„In das Nadelöhr der heutigen Wirklichkeit paßt der Faden unserer bisherigen Politik überhaupt nicht hinein. Wir müssen einen neuen Faden spinnen.“, konstatiert Theo Sommer im Herbst 1966 in einem Kommentar zur innenpolitischen Lage Deutschlands.
Diese plastische Formulierung trifft genau ins Zentrum der Probleme, die Mitte der sechziger Jahre die Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik in Unruhe versetzen.
Die goldenen Jahre des „Wirtschaftswunders“ und der damit verbundenen Unbekümmertheit waren vorbei, Veränderungen wurden deutlich und kündigten sich in zunehmendem Maße an. Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich, drohte zu stagnieren und die seit 1964 bestehende Gefahr von Inflation rief allgemeine Orientierungslosigkeit und Krisenbewusstsein hervor. Es kamen Zweifel auf, ob das marktwirtschaftliche System in der Lage sei, die wirtschaftlichen Probleme zu bewältigen. Diese Zweifel wurden durch eine skeptische Grundhaltung gegenüber Politik und politischer Entscheidungsmacht als solcher verstärkt, die zunehmend dem Einfluss technischer Innovationen und der Macht partikulärer Interessenverbände unterstand. Kernfrage all dieser Probleme und Sorgen war „das bislang ungelöste Problem der Steuerung komplexer Industriegesellschaften“. Man war auf der Suche nach einer neuen Konzeption von Politik, nach einem neuen politischen Leitbild, das die alte erhardsche Zielsetzung „Wohlstand für alle“ ersetzte, an deren Stelle sich eine klaffende Lücke immer deutlicher abzeichnete. Diese Suche beschäftigte seit Beginn der sechziger Jahre sowohl Regierung als auch Opposition und kennzeichnet die Politik dieser Zeit in besonderem Maße.
Die Debatte um eine neue gesellschaftliche Gesamtkonzeption wurde endgültig mit dem Wahlkampf zur Bundestagswahl 1965 entfacht durch das von Ludwig Erhard vorgestellte Konzept der „Formierten Gesellschaft“. Diesem Versuch einer neuen gesellschaftspolitischen Zielsetzung begegnet die SPD mit scharfer Kritik. Als Gegenmodell antworten die Sozialdemokraten mit dem Leitbild der „Mündigen Gesellschaft“.
In dieser Arbeit sollen beide Konzepte zunächst kurz vorgestellt und anschließend miteinander verglichen werden. In einer abschließenden Beurteilung soll festgestellt werden, warum sich das eine Konzept gegenüber dem anderen behaupten konnte.
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Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die „Formierte Gesellschaft“ – Ludwig Erhards gesellschaftspolitisches Konzept
III. Die „Mündige Gesellschaft“ – Kritik und Gegenmodell der SPD
IV. Vergleich beider Konzepte
1. Problembewusstsein, Zielsetzung, Definition
2. Mensch und Gesellschaft
3. Staat und Politik
V. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den gesellschaftspolitischen Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland Mitte der 1960er Jahre, indem sie die konkurrierenden Konzepte der „Formierten Gesellschaft“ von Ludwig Erhard und der „Mündigen Gesellschaft“ der SPD vergleichend analysiert. Ziel ist es, die unterschiedlichen Krisenbewältigungsstrategien und Leitbilder dieser Zeit gegenüberzustellen und ihre jeweilige politische Tragfähigkeit zu bewerten.
- Gesellschaftspolitischer Wandel in den 1960er Jahren
- Konzept der „Formierten Gesellschaft“ (CDU)
- Gegenmodell der „Mündigen Gesellschaft“ (SPD)
- Verhältnis von Staat, Gesellschaft und individuellem Bürger
- Planungspolitik und politische Steuerung komplexer Industriegesellschaften
Auszug aus dem Buch
Die „Formierte Gesellschaft“ – Ludwig Erhards gesellschaftspolitisches Konzept
Im März 1965 stellte Ludwig Erhard auf dem CDU-Parteitag in Düsseldorf, der den Wahlkampf für die im Herbst bevorstehende Bundestagswahl eröffnen sollte, ein neues politisches Konzept vor, das Konzept der „Formierten Gesellschaft“. Dieses Konzept war seit Herbst 1964 in Zusammenarbeit des Kanzlers mit verschiedenen Wissenschaftlern und Publizisten erarbeitet worden. Anliegen und Ziel war es gewesen, eine neue Verheißung, ähnlich der von der „Sozialen Marktwirtschaft“ zu finden, da die Wahlprognosen für eine erneute Kanzlerschaft Erhards schlecht aussahen. Einer solchen Suche lag die Feststellung zugrunde, dass die alten Ideale „Soziale Marktwirtschaft“ und „Wohlstand für alle“ ausgeschöpft waren und sich gesellschaftliche Orientierungslosigkeit breit machte.
In seiner Parteitagsrede vom 31.3.1965 spricht Erhard von einem „Gefühl des Unbehagens“ in der Gesellschaft. Als Auslöser hierfür führt er einerseits an, dass die Phase des Wiederaufbaus abgeschlossen und damit „alle naheliegenden materiellen Ziele schon weitgehend erfüllt“ seien. Positiv formuliert er dies als „den Wunsch nach einer Stabilisierung der Lebensordnung und zugleich nach einer sinnvoll gegliederten Gesellschaft“. Als weiteren Auslöser für das „Unbehagen“ benennt Erhard die Tatsache, dass „egoistische Gruppeninteressen“ zunehmend das Gemeinwohl schädigten und daher die „Gefahr eines überentwickelten Pluralismus“ bestehe.
