Bereits über sechzig Jahre ist es nun her, dass die damalige ostdeutsche Bevölkerung, jenseits von Oder und Neiße das bittere Schicksal der Vertreibung erleiden musste. Vielen der Betroffenen brachten die Jahre 1945 bis 1951, auf welche sich die Arbeit hauptsächlich beziehen wird, unerträgliches Leid, zeitweilige oder aber dauerhafte Verluste von nahe stehenden Menschen und nicht selten sogar den eigenen Tod. Für die meisten Betroffenen sollte das Verlassen der Heimat nur eine „Übergangslösung“ darstellen, keiner glaubte, wie es dann doch gezwungenermaßen geschehen musste, der Heimat für immer den Rücken kehren zu müssen. Lange Zeit konnte und wollte man sich daher mit dem bitteren Schicksal nicht abfinden, zu tief saßen die Peinigungen, zu arg schmerzte der Heimatverlust. So bildete der Rechtsstatus der Ostgebiete vor der Wiedervereinigung 1990 einen großen Teil der offenen deutschen Frage. Die Ostpolitik der westdeutschen Verfassungsorgane zielte unter Adenauer noch bis Mitte der 1960er Jahre auf eine Revision von Vertreibung und Abtrennung ab. Vehement berief man sich auf das Völkerrecht und diverse völkerrechtliche Verträge, wie die Haager Landkriegsordnung und die Atlantik – Charta. Ein Wandel durch Annäherung vollzog sich erst mit der neuen Ostpolitik der großen Koalition unter Willy Brandt von 1966 und später verstärkt durch die sozialliberale Koalition ab 1969, bedingt vor allem durch den biologischen Prozess (Sterben der älteren Betroffenengenerationen) sowie durch die Integration der Vertriebenen und ihrer Nachkommen in die Gesellschaft ihrer neuen Heimat.
Um diese Gewalttaten, welche Polen und Russen während der Flucht und Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat verübten, besser einschätzen zu können, wird der Versuch unternommen, die Ereignisse während Flucht, Vertreibung und auch danach mit der Charta der Vereinten Nationen und der Menschenrechtserklärung der UNO vom 10.12.1948 in Verbindung zu bringen, um Verstöße gegen geltendes Menschen- und Völkerrecht herauszuarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Charta der Vereinten Nationen und Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948
2. Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder- Neiße
2.1 Die Erste Phase: Flucht der deutschen Bevölkerung vor der Roten Armee
2.1.1 Der Bevölkerungsstand in den betroffenen Gebieten östlich von Oder und Neiße vor Beginn der Fluchtbewegung
2.1.2 Die Einstellung der deutschen Behörden im Hinblick auf die Evakuierung
2.1.3 Überblick über die Fluchtbewegungen in den Provinzen seit 1944
2.2 Die Endphase: Die Ausweisung als Zentralereignis im Vertreibungsschicksal
2.2.1 Alliierte Entscheidungen zur Umsiedlung: Jalta und Potsdam
2.2.2 Die Frühphase 1945: Die „wilden“ Vertreibungen
2.2.3 Die zweite Phase: 1946, die Hauptperiode der Ausweisung („Operation Schwalbe“)
2.2.4 Die Wende Anfang 1947: Abflauen der Ausweisungstransporte bis zum Jahr 1951
3. Die Verluste der deutschen Bevölkerung im Lauf der Vertreibung
4. Vertreibung und dann?
4.1 Was geschah mit den Deutschen, die in Polen zurückblieben?
4.2 Entgermanisierung und Polonisierung
5. Bezug auf die Charta der Vereinten Nationen und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948
III. Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit analysiert die Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße in den Jahren 1945 bis 1951 aus völker- und menschenrechtlicher Perspektive. Dabei wird untersucht, inwieweit diese Ereignisse gegen die Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verstoßen haben.
- Völkerrechtliche Einordnung der Flucht- und Vertreibungsereignisse.
- Analyse der alliierten Beschlüsse von Jalta und Potsdam hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die deutsche Zivilbevölkerung.
