Für Husserl liegt die Krisis der europäischen (westlichen) Wissenschaft in der, aus dem Erfolg der exakten Wissenschaft resultierenden, Stagnation der in Epistemologie und Ontologie forschenden Welt. Mit exakten Wissenschaften sind jene gemeint, die mithilfe der Arithmetik und der Messinstrumente Ergebnissen erzielten, im Gegensatz zu den rein geistlichen Wissenschaften, die sich über den Prozess des Erkennens überhaupt uneinig sind. Die Stagnation sieht er weniger in dem zweifelhaften Erfolg der exakten Wissenschaften, die bspw. niemals Aussagen über „Sinn“ und „Moral“ treffen können, sondern gerade in derjenigen Dichotomie aus objektiver Dingwelt und subjektiver Erkenntnis, die beide Wissenschaften (exakte und geistliche) fahrlässig konstruiert haben. Das Problem, dass sich die Parteien mit ihren unterschiedlichen Kategorien nicht mehr über Sinn und Unsinn verständigen können, ist Synonym dieser Stagnation.
Für Husserl sind also beide Parteien, diejenige, die keinen Sinn stiften kann (exakte Wissenschaft), und diejenige, die den Sinn zu stiften nicht vermag (geistige Wissenschaft), Opfer ihrer eigenverursachten Opposition. Eigenverursacht, weil die Hauptbegründer dieser Opposition mit alten Traditionen gebrochen haben, bspw. mit der Methexis (griech. „Teilhabe“) Platos, die trotz einer Zwei-Welten-Lehre, eine notwendige Zusammengehörigkeit beider Welten postuliert.
Inhaltsverzeichnis
1. Was bedeutet „Krisis der europäischen Wissenschaften“?
2. Die zwei Seiten des „Kerns“
a) Die eine Seite - die idealisierte Körperwelt durch Galilei
b) Die andere Seite - die naturalistische Psychologie durch Descartes
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert Edmund Husserls Schrift „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“, um den Ursprung der aus Husserls Sicht bestehenden Stagnation in den Wissenschaften aufzuzeigen und die Rolle von Galilei und Descartes in dieser Entwicklung kritisch zu hinterfragen.
- Die Dichotomie zwischen exakten und geistigen Wissenschaften.
- Die Rolle von Galilei bei der Mathematisierung der Körperwelt.
- Der Einfluss des cartesischen Dualismus auf das Verständnis von Subjektivität und Objektivität.
- Die Problematik der Sinnstiftung innerhalb der modernen Wissenschaftsgeschichte.
Auszug aus dem Buch
Die eine Seite - die idealisierte Körperwelt durch Galilei
Husserl erläutert, wie Galilei einem ganz besonderem Zeitgeist unterworfen war: Galilei unterlag den Idealen der Mathematik. Es hatte sich ergeben, dass sich durch die jahrtausende alte Arithmetik irgendwann eine Form der Geometrie ergeben hatte, welche Anwendung in der Realwelt fand. Als Beispiel nennt Husserl die Messkunst (S. 27), die sich an den Formen der Geometrie orientierte und später die Gestalt der angewandten Mathematik annahm. Galilei bediente sich dieser angewandten Mathematik und leitete nun „Verhängnisvolle Missverständnisse als Folgen der Unklarheit über den Sinn der Mathematisierung“ [Titel § 9 i) S. 58] ein. Das Missverständnis sieht Husserl darin, dass aus erzielten Ergebnissen der angewandten Mathematik nun rückwirkend auf die Seinsform der Welt geschlossen wurde: namentlich mithilfe der Physik. Allerdings sei es uns nur möglich, die in der empirischen Welt gemessenen Gegenstände approximativ an die idealisierte geometrische Vorstellung zu richten (so wir in der Natur nie einen reinen Kreis vorfinden werden). Die Selbstverständlichkeit dieses approximativen Ausrichtens der sinnlichen Qualitäten an Idealwerte [der „Füllen“ (S. 36) an die „Form“-gebenden Mathematik] ist für Husserl naiv.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Was bedeutet „Krisis der europäischen Wissenschaften“?: Dieses Kapitel legt dar, wie die Opposition zwischen exakten und geistigen Wissenschaften zu einer Stagnation führt, da keine Verständigung über Sinn und Moral mehr stattfindet.
2. Die zwei Seiten des „Kerns“: Hier wird untersucht, wie Galileis Idealisierung der Körperwelt und Descartes’ naturalistische Psychologie als Ursprünge dieser tiefgreifenden wissenschaftlichen Krise fungierten.
a) Die eine Seite - die idealisierte Körperwelt durch Galilei: Dieser Abschnitt thematisiert den Übergang von einer geometrischen Anwendung zur naiven Annahme einer physikalisch-objektiven, mathematisierbaren Welt.
b) Die andere Seite - die naturalistische Psychologie durch Descartes: Dieses Kapitel behandelt die Folgen des cartesischen Dualismus, die zur Skepsis gegenüber der Philosophie und zur Fragmentierung des Wissensbegriffs beitrugen.
Schlüsselwörter
Husserl, Krisis, europäische Wissenschaften, Phänomenologie, Galilei, Descartes, Mathematisierung, Dualismus, Sinnstiftung, Epistemologie, Ontologie, Körperwelt, Subjektivität, Objektivität, Stagnation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von Husserls Kritik an der modernen europäischen Wissenschaft und deren historisch gewachsener Stagnation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die philosophischen Grundlagen der Wissenschaftsgeschichte, insbesondere der Dualismus von Geist und Materie sowie die mathematische Idealisierung der Welt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Ursprung der Krisis der Wissenschaften durch die historische Betrachtung von Galileis und Descartes' Ansätzen freizulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Textanalyse basierend auf Husserls Hauptwerk „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Galileis mathematischer Objektivierung der Natur und Descartes' dualistischer Abspaltung der Seele von der Körperwelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Phänomenologie, Mathematisierung, Dualismus, Sinnstiftung und die Krisis der Wissenschaften.
Warum sieht Husserl die Mathematisierung der Natur als problematisch an?
Husserl betrachtet sie als problematisch, weil sie naiv von einer idealisierten Körperwelt ausgeht und empirische Messergebnisse fälschlicherweise auf die Seinsform der gesamten Welt überträgt.
Inwiefern hat Descartes zur Krise beigetragen?
Laut Husserl kanonisierte Descartes den Dualismus zwischen Körper und Geist, was den Grundstein für einen naturalistischen Psychologismus legte und die Einheit der Philosophie als universale Wissenschaft gefährdete.
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- Mirko Wulf (Author), 2008, Der Kern der "Krisis der europäischen Wissenschaften" nach Husserl, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112342