Einführung in die Pfadfinderpädagogik

Ein Handbuch für Leiterinnen und Leiter


Fachbuch, 2009

131 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Pfadfinden – Entwurf für eine Selbsterziehung

2. Zur pfadfinderischen Persönlichkeitsförderung (Ziele)
2.1 Baden-Powells staatsbürgerliche Erziehung
2.2 Pfadfinden – Weg einer Erziehung zur Demokratie

3. Fortschreitende und attraktive Programme (Inhalte)

4. Der Weg pfadfinderischer Selbsterziehung (Pfadfindermethode)
4.1 Leben pfadfinderischer Werte (Regeln und Versprechen)
4.1.1 Kennzeichnung pfadfinderischer Werterziehung
4.1.2 Zur Umsetzung pfadfinderischer Werterziehung
4.2 Pfadfinderisches Erfahrungslernen („Scouting is Doing“)
4.2.1 Grundsätze eines Lernens durch Handeln
4.2.2 Kreatives Pfadfinden
4.2.3 Zur Bedeutung pfadfinderischen Erfahrungslernens
4.2.4 Pfadfinderische Abenteuerunternehmungen
4.3 Lernen in kleinen Gruppen
4.3.1 Zur Bedeutung einer Bildung von kleinen Gruppen
4.3.2 Das Zusammenspiel der Kleingruppen
4.3.3 Der Pfadfinderstamm
4.3.4 Aufgaben der erwachsenen Leiterinnen und Leiter
4.3.5 Integratives Pfadfinden
4.4 Natürliches und naturverbundenes Leben
4.4.1 Leben in und mit der Natur
4.4.2 Natürliches menschliches Leben
4.5 Internationales Lernen

5. Bedürfnisorientiertes Pfadfinden
5.1 Zur Symbolik des Pfadfindens
5.2 Bedürfnisorientiertes Pfadfinden in den Altersstufen

6. Formen pfadfinderischen Handelns
6.1 Zur pfadfinderischen Form des Spielens
6.1.1 Kimspiele
6.2 Zum pfadfinderischen Erkundungslernen
6.3 Das Geländespiel
6.4 Das Zeltlager
6.5 Der Hike (Hajk)
6.6 Die Fahrt
6.7 Das Rollenspiel
6.8 Das Planspiel
6.9 Das Projekt

7. Robert Baden-Powell – Stationen eines erfüllten Lebens

Literatur

Sachregister

Glossar

Der Autor

Einleitung

„Pfadfinden“ mit seinen vielfältigen und attraktiven Tätigkeiten möchte mehr als nur zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung beitragen. In den von der „World Organization of the Scout Movement“ herausgegebenen „Grundlagen der Pfadfinderbewegung“ wird diese definiert als eine „freiwillige, nicht-politische Erziehungsbewegung für junge Leute, die offen ist für alle, ohne Unterschiede von Herkunft, Rasse oder Glau-bensbekenntnis (…)“ (vgl. WOSM 1997, S. 4).

Zwar können bei sinnvollen Freizeitaktivitäten Erfahrungen gewonnen werden und Erziehungsprozesse stattfinden, jedoch vollzieht sich eine sol-che „informelle“ Erziehung eher zufällig und ist auch nicht wie bei der internationalen Pfadfinderbewegung im Sinne eines aufbauenden Lernens organisiert sowie nicht umfassend und zielgerichtet.

Das bedeutet nicht, dass die pfadfinderische Erziehungsbewegung zum „formellen“ Erziehungsbereich (wie beispielsweise die öffentlichen Schu-len) gehört. Pfadfinden nimmt eine Stellung zwischen formeller und infor-meller Erziehung ein. Die Weltorganisation ordnet die Pfadfindererziehung dem Bereich der „nicht-formellen“ Erziehung zu (vgl. WOSM 1997, S. 6).

Gerade darin liegt aber die Stärke des Pfadfindens als Weg einer Selbst-erziehung für junge Menschen. Pfadfinden beruht auf dem Grundsatz der Freiwilligkeit; es ist für Kinder und Jugendliche attraktiv und kann des-halb erzieherisch sehr wirkungsvoll sein. Um dies zu gewährleisten, soll-ten sich Leiterinnen und Leiter mit den Grundlagen der Pfadfinderpädago-gik befassen.

Nun tun junge Menschen im Allgemeinen lieber etwas praktisch als sich mit einer theoretischen Abhandlung auseinander zu setzen, zumal solche Texte nicht immer leicht zu verstehen sind. Mit diesem Buch wird der Ver-such unternommen, die wesentlichen Zusammenhänge und die besonderen Kennzeichen der pfadfinderischen Erziehungskonzeption für Leiter und Leiterinnen klar und einfach darzustellen.

Die dafür entwickelten Schemata sind als Hilfe gedacht, die nicht immer leicht zu durchschauenden Zusammenhänge zu klären; sie ersparen auch die oft mühsame Erarbeitung von Erkenntnissen aus theoretischen Abhand-lungen. Das Studium dieses Handbuchs kann jedoch nicht die intensive Be-schäftigung mit der Pädagogik der Altersstufen ersetzen.

Robert und Olave Baden-Powell1

1. Pfadfinden – Entwurf für eine Selbsterziehung

„Erziehung“ wird heute im Allgemeinen nicht mehr als das „Einwirken von Erwachsenen auf Kinder oder Jugendliche“ gesehen. Erziehung ist grundsätzlich immer Selbsterziehung. In diesem Sinne kann man „Pfad-finden“ (Scouting) als pädagogischen Begriff deuten. Es bezeichnet den besonderen Weg einer Selbsterziehung von jungen Menschen.

Hinter dem Begriff „Pfadfinden“ verbirgt sich auch der erzieherische Entwurf, der vom Gründer der Pfadfinderbewegung, Robert Baden-Powell, konzipiert wurde und der sich im Laufe der Geschichte der pfadfinderi-schen Kinder- und Jugendarbeit weiter entwickelt hat.

Wie bei jeder Erziehungskonzeption, kann man auch beim Pfadfinden vor allem drei Bereiche unterscheiden, die in einem Zusammenhang zu sehen sind und die sich überschneiden: Erziehungsziele, Inhalte (Pro-gramme) und die Pfadfindermethode als Weg der Selbsterziehung (vgl. Schema 1!).

