Die Religion ist auf dem Vormarsch. Die Glaubensgemeinschaften in
westlichen Gesellschaften verzeichnen wieder einen positiven Trend in der
Entwicklung ihrer Mitgliedszahlen. Kirchentage werden wie Popkonzerte
zelebriert, medial aufbereitet und gerade junge Menschen entdecken
vermehrt ihren Glauben.
Auch in der öffentlichen Debatte findet eine zunehmende Beschäftigung mit
dem Komplex des Religiösen statt, angeregt besonders durch die
Geschehnisse des 11. September 2001 und deren Aufarbeitung. Religiöse
Rhetorik fand Eingang in die Politik und Glaube wurde sogar zur Legitimation
politischen Handelns missbraucht, namentlich in den Vereinigten Staaten von
Amerika. Im Zuge dessen wurde das Feindbild Islam kreiert und die These
Huntingtons vom „Clash of Civilisations“ wurde wiederbelebt. In diesem
Zusammenhang wird immer wieder auf die Gefahr eines radikalisierten,
expansionistischen Islam rekurriert und die Unverträglichkeit von Islam und
Demokratie beschworen. In diesem Sinne gilt vielen die christliche Religion
als konstitutiv für die Demokratie und damit nach westlichem
Werteverständnis dem Islam überlegen.
Da diese Diskussion öffentlich häufig populistisch geführt wird, soll diese
Arbeit sich wissenschaftlich dem Thema nähern.
Welche Einflüsse der Religion auf die Politik lassen sich in einzelnen
Gesellschaften wirklich nachweisen und wie ist Einflussnahme institutionell
geregelt?
Zur Beantwortung dieser Leitfragen werden zunächst ausgewählte
Verfassungen europäischer Staaten systematisch auf ihre religiösen Bezüge
hin analysiert, verglichen und in eine Typologie von Staat- Kirche-
Beziehungen eingeordnet. Einzelne nationale Modelle werden diskutiert und
Argumente anhand der Entwicklung der EU- Verfassung und den damit
einhergehenden nationalen Begehrlichkeiten verdeutlicht. Dabei werden
auch etwaige Diskrepanzen zwischen Verfassungstext und alltäglicher Praxis
beleuchtet.
Diese finden sich, soviel sei an dieser Stelle schon vorweg genommen,
vermehrt in islamischen Staaten, weshalb in einem nächsten Schritt das
Verhältnis von Religion und Politik im Islam an einem Länderbeispiel
analysiert und der Versuch einer Verallgemeinerung vorgenommen wird.
Der Fokus der Analyse liegt bei allen Staat- Kirche- Beziehungen auf den
Aspekten Religionsfreiheit, Staatsneutralität und der Kooperation von Staat
und Kirchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1. Religiöse Bezüge in Verfassungen
2.2. Institutionelle Beziehungen
3.1. Die Verfassung der Europäischen Union
3.2. Religion im Grundgesetz
3.3. Vergleich internationaler Verfassungen
4. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht systematisch die Einflüsse von Religion auf politische Institutionen und Prozesse, indem sie religiöse Bezüge in europäischen und islamischen Verfassungen analysiert und in eine Typologie der Staat-Kirche-Beziehungen einordnet.
- Analyse religiöser Bezüge in Verfassungstexten und deren praktischer Umsetzung.
- Diskussion des Einflusses der Religion auf die Entwicklung der EU-Verfassung.
- Untersuchung des Verhältnisses von Religion und Politik im Islam an konkreten Länderbeispielen.
- Bewertung des Spannungsfeldes zwischen Religionsfreiheit, Staatsneutralität und Kooperation von Staat und Kirche.
- Reflexion über Integrationsmöglichkeiten von Muslimen in säkulare Systeme.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Verfassung der Europäischen Union
„Die Europäische Union achtet den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen, und beeinträchtigt ihn nicht. Die Europäische Union achtet den Status von weltanschaulichen Gemeinschaften in gleicher Weise.“
Dieser Passus des Amsterdamer Vertrages macht den Respekt der EU für die Traditionen ihrer Mitgliedsstaaten deutlich und besagt, dass keines der genannten Modelle einer Staat- Kirche- Beziehung bevorzugt wird. Europäisches Recht greift hier nicht in die nationalen Vorschriften ein.
Die oben in 2.1. kurz skizzierten Argumente waren zuletzt Teil der Debatte um die Erarbeitung der Europäischen Verfassung. Auch dabei war ein möglicher Gottesbezug bei den einzelnen Mitgliedsstaaten sehr umstritten. Im Wesentlichen standen sich die französische Auffassung eines säkularen, laizistischen Staates mit vollständiger Trennung von Staat und Kirche und die Auffassung der katholisch geprägten EU- Staaten wie Polen, Italien und Irland gegenüber.
