Als 1994 in Frankreich das zweite Sprachgesetz durchgesetzt wurde, äußerte sich die deutsche Presse durchgehend herablassend über den lächerlichen Sprachchauvinismus der Franzosen. Es wurde stolz die deutsche Weltbürgerlichkeit betont und der sprachlichen Entwicklung freien Lauf gelassen. Doch in der jetzigen Phase, in welcher der Einfluss des Englischen auf alle europäischen Sprachen immer stärker wird, finden sich zunehmend Gegenbewegungen, die dem starken Druck der Anglizismen entgegentreten wollen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Deutschen Anglizismen bereitwillig auf, da aufgrund der Vorkommnisse jede Form von Fremdwortbekämpfung unmöglich war. Bis heute kann man sagen, dass die deutsche Sprachgemeinschaft sich immer noch im „Modernisierungsfieber“ befindet, stets mit Blick auf das amerikanische Idol. Doch einzelne Pioniere im Bereich der Sprachpflege, wie der „Verein deutsche Sprache“ (VDS) nehmen sich nun trotz früherer Kritik ein Vorbild an den Franzosen, die ihre Sprache als kulturelles Erbe hart gegen den Einbruch des Englischen verteidigen. Doch die Hoffnung, die Errungenschaften der französischen Sprachpolitik auch für das Deutsche erreichen zu können, müssen wohl enttäuscht werden. Man kann die französischen Entwicklungen nicht wie eine Folie auf Deutschland legen und glauben, den Kampf gegen das Englische, wenn dieser überhaupt nötig ist, im letzten Moment zu gewinnen. Die Fremdwortdiskussion hängt auf das Engste mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen, wobei zwischen Deutschland und Frankreich gravierende Unterschiede bestehen.
Inhaltsverzeichnis
I. Französische Sprachpolitik – ein Modell für Deutschland?
II. Anfänge und Hintergründe der französischen Sprachpolitik
1. Die Académie française
2. Die „Crise du français“
III. Die französische Sprachpolitik der Gegenwart
1. Definition „Sprachpolitik“
2. Ziele, Maßnahmen und offizielle Begründungen der französischen Sprachpolitik
3. Sprachgesetze
a) Loi Bas-Lauriol
b) Loi Toubon
c) Rechtssprechung der Sprachgesetze
4. Sprachpolitisch aktive Institutionen
IV. Ersatzwörter für Anglizismen
1. Spontane Ersatzwörter (bilingual)
a) äußeres Lehngut
b) inneres Lehngut
2. Künstliche Ersatzwörter (monolingual)
a) äußere Anpassung
b) Néologie de forme
c) Néologie de sens
V. Rezeption der französischen Sprachpolitik
VI. Fazit / Ausblick
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die französische Sprachpolitik als Instrument zur Bewahrung der nationalen kulturellen Identität gegenüber dem zunehmenden Einfluss anglo-amerikanischer Sprachelemente. Es wird analysiert, wie Frankreich durch staatliche Sprachplanung, rechtliche Regulierung und die gezielte Schaffung von Ersatzwörtern versucht, den "Anglizismen-Druck" zu mildern und das Prestige der eigenen Sprache zu sichern.
- Historische Entwicklung und Tradition der französischen Sprachpflege.
- Staatliche Instrumente wie die Sprachgesetze (Loi Bas-Lauriol und Loi Toubon).
- Methoden der Terminologiekommissionen zur Bildung von Ersatzwörtern.
- Kontrastive Betrachtung der Situation in Frankreich und Deutschland.
- Rezeption der Maßnahmen innerhalb der französischen Bevölkerung.
Auszug aus dem Buch
IV. Ersatzwörter für Anglizismen
Folglich haben diese Terminologiekommissionen angesichts der Entwicklung in Europa eine immer umfangreichere Aufgabe vor sich, denn die Zahl der Entlehnungen aus anderen Sprachen, insbesondere dem Englischen bzw. Angloamerikanischen, steigt kontinuierlich. Die Kommissionen müssen also als Ersatz für diese Anglizismen französische Bezeichnungen finden, die dann statt den verpönten englischen Wörtern benutzt werden sollen. Die Frage stellt sich, woher die neuen Ausdrücke kommen bzw. wie sie von den Terminologiekommissionen gebildet werden.
