Collective Memory

Trennung von Politik und kollektivem Gedenken an den Vietnamkrieg in der amerikanischen Gesellschaft - ein unmögliches Vorhaben?


Essay, 2005

10 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Trennung von Politik und kollektivem Gedenken an den Vietnamkrieg in der amerikanischen Gesellschaft

– ein unmögliches Vorhaben?

„The memorial will make no political statement regarding the war or its conduct. It will transcend those issues. The hope is that the creation of the memorial will begin a healing process, a reconciliation of the grievous divisions wrought by the war.” (www.vva.org)

Diese Vorgaben – keine politische Haltung des Mahnmals und zudem Auslösung eines Heilungsprozesses – gingen der Design- Ausschreibung des Vietnam Veterans Memorial in Washington voraus. Es sollte also auf Wunsch der amerikanischen Vietnamkriegsveteranen, die es initiierten, ein Mahnmal werden, das unpolitisches Gedenken ermöglichen sollte, mit dem Ziel, die Teilung der Gesellschaft als Folge des Vietnamkrieges zu überwinden. Unpolitische Erinnerung also an einen Krieg, der sowohl auf sozialer als auch politischer Ebene traumatische Auswirkungen hatte. Es drängt sich die Frage auf, ob dieses Vorhaben überhaupt realisiert werden konnte. War diese Vorgabe nicht stattdessen von Anfang an zum Scheitern verurteilt? War Politik nicht ständig eingeflochten in die kollektive Erinnerung der amerikanischen Gesellschaft an den Vietnamkrieg, sowohl in Verbindung mit dem Mahnmal, als auch auf allgemeiner Gesellschaftsebene?

Kollektives Gedächtnis, hier also die Erinnerung der Amerikaner an den Vietnamkrieg, ist trotz dieser Bezeichnung im Grunde immer das Gedächtnis von Individuen, nicht das des Kollektivs. Denn eine Gruppe selbst kann kein Gedächtnis in diesem Sinne haben, es bedarf immer einzelner Menschen, die sich erinnern und damit als Träger des kollektiven Gedächtnisses fungieren (vgl. Halbwachs 1967: 31f.). Gemeinsame Erinnerungen in einer sozialen Gruppe, die durch das Kommunizieren der Mitglieder untereinander immer wach gerufen und am Leben erhalten werden – das verstehen wir unter kollektivem Gedächtnis. Kollektives Gedächtnis ist also immer sozial bedingt (vgl. Jan Assmann 2005: 35f.). Nur in seltensten Fällen ist die soziale Gruppe so groß wie eine Nation, normalerweise handelt es sich dabei um die Gruppe der Familie, Freunde, Arbeitskollegen oder der Dorfgemeinde. Die Erinnerung an den Vietnamkrieg, der als der erste seiner Art gelten kann, ist jedoch eine solche Ausnahme, bei dem die ganze Nation am Gedenken teilnimmt.

Denn der Vietnamkrieg stellt eine extreme Zäsur in der amerikanischen Geschichte dar: Das bis dahin erfolgsverwöhnte amerikanische Militär sah sich einem unsichtbaren und deshalb unschlagbaren Feind gegen- über, die Politiker schafften es nicht dauerhaft, der Bevölkerung den Sinn dieses für sie absurden Krieges zu erklären. Der Einsatz von Napalm und Agent Orange waren zweifelhafte Mittel in diesem verzweifelten Krieg. Und nicht zuletzt trat das viel beschriebene Problem der traumatisierten Veteranen auf. Sie eigneten sich nämlich nicht dazu, nach ihrer Rückkehr in die Heimat als Kriegshelden gefeiert zu werden. Stattdessen waren sie als Außenseiter, die nur schwer einen Weg zurück in die Gesellschaft fanden, stigmatisiert. Zudem regte sich heftiger Widerstand in der eigenen Bevölkerung, was also einen Bruch in der bisherigen Einheit der Nation bedeutete. Und obwohl der Vietcong militärisch eigentlich weit unterlegen war, mündete dieser Krieg letztendlich in der ersten militärischen Niederlage der Vereinigten Staaten von Amerika.

