Die vorliegende Arbeit ist schwerpunktmäßig den Materialbildern von Antoni Tàpies von 1954 bis in die 1970er Jahre gewidmet. Eingangs wird die Entwicklung von Tàpies Frühwerk ab 1946 skizziert. Besonders herausgestellt werden hier die Beziehungen der frühen magisch-visionären und mythischen Formulierungen des Künstlers zum Symbolismus sowie seine im Zusammenhang mit dem Protest gegen das Franco-Regime sich vollziehende Hinwendung zum Surrealismus. Wichtige Bezugspunkte von Tàpies sind hier neben der katalanischen Tradition (Ribera und Ribalta) die Kunst von Dalí, Miró, Max Ernst und Paul Klee. Ab 1952 arbeitet Tàpies dann zunehmend abstrakt und experimentiert mit verschiedenen Texturen – bis dann 1954 der künstlerische Durchbruch zu den wandartigen Materialbildern erfolgte (katalan. Tàpia/pl. Tàpies = Lehmwand bzw. Gartenmauer).
Die beiden Kapitel des Mittelteils der Arbeit thematisieren zunächst die Wahrnehmung der Materialbilder, ihre perzeptive Ambiguität und Zeitlichkeit. Im Folgenden gilt das Interesse dann der Formlosigkeit und Deformation der „niederen Motive“ dieser Malerei. Tàpies wird in Verbindung mit Batailles informe und der Bedeutung des Niederen, des Abstoßenden und des bas realisme im Werk von Man Ray, Abac, Boiffard und Brassai und die Beschäftigung des Künstlers mit Magie und dem Okkulten wird unter Hinweis auf den großen Katalanen Raimundus Lullus diskutiert. Im abschließenden Kapitel werden die Materialbilder von Tàpies als Archive der kollektiven Erinnerung aufgefasst. Im Anschluss an Adornos Überlegungen zur Geschichtlichkeit des Materials und an die Positionen von Halbwachs und Assmann zum kollektiven bzw. kulturellen Gedächtnis wird die Erinnerungsarbeit der Materialbilder herausgestellt, ihr zeichenhaftes Eingedenken der Kultur Kataloniens und seiner Geschichte (etwa im Spanischen Bürgerkrieg), ihre Qualität als „emblematische und heraldische Historienbilder“.
Neben erhellenden Analysen einzelner Gemälde, werden die zentralen Qualitäten der Materialbilder theoretisch produktiv kontextualisiert, indem etwa Formlosigkeit, die Spannung von Form und Materie sowie die Wahrnehmung dieser Malerei, ihr offener Charakter und ihre Dimension als „Erinnerungsraum kultureller Identitätsstiftung“ im Rückgang auf die hier jeweils wichtige theoretische Positionen (Bataille, Bachelard, Merleau-Ponty, Eco und Halbwachs/Assmann) diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
I DIE ZEIT UND DIE MATERIALBILDER VON ANTONI TÀPIES
II DIE ENTWICKLUNG HIN ZU DEN MATERIALBILDERN
II.1 DAS FRÜHWERK
II.1.1 Die frühesten Werke von Tàpies und der Symbolismus
II.1.2 Die Hinwendung zum Surrealismus
II.1.3 Das soziale Bewusstsein
II.1.4 Von den abstrakten Tendenzen zur Textur
II.2 DIE MATERIALBILDER
II.2.1 Der Entstehungsrahmen der Materialbilder
III DIE WAHRNEHMUNG DER MATERIALBILDER
III.1 DIE WAHRNEHMUNG DER MATERIALBILDER
III.1.1 Am Beispiel Relleu gris sobre fusta
III.1.2 Die Bewegung und das offene Kunstwerk
III.1.3 Die perzeptive Ambiguität
III.1.4 Die Sprachfragmente und deren drei Wahrnehmungsbereiche
III.2 DAS KUNSTWERK ALS WAHRNEHMUNGSPROBLEM
IV VON DEN NIEDEREN MOTIVEN
ÜBER DIE FORMLOSIGKEIT UND (DE)FORMATION DER MOTIVE
ZUR ZEITLICHKEIT DER OBJEKTE
IV.1 L’ INFORME