Zunächst muss erwähnt werden, dass die Kommissionen nicht alle Ersatzwörter, also die „als offiziell erklärten französischen Äquivalente für Anglizismen“64, selbst bilden. Einige wenige sind in der Sprachnorm schon vorhanden, d.h. sie wurden während des natürlichen Sprachwandels von der Sprachgemeinschaft „spontan“ gebildet. Diese sind dann bereits im Sprachgebrauch etabliert und werden von den staatlichen Institutionen nur noch für offiziell erklärt. Für solche spontanen Ersatzwörter ist der Kontakt von zwei Sprachen Voraussetzung (bilingualer Kontakt). Das bedeutet, dass z.B. der Sprecher, der das französische dopage nach der englischen Vorlage doping bildete, Französisch und Englisch beherrschen musste, was man am gleichen Wortstamm sieht. Im Gegensatz dazu ist bei der Bildung von künstlichen Ersatzwörtern der Sprachkontakt nicht unbedingt nötig. Hierbei wird ein zentrales, bekanntes französisches Wort (auch wenn es ursprünglich von englischer Herkunft ist, wird es als französisch angesehen) durch ein anderes französisches Wort ersetzt. Dieser Prozess findet innerhalb einer Sprache statt (monolingual).65
Zusammenfassung der Kapitel
I. Französische Sprachpolitik – ein Modell für Deutschland?: Eine Einleitung, die das zunehmende öffentliche Interesse an Sprachkritik und die aktuelle Diskussion um Anglizismen im Deutschen und Französischen thematisiert.
II. Anfänge und Hintergründe der französischen Sprachpolitik: Analyse der historischen Etablierung des Sprachbewusstseins in Frankreich, insbesondere durch die Rolle der Académie française.
III. Die französische Sprachpolitik der Gegenwart: Erläuterung der aktuellen staatlichen Strategien, Definition von Sprachpolitik und die detaillierte Vorstellung der maßgeblichen Sprachgesetze.
IV. Ersatzwörter für Anglizismen: Untersuchung der verschiedenen methodischen Ansätze, wie durch Lehnvorgänge und künstliche Wortschöpfung französische Alternativen zu Anglizismen entwickelt werden.
V. Rezeption der französischen Sprachpolitik: Untersuchung der Akzeptanz der staatlichen Maßnahmen bei den französischen Bürgern und dem Erfolg von Sprachpflegemaßnahmen in der Praxis.
VI. Fazit / Ausblick: Kritische Reflexion über den Erfolg der Sprachpolitik und ein Vergleich zwischen der französischen und der deutschen Herangehensweise an den Sprachwandel.
Schlüsselwörter
Sprachpolitik, Frankreich, Anglizismen, Sprachpflege, Terminologiekommission, Sprachgesetz, Loi Toubon, Identität, Sprachplanung, Sprachbewusstsein, Lehnwörter, Neologismen, Sprachkultur, Sprachschutz, Denglisch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Strategien der französischen Sprachpolitik, um die eigene Muttersprache gegen den wachsenden Einfluss des Englischen bzw. Amerikanischen zu schützen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf historischen Hintergründen der Sprachpflege, der staatlichen Regulierung durch Gesetze und den linguistischen Methoden zur Ersetzung von Anglizismen.
Welches primäre Ziel verfolgt die französische Sprachpolitik laut der Arbeit?
Das Hauptziel ist die Bewahrung der nationalen Identität und des kulturellen Prestiges des Französischen durch die Eliminierung englischer Lehnwörter aus dem öffentlichen Sprachgebrauch.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es wird eine linguistische Analyse von Sprachplanungsprozessen vorgenommen, ergänzt durch die Untersuchung von Gesetzen, Statistiken und den Mechanismen der Wortbildung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Definition von Sprachpolitik, der Erläuterung der Sprachgesetze (Loi Bas-Lauriol/Toubon) sowie der Klassifizierung von spontanen und künstlichen Ersatzwörtern.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sprachplanung, Sprachnationalismus, Terminologiekommissionen, Sprachökonomie und das Konzept der kulturellen Identität.
Welche Rolle spielt die Académie française in der heutigen Zeit?
Obwohl sie historisch als Keimzelle der Sprachpflege gilt, fungiert sie heute primär als Leitinstanz für die Koordination verschiedener moderner Sprachpflegeorganisationen.
Warum haben viele der staatlich verordneten Ersatzwörter in Frankreich einen schweren Stand?
Die Arbeit betont, dass Sprachbenutzer oft dem Prinzip der Sprachökonomie folgen; wenn ein Anglizismus präziser oder etablierter ist, setzen sich offizielle, oft umständlichere französische Begriffe im Alltag kaum durch.
Wie unterscheiden sich die Ansätze in Deutschland und Frankreich?
Während in Frankreich eine aktive, staatlich geförderte Sprachabwehr stattfindet, ist in Deutschland eine eher unkritische Übernahme von "modernen" Anglizismen zu beobachten.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich des Erfolgs der Sprachpolitik?
Das Fazit zeigt, dass die Sprachpolitik zwar einen hohen Aufwand betreibt, in der breiten Bevölkerung jedoch auf mangelnde Bereitschaft zur Umsetzung stößt, da die Eingriffe oft an den tatsächlichen Sprachgewohnheiten vorbeigehen.
- Citation du texte
- Marion Heiß (Auteur), 2004, Fremdwörter in der gegenwärtigen Sprachkritik. Sprachpolitik in Frankreich - übertragbar auf Deutschland?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112080