All das hinterließ tiefgehende Wunden und machte den Vietnamkrieg zu einer einzigartig traumatischen Erfahrung, die die gesamte Nation mit einschloss. Jedoch hatte jeder Einzelne eigene Erinnerungen, oder Erinnerungen, die er mit seiner sozialen Gruppe – wie mit der Einsatztruppe oder den Mitgliedern der Widerstandbewegung – teilte. Um aus diesen Puzzleteilen der Erinnerungen ein nationales Gedenken zu schaffen, bedurfte es der Leitung durch Medien und Politik. Denn anders als auf der Ebene der kleinen sozialen Gruppen, in denen ein kollektives Gedächtnis spontan entsteht und automatisch existiert, kann ein gemeinsames Gedächtnis auf nationaler Ebene nur durch planvolles politisches oder medientechnisches Vermitteln entstehen. Ansonsten nehmen aufgrund der mangelnden Kommunikation untereinander nicht alle Betroffenen an diesem Gedenken teil, die Erinnerung bleibt bruchstückhaft.

So können Politiker beispielsweise in Reden und Ansprachen ein gemeinsames Bewusstsein gegenüber einem bestimmten Ereignis in der

Historie der Nation erwecken; in den Medien dargestellte Erinnerungen anderer werden aufgenommen in das eigene Erinnerungsrepertoire, und ersetzen dort sogar teilweise eigene Erinnerungen.

Aufgrund dieser Einmischung von Politik und Medien besteht jedoch bei dieser Umwandlung vom individuellen zum kollektiven Gedächtnis immer eine große Gefahr „der Reduktion, Verzerrung und der Instrumentalisierung“ (Aleida Assmann 1999: 15). Das ist auch kein Phänomen der Neuzeit: Schon immer habe die Politik versucht, Einfluss auf das kollektive Gedächtnis zu nehmen, beispielsweise so geschehen bei Napoleon, der seine Siege, nicht aber Niederlagen in der Geschichteschreibung sehen wollte (vgl. Funkenstein 1989: 8).

In den USA hätten amerikanische Politiker in den Jahren nach dem Vietnamkrieg die Möglichkeit und vielleicht sogar die Aufgabe gehabt, ein Gefühl der kollektiven Erinnerung zu wecken. Stattdessen jedoch schlugen die politischen Akteure in den USA nicht den Weg zum kollektiven Gedächtnis, sondern zur kollektiven Verdrängung ein. Ganz bewusst wurde das Thema Vietnamkrieg in der Politik vermieden. Gerade Präsident Ford ging nach dieser Strategie vor und rief „zum Blick in die Zukunft auf“ (Gessner 2000: 10). Erst sieben Jahre nach dem offiziellen Kriegsende kam mit der Planung des Vietnam Veterans Memorial das Gedenken an Vietnam wieder an die breite Öffentlichkeit: Vietnam- Veteranen um Jan Scruggs initiierten das Mahnmal und lösten damit eine landesweite Debatte um das Gedenken an Vietnam aus. Nach dem Design-Entwurf der Studentin Maya Lin, die damit die Ausschreibung gewann, sollte das Mahnmal aus einer zirka 170 Meter langen, schwarzen Granitwand bestehen, die V-förmig in den Boden eingelassen ist und auf der alle Namen der Vermissten und Getöteten des Krieges chronologisch eingraviert sind. Dieses Modell wurde höchst kontrovers und auf vielen verschiedenen Ebenen diskutiert. Und schon hier war das Mahnmal nicht mehr von der Politik zu trennen, da die Diskussion nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im amerikanischen Kongress und Senat geführt wurde (vgl. Gessner 2000: 147). Es gab sogar ein spezielles Senatkomitee zu diesem Thema (Gessner 2000: 3), wobei einige Senatoren versuchten, den Bau des Mahnmals aufgrund seines Designs zu blockieren. Diskutiert wurde dabei jedoch über Parteigrenzen hinweg: Es war keine klare Einordnung mehr in Kriegsgegner und -befürworter, den so genannten „doves“ and „hawks“ zu erkennen (vgl. ebd.), denn in der Debatte ging es mehr als nur ein Für und Wider bezüglich des Krieges.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Collective Memory
Untertitel
Trennung von Politik und kollektivem Gedenken an den Vietnamkrieg in der amerikanischen Gesellschaft - ein unmögliches Vorhaben?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
"Cognitive Maps” und “Collective Memory”
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
10
Katalognummer
V112247
ISBN (eBook)
9783640110650
ISBN (Buch)
9783640110698
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Collective, Memory, Cognitive, Maps”, Memory”
Arbeit zitieren
Simone Schubert (Autor), 2005, Collective Memory, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112247

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Collective Memory



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden