Vom Tode des Sachbuchs - Wird Wissen in Zukunft nur noch digital vermittelt?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Sachbuch – Versuch einer Definition

2. Wissensvermittlung im 21. Jahrhundert
2.1 Hybridformen und digitalisierte Bücher
2.2 Nachteile des gedruckten Sachbuches – Vorteile digitaler Medien
2.3 Nachteile der Digitalisierung
2.4 Der Tod des Sachbuchautors

Fazit

Quellen:

Literatur

Zeitungen/Periodika

Internet

Einleitung

„Wir befinden uns […]in einer Umbruchssituation, die so dramatisch ist, wie es der Übergang vom Manuskript zum Buchdruck war.“[1]

Diese Einschätzung des Medienwissenschaftlers Gundolf S. Freyermuth derzeitiger Digitalisierungsbestrebungen im Wissensvermittlungsmarkt führt uns direkt in ein Thema, das nicht nur Marketingexperten und Verleger interessiert, sondern aufgrund seiner tiefgreifenden und weitreichenden Bedeutung auch von der Sachbuchforschung thematisiert werden sollte. Das Sachbuch – schwer zu definieren und abzugrenzen – dient unter dieser Begrifflichkeit seit etwa einem Jahrhundert dem Wissenserwerb von Laien und Einsteigern in ein Thema. Doch mit der flächendeckenden Einführung schneller Internetzugänge scheinen neue Formen der Wissensdarstellung und -verbreitung zu entstehen, die dem Sachbuch einen großen Teil des Marktes wegnehmen. Müssen wir bereits in einigen Jahren den Tod des gedruckten Sachbuchs beklagen? Werden ausschließlich digitalisierte Inhalte unseren Wissenserwerb bestimmen? Welche Besserungen entstehen uns dadurch, welche Verluste müssen wir beklagen? Was geschieht mit dem klassischen Sachbuchautor? Muss auch er den vom französischen Literaturwissenschaftler Roland Barthes bereits 1968 prognostizierten Tod des Autors zu Gunsten des scripteurs[2] sterben?

Zur Verfolgung jener Fragen soll diese Arbeit zunächst versuchen, sich dem Begriff des Sachbuches zu nähern, um ihn entsprechend gegen andere Buchformen abzugrenzen. Anschließend werden neue Formen des Wissenserwerbes betrachtet und auf ihre Konkurrenzfähigkeit zum Sachbuch hin untersucht. Daraus sollte sich schließlich bestimmen lassen, inwieweit der Sachbuchmarkt von den Folgen der Digitalisierung betroffen ist.

Natürlich kann an dieser Stelle kein vollständiger Überblick über die sehr ausgedehnte Diskussion gegeben werden, aber der Einblick in einige Kernthemen sollte genügen, um wesentliche Entwicklungen richtig einschätzen zu können.

1. Das Sachbuch – Versuch einer Definition

„Hybridformen zwischen Faktizität und Fiktionalität wie das populäre Sachbuch, Ratgeber, Essays und Reiseberichte gehören aufgrund ihrer Auflagenstärke zu den zentralen Medien von Wissensspeicherung, -distribution und -vermittlung im späten 19. und im 20. Jahrhundert.“[3]

Trotz seiner großen Bedeutung für die Wissensvermittlung ist das Sachbuch als Wandler zwischen den Welten der erzählenden Literatur (Belletristik), Fachtexten, (Auto-)Biografien, Nachschlagewerken und Lehrbüchern ein diffuses Etwas geblieben. Literaturwissenschaftlich ist es bisher nicht gelungen, die Kategorisierung als Sachbuch klar zu unterscheiden bzw. einzugrenzen.

Schon der Blick in die Bestsellerlistenunterteilung der zwei wichtigsten deutschsprachigen Quellen hierfür zeigt die Schwierigkeit einer Definition des Sachbuches: Bei der durch die Media Control GfK Panel erhobenen Liste des Börsenblatts finden sich in der aktuellen Liste (11.-24.10.2007) Reiseerzählungen (Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg), autobiografisches (Joschka Fischer: Die rot grünen Jahre), Der Duden und das Guiness Buch der Rekorde neben Büchern wie Richard Dawkins‘ Der Gotteswahn und Maybrit Illners Pseudo-Wörterbuch Politiker-Deutsch/Deutsch-Politiker.[4] Getrennt davon werden außerdem Ratgeber- und Wirtschaftsbücher-Bestsellerlisten geführt.[5] Der Spiegel listet in der Sachbuchbestsellerliste z.T. damit übereinstimmende Titel, differenziert aber wissenschaftlich wenig sinnvoll zwischen einer Hardcover- und einer Taschenbuchliste innerhalb der Sachbuchkategorie (wie auch in der Belletristik).[6]

Auch die neue Warengruppen-Systematik für den deutschen Buchhandel, die seit Beginn 2007 gilt, bietet nicht ausreichend Aufschluss, wie Rainer Rutz von der Sachbuchforschung der Humboldt-Universität klarstellt:

„Zur inhaltlichen Abgrenzung von Ratgeber, Sachbuch und Fachbuch lieferte die Task Force schließlich eine knappe Handreichung für die Verlagspraxis mit. Diese liest sich zusammengefasst so: ‚Ratgeber WG 4 = handlungs- oder nutzenorientiert für den privaten Bereich; Sachbuch WG 9 = wissensorientiert mit primär privatem Nutzwert; Fachbuch WG 5-7 = handlungs- bzw. wissensorientiert mit primär beruflichem oder akademischem Nutzwert‘. […] Bei einem genaueren Blick in die labyrinthischen Tabellen der WGSneu-Liste wird man zugleich den Eindruck nicht los, dass es sich bei der Warengruppe Sachbuch eigentlich um eine Warengruppe Reste handelt, ein Gemischtwarenladen mit buntem Allerlei, das andernorts nicht recht hineinpassen wollte oder sollte. [Sogar] Wörterbücher und Sprachführer tummeln sich hier.“[7]