Um beispielsweise das pfadfinderische Erziehungsziel „gesundes Leben“ zu erreichen, muss man sich persönlich für den richtigen Weg entscheiden und diesen gehen. Die Pfadfindermethode kann für junge Leute ein sehr hilfreicher Weg sein; dieser Weg schließt die „Verpflichtung gegenüber sich selbst“ ein (vgl. WOSM 1997, S. 12). Eine ungesunde Lebensführung würde diesem Prinzip widersprechen. Unterstützung bei der Verwirkli-chung eines gesunden und natürlichen Lebens leisten auch die Gruppen-mitglieder, die sich an pfadfinderischen Regeln und Werten orientieren. Die Gemeinschaft kann deshalb die Aufgabe einer „Selbsthilfegruppe“ er-füllen. Gesundheitserziehung kann aber auch innerhalb eines Programms verwirklicht werden, indem zum Beispiel das gesunde Leben im Zeltlager bewusst zum Inhalt (Programm) gemacht und über ein Handeln verwirk-licht wird.

Man kann sagen, dass Erziehungsziele (z. B. Gesundheit) als Orientie-rungshilfe für die Wegfindung dienen. Der pfadfinderische Weg (Pfadfin-dermethode) kommt aber ohne Inhalte nicht aus; pfadfinderische Ak-tivitäten setzen immer Programme, für die man sich entscheidet, voraus.

Die pfadfinderische

Erziehungskonzeption

umfasst Erziehungsziele, Inhalte (Programme) und den Weg (Pfadfindermethode/Erziehungsgrundsätze). Die Bereiche überschneiden sich:

2. Zur pfadfinderischen Persönlichkeitsförderung (Ziele)

Die erzieherischen Aktivitäten in der Pfadfinderbewegung zielen auf eine umfassende Persönlichkeitsförderung der Kinder und Jugendlichen. In den „Grundlagen der Pfadfinderbewegung“ wird als „Zweck“ pfadfinderischer Erziehung angesehen, „zur Entwicklung junger Menschen beizutragen, damit sie ihre vollen körperlichen, intellektuellen, sozialen und geistigen Fähigkeiten als Persönlichkeiten, als verantwortungsbewusste Bürger und als Mitglieder ihrer örtlichen, nationalen und internationalen Gemeinschaft einsetzen können“ (WOSM 1997, S. 7).

Aus diesem Zitat wird ersichtlich, dass man verschiedene Bereiche der Persönlichkeitsförderung unterscheiden kann (vgl. auch Schema 2!). Da der Mensch ein ganzheitliches Wesen ist, lassen sich diese Bereiche nicht isoliert fördern. Beim Pfadfinden werden junge Menschen ganzheitlich und umfassend gefördert.

So wie beim Sport in Sportvereinen, werden beispielsweise beim Spiel in der Wölflingsstufe nicht nur körperliche Fähigkeiten wie Grob- und Fein-motorik, Wendigkeit, Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer, Anpassungs-reaktionen oder die Wahrnehmungsfähigkeit gefördert. Durch das Spiel in der Gruppe werden gleichzeitig prosoziale Fähigkeiten wie Kontakt- und Beziehungsfähigkeit, Bereitschaft zur Zusammenarbeit, Fairness, Hilfsbe-reitschaft, sensibles Reagieren oder auch die Fähigkeit zur Lösung von Konflikten und das Verständnis dafür, dass Regeln für ein Zusammenleben sinnvoll sind, angebahnt.

Pfadfinderische Handlungsformen wie das Zeltlager sind geeignet, alle Bereiche zu fördern. So finden im Pfadfinderlager nicht nur soziale Lern-prozesse statt, und es werden körperliche, handwerkliche oder intellek-tuelle Fähigkeiten beansprucht. Beim Lagerleben wird auch der emotionale Bereich – beispielsweise beim gemeinsamen Singen im Feuerkreis – angesprochen und Spiritualität (z. B. Selbstfindung in der Stille der Natur bei der Feuerwache) gefördert. – Aufgabe des Leitungsteams ist es, auf eine ausgewogene Förderung zu achten.

Pfadfinderische Erziehungsziele

(Bereiche der Persönlichkeitsförderung)

Körperliche Entwicklung: Förderung der Wahrnehmungsbe-reiche, Grob- und Feinmotorik, Ausdauer und Kraft, gesunde Lebensführung (Bewegung in frischer Luft, ausgewogene Er-nährung, kein Drogenmissbrauch …) etc.

Intellektuelle Förderung: Wecken der Neugierde und des Wis-sensdurstes, Informationen gewinnen und verarbeiten, Schluss-folgerungen ziehen, Probleme lösen, Hypothesen formulieren, Kreativität etc.

Emotionale Förderung: Wahrnehmen und Ausdrücken eigener Gefühle, Einfühlungsvermögen entwickeln, Gefühle in Formen wie Tanz, Theater oder Musik ausleben, Freundschaftsbeziehun-gen aufnehmen etc.

Förderung der Spiritualität: Entdecken des Wunders der Schöpfung in der Natur, Begreifen der Meditation als Teil des Lebens, Selbstfindung in der Stille, Aufgeschlossenheit für reli-giöse Erfahrungen anderer, Übernahme von Verpflichtungen (z. B. Schöpfungsverantwortung) aus spirituellen oder religiösen Gründen etc.

Förderung der Sozialkompetenz: Kontaktfähigkeit und Koope-ration, Entgegenbringen von Vertrauen, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft, Konflikte angemessen lösen, sich für Schwä-chere einsetzen, Toleranz, Solidarität etc.

Förderung der Selbstkompetenz: Selbstvertrauen gewinnen, Er-kennen und Anerkennen der eigenen Stärken und Schwächen, Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen, Kritikfähig-keit, Entscheidungsfähigkeit, Handlungskompetenz, Aufbau von Ich-Identität etc.

