Die Anzahl hörgeschädigter Kleinkinder, die vor dem zweiten Lebensjahr mit einem Cochlea-Implantat versorgt werden, nimmt kontinuierlich zu. Untersuchungsverfahren und Entwicklungsnormen zur Beurteilung der vorsprachlichen Kommunikationsentwicklung dieser Kinder fehlen allerdings bisher. In der Literatur wird die Entwicklung präverbaler Kommunikationsstrukturen als wesentlicher Indikator für eine regelrechte Sprachentwicklung bei Kleinkindern betont. Eine Überprüfung der frühen Gestenkommunikation, die eng mit der Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten zusammenhängt, wird in den allgemein bekannten Untersuchungsverfahren für hörgeschädigte Kinder oft vernachlässigt (Lenarz et al. 1999). Neuere Forschungsergebnisse betonen jedoch, welch kritischer Stellenwert der Verwendung kommunikativer Gesten als wesentliche Vorläufer für die Sprachentwicklung sowohl bei hörgeschädigten als bei normalhörenden Kindern zukommt (Grimm 2003, Volterra und Iverson 1995).
Bei der vorliegenden Arbeit geht es darum, zu zeigen, dass durch die Aufnahme zusätzlicher, qualitativer Kriterien in den bestehenden Kriterienkatalog der Videoanalyse nach Margaret Tait eine differenziertere Einsicht in die präverbal- und ersten verbal-kommunikativen Kompetenzen sowie das Kommunikationsniveau von cochlea-implantierten Kindern möglich ist. Zu diesem Zweck wurden sieben neue Analysekriterien in das Verfahren aufgenommen, welche dann neben der ursprünglichen Originalversion an drei Kindern mit prälingual erworbener Hörstörung angewendet wurden. Die Originalversion wurde im Rahmen einer Longitudinalstudie, die in den Jahren 2000 bis 2004 am Royal Institute for Deaf and Blind Children (Australien) durchgeführt wurde, an insgesamt fünf prälingual ertaubten Kindern und einem mittleren Alter von 1;2 Jahren (Spanne 1;0 – 4;10 Jahren) angewendet. Die Testpersonen wiesen im Durchschnitt einen mittleren Hörverlust des besseren Ohres von 88 dB Hearing Level (HL) (Spanne 75 - 108 dB) in den Frequenzen 500, 1000 und 2000 Hz auf. Nach der Cochlea Implantation lag ihre Hörschwelle im Durchschnitt bei 40 dB (Spanne 35-45 dB).
Die erhobenen Daten zeigen, dass die Sprachentwicklung von Kleinkindern individuell sehr unterschiedlich verläuft. Neben den messbaren und bereits als Standardeinflussfaktoren zu betrachtenden Faktoren (Art der Versorgung, Alter bei Erstdiagnose und Hörhilfenversorgung, Art und Grad der Hörstörung, optimale technische Versorgung, etc.) können anhand der Ergebnissen aus den Videoanalysen weitere Faktoren (triangulärer Blickkontakt, Gebrauch kommunikativer Gesten) als mögliche Einflussfaktoren auf die Sprachentwicklung identifiziert werden.
Mittels der Tait-Videoanalyse ist es möglich, bereits bei Kleinkindern während der sensiblen Phase der Hör- und Sprachentwicklung die präverbale und frühe linguistische Entwicklung zu dokumentieren. Die qualitative Analyse der präverbalen Kompetenzen nach dem erweiterten Kategorienschema liefert detaillierte Informationen hinsichtlich ihres Sprachentwicklungsstandes. Die damit gewonnenen Ergebnisse dienen somit einer bessere Beratung und Anleitung von Eltern und Therapeuten und können auch zur Qualitätskontrolle hinsichtlich der Effizienz der Hörhilfen eingesetzt werden.