Großen Widerstand gab es auch von Seiten der belgischen Regierung, die der Ansicht war, dass die EU- Verfassung, da sie die Charta der Grundrechte enthält, für die Freiheit des Denkens, des Bewusstseins und der Religion eintreten sollte. Damit verbiete sich natürlich ein explizit christlicher Bezug.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die zunehmende Bedeutung von Religion in westlichen Gesellschaften und der Politik seit dem 11. September 2001 und stellt die Forschungsfrage nach dem institutionellen Einfluss der Religion auf staatliches Handeln.
2.1. Religiöse Bezüge in Verfassungen: Das Kapitel analysiert die Funktion von Gottesbezügen und religiösen Zusätzen in Verfassungen sowie die gegensätzlichen Positionen von Befürwortern und Gegnern hinsichtlich des Neutralitätsprinzips.
2.2. Institutionelle Beziehungen: Hier werden unterschiedliche Typologien von Staat-Kirche-Verhältnissen – vom Staatskirchenmodell bis zur strikten Trennung – sowie der europäische Trend zur verstärkten Kooperation erörtert.
3.1. Die Verfassung der Europäischen Union: Das Kapitel diskutiert das Ringen um einen Gottesbezug in der EU-Verfassung und das Bemühen, die verschiedenen nationalen Traditionen und das laizistische Verständnis zu versöhnen.
3.2. Religion im Grundgesetz: Der Autor arbeitet die Bedeutung des Gottesbezugs im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heraus und erläutert das deutsche Kooperationsmodell zwischen Staat und Kirche.
3.3. Vergleich internationaler Verfassungen: Anhand von Beispielen wie Griechenland, Irland, der Schweiz und dem Iran wird die Diskrepanz zwischen verfassungsrechtlichem Anspruch und der alltäglichen Praxis der Religionsfreiheit aufgezeigt.
4. Resümee: Das Fazit stellt fest, dass nationale Lösungen für das Staat-Kirche-Verhältnis in Europa weiterhin dominieren und fordert eine Abkehr von der Vorstellung einer zwangsläufigen Unverträglichkeit zwischen Islam und Demokratie.
Schlüsselwörter
Religion, Politik, Verfassung, Gottesbezug, Religionsfreiheit, Staatsneutralität, Staat-Kirche-Verhältnis, Laizismus, Grundgesetz, Europäische Union, Islam, Demokratie, Integration, Werteverständnis, Kooperation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht, wie Religion in verschiedenen Verfassungen verankert ist und welchen Einfluss dies auf das Verhältnis zwischen Staat und Religionsgemeinschaften in Europa und im islamischen Raum hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse von Gottesbezügen in Rechtstexten, der institutionellen Kooperation von Staat und Kirche sowie der Herausforderung der Religionsfreiheit unter verschiedenen politischen Systemen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Der Autor fragt, welche tatsächlichen Einflüsse der Religion auf die Politik in den jeweiligen Gesellschaften nachweisbar sind und wie diese Einflussnahme durch staatliche Institutionen reguliert wird.
Welche methodische Vorgehensweise wählt der Autor?
Die Untersuchung erfolgt durch einen systematischen Vergleich ausgewählter europäischer und islamischer Verfassungen, ergänzt durch eine Typologisierung der entsprechenden Staat-Kirche-Modelle.
Welche Inhalte bilden den Kern des Hauptteils?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der EU-Verfassung, dem spezifischen deutschen Grundgesetz-Modell sowie einem internationalen Vergleich, der auch die Situation in islamisch geprägten Staaten beleuchtet.
Durch welche Schlagworte lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Kernbegriffe umfassen Religion, Politik, Verfassungsrecht, Religionsfreiheit, Säkularisierung, Integration und die Kooperation von religiösen Akteuren mit staatlichen Strukturen.
Warum wird in der Arbeit auch der Iran als Beispiel herangezogen?
Der Iran dient als Beispiel für eine theokratische Ordnung, in der Religion die Politik dominiert, um den Kontrast zu säkularen europäischen Modellen und die Diskrepanz zwischen Verfassungstext und staatlicher Praxis zu verdeutlichen.
Wie bewertet der Autor die Debatte um einen Gottesbezug in der EU-Verfassung?
Der Autor ordnet die Debatte als einen schwierigen Kompromissprozess ein, bei dem unterschiedliche nationale Traditionen aufeinandertreffen, und sieht in nationalen Lösungen vorerst den sinnvollsten Weg.
- Quote paper
- Benjamin Siegert (Author), 2006, Ein systematischer Vergleich der religiösen Bezüge in europäischen und islamischen Verfassungen im Hinblick auf deren Relevanz für den Einfluss von Religion auf Politik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112292