Pfadfinderische Erziehung erstrebt nicht ausschließlich eine Persönlich-keitsförderung des Kindes oder des Jugendlichen als Individuum. Da der Mensch nicht nur ein personales, sondern auch ein soziales Wesen ist, der in Gemeinschaften lebt, erstrebt Pfadfinden mit der Förderung von Fähig-keiten auch das Ziel, dass Pfadfinderinnen und Pfadfinder als Erwachsene das Gemeinwesen als verantwortungsbewusste Bürger kompetent mitge-stalten können. Dass sich die Pfadfinderbewegung als „nicht-politische“ Erziehungsbewegung begreift, kann nicht bedeuten, dass deshalb das poli-tische Lernen ausgeklammert werden soll; dies würde dem Anspruch auf eine umfassende Erziehung widersprechen. Pfadfinden begreift sich jedoch nicht als politische Bewegung im Sinne einer bestimmten parteipolitischen Richtung.

Zwischen der staatsbürgerlichen Erziehung Baden-Powells und dem heutigen politischem Lernen sind, bedingt durch ein verändertes Bewusst-sein vom Staat und von der politischen Bildung, Unterschiede erkennbar.

2.1 Baden-Powells staatsbürgerliche Erziehung

Die pfadfinderische Persönlichkeitsförderung in Baden-Powells ur-sprünglichen Erziehungsentwurf umfasste vor allem eine Erziehung der Pfadfinderjugend

zur Charakterstärke („character“),

zur physischen Kraft und Gesundheit („physical health“),

zur handwerklichen Geschicklichkeit („handicrafts“) und

zur Dienstbereitschaft („service for others“) – (vgl. Gerr 1983).

Baden-Powell erstrebte mit seiner staatsbürgerlichen Erziehung eine charakterfeste, gesunde und handwerklich geschickte Jugend, die sich gegenüber dem bestehenden Staatswesen (Königreich) loyal und gehorsam verhalten und die Tugenden der Dienstbereitschaft und Aufopferungs-bereitschaft besitzen sollte (vgl. Gerr 1998, S. 20). „Dienstbereitschaft“ schloss für B.-P. beispielsweise auch die Bereitschaft ein, das Vaterland mit der Waffe gegen fremde Angriffe zu schützen (vgl. Baden-Powell 1953, S. 89).

Eine solche unkritische Staatsgläubigkeit ist heute nur von der zeitge-schichtlichen Situation her verständlich. Gegenwärtig kann „Dienstbereit-schaft“ beispielsweise als „tätige Solidarität“ (DPSG) begriffen werden, und dem heutigen Gemeinwesen kann man als „demokratiefähiger Bürger“ dienen.

2.2 Pfadfinden – Weg einer Erziehung zur Demokratie

Der Begriff „Demokratie“ wird im Allgemeinen mit einer Regierungs- oder Staatsform in Verbindung gebracht. In der Bundesrepublik Deutsch-land besteht eine parlamentarische Demokratie. Der Volkswille vollzieht sich in Wahlen und Abstimmungen; die demokratische Ordnung ist im Grundgesetz verankert.

Man kann „Demokratie“ aber auch als „Form des Zusammenlebens“ begreifen (vgl. Dewey 1993, S. 121). Demokratie als „Lebensform“ kommt immer in einem demokratischen Handeln zum Ausdruck. Gelebte Demo-kratie schließt eine aktive Mitverantwortung für die Menschen und die Mitwelt ein; deshalb verwirklicht sich in der Pfadfinderbewegung das „Leben von Demokratie“ durch eine tätige Schöpfungsverantwortung.

Angesichts antidemokratischer Tendenzen in der Gesellschaft (Verlet-zung der Menschenwürde, steigende Gewaltbereitschaft etc.) wird deut-lich, dass Demokratie als Lebensform entwicklungsbedürftig ist und eine ständige Erziehungsaufgabe bleibt. Pfadfinden als „Weg einer Selbst-erziehung“ ist mit seinen Handlungsgrundsätzen in besonderer Weise geeignet, Demokratie leben zu lernen.

So werden beispielsweise bei konsequenter Verwirklichung des Tätig-keitsgrundsatzes („Scouting is Doing“) die für eine Demokratiefähigkeit so wichtigen Qualifikationen wie Eigeninitiative, Selbständigkeit, Hand-lungsfähigkeit und Handlungsbereitschaft gefördert (vgl. Schema 3!). Vor allem beim Projekthandeln können Pfadfinderinnen und Pfadfinder verschiedene Techniken und Strategien politischen Handelns erproben und lernen deren zielgerichteten Einsatz. Handlungsorientiertes Pfadfinden ist besonders geeignet, junge Menschen für die in der sozialen und natürlichen Umwelt bestehenden Probleme und Missstände zu sensi-bilisieren und ihnen zu vermitteln, dass die Wirklichkeit durch einen gemeinsamen und aktiven Einsatz veränderbar ist. Solche Schlüssel-erlebnisse haben positive Auswirkungen auf die politisch-sozialen Lernprozesse der Jugendlichen und tragen damit zur Weiterentwicklung der Demokratie in der Gesellschaft bei.

Aktive Mitverantwortung für die Menschen und die Mitwelt

als Ausdruck einer

Demokratiefähigkeit

Schema 3

Das gruppendynamische Pfadfinden ist besonders geeignet, die für ein demokratisches Zusammenleben wichtigen Fähigkeiten der Sozial- und Selbstkompetenz zu erlernen (vgl. Schema 3!). So ist beispielsweise ein friedliches Miteinander ohne Toleranz, ohne die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen oder Konflikte gewaltfrei zu lösen, nicht möglich. Das Zu-sammenspiel von kleineren Gemeinschaften in einer größeren (Rudel und Meute; Sippen und Trupp etc.) ist bereits für die Jüngsten (Wölflinge) eine gute Schule der Demokratie. Was im Meutenrat an Wünschen und Ideen eingebracht wurde, wird gemeinsam in der Meutenversammlung reflek-tiert, diskutiert und von allen die Entscheidung über die weiteren Unter-nehmungen auf demokratischem Weg durch Mehrheitsbeschluss herbeige-führt. Auf diese Weise werden bereits bei den Kindern die für das demo-kratische Zusammenleben bedeutsamen Kompetenzen wie Entscheidungs-fähigkeit und Kompromissbereitschaft angebahnt.