Es lässt sich schlussfolgern, dass sich die qualitativen Beobachtungskriterien als eine sinnvolle Ergänzung zu dem bestehenden quantitativ ausgerichteten Testprotokoll erweisen und dass das erweiterte Testprotokoll in Kombination mit der Originalversion der Tait-Videoanalyse in besonderem Maße für die Evaluation des präverbalen Kommunikationrverhaltens von Kindern mit einer Hörschädigung geeignet ist.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Die Hör- und Sprachentwicklung normalhörender Kinder
1.1 Motivation und Kompetenzen des Kindes
1.2 Wahrnehmungsfähigkeiten und frühe auditive Entwicklung
1.3 Entwicklung der Lautproduktion
1.4 Visuelle Wahrnehmung und Entwicklung des Blickkontakts
1.5 Motivation und Kompetenzen des erwachsenen Interaktionspartners
1.6 Aufbau der frühen face-to-face-Interaktion
2 Entwicklung kommunikativer Kompetenz
2.1 Intentionalität und Produktion der referentiellen Gesten
2.2 Die gemeinsame Aufmerksamkeit
2.3 Aus gemeinsamer Aufmerksamkeit wird Referenz
2.4 Die symbolische Kommunikation
3 Die Hör- und Sprachentwicklung hörgeschädigter Kinder
3.1 Auswirkungen der Hörschädigung auf den Lautspracherwerb
3.2 Auswirkungen der Hörschädigung auf das Blickverhalten
3.3 Auswirkungen der Hörschädigung auf die sozial-emotionale Entwicklung
3.4 Auswirkungen der Hörschädigung auf die Interaktion kommunikative Entwicklung
3.5 Früherkennung und apparative Versorgung
3.6 Spracherwerb bei Kindern mit Cochlea-Implantat
3.7 Beurteilung des sprachlichen Entwicklungsniveaus
4 Die Videoanalyse nach Margaret Tait
4.1 Entstehung der Videoanalyse nach Margaret Tait
4.2 Durchführung der Videoanalyse
4.3 Bisherige Untersuchungsergebnisse
5 Methodisches Vorgehen
5.1 Beschreibung der Stichprobe
5.2 Der Untersuchungsplan
5.3 Videographische Aufzeichnung
5.4 Transkription der Daten
5.5 Quantitative Auswertung
5.6 Qualitative Auswertung
5.7 Die Gütekriterien
6 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
6.1 Quantitative Auswertung der Videosequenzen des Kindes Nancy
6.2 Quantitative Auswertung der Videosequenzen des Kindes Marc
6.3 Quantitative Auswertung der Videosequenzen des Kindes Eva
6.4 Qualitative Auswertung der gestischen Entwicklung des Kindes Eva
6.5 Quantitative Auswertung der Videosequenzen des Kindes Tom
6.6 Qualitative Auswertung der gestischen Entwicklung des Kindes Tom
6.7 Quantitative Auswertung der Videosequenzen des Kindes Rita
6.8 Qualitative Auswertung der gestischen Entwicklung des Kindes Rita
6.9 Reliabilitätsprüfung
7 Diskussion
7.1 Möglichkeiten der Tait-Videoanalyse
7.2 Reliabilität und Objektivität der Methode
7.3 Dauer und Durchführung der Methode
7.4 Einbezug der Eltern
7.5 Umgang mit den Ergebnissen
7.6 Die Bewertung der gestischen Entwicklung und des Blickkontaktes
8 Zusammenfassende Beurteilung und Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie durch die Erweiterung der "Videoanalyse nach Margaret Tait" um qualitative Beobachtungskriterien eine präzisere Erfassung der präverbalen und ersten verbalen Kommunikationsfähigkeiten bei Kleinkindern mit Cochlea-Implantat (CI) erreicht werden kann. Das Ziel ist es, Möglichkeiten und Grenzen dieses erweiterten Verfahrens darzustellen und dessen Nutzen für die frühpädagogische Diagnostik und Förderung zu eruieren.
- Entwicklung vorsprachlicher Kommunikationsfähigkeiten bei Kindern mit CI
- Erweiterung der Tait-Videoanalyse um sieben qualitative Analysekriterien
- Einfluss von elterlichem Interaktionsverhalten auf die Sprachentwicklung
- Empirische Anwendung des erweiterten Protokolls an Fallbeispielen
- Bedeutung von Blickkontakt, Turn-Taking und Gestengebrauch als Vorläuferfähigkeiten
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der frühkindlichen Kommunikationsfähigkeiten
Seit der Verbreitung des Neugeborenen-Hörscreenings in den 90er Jahren erfolgt die Diagnosestellung und Therapieeinleitung bei Kindern mit einer prälingualen Hörschädigung zunehmend früher (Kiese-Himmel 1999). So wird die Indikation zur Cochlea-Implantation nach einem Hörgeräte-Trageversuch heute bereits gehäuft in den ersten zwei Lebensjahren gestellt, da mit der frühen Implantation bedeutende Verbesserungen im Verlauf der Sprachentwicklung betroffener Kinder einhergehen (Yoshinaga-Itano et al. 1998). Folglich wird so fast allen als hochgradig schwerhörig bis resthörig diagnostizierten Kindern die Möglichkeit eröffnet, Hören zu lernen und auf nahezu natürlichem Weg Lautsprache zu erwerben.
Neben den Eltern sind alle an der Rehabilitation des Kindes beteiligten Fachleute daran interessiert, die Kommunikationsentwicklung des hörgeschädigten Kindes zu verfolgen, um rechtzeitig angemessene Fördermaßnahmen einleiten zu können. Für Kleinkinder im Alter von 6-24 Monaten existieren allerdings kaum Untersuchungstechniken zur Beurteilung der Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten sowie des Sprachentwicklungsstandes. Vorhandene Testverfahren zur Einschätzung der Sprachproduktion und -rezeption sind erst durchführbar, wenn das Kind bereits Sprache erworben hat. Schon lange gibt es deshalb Bestrebungen, durch relativ einfach zu handhabende Beobachtungsinstrumente die frühkindlichen Kommunikationsfähigkeiten sichtbar zu machen, um die kommunikativen Fortschritte sowie Schwierigkeiten von Kleinkindern mit Cochlea-Implantat zu identifizieren (Zimmerman-Phillips et al. 1997, Dyar und Robinson 1998).
Die Videoanalyse nach Margaret Tait ist ein solches Beobachtungsinstrument, das in angelsächsischen Ländern, aber auch in Deutschland, in der Früherziehung hörgeschädigter Kinder, verbreitet ist. Es basiert hauptsächlich auf der quantitativen Erfassung der präverbalen Kompetenzen in den Bereichen Blickkontakt, Sprecherwechsel, Hörbewusstsein und Autonomie, deren Beeinträchtigungen bei hörgeschädigten Kindern evident sind. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich sowohl mit der qualitativen Analyse dieser Teilbereiche der präverbalen Sprachentwicklung als auch mit der Einschätzung ihres Nutzens.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung begründet die Relevanz der Untersuchung zur frühkindlichen Kommunikationsentwicklung bei Kindern mit Cochlea-Implantat und erläutert die Zielsetzung der Arbeit sowie das methodische Vorgehen.
1 Die Hör- und Sprachentwicklung normalhörender Kinder: Dieses Kapitel beschreibt die physiologischen und psychosozialen Grundlagen des Spracherwerbs sowie die Rolle zentraler Vorausläuferfähigkeiten wie Blickkontakt und Lautproduktion.
2 Entwicklung kommunikativer Kompetenz: Es wird die stufenweise Entwicklung vorsprachlicher Kompetenzen dargestellt, wobei der Fokus auf Intentionalität, gemeinsamer Aufmerksamkeit und dem Übergang zur symbolischen Kommunikation liegt.
3 Die Hör- und Sprachentwicklung hörgeschädigter Kinder: Das Kapitel erläutert die Auswirkungen einer Hörschädigung auf verschiedene Entwicklungsbereiche und unterstreicht die Bedeutung der Früherkennung sowie die Rolle des Cochlea-Implantats.
4 Die Videoanalyse nach Margaret Tait: Es erfolgt eine Vorstellung des Videoanalyseverfahrens nach Tait als strukturiertes Beobachtungsinstrument zur Erfassung präverbaler Kommunikationsfähigkeiten.
5 Methodisches Vorgehen: Dieser Abschnitt beschreibt das Studiendesign, die Stichprobenauswahl der fünf Kinder mit Cochlea-Implantat sowie die Durchführung der Videoaufnahmen und deren Auswertung durch die erweiterten Kriterien.
6 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse: Die erhobenen Daten der fünf Probanden werden quantitativ und qualitativ ausgewertet, um individuelle Entwicklungsprofile der präverbalen Kommunikation zu analysieren.
7 Diskussion: Es findet eine kritische Reflexion des Verfahrens statt, wobei die Vorteile, aber auch die Herausforderungen in der praktischen Anwendung und die Notwendigkeit der Einbeziehung der Eltern erörtert werden.
8 Zusammenfassende Beurteilung und Schlussfolgerung: Das Fazit fasst die Eignung der erweiterten Tait-Videoanalyse als forschungsgeleitetes Diagnostikinstrument für die Frühförderpraxis zusammen und gibt einen Ausblick auf zukünftige Anforderungen.
Schlüsselwörter
Cochlea-Implantat, Videoanalyse, Margaret Tait, präverbale Kommunikation, Sprachentwicklung, Hörschädigung, Eltern-Kind-Interaktion, Frühförderung, Blickkontakt, Sprecherwechsel, Autonomie, Hörbewusstsein, Vorausläuferfähigkeiten, Symbolische Kommunikation, Qualitative Auswertung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der qualitativen und quantitativen Erfassung der präverbalen Kommunikationsfähigkeiten bei Kleinkindern mit einem Cochlea-Implantat anhand der Videoanalyse nach Margaret Tait.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Sprachentwicklung bei hörgeschädigten Kindern, die Rolle von frühen Kommunikationsmustern wie Gesten und Blickkontakt sowie die diagnostische Unterstützung durch Videoanalyse im Rahmen der Frühförderung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, dass die Aufnahme qualitativer Kriterien in das bestehende Testprotokoll von Margaret Tait eine differenziertere Einsicht in die Kommunikationsentwicklung cochlea-implantierter Kinder ermöglicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine längsschnittliche Einzelfallstudie angewendet, bei der die Videoanalyse nach Tait um sieben qualitative Beobachtungskriterien erweitert und an fünf Kindern mit Cochlea-Implantat angewendet wurde.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur frühkindlichen Kommunikationsentwicklung und einen empirischen Teil, in dem die Ergebnisse der Videoanalysen der fünf Probanden detailliert ausgewertet und diskutiert werden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere "präverbale Kommunikation", "Cochlea-Implantat", "Tait-Videoanalyse", "triangulärer Blickkontakt" und "Frühförderung".
Wie unterscheidet sich diese Videoanalyse von rein quantitativen Ansätzen?
Während die Originalversion nach Tait primär auf quantitativen Daten basiert, erlauben die in dieser Arbeit hinzugefügten sieben qualitativen Kriterien eine detaillierte Erfassung von Intentionalität und Symbolverständnis, was eine kompetenznahe Einschätzung ermöglicht.
Was bedeutet der "trianguläre Blickkontakt"?
Der trianguläre Blickkontakt beschreibt die Fähigkeit des Kindes, visuelle Aufmerksamkeit koordiniert zwischen einem Objekt und der Bezugsperson hin- und herwandern zu lassen, um eine gemeinsame Referenz zu bilden.
Warum ist die Einbeziehung der Eltern bei dieser Methode so wichtig?
Da das elterliche Interaktionsverhalten die Kommunikationsentwicklung des Kindes maßgeblich beeinflusst, ist eine Beratung und Anleitung der Eltern essentiell, um deren feinfühliges Eingehen auf die kindlichen Signale zu fördern.
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- Christiane Gutzler (Author), 2006, Die Videoanalyse nach Margaret Tait: Möglichkeiten und Grenzen zur Erfassung der präverbalen linguistischen Kommunikationsfähigkeiten bei Kleinkindern mit einem Cochlea-Implantat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112041