IV.1.1 Die Techniken des informe
IV.2 DER MIMÉTISME
IV.3 EXKURS: ASSEMBLAGEN UND OBJEKTE
V DIE MATERIALBILDER ALS ERINNERUNGSRÄUME
ZUR KULTURELLEN IDENTITÄTSSTIFTUNG
V.1 DIE ZEITLICHKEIT DER ERDE
V.2 DAS WERK ALS GEDÄCHTNISARCHÄOLOGIE
V.2.1 Das kollektive und kulturelle Gedächtnis
V.2.2 Die Mémoire collective
V.2.3 Das kulturelle Gedächtnis zur kollektiven Identitätsbildung
V.2.4 Die Mauerbilder
V.2.5 Die emblematischen und heraldischen Historienbilder
VI DIE MATERIALBILDER: FÜR DIE ZEIT ODER FÜR DIE EWIGKEIT
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Zeit – verstanden in den Kategorien Erinnerung, Anschauung und Erwartung – in den Materialbildern von Antoni Tàpies zu verorten. Dabei wird untersucht, wie Tàpies durch die unmittelbare Stofflichkeit seiner Werke und die Einbindung des Betrachters ein Wahrnehmungsproblem konstituiert, das über eine einfache Abbildung von Wirklichkeit hinausgeht.
- Die ästhetische Bedeutung des Materials und der Textur in Tàpies' Werk.
- Die Rolle des Betrachters als aktiver Teilnehmer und Schöpfer von Bedeutung (Partizipation).
- Die philosophische Fundierung der Zeitlichkeit durch Augustinus und die Phänomenologie.
- Die Verbindung von Magie, Alchemie und der kulturellen Identität Kataloniens.
- Die politische Dimension der Materialbilder als Akt des Widerstands und der kollektiven Erinnerung.
Auszug aus dem Buch
Die Wahrnehmung der Materialbilder
Der Wahrnehmungsprozess, wie er sich in den beschriebenen Hauptwegen über die Bildstruktur organisiert, belässt den Betrachter in Irritation vor dem Kunstwerk. Die materielle Ausgestaltung des Kunstwerks evoziert Bildideen, momentan gewonnene visuelle Schwerpunkte, welche die Bildbestandteile aus einer bestimmten Perspektive zu organisieren beabsichtigen, lassen sich aber nicht zu Hauptansichten verdichten. Die Mehrfachbelegbarkeit der Zeichen und ihre Uneindeutigkeit im Hinblick auf jeweilige Bezugspunkte veranlassen stets neue Sichtweisen, um unter diesen wiederum den Bildzusammenhang zu überprüfen. Jedoch entweichen selbst diese Ansichten, springen um und entwickeln sich zu Gegenthesen, die einen zuvor gewonnen Eindruck negieren. Es scheint unmöglich, zu einer festen Bildvorstellung zu gelangen, denn die Elemente lassen sich nicht zu einer Bildidee zusammenfügen und in eine Bedeutung überführen. Diese komplexe optische Erfahrung, bei der die Gesichtspunkte der Betrachtung ständig zugunsten anderer wechseln und sich Umdeutungen vollziehen, diese Bewegung ist eine zentrale Figur der ästhetischen Erfahrung.
Paul Valéry erklärte in Propos sur la poésie (1927) den Unterschied zwischen Poesie und Prosa, und obwohl das Thema von dem hier besprochenen abweicht, scheint es angebracht, an dieser Stelle an seine Worte zu erinnern, die in einem anderen künstlerischen Feld das Verständnis der Bewegung ermöglicht haben. Um diese lebendige Bewegung in der Poesie zu erläutern, ersinnt er die Metapher eines schwingenden Pendels, welches zwischen den Elementen der poetischen Form und den diversen Eindrücken des Betrachters schwingt und stets zum Ausgangspunkt der Betrachtung zurückkehrt. Die Oszillation zwischen Form und Inhalt mündet schließlich in keiner absoluten Lösung, sondern erschöpft sich in dieser Bewegung.
Zusammenfassung der Kapitel
I DIE ZEIT UND DIE MATERIALBILDER VON ANTONI TÀPIES: Einleitende Betrachtung über die ästhetische und existentielle Bedeutung von Tàpies' Material-Malerei im Kontext der Moderne.
II DIE ENTWICKLUNG HIN ZU DEN MATERIALBILDERN: Darstellung des künstlerischen Werdegangs von 1946 bis 1954, unter besonderer Berücksichtigung der Einflüsse von Symbolismus, Surrealismus und sozialem Bewusstsein.
III DIE WAHRNEHMUNG DER MATERIALBILDER: Analyse des rezeptionsästhetischen Aspekts, bei dem das Werk durch den Betrachter und dessen Wahrnehmungsprozess vervollständigt wird.
IV VON DEN NIEDEREN MOTIVEN: Untersuchung der Formlosigkeit (informe) und Mimese als Mittel, um die Trennung zwischen Materie und Form aufzuheben.
V DIE MATERIALBILDER ALS ERINNERUNGSRÄUME: Deutung der Werke als Orte der kulturellen Identitätsstiftung, die durch die Aktivierung kollektiven Gedächtnisses die katalanische Geschichte und Identität verhandeln.
VI DIE MATERIALBILDER: FÜR DIE ZEIT ODER FÜR DIE EWIGKEIT: Abschließende Reflexion darüber, inwieweit die Materialbilder sowohl in ihrer unmittelbaren Präsenz als auch in ihrer zeitlosen Aussagekraft existieren.
Schlüsselwörter
Antoni Tàpies, Materialbilder, Informel, Materie, Wahrnehmung, Partizipation, Zeitlichkeit, Phänomenologie, kulturelles Gedächtnis, Katalonien, Identität, Zeichen, informe, Mimese, Alchemie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Diplomarbeit?
Die Arbeit untersucht die Materialbilder von Antoni Tàpies im Zeitraum von 1950 bis 1970 unter dem spezifischen Fokus der Zeitlichkeit und der Wahrnehmungspsychologie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Materialität als Ausdrucksmittel, die Einbeziehung des Betrachters in den schöpferischen Prozess und die Verbindung von persönlicher Geschichte mit dem kulturellen Gedächtnis Kataloniens.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den "künstlerischen Anfang" Tàpies durch die Materialbilder (tápias) zu definieren und aufzuzeigen, wie diese die traditionellen Grenzen zwischen Bildträger und Bild auflösen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf kunsthistorische Werkanalyse sowie phänomenologische Ansätze (unter anderem von Husserl, Sartre und Merleau-Ponty) und soziologische Konzepte des kollektiven Gedächtnisses (Halbwachs, Assmann).
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des künstlerischen Werdegangs, die Analyse der Betrachterwahrnehmung, die Auseinandersetzung mit formlosen Motiven (informe) und die Deutung der Bilder als Erinnerungsräume für kulturelle Identität.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie "materia prima", "Partizipation", "informe", "Mimese" und "Gedächtnisarchäologie" geprägt.
Warum spielt die Person Ramon Llull für Tàpies eine so wichtige Rolle?
Tàpies sah in Llull, dem mittelalterlichen Universalgelehrten, ein Vorbild für die Verbindung von Denken und Handeln sowie die Sublimierung materieller Kategorien im Kunstwerk.
Welche Bedeutung haben die Graffiti und Schriftzeichen in den Werken?
Schriftzeichen fungieren als Indizien für eine archäologische Spurensuche, die den Betrachter zur dechiffrierenden Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Mythen Kataloniens einladen.
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- Barbara Egger (Author), 2007, Die frühen Materialbilder von Antoni Tàpies, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111998