sprache an Bedeutung zugenommen. Vor allem Hamann, Herder, Fichte und Humboldt haben diesem Thema eigene philosophische Abhandlungen gewidmet. Sie thematisierten den Zusammenhang zwischen Sprechen, Denken und Erkenntnis.12

Mit dem „Tractatus logico-philosophicus“ von Wittgenstein setzt eine sprachkritische Wende erkenntnistheoretischer Fragen ein. So spricht dieser selbst davon, dass jede Philosophie Sprachkritik sei.13

Betrachtet man allerdings die heutige philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema „Sprachphilosophie“, fällt auf, dass die antiken Philosophien der Sprache immer mehr in den Hintergrund geraten. Entsprechende Autoren finden zumeist nur in schematischen Aufzählungen Erwähnung. Als „Vorläufer“ oder

„Traditionsstränge“ werden dann neben den Stoikern vor allem Platon und Aristoteles besprochen.14

Augustinus findet also sehr wenig Beachtung, wenn dann nur in Zusammenhang mit Wittgenstein und dessen Kritik am Vorgang des infantilen Spracherwerbs in den Bekenntnissen. Oft wird daher sein Beitrag zur Sprachphilosophie dann auch entweder ignoriert oder über- bzw. unterschätzt.15

Zu den sprachphilosophisch relevanten Schriften Augustinus zählen vor allem: „De dialectica“, „De magistro“, „De doctrina Christiana“, „Confessiones“ und „De trinitate“.16

In De dialectica liefert Augustinus Aristotelisches und stoisches Schulgut, welches, durch Adeodatus referiert, in De magistro als implizite Basis dient. Allerdings beginnt Augustinus hier auch die Kritik daran. Mit dieser Schrift beginnt also seine kritische Phase:17 „In den frühen, in Cassiciacum entstandenen Schriften noch ganz der `Materie` befangen, geht Augustin mit De magistro in eine kritische Phase über, in der die menschliche Sprache mit skeptischen Tendenzen (immerhin aber in Dialogform) zunächst diskutiert, dann aber hinsichtlich ihrer Erkenntnis- und Wahrheitsfähigkeit diskreditiert wird.“18

De trinitate steht dann am Ende Augustinus sprachphilosophischer Überlegungen. Hier lässt er „ […] das Wort konkreter Sprache als bedeutungslosen Klang endgültig hinter sich, um in metaphysischen Spekulationen die Unbegreiflichkeit des göttlichen Wortes verständlich zu machen, das mit den Wörtern menschlicher Sprache nichts mehr gemein hat.“19

Besonderes Augenmerk soll in der vorliegenden Arbeit auf dem Dialog von Augustinus mit seinem Sohn Adeodatus De magistro liegen. Um ein besseres Bild seiner Sprachauffassung und -bewertung zeichnen zu können, sollen auch die anderen genannten Schriften mit betrachtet werden.

4. Grundlagen und Einflüsse auf Augustinus Sprachauffassung

Augustinus intellektuelle Herkunft ist in der klassisch-lateinischen Bildung zu sehen. Dennoch steht er am Wendepunkt einer Entwicklung der Trennung des lateinischen Westens vom griechischen Osten und kann daher den Unterricht lateinischer Grammatiker besuchen, ohne als ungebildet zu gelten. Dennoch sind auch wenige griechische Einflüsse zu erkennen, nicht nur über den Eklektiker Cicero, sondern auch durch die Übersetzungen des Marius Victorinus und die Schriften Varros und Apuleius.20

In Bezug auf die Themen „Sprachtheorie“ und „Epistemologie“ ist vor allem der Einfluss der Stoiker auf Augustinus Denken zu erwähnen: „ [K]eine Philosophenschule der Antike hat sich intensiver mit sprachlich-grammatischen und darüber hinaus mit rhetorischen Problemen beschäftigt als die Stoa.“21

Diese stoischen Einflüsse zeigen sich auch in der Kritik Augustinus am Skeptizismus der „Neueren Akademie“.22

Zu den bedeutendsten Einflüssen, die für die philosophische Bildung des jungen Augustinus besonders relevant sind, gehören: „1. Ciceros Hortensius und die Academici libri, 2. Die stoische Erkenntnistheorie und Dialektik (welche die Sprachtheorie beinhaltet), 3. die skeptischen Einwände der Neueren Akademie sowie

4. Aristoteles´ Categoriae und De interpretatione.“23 Wenn der Einfluss auf Augustinus sprachtheoretische Explikation doch sehr gering ist, soll hier auch die neuplatonische Philosophie nicht unerwähnt bleiben, da sie für seine intellektuelle Gesamtentwicklung doch mitprägend war.24

Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle auch der Einfluss der Manichäer, denen er lange Zeit angehörte. Allerdings fühlte er sich später von ihren Worten, den verführerischen Reden, um die Wahrheit betrogen. Aus dieser Erkenntnis heraus lässt sich nachvollziehen, warum sich für Augustinus das Problem der Sprache vor allem als ein Problem ihres Verhältnisses zur Wahrheit darstellt.25

5. Die Schriften

Die genannten Schriften enthalten sprachphilosophische Überlegungen. Dennoch muss an dieser Stelle bemerkt werden, dass lediglich De dialectica und De magistro ausschließlich dem Thema Sprache gewidmet sind. Allerdings besteht fast überall ein Zusammenhang zu epistemologischen Fragen.26

De dialectica

De dialectica gehört, wie De magistro zu einem Plan von Augustinus, eine Reihe von Büchern über die „freien Wissenschaften“ zu schreiben. Allerdings bleiben sie Fragmente, da er dieses Vorhaben, einen christlichen Lehrplan der „artes liberales“ zu entwerfen, nicht realisieren konnte.27

Anschaulich wird in De dialectica, dass Augustinus über genaue Kenntnisse der stoischen Aussagenlogik verfügte.28

De magistro

Wie schon kurz erwähnt, entstand De magistro vermutlich im Todesjahr seines Sohnes Adeodatus ca. 389. Die Schrift ist in Dialogform verfasst und in seinen „Bekenntnissen“ schreibt Augustinus, dass er in der Zeit um 387 tatsächlich Gespräche über die Funktion der Sprache für die Wahrheitserkenntnis und -vermittlung mit seinem Sohn geführt hat. Es ist also zu erkennen, dass er in der Form der Schrift seinem Vorbild Cicero folgt, dessen Dialoge „Hortensius“, „Catulus“ und auch „Lucullus“ auch Gespräche mit den jeweiligen historischen Persönlichkeiten voran gingen.29

De magistro ist also den Frühschriften von Augustinus zuzuordnen, da er der letzte Text in Dialogform war. Er dokumentiert also:30 „ […] nicht nur die Abwendung Augustinus von dieser klassischen Literaturform, sondern auch die Ablösung des dialogischen Weges philosophischer Erkenntnis durch göttliche Offenbarung der Wahrheit.“31

Kennzeichnen für diese Entwicklung ist die Tatsache, dass der letzte Teil von De magistro nicht mehr in Dialogform abgefasst ist, sondern als ortio perpetua den Kern der Schrift enthält.32 Hier ist wieder die Anlehnung an Cicero´s „Hortensius“ zu erkennen, der seine wesentlichen Gedanken ebenfalls in einer ausführlichen Schlussrede formuliert.33

Der Dialog bleibt also lediglich Stilmittel und die Person des Adeodatus unerheblich, da er als Schüler nur die Aufgabe übernimmt, die gebräuchlichen sprach- und lerntheoretischen Schulmeinungen so vorzuführen, dass es Augustinus ermöglicht wird, direkt Kritik daran zu üben. In der ausführlichen Schlussrede kann er so seine eigene Lerntheorie entwickeln.34

Die Schrift „De diuersis quaestionibus octoginta tribus“, die eine Sammlung philosophisch-theologischer Kurztexte darstellt, ist etwa zur gleichen Zeit wie De magistro entstanden und stellt eine sinnvolle Ergänzung zu diesem Dialog dar, die überdies die Gedanken klarer formuliert und konzentriert fertige Ergebnisse darstellt.35

[...]


1 Vgl. Flasch 1997, S.59.

2 Vgl. Störig 2003, S.253.

3 Vgl. Mojsisch 1996, S. 63 und Störig 2003, S. 253.

4 Vgl. Mojsisch 1996, S. 63.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. Flasch 1997, S. 59.

9 Vgl. Mojsisch 1996, S. 63.

10 Vgl. Mojsisch 1996, S. 64 und Störig 2003, S. 254.

11 Vgl. ebd. und Flasch 1997, S. 65.

12 Vgl. Kahnert 1999, S. 1. 13 Vgl. ebd.

14 Vgl. Kahnert 1999, S. 2.

17 Vgl. Kahnert 1999, S. 3.

18 Kahnert 1999, S. 3.

19 Kahnert 1999, S. 3.

20 Vgl. Kahnert 1999, S. 19f.

21 Barwick 1957, . 7.

22 Vgl. Kahnert 1999, S. 21.

23 Kahnert 1999, S. 22.

24 Vgl. Kahnert 1999, S. 23.

25 Vgl. Borsche 1986, S. 123.

26 Vgl. Kahnert 1999, S. 7.

27 Vgl. Kahnert 1999, S. 9f.

28 Vgl. Kahnert 1999, S. 11.

29 Vgl. Kahnert 1999, S. 11.

30 Vgl. ebd.

31 Kahnert 1999, S. 11f.

32 Vgl. Kahnert 1999, S. 12.

33 Vgl. Feldmann 1975, Bd.1, S. 85f.

34 Vgl. Kahnert 1999, S. 12.

35 Vgl. Kahnert 1999, S. 12f.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Lehre ohne Zeichen? Augustinus Sprachphilosophie
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Philosophie der Erziehung
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V111107
ISBN (eBook)
9783640092048
ISBN (Buch)
9783656208976
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lehre, Zeichen, Augustinus, Sprachphilosophie, Philosophie, Erziehung
Arbeit zitieren
M.A. Katja Seidel (Autor), 2007, Lehre ohne Zeichen? Augustinus Sprachphilosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111107

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