Die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung oder aus ausländischen Familien in die Pfadfindergruppen ist unter anderem ein Kennzeichen für ein demokratisches Pfadfinden, das allen jungen Men-schen das Grundrecht auf Teilnahme am Gemeinschaftsleben zubilligt (vgl. Gerr 2000, S. 98 f.). Pfadfinderische Friedenserziehung trägt damit zur „Demokratie als Form des Zusammenlebens“ bei.

Pfadfinderisches Handeln orientiert sich an demokratischen Werten und Normen (Umweltschutz, Mitverantwortung für die Schöpfung etc.). Durch eine bewusste persönliche Verpflichtung, das alltägliche Leben nach pfadfinderischen Grundlinien/Regeln zu gestalten (Pfadfinderregeln und Versprechen), durch Handeln, das sich an Werten orientiert, und durch eine Reflexion nach Gruppenunternehmungen und in Alltagssituationen lernen Pfadfinderinnen und Pfadfinder Demokratie zu leben; entsprechend dem pfadfinderischen Tätigkeitsprinzip setzen sie sich gegen Fremden-feindlichkeit, Rassismus, Rechtsextremismus oder gegen eine Unter-drückung von Minderheiten ein und übernehmen Verantwortung für die Mitschöpfung.

Durch eine einfache und natürliche Lebensweise, bei der bewusst von einer stark konsumorientierten Gestaltung des Lebens Abstand genommen wird, leisten Pfadfinderinnen und Pfadfinder einen Beitrag zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen.

Gemeinschaftliche Aktivitäten wie Lager und Fahrt fördern nicht nur die Gesundheit und die Gemeinschaftsfähigkeit, sondern auch die Naturver-bundenheit und damit die Sensibilität für den Schutz der lebenden Mitwelt.

Bereits in der Wölflingsstufe werden bei altersgemäßen Spielen und Unternehmungen in der Natur die für den Naturschutz so wichtigen Natur-erfahrungen gewonnen. Gleichzeitig werden die für die demokratischen Lernprozesse grundlegenden Wahrnehmungsbereiche (hören, sehen, fühlen etc.) geschult. Entsprechend dem Grundsatz „Denke global – handle vor Ort!“ führen die Jugendlichen Umweltprojekte durch, bei denen sie sich nicht nur inhaltlich mit der Problematik einer fortschreitenden Umweltzer-störung auseinander setzen, sondern auch Möglichkeiten umweltgerechten Handelns erproben können. Naturschutzaktionen und Umweltprojekte vermitteln ihnen Erfahrungen und Erkenntnisse über ökologische Zu-sammenhänge. Im aktiven Umweltschutz kommt eine demokratische Grundhaltung zum Ausdruck.

Pfadfinden ist durch „Internationalität“ gekennzeichnet; internationales Lernen kann eine große Bedeutung für eine Erziehung zur „Demokratie als Lebensform“ besitzen. Demokratisches Handeln kommt im „Leben einer Freundschaft zu allen Menschen“ zum Ausdruck. Bei regelmäßigen internationalen Kontakten und der Beteiligung an übernationalen Akti-vitäten und Projekten (Entwicklungshilfe etc.) lernen Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit kulturell und ethnisch bedingten Lebens- und Verhaltens-formen umzugehen. Internationales Pfadfinden fördert den Abbau von Vorurteilen; gleichzeitig ermöglicht es, dass junge Menschen Solidarität und Freundschaft erfahren. Innerhalb der pfadfinderischen Friedens-bewegung wird Mitmenschlichkeit über alle Grenzen hinweg gelebt; damit eröffnet sich die Perspektive zu einer weltweiten Demokratisierung im zwischenmenschlichen Bereich.

3. Fortschreitende und attraktive Programme (Inhalte)

Die Anziehungskraft des Pfadfindens auf junge Menschen besteht darin, dass es ein Angebot an attraktiven Programmen bereithält. Pfadfinderische Programme können aus den verschiedenen Lebensbereichen entlehnt wer-den (vgl. Schema 4!). Sie dienen der fortschreitenden Selbsterziehung.

Im Hinblick auf eine kontinuierliche Förderung der Kinder und Jugend-lichen ist es von Bedeutung, dass Programme „aufeinander aufbauend“ entwickelt werden, bezüglich der Selbsterziehungsprozesse „anregend“ sind und auf „den Interessen der Mitglieder“ basieren (vgl. WOSM 1997, S. 18).

Um diese Anforderungen an ein gutes Programm zu gewährleisten, wird weltweit in vielen Verbänden ein Proben- und Abzeichensystem umgesetzt. Dabei kann man zwei verschiedene Arten von Proben bzw. Abzeichen unterscheiden: die Proben und Abzeichen, die in einer Altersstufe abge-legt bzw. erworben werden, und die Spezialabzeichen, die für die Aneig-nung spezieller Fähigkeiten und Fertigkeiten vergeben werden. Die ver-schiedenen Proben dienen zum Erwerb von Kenntnissen, Fähigkeiten, Fer-tigkeiten und Haltungen. So fördert beispielsweise die Beherrschung der Techniken in Erster Hilfe auch die Hilfsbereitschaft (vgl. Gerr 1998, S. 45).

Wenn sich ein Verband für das Proben- und Abzeichensystem entschie-den hat, so ist von Bedeutung, dass Proben nicht im Sinne einer schuli-schen Leistungsüberprüfung stattfinden. Wenn die Aneignung von Fähig-keiten und Fertigkeiten – wie beim Erwerb der Lagertechniken – in einer konkreten Situation, in der sie benötigt werden (z. B. beim Lageraufbau), geübt und deren Beherrschung bestätigt werden, wirken sie motivierend; das Miteinander- und Voneinanderlernen spielt dabei eine wichtige Rolle (vgl. Gerr 1998, S. 46).

Die Vergabe von Spezialabzeichen nach Ablegung von Tüchtigkeits- proben dient der Entdeckung von individuellen Interessen und der Vervoll-kommnung von Fähigkeiten und Fertigkeiten auf diesem Gebiet. Stufen-proben sollen zum Erreichen der Stufenziele anregen. Das Stufenabzei-chen symbolisiert auch die Zugehörigkeit zur entsprechenden Altersstufe. Es kann vom Verband auch entschieden werden, dass das Stufenabzeichen ohne eine Abnahme der Proben verliehen wird, da mit Aufnahme in die Gruppe sich das Mitglied verpflichtet, auf die Stufenziele hinzuarbeiten und sich auf das Versprechen vorzubereiten (vgl. BdP 2002, S. 116).