- Bewertung der unterschiedlichen Phasen der Vertreibung (Flucht, "wilde" Vertreibungen, geplante Aussiedlung).
- Untersuchung der Maßnahmen zur "Entgermanisierung" und "Polonisierung" in den betroffenen Gebieten.
- Gegenüberstellung der historischen Ereignisse mit Artikeln der Menschenrechtserklärung der UNO.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Alliierte Entscheidungen zur Umsiedlung: Jalta und Potsdam
Am 12.02.1945 wurde in Jalta beschlossen: „Wir haben unseren gemeinsamen Wunsch erneut bestätigt, ein starkes, freies unabhängiges und demokratisches Polen errichtet zu sehen…[Die neue Lage in Polen] fordert die Errichtung einer Polnischen Provisorischen Regierung,…, [diese] soll Polnische Regierung der Nationalen Befreiung heißen.“
Noch vor Kriegsende war es vor allem Churchill, der auf der Konferenz von Jalta ernste Bedenken gegen die Vertreibung von Hunderttausenden anmeldete. Wichtig ist, dass sich diese Bedenken jedoch nicht prinzipiell gegen die Ausweisung selbst richteten, sondern nur gegen ein übergroßes Maß der polnischen Gebietsforderungen. Norman Naimark hebt die andere Seite von Churchill beeindruckend hervor, wenn er schreibt, dass gerade „Churchill … das Thema der Ausweisung besonders ungerührt [behandelte].“ Schon am 9. Oktober 1944 soll er zu Stalin bemerkt haben, dass sieben Millionen Deutsche im Krieg umkommen würden und damit im Rumpfdeutschland genug Platz für die Deutschen aus Schlesien und Ostpreußen sei.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Schicksal der deutschen Ostbevölkerung nach 1945 und stellt den methodischen Ansatz vor, die Vertreibung mithilfe völkerrechtlicher Instrumente und Menschenrechtsstandards der UNO historisch einzuordnen.
II. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der rechtlichen Grundlagen sowie eine detaillierte chronologische Aufarbeitung der Flucht- und Vertreibungsereignisse zwischen 1945 und 1951, inklusive der Analyse von Verlusten und den Integrationsmaßnahmen der Nachkriegszeit.
1. Charta der Vereinten Nationen und Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10.12.1948: Dieses Kapitel beschreibt die Zielsetzung der UN-Charta und der Menschenrechtserklärung als Wertekatalog für ein würdevolles menschliches Dasein.
2. Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder- Neiße: Es wird die Entwicklung der Fluchtbewegungen, der Evakuierungsproblematik und der verschiedenen Ausweisungsphasen detailliert nachgezeichnet.
2.1 Die Erste Phase: Flucht der deutschen Bevölkerung vor der Roten Armee: Fokus auf den Bevölkerungsstand vor der Flucht, das Behördenversagen bei der Evakuierung und die Fluchtbewegungen in den Provinzen ab 1944.
2.1.1 Der Bevölkerungsstand in den betroffenen Gebieten östlich von Oder und Neiße vor Beginn der Fluchtbewegung: Analyse der demografischen Veränderungen durch Einberufungen und Bombenevakuierungen vor der eigentlichen Fluchtbewegung.
2.1.2 Die Einstellung der deutschen Behörden im Hinblick auf die Evakuierung: Erörterung der Differenzen zwischen den Behörden, die einen rechtzeitigen Beginn der Flucht behinderten.
2.1.3 Überblick über die Fluchtbewegungen in den Provinzen seit 1944: Darstellung der militärischen Lageentwicklung und der daraus resultierenden Fluchtsituationen in den betroffenen Provinzen.
2.2 Die Endphase: Die Ausweisung als Zentralereignis im Vertreibungsschicksal: Analyse der politischen Entscheidungsprozesse zur endgültigen Vertreibung der deutschen Bevölkerung.