Während dies die aus der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Lage heraus resultierenden Beweggründe für eine neue Politik sind, geht Erhard auch auf die geschichtsphilosophischen Ursachen ein, die für eine solche sprechen. Er sieht eine Gesellschaft, die „tiefgreifende Veränderungen und Wandlungen erfahren“ hat, die durch die Soziale Marktwirtschaft von Klassenkampf und wirtschaftlicher Not befreit worden ist: „Dieses Volk hat die Epoche der Kultur- und Klassenkämpfe hinter sich gebracht. Aber wir leben auch nicht einfach in der Zeit danach. Die ‘Formierte Gesellschaft’ wird das Bild der Zukunft bestimmen.“ Mit dieser Formulierung deutet sich eine „historische Stufenfolge“ an, „die von der Entwicklung der Ständegesellschaft über die Klassengesellschaft zur modernen Gesellschaft der Nachkriegszeit reicht“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung skizziert die politische Krise der 1960er Jahre und den daraus resultierenden Bedarf an einem neuen gesellschaftspolitischen Leitbild, das das Ende des „Wirtschaftswunders“ adressiert.
II. Die „Formierte Gesellschaft“ – Ludwig Erhards gesellschaftspolitisches Konzept: Dieses Kapitel erläutert Ludwig Erhards Konzept, das auf einer geschichtsphilosophischen Stufenfolge basiert und eine mentale Transformation der Gesellschaft zur Überwindung egoistischer Gruppeninteressen anstrebt.
III. Die „Mündige Gesellschaft“ – Kritik und Gegenmodell der SPD: Hier wird Karl Schillers Gegenmodell vorgestellt, das die „Formierte Gesellschaft“ als statisch kritisiert und stattdessen eine dynamische, planende Politik fordert, die den mündigen Bürger einbindet.
IV. Vergleich beider Konzepte: Das Kapitel vergleicht systematisch die Zielsetzungen, Menschenbilder sowie die Ansichten zu Staat und Politik der beiden vorgestellten Modelle.
V. Resümee: Das Fazit stellt fest, dass Schillers Konzept den Zeitgeist besser traf und sich als Grundlage für spätere politische Reformen erwies, während Erhards Ansatz trotz seiner Bedeutung als Debattenauslöser politisch scheiterte.
Schlüsselwörter
Formierte Gesellschaft, Mündige Gesellschaft, Ludwig Erhard, Karl Schiller, Bundesrepublik Deutschland, 1960er Jahre, Wirtschaftswunder, gesellschaftspolitisches Leitbild, Pluralismus, Sozialstaat, politische Planung, Demokratieverständnis, Parteien, Wahlkampf, Reformpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftspolitischen Konzepte der „Formierten Gesellschaft“ von Ludwig Erhard und der „Mündigen Gesellschaft“ der SPD, die beide als Antworten auf die politische Orientierungslosigkeit der 1960er Jahre in der Bundesrepublik entwickelt wurden.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Autorin?
Zentrale Themen sind die wirtschaftliche und politische Stabilisierung, die Rolle des Staates in einer komplexen Industriegesellschaft, das Menschenbild des Bürgers sowie die Bewältigung des Pluralismus.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie beide Konzepte auf den gesellschaftlichen Wandel reagierten und warum sich das Konzept der SPD gegenüber dem der Union als tragfähiger erweisen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine aspektorientierte vergleichende Analyse primärer Quellen, insbesondere Parteitagsreden von Ludwig Erhard und Karl Schiller, um die Leitideen und deren praktische Implikationen herauszuarbeiten.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung beider Konzepte und einen anschließenden strukturierten Vergleich hinsichtlich Zielsetzungen, Menschenbildern sowie des Verhältnisses von Staat und Politik.
Was charakterisiert die Arbeit inhaltlich?
Die Arbeit ist charakterisiert durch die Untersuchung des Übergangs von der Ära des Wirtschaftswunders hin zu einer neuen Phase der politischen Planung und gesellschaftlichen Mitgestaltung durch den mündigen Bürger.
Warum wurde Erhards Konzept der „Formierten Gesellschaft“ als „Notformel“ bezeichnet?
Karl Schiller und andere Kritiker sahen darin einen Versuch, den Status quo zu konservieren und durch einen Appell an eine künstliche Gemeinsamkeit den notwendigen politischen Fortschritt und notwendige Reformen zu behindern.
Welche Bedeutung hatte das Konzept der „Mündigen Gesellschaft“ für die spätere Politik?
Das Konzept der „Mündigen Gesellschaft“ gilt als richtungsweisend für den späteren Slogan der Regierung Brandt „Mehr Demokratie wagen!“ und stellt eine moderne Antwort auf die Steuerungsbedürfnisse der Industriegesellschaft dar.
- Arbeit zitieren
- Katharina Tiemeyer (Autor:in), 2004, "Formiert" oder "mündig"? - Die BRD auf der Suche nach einem neuen politischen Leitbild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112092