Pfadfinden findet in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen statt

Fortschreitende Programme können aus den Lebensbereichen entwickelt werden!

Nach den von der Weltorganisation herausgegebenen „Grundlagen der Pfadfinderbewegung“ sollen bei der Zusammenstellung der Programme vor allem die Hauptbereiche „Spiele, das Erlernen nützlicher Fähig- und Fertigkeiten und der Dienst an der Gemeinschaft“ kombiniert werden (vgl. WOSM 1997, S. 18).

Schon immer war in der Pfadfinderbewegung die Natur der bevorzugte Ort für die Durchführung von Aktivitätsprogrammen. Baden-Powell sieht das Pfadfinden als „open-air-game“; in „Aids to Scoutmastership“ schreibt er über das Scouting: „Es ist ein Spiel, in dem ältere Brüder (oder Schwestern) den jüngeren Brüdern eine gesunde Umgebung bieten und sie zu gesunden Aktivitäten ermuntern (…)“ (B.-P. 1930, S. 20). Auch heute stehen bei den meisten Verbänden Aktivitäten in der Natur wie das Zeltlager, die Fahrt, die Naturstreife, das Geländespiel, die Wanderung, der Hike oder das Naturschutzprojekt im Mittelpunkt der Programmgestaltung.

Damit kommt Pfadfinden nicht nur den Interessen und Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen entgegen, sondern trägt zu einer umfassenden Förderung der jungen Menschen bei und regt sie zur Selbsterziehung an.

Beispielsweise kann das Spiel in der Natur bei den Jüngeren die sinn- liche Wahrnehmungsfähigkeit fördern, die für Lern- und Selbsterziehungs-prozesse eine wichtige Grundlage ist. Das Gruppenleben unter einfachen und natürlichen Bedingungen fordert handwerkliche Geschicklichkeit heraus, fördert soziales Lernen, bietet die Möglichkeit zu Naturerfah-rungen und vermittelt Impulse für ein Überdenken der heutigen Lebens-formen, die häufig durch ein übermäßiges Konsumieren gekennzeichnet sind. Auch Kreativität wird durch die „Herausforderungen, die die Natur bietet“ angeregt (vgl. WOSM 1997, S. 19). Besondere Bedeutung kann auch die Programmgestaltung in der Natur für die religiöse und spirituelle Erziehung besitzen.

Leben in und mit der Natur2

4. Der Weg pfadfinderischer Selbsterziehung (Pfadfindermethode)

Der im Zusammenhang mit der Pfadfindererziehung verwendete Be-griff „Methode“ hat nichts mit wissenschaftlichen Forschungsmethoden oder fachspezifischen Lehrmethoden in den Schulen zu tun. Die Pfad-findermethode wird nicht wie diese von Erwachsenen angewandt; dies würde den Versuch einer Manipulation der Kinder und Jugendlichen bedeuten und die Freiheit, den individuellen Weg der Selbsterziehung zu finden und zu gehen, einschränken. Der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff „Methode“ bedeutet nichts anderes als der „Weg zu etwas hin“.

Dieser pfadfinderische Weg der Selbsterziehung (Pfadfindermethode) umfasst mehrere Erziehungsgrundsätze, die eine Einheit bilden (s. Schema 5!):

die freiwillige Verpflichtung, nach pfadfinderischen Grundsätzen und Werten zu leben (Anerkennung von Regeln und Versprechen),

das Lernen durch Erfahrung (learning by doing and by experience),

das Lernen in der kleinen Gruppe (Kleingruppensystem),

die Verwirklichung eines gesunden und natürlichen Lebens und

das Leben einer Freundschaft zu allen Menschen (internationa-les/multikulturelles Lernen/Leben in Freundschaft und Toleranz).

Diese Erziehungsgrundsätze werden, wie bereits betont, nicht von den erwachsenen Leiterinnen und Leitern angewendet, sondern sie werden von den jungen Menschen selbst verwirklicht, weil sie diese als Hilfe erkannt haben, den für sie richtigen Weg der Selbsterziehung zu finden und zu gehen. Prinzipien, nach denen man lebt, sind immer freiwillig über-nommen.

Das „natürliche Leben“ wird in den von der WOSM herausgegebenen „Fundamental Principles“ den Programmen zugeordnet. Das „internatio-nale Lernen“ wird nicht als Lerngrundsatz aufgefasst; die Internationalität wird aber in den „Prinzipien der Pfadfinderbewegung“ hervorgehoben.

Die

pfadfinderischen Erziehungsgrundsätze

bilden in ihrer Einheit die

Pfadfindermethode

4.1 Leben pfadfinderischer Werte (Regeln und Versprechen)

Eine pfadfinderische Selbsterziehung ist – wie jede Erziehung – ohne Bezug zu Werten nicht möglich. Ein Wert (z. B. das Leben) ist zunächst ein Erkenntnisinhalt; wird beispielsweise das Leben als Wert anerkannt, so ergibt sich daraus für das alltägliche Handeln die Norm: „Schütze das Leben!“

Die erzieherischen Absichten Baden-Powells kommen bereits in seinen frühen Schriften klar zum Ausdruck. Robert Baden-Powell hat drei Grund-sätze formuliert, die in der weltweiten Pfadfinderbewegung Geltung besitzen. In „Aids to Scoutmastership“ (1920, S. 92) spricht er von „reverence to God“, „reverence for one’s neighbour“ und „reverence for oneself“. Pfadfinderische Werte und Normen (Verhaltensregeln) können aus diesen drei fundamentalen Prinzipien, wie sie auch in den “Grundlagen der Pfadfinderbewegung“ von der WOSM dargestellt sind (vgl. WOSM 1997, S. 9 ff.), abgeleitet werden (s. Schema 6!).

„Seit Gründung der Bewegung waren Gesetz und Versprechen die Hilfsmittel, um diese Prinzipien in einer für junge Menschen ver-ständlichen und nachvollziehbaren Art auszudrücken“ (WOSM 1997, S. 13). Um als offizielles Mitglied in die Weltpfadfinderbewegung aufge-nommen zu werden, wird deshalb die „Anerkennung eines Gesetzes und Versprechens“ von den Pfadfinderorganisationen gefordert (vgl. WOSM 1997, S. 13).

Eine Orientierung an Werten und das Handeln nach Normen (Verhal-tensregeln) ist ein pfadfinderischer Grundsatz, der in den Elementen „Scout Law“ und „Promise“ zum Ausdruck kommt. Versprechen und pfad-finderische Regeln sind aufeinander bezogen und bilden die Grundlage für eine fortschreitende Selbsterziehung der jungen Menschen. Im Versprechen erklärt das einzelne Mitglied, dass es zur Pfadfindergemeinschaft gehören möchte und sein Handeln an den pfadfinderischen Zielen und Normen ausrichten will. Dabei ist im Hinblick auf das selbsterzieherische Bemühen des Einzelnen das ständige Überdenken des Handelns bezüglich pfad-finderischer Werte von entscheidender Bedeutung.

Schema 6

Eine Orientierungshilfe können vor allem Pfadfinderregeln (Leitlinien) dann leisten, wenn sie verständlich und der Altersstufe entsprechend for-muliert sind. Die folgenden Beispiele aus der Wölflings- und Pfadfinder-stufe geben Formulierungen der Verbände BdP und DPSG wieder.

Wölflingsversprechen (BdP 1987, S. 22):

Ich will ein guter Freund sein und unsere Regeln achten.

Begriffe lernen Kinder, indem sie in konkreten Situationen – z. B. im Spiel – die Bedeutung erleben und durch Überdenken erfahren!

Begriffe müssen im Wölflingsalter über handelndes Lernen geklärt werden:

In der 68. Bundesversammlung der DPSG wurde ein neues Pfadfinderge-setz eingeführt. Die Regeln enthalten die Bereiche „Verpflichtung gegen-über Gott, den anderen und sich selbst“ und entsprechen damit den Grund-lagen der Pfadfinderbewegung:

1. Als Pfadfinder/Pfadfinderin begegne ich allen Menschen mit Respekt und habe alle Pfadfinder und Pfadfinderinnen als Ge-schwister.
2. Als Pfadfinder/Pfadfinderin gehe ich zuversichtlich und mit wa-chen Augen durch die Welt.
3. Als Pfadfinder/Pfadfinderin bin ich höflich und helfe da, wo es notwendig ist.
4. Als Pfadfinder/Pfadfinderin mache ich nichts halb und gebe auch in Schwierigkeiten nicht auf.
5. Als Pfadfinder/Pfadfinderin entwickle ich meine eigene Meinung und stehe für diese ein.
6. Als Pfadfinder/Pfadfinderin sage ich, was ich denke, und tue, was ich sage.
7. Als Pfadfinder/Pfadfinderin lebe ich einfach und umweltbewusst.
8. Als Pfadfinder/Pfadfinderin stehe ich zu meiner Herkunft und zu meinem Glauben.

4.1.1 Kennzeichnung pfadfinderischer Werterziehung

Pfadfinderische Selbsterziehung berücksichtigt die psychologischen Ge-sichtspunkte einer Werterziehung. In Pfadfindergruppen ist der Prozess einer selbständigen Bildung von Werten durch eine Integration von Wert- Handlungs- und Reflexionsorientierung gekennzeichnet (s. Schema 7!):

Pfadfinden ist vorwiegend handlungsorientiert; das bedeutet auch, dass sich Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf Grund konkreter Anlässe eingehend und handelnd mit gesellschaftlichen, natürlichen, politischen oder sonstigen Realitäten beschäftigen. Vor allem problemhaltige Situationen sind geeignet, dass junge Menschen Schlüsselerlebnisse gewinnen können.

Solche authentischen Erlebnisse bilden die Grundlage für eine auf Werte bezogene Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun. In Re-flexionsphasen setzen sich Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit den pfadfinderischen Werten und Normen wie Gerechtigkeit, Achtung der Menschenwürde oder der Schöpfung auseinander; dabei kommt es zu einem Erfahrungsaustausch über individuelle Erlebnisse, Wahrnehmungen und Gefühle und über die unterschiedlichen Wert-auffassungen.

Durch eine wertbezogene Reflexion über das eigene Handeln und das Erleben wird die selbständige Bildung von Werten ermöglicht. „Aus den für sich selbst akzeptierten Werten ergeben sich Verhaltensregeln, die als Orientierungshilfe für ein künftiges wertbewusstes Handeln im Alltag dienen können“ (Gerr 2000, S. 152 f.).

Der Erfolg pfadfinderischer Werterziehung hängt davon ab, ob es den erwachsenen Pfadfinderbegleiterinnen und -begleitern gelingt, die Pfad-finderinnen und Pfadfinder anzuregen, das Pfadfinden nach den Grund-sätzen einer Handlungs-, Wert- und Reflexionsorientierung zu gestalten (vgl. Gerr 1998, S. 73).

Pfadfinderische Werterziehung

ist gekennzeichnet

durch eine

Integration

von

Handeln – Reflektieren – Wertorientierung:

gedankliche Auseinandersetzung

mit dem eigenen Handeln in konkreten Situationen

im Hinblick auf Werte und Verhaltensregeln

Schema 4

(vgl. Gerr 2000, S. 157)

4.1.2 Zur Umsetzung pfadfinderischer Werterziehung

Pfadfinderische Werterziehung kann gut am Projekthandeln verdeutlicht werden, da ein charakteristisches Merkmal des Projekts die Verbindung von Wert-, Handlungs- und Reflexionsorientierung ist.

