Im Rahmen meiner Honorartätigkeit in einem Vorkindergarten las ich einer zweijährigen aus einem Buch vor. Bei jeder neuen Seite fragte sie mich Bezug nehmend auf die abgebildeten Bilder: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“. Es schien ihr also wichtig zu sein die Welt innerhalb der Kategorie Geschlecht in eine der zwei möglichen Gruppen zu klassifizieren und zu differenzieren. Die Geschlechtereigenschaft erscheint hier also total inklusiv und exklusiv: jeder hat ein Geschlecht und jeder kann nur einer einzigen Kategorie angehören: entweder man ist männlich oder weiblich. In allen Gesellschaften werden Kinder nach der Geburt durch Ansehen des Körpers der einen oder anderen Geschlechtsklasse zugeordnet, wodurch sie gleichzeitig eine an das Geschlecht gebundene Identifikationskette verliehen bekommen. Die Klassifikation wird hier als erster Schritt zu einem Sortierungsvorgang angesehen, welcher die Angehörigen der Klassen unterschiedlicher Sozialisation unterwirft. An sie werden jeweils andere Erwartungen gestellt und sie machen jeweils andere Erfahrungen. Das System der Geschlechtsklasse beansprucht in der Regel lebenslange Geltung- kann man anhand von optischen Merkmalen nicht zwischen den Geschlechterklassen unterscheiden führt dies in der Regel zur Irritation. Doch auch für die eigene Identitätsbildung ist die Geschlechtsklasse von immenser Bedeutung, denn sowohl die Angehörigen der einen als auch der anderen Klasse beurteilen sich ständig hinsichtlich der Idealvorstellungen des eigenen Geschlechts.
Übertragen auf die Thematik der Migration lies sich auch in der Migrationsforschung lange eine solche Perspektive erkennen: ein Leben zwischen zwei oder mehr Heimaten erschien als kaum denkbar. Das Hauptinteresse der bundesdeutschen Migrationsforschung gilt also traditionell vor allem der Untersuchung der Arbeitsmigranten sowie deren Nachkommen sowohl bezogen auf die Ursachen der Wanderungen als auch auf den Grad der ökonomischen, sozialen und kulturellen Integration : die nachhaltige Eingliederung von Arbeitsmigranten, das als wünschenswert postulierte Ziel der völligen Assimilation in die Aufnahmegesellschaft sowie die mit der Migration scheinbar verbundenen Folgeprobleme standen lange im Fokus der Migrationsforschung.
Inhaltsverzeichnis
1 Hinführung zum Thema
1.1 Einleitung
1.2 Von der Arbeitsmigration zur transnationalen Migration
2 Begriffliche Erklärungen
2.1 Transnationalität
2.2 Transmigration
2.3 Transnationale Räume
3 Transnationale Biographien
3.1 Transnationale europäisch geprägte Elitenbiographie- das Beispiel Herr A.
3.2 Transnationale europäische Unterschichtswanderung- Herr W.
4 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Phänomene der Transnationalität und Transmigration sowie deren Einfluss auf die Strukturierung individueller Lebensverläufe im europäischen Kontext. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie grenzüberschreitende Migrationsprozesse jenseits klassischer Assimilationsmodelle als Ressource begriffen werden können und welche biographischen Konsequenzen dies für verschiedene soziale Schichten mit sich bringt.
- Entwicklung von der traditionellen Arbeitsmigration zur modernen transnationalen Mobilität.
- Theoretische Fundierung der Begriffe Transnationalität, Transmigration und Transnationale Räume.
- Analyse biographischer Verläufe unter Berücksichtigung von sozialem und kulturellem Kapital.
- Kontrastierung von Elitebiographien und prekären Unterschichtswanderungen in Europa.
- Diskussion der Implikationen für die Soziale Arbeit in einer globalisierten Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3.1 Transnationale europäisch geprägte Elitenbiographie- das Beispiel Herr A.