2.2.1 Alliierte Entscheidungen zur Umsiedlung: Jalta und Potsdam: Untersuchung der alliierten Konferenzen und der Motive hinter den getroffenen Umsiedlungsbeschlüssen.
2.2.2 Die Frühphase 1945: Die „wilden“ Vertreibungen: Schilderung der chaotischen und gewaltsamen Austreibung der deutschen Bevölkerung unmittelbar nach Kriegsende.
2.2.3 Die zweite Phase: 1946, die Hauptperiode der Ausweisung („Operation Schwalbe“): Darstellung der systematischeren, aber dennoch gewaltsamen Ausweisungen im Jahr 1946.
2.2.4 Die Wende Anfang 1947: Abflauen der Ausweisungstransporte bis zum Jahr 1951: Analyse des Rückgangs der Transporte und der Familienzusammenführungsmaßnahmen.
3. Die Verluste der deutschen Bevölkerung im Lauf der Vertreibung: Eine statistische Annäherung an die Opferzahlen und die Hauptursachen der Verluste.
4. Vertreibung und dann?: Untersuchung des Schicksals der in Polen verbliebenen deutschen Minderheit und der gesellschaftlichen Umgestaltungsmaßnahmen.
4.1 Was geschah mit den Deutschen, die in Polen zurückblieben?: Betrachtung der rechtlichen Lage und des Zwangsdrucks bezüglich der Staatsbürgerschaft und der "Zwangsoptionen".
4.2 Entgermanisierung und Polonisierung: Analyse der kulturellen und sozialen Maßnahmen, um die deutsche Prägung aus den Gebieten zu entfernen.
5. Bezug auf die Charta der Vereinten Nationen und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948: Eine völkerrechtliche Würdigung der Vertreibungsereignisse unter Anwendung der UN-Standards.
III. Schlussbemerkung: Zusammenfassendes Fazit über die Rechtswidrigkeit der Vertreibungspraxis und die daraus resultierende moralische und völkerrechtliche Verantwortung.
Schlüsselwörter
Vertreibung, Flucht, Völkerrecht, Menschenrechte, Oder-Neiße-Gebiete, Potsdam, Charta der Vereinten Nationen, Zwangsaussiedlung, ethnische Säuberung, Entgermanisierung, Polonisierung, 1945, Wiedervereinigung, Menschlichkeit, Kriegsverbrechen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Ereignissen der Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten zwischen 1945 und 1951.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Chronologie der Flucht- und Vertreibungsphasen, die alliierte Politik (Jalta/Potsdam) sowie die völkerrechtliche Bewertung dieser Ereignisse anhand von UN-Dokumenten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Geschehnisse von 1945 bis 1951 mit der Charta der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Menschenrechtserklärung zu vergleichen, um Verstöße gegen internationales Recht herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine historisch-analytische Methode, die auf der Auswertung zeitgenössischer Dokumente, Sekundärliteratur und Statistiken des Bundesministeriums für Vertriebene basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Phasen der Flucht, die Konferenzen der Siegermächte, die "wilden Vertreibungen", die "Operation Schwalbe", Verlustberechnungen sowie die völkerrechtliche Würdigung der Ereignisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Vertreibung, Völkerrecht, Menschenrechte, Oder-Neiße-Linie, Potsdamer Abkommen, ethnische Säuberung und Wiedergutmachung.
Inwiefern spielten die "wilden Vertreibungen" eine Rolle für die weitere Entwicklung?
Die "wilden Vertreibungen" im Jahr 1945 schufen vollendete Tatsachen und radikalisierten die Vertreibungsprozesse, was den politischen Druck auf die Bevölkerung massiv erhöhte.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Völkerrechts während der Vertreibung?
Die Autorin argumentiert, dass die Vertreibungen im krassen Gegensatz zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und den zur Zeit anwendbaren völkerrechtlichen Standards (wie der Haager Landkriegsordnung) standen.
- Citar trabajo
- Eva Ortegel (Autor), 2006, Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße aus völker – und menschenrechtlicher Sicht, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112037