Pfadfinderische Projekte sind handlungsorientiert. Das bedeutet, dass Pfadfinderinnen und Pfadfinder in allen Phasen des Projekts, also in der Ausgangssituation, bei der Erkundung und Planung, bei der Vorbereitung und Durchführung der Aktion, bei der Reflexion und Dokumentation sowie beim Projektabschluss selbst bestimmt handeln, ganzheitlich (emotional, kognitiv, physisch) beteiligt sind und mit der Aktion die Lösung eines echten Problems aus der Realität angestrebt wird (vgl. Gerr 1998, S. 80). In einer handelnden Auseinandersetzung mit der Realität erkennen die Beteiligten, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit veränderbar ist, was auch den Prozess politisch-sozialen Lernens positiv beeinflussen kann.

Beim Projekthandeln orientieren sich die beteiligten Pfadfinderinnen und Pfadfinder bewusst an pfadfinderischen Werten und Normen. Bei sozia-len oder Umweltprojekten ist meist ein Wertproblem selbst der Anlass für die Entscheidung der Gruppenmitglieder, über ein Projekthandeln eine Lösung dieses Problems oder eine Verbesserung der Situation anzustreben.

Eine Reflexion findet beim Projekthandeln nicht nur im Anschluss an die durchgeführte Aktion statt, sondern beispielsweise auch, wenn es not-wendig wird, sich mit dem eigenen Verhalten auseinander zu setzen; so können auftretende Konflikte eine gemeinsame Aufarbeitung der sozialen Beziehungen notwendig machen. In der abschließenden gedanklichen Auseinandersetzung werden neben sozialen, emotionalen, organisato-rischen, methodischen oder Zielproblemen vor allem auch wertbezogene Gesichtspunkte in der Gruppe reflektiert. Das Überdenken des Handelns in konkreten Projektsituationen im Hinblick auf pfadfinderische Werte und Normen ist fester Bestandteil der Projektphase.

Ein Pfadfinden, bei dem die Verbindung von Handeln, Orientierung an Werten (Regeln) und Reflektieren berücksichtigt wird, kann jungen Men-schen bei der selbständigen Bildung von Werten entscheidende Hilfen gewähren.

4.2 Pfadfinderisches Erfahrungslernen („Scouting is Doing“)

Ein wesentlicher Grundsatz pfadfinderischer Selbsterziehung ist das Lernen durch Erfahrung. Dieses Prinzip kommt dem Bedürfnis junger Menschen entgegen, denn „Lernen durch Handeln und Erfahrung“ ist die natürliche Art wie Kinder und auch Jugendliche lernen. Dagegen ist die oft einseitig kognitive Wissensvermittlung, die nicht selten auch heute noch in den öffentlichen Schulen praktiziert wird, nicht nur demotivierend, sondern im Hinblick auf wichtige Erfahrungen für die spätere selbständige Lebensgestaltung und die Bewältigung von Alltagssituationen nicht lern-wirksam genug.

Auch Baden-Powell, der die einseitige Vermittlung von „Buchwissen“ in den Schulen kritisiert und eine mangelnde „Charakterbildung“ beklagt, ist der Meinung, dass die Schule eher dazu neigt, die „Jungen und Mädchen auf Prüfungsanforderungen vorzubereiten als auf die Bedürfnisse des Lebens“ (vgl. B.-P. 1929, S. 12).

Zum pfadfinderischen Grundsatz des „Doing“ schreibt B.-P. in seiner Schrift „Scouting and Youth Movements“: „(…) wir ermutigen“ die Jungen und Mädchen „lieber aktiv beim Handeln zu sein als passive Empfänger von Instruktionen“ (vgl. B.-P. 1929, S. 43 f.).

Pfadfinden ist für Baden-Powell keine „verworrene und schwierige Wissenschaft“, sondern ein „fröhliches Spiel, (…) das zugleich erzie-herisch wirkt“ (B.-P. 1953, S. 7). In einem in der Zeitschrift „The Scouter“ veröffentlichten Artikel (1916) schreibt er: „Der natürliche Instinkt des Kindes ist es, sich durch eine Beschäftigung selbst zu entwickeln, die wir ‚Spiel’ nennen“ (B.-P. 1941, S. 58).

Alles, was Pfadfinderinnen und Pfadfinder lernen, müssen sie über spielerisches Tun oder über eine handelnde Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit erleben und erfahren können (vgl. Gerr 2000, S. 17).

4.2.1 Grundsätze eines Lernens durch Handeln

Handeln, das zum Erfahrungslernen führen soll, setzt eine ganzheitliche Beteiligung des Menschen, ein Lernen mit „Kopf, Hand und Herz“ (Pestalozzi) voraus. Erkenntnisse der Lernpsychologie besagen, dass ein Lernen über viele Lernkanäle (sehen, hören, handeln, erörtern etc.) besonders wirksam ist. Das vielsinnige (multisensorische) Lernen wird deshalb heute auch als Unterrichtsprinzip in den Schulen gefordert.

Soll pfadfinderisches „learning by doing“ (Dewey) im Hinblick auf Lern- und Erziehungsprozesse wirksam sein, so sind wichtige Grundsätze zu beachten (s. Schema 8!):

gemeinsames (kooperatives) Handeln in der Gruppe fördert vor allem soziale Lernprozesse;

aufbauendes Lernen wird vor allem ermöglicht durch die Prinzipien der „kleinen Lernschritte“, „vom Konkreten zum Abstrakten“ und „vom Einfachen zum Komplexen (Schwierigen)“;

besonders lernwirksam ist ein Einbeziehen aller Sinne (Ganzheit-lichkeit) und das Handeln nach dem Grundsatz „Versuch und Irrtum“ (aus Fehlern lernt man!);

ein spielerisches, selbst bestimmtes, selbsttätiges und entdeckendes Lernen trägt zur Steigerung der Motivation und zum kreativen Ver-halten bei;

eine gedankliche Reflexion der Erlebnisse, der Empfindungen und des gemeinsamen Handelns lässt Pfadfinderinnen und Pfadfinder Erfahrungen gewinnen.

Pfadfinderisches Handeln, das nach diesen Grundsätzen verwirklicht wird, eröffnet in vielerlei Hinsicht Lern- und Erziehungschancen (vgl. Gerr 2000, S. 19).

Den Begriff „Handlungsorientierung“ verwendet man, wenn mit dem Handeln zusätzlich eine Veränderung der Wirklichkeit angestrebt wird (beispielsweise durch Projekthandeln in einer Gemeinde).