Zum Zeitpunkt der Befragung ist Herr A. zwischen 50 und 60 Jahre alt. Ursprünglich kommt er aus einer mittelgroßen Stadt im mittleren Frankreich, die durch den Tourismus geprägt ist und in welcher er während seiner Kindheit und Jugend lebte. Im Anschluss an seine erste schulische Laufbahn, die er mit dem Abitur beendet, geht er an eine Eliteschule in der französischen Hauptstadt Paris, um dort Ökonomie zu studieren. Während die Einnahme dieses Platzes an der Elitenschule für Herr A. nie in Frage zu stehen schien, erwies sich die damit verbundene Notwendigkeit der Mobilität für ihn als Herausforderung. Diese Eliteninstitution, die mit besten Platzierungen in Ranglisten renommierter Rankingagenturen und Fachzeitschriften wirbt, ermöglicht es Herr A. elitäres institutionalisiertes kulturelles Kapital zu erwerben, welches –Verwiebe zufolge- als direkte Voraussetzung einer transnationalen europäischen Elitenbiographie angesehen werden kann.
Die berufliche Biographie von Herrn A. ist standardisiert und lässt sich durch zahlreiche, hoch bezahlte Tätigkeiten charakterisieren. Bereits seine erste Anstellung nach Absolvierung der Elitenschule als Chef einer Exportabteilung scheint diese Tendenz erkennen zu lassen. Anschließend an diese Tätigkeit arbeitet Herr A. für verschiedene europäische Standorte einer Firma an leitender Position: „Ich habe … Gesellschaften, die in Schwierigkeiten waren, wiederbelebt, in Frankreich, Österreich erst, in Deutschland danach“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Hinführung zum Thema: Dieses Kapitel verortet das Thema der transnationalen Migration im Kontext aktueller gesellschaftlicher Diskurse und stellt die Abkehr von klassischen Assimilationsparadigmen dar.
2 Begriffliche Erklärungen: Hier werden die theoretischen Konzepte der Transnationalität, der Transmigration und des Transnationalen Raums definiert, um ein analytisches Verständnis für die weitere Untersuchung zu schaffen.
3 Transnationale Biographien: Dieses zentrale Kapitel analysiert anhand von zwei Fallbeispielen – einer Eliten- und einer Unterschichtsbiographie – wie unterschiedliche soziale Ausgangslagen transnationale Mobilität beeinflussen.
4 Schlussbemerkung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei insbesondere die Relevanz der Biographie als „Ort“ transnationaler Räume betont und die Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Sozialen Arbeit gefordert wird.
Schlüsselwörter
Transnationalität, Transmigration, Migrationsforschung, Transnationale Räume, Soziale Arbeit, Biographie, Elitenbiographie, Unterschichtswanderung, Globalisierung, Soziale Ungleichheit, kulturelles Kapital, soziales Netzwerk, Assimilation, Lebensverlauf, Mobilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der veränderten Wahrnehmung von Migration, weg vom einseitigen Assimilationskonzept hin zu transnationalen Lebensweisen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die theoretische Herleitung transnationaler Begriffe und die empirische Betrachtung biographischer Verläufe von Migranten in Europa.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die biographischen Konsequenzen transnationaler Migration zu untersuchen und aufzuzeigen, dass Mobilität heute oft eine bewusste Ressource darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine biographisch-rekonstruktive Analyse und stützt sich auf empirische Daten von Roland Verwiebe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung und eine detaillierte Fallstudienanalyse zweier unterschiedlicher Typen europäischer Migranten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Besonders prägend sind die Begriffe Transnationalität, Transmigration sowie die Unterscheidung zwischen verschiedenen Typen transnationaler Biographien.
Was unterscheidet die Elitebiographie von der Unterschichtswanderung im Kontext der Transmigration?
Während die Elite Mobilität als Karriereinstrument nutzt und über ein hohes soziales sowie kulturelles Kapital verfügt, ist die Unterschichtswanderung durch prekäre Arbeitsverhältnisse und fehlende soziale Absicherung gekennzeichnet.
Welche Bedeutung kommt der Sozialen Arbeit im Kontext der transnationalen Migration zu?
Die Autorin plädiert dafür, dass die Soziale Arbeit ihre Fixierung auf den Nationalstaat aufgeben muss, um den global vernetzten Lebenswirklichkeiten ihrer Adressaten gerecht zu werden.
- Citar trabajo
- Daniela Hammerschmidt (Autor), 2008, Transnationalität, Transmigration und transnationale Biographien, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111976