Zum pfadfinderischen Grundsatz

„Scouting is Doing“

Schema 8

4.2.2 Kreatives Pfadfinden

Eine Förderung der Kreativität ist angesichts der gesellschaftlichen Si-tuation mit ihren zu lösenden Problemen von großer Bedeutung. So wer-den beispielsweise im Hinblick auf die Entwicklung umweltverträglicher Technologien, aber auch hinsichtlich der persönlichen Bewältigung schwieriger Lebenssituationen kreative Lösungswege gefordert. Auch im Berufsleben werden aufgrund der fortschreitenden Entwicklung vermehrt kreative Fähigkeiten und weniger reproduktive Tätigkeiten erwartet (vgl. Gerr 1986, S. 7). Nicht zuletzt kann eine kreative Freizeitgestaltung zur Erhöhung der Lebensqualität beitragen.

Die Kreativitätsforschung erbrachte wichtige Erkenntnisse, auf welche Weise kreatives Verhalten gefördert werden kann (vgl. Gerr 1986, S. 59 ff.). Pfadfinden mit seinen kind- und jugendgemäßen Handlungsformen (vgl. Teil 6!) kann vor allem dann Kreativität fördern, wenn ein demokratischer Leitungsstil praktiziert wird (Entgegenbringen von Wertschätzung, Achtung, Anerkennung, Duldung nicht konformen Verhaltens etc.), damit die Pfadfinderinnen und Pfadfinder die nötige „psychologische Sicherheit“ und „Freiheit“ (Rogers) gewinnen können, bei allen Aktivitäten ein Freiraum für selbst bestimmtes Handeln (bei der Planung, der Wahl der Ziele und der Wege etc.) gewährt wird, auch wenn von den Handelnden Fehler begangen werden, Pfadfinderinnen und Pfadfinder zu ungewöhnlichen und originellen Lösungsversuchen bei der Bewältigung von Aufgaben und Problemen angeregt werden, der spielerische Charakter bei den Unternehmungen betont wird, damit Leistungsdruck, Frustrationen und Stress vermieden werden, zu Erkundungen, zum entdeckenden Lernen, zum Experimentieren, zum Ausprobieren etc. motiviert wird, die Gruppe zu spontanen Äußerungen und zur Ideenfindung aufge-fordert wird etc. (s. Schema 9!).

Kreative Lösungen wirken sich positiv auf das Selbstwertgefühl aus; sie ermöglichen Schlüsselerlebnisse und authentische (echte) Erfahrungen.

Schema 9

4.2.3 Zur Bedeutung pfadfinderischen Erfahrungslernens

Gerade in einer Zeit starken Medienkonsums, der mit einem Verlust an Eigentätigkeit und mit verringerten ursprünglichen Erfahrungen einher-geht, kann pfadfinderisches Erfahrungslernen von Bedeutung sein.

Das Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen hat sich im Vergleich zur Nachkriegszeit stark verändert. Während sich früher die Kinder die Welt über ein konkretes Handeln in der Wirklichkeit, über ein Erkunden, über Experimentieren und über Probieren aneigneten, werden aufgrund des starken Medienkonsums solche ursprünglichen Erfahrungen nur noch bedingt gewonnen. Über Video- oder Fernsehfilmen wird Kindern nur ein Bild von der Wirklichkeit suggeriert; sie erfahren die Welt „aus zweiter Hand“, was häufig mit einem Realitätsverlust verbunden ist (vgl. Gerr 2000, S. 33 f.). „An die Stelle von Primärerfahrungen treten immer mehr Informationen über Erfahrungen“ (Rolff 1990, S. 69).

Eine solche „Mediatisierung von Erfahrung“ ist hinsichtlich des Ge-winnens von lebensbedeutsamen Erkenntnissen kritisch zu sehen, da durch die ständig wechselnde Bildfolge in Filmen eine gedankliche Verarbeitung beeinträchtigt wird (vgl. Rolff 1990, S. 63). Eigenaktives Handeln in konkreten Situationen ist die Grundlage für echte Erfahrungen und Er-kenntnisse.

Der Grundsatz „vom Konkreten zum Abstrakten“ spielt beim Lernen eine entscheidende Rolle. Dieses Prinzip, dessen Umsetzung auch im Unterricht der Schulen gefordert wird, ist im Erfahrungskegel von E. Dale veranschaulicht (s. Schema 10!). Bevor beim Lernen Bilder oder Symbole (z. B. Zahlen) eingesetzt werden, müssen genügend direkte Erfahrungen (z. B. Rechenoperationen mit konkreten Mengen) durchgeführt worden sein. Fehlt diese Grundlage, ist mit Lernschwierigkeiten zu rechnen.

Oft führt Spielzeug, das heute zum Kauf angeboten wird, zu Konsum-handlungen, da sich beim Spielen die Bedienung häufig nur noch auf be-stimmte Handgriffe beschränkt (Betätigung eines Hebels, Knopfdruck etc.). Ein solches Spielen führt meist nicht zu echten Erfahrungen wie sie beispielsweise früher bei der selbständigen Herstellung eines Drachen erworben worden sind. Eigenaktivität dagegen kann zum Erkenntnisgewinn führen. „Man kann etwas besser verstehen, wenn man es entstehen sieht“ (Rolff 1990, S. 63).

[...]


1 Baden-Powell

2 Hans E. Gerr

Ende der Leseprobe aus 131 Seiten

Details

Titel
Einführung in die Pfadfinderpädagogik
Untertitel
Ein Handbuch für Leiterinnen und Leiter
Autor
Jahr
2009
Seiten
131
Katalognummer
V111713
ISBN (eBook)
9783640122219
ISBN (Buch)
9783640124831
Dateigröße
15678 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pfadfinderpädagogik, Pfadfindermethode, Leiterhandbuch, Erfahrungslernen, Werterziehung, Kleingruppenarbeit, ökologisches Lernen, natürliches Leben, Friedenserziehung, Gesundheitserziehung, Grundsatz "look at the boy/girl", bedürfnisorientierte Programmgestaltung, Robert Baden-Powell
Arbeit zitieren
Dr. phil. Hans E. Gerr (Autor), 2009, Einführung in die Pfadfinderpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111713

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