Die Einteilung in verschiedene Bestsellerlisten und die Warengruppensystematik scheint maßgeblich von Marketinggesichtspunkten und Willkür geprägt zu sein. Insgesamt ist die Verwendung des Begriffs Sachbuch wenig kohärent.[8]

Generell muss das Sachbuch vom Fachbuch, welches sich an ein spezialisiertes Publikum mit entsprechenden Vorkenntnissen bzw. Fachwissen wendet, unterschieden werden. Außerdem ist es von Schul- und Lehrbüchern[9] abzugrenzen. Ob Nachschlagewerke, Enzyklopädien, (Auto-)Biografien und Reiseliteratur zu Sachbüchern gehören, lässt sich kategorisch nicht beantworten, zumindest erreicht die Forschung keinen Konsens darüber. Ratgeber-Literatur gehört eigentlich auch nicht zur Kategorie des Sachbuchs, ist aber oft schwer zu differenzieren.

Im englischen Sprachraum scheinen diese Unterscheidungen keine große Rolle zu spielen, dort wird lediglich zwischen fiction (Belletristik) und non-fiction unterschieden. Eine Aufteilung, die sich im deutschsprachigen Raum noch in der bereits erwähnten Bestsellerliste des Spiegels findet.

Ulf Diederichs hat unter historischer Perspektive die Begriffsbildung des Sachbuchs untersucht[10]. Daraus lassen sich für diese Arbeit folgende Elemente festhalten: Das Sachbuch richtet sich an die Zielgruppe Laien und ist eine Art Hybrid zwischen Literatur und Fachtext, oft als „Tatsachenroman“ oder „Tatsachenberichte“[11] bezeichnet. Der „Neuigkeitswert der im Sachbuch dargebotenen ‚Fakten und Erkenntnisse‘“[12] sei zu betonen, das Werk sei ein „populärwissenschaftliches“ und solle dem Laien zugleich Wissen vermitteln und unterhalten.[13] Doch auch die historische Betrachtung Diederichs zeigt, dass besonders die Zuordnung verschiedener Buchkategorien in die Metakategorie Sachbuch von jedem Verleger bzw. Wissenschaftler anders vorgenommen wurde.

Diederichs referiert einen weiteren interessanten Ansatz von Alfred Starkmann: Entscheidend für das Sachbuch sei nicht sein Thema, sondern seine Konzeption und Machart. Wie die Fakten aufbereitet und in Zusammenhänge gestellt würden, definiere ein gutes Sachbuch. Demzufolge müsse man genaue Kriterien und Methoden festlegen, um Sachbücher als solche bewerten zu können.[14]

Schließlich sei noch eine eher systematisch-vergleichende Betrachtungsweise wiedergegeben, in der Sachbücher vor allem der Kulturgeschichtsbildung zugeordnet werden:

„Das populäre Sachbuch verwendet […] Erzählmuster, die aus der Literatur geborgt sind und die wiederum auf die Literatur zurückwirken. In populären Sachbüchern werden die Geschichten aufbewahrt, mit denen die Kultur sich selbst erzählt. Sachbücher bieten Weltbilder an. Und sie machen Angebote für die Bestätigung lebensweltlicher Befindlichkeiten. Mit den Erklärungsmustern, die sie verwenden, konservieren sie die Fragestellungen und die Antwortmöglichkeiten jener Zeit, in der sie erschienen sind und gelesen wurden.“[15]

Wir können also in einer Minimaldefinition festhalten, dass das Sachbuch sich im weitesten Sinne an ein Laienpublikum wendet, um dieses über populärwissenschaftliche Themen aufzuklären und es damit zugleich zu unterhalten. Es ist in vielen Fällen ein Hybrid aus erzählender Literatur und Faktizität.

Die Ein- oder Ausgrenzung folgender Buchkategorien in die / aus der Metakategorie Sachbuch erfolgt für diese Arbeit nicht: Nachschlagewerke, Lexika,[16] (Auto-) Biografien, Reiseliteratur. Außerdem wird das Kriterium der Aktualität nur eingeschränkt zum Zuge kommen, da Sachbücher zwar den aktuellen Stand einer Forschung wiedergeben sollten, aber auch noch Sachbücher sind, wenn sie historische Themen verarbeiten bzw. keine neuartigen Informationen vermitteln.[17]

2. Wissensvermittlung im 21. Jahrhundert

Robert Jungk hatte schon 1978 in der permanent steigenden Informationsflut Sachbücher als „die einzigen und allgemein sichtbaren Fixpunkte“[18] bezeichnet, die sich sowohl für den Blick in die Vergangenheit, als auch in die Zukunft eigneten, sowie Überblick verschafften. Interessanter Weise vergleicht er sie mit Datenbanken und sieht den Vorteil darin, dass Sachbücher „versuchen, in der verwirrenden Fülle signifikante Muster zu entdecken, Zusammenhänge herauszustellen, zu sieben, zu wählen, zu kritisieren und zu spekulieren.“[19] Ihre zukünftige Rolle würde also die bisherige Einschätzung weit übertreffen.

Die Ansammlung des menschlichen Wissens steigt tatsächlich rapide, die New York Times berichtete kürzlich,

[...]


[1] Gundolf S. Freyermuth: Was Hardware ist, wird Software, in: Newsletter Sachbuchforschung 05/07, Hrsg.: Humboldt-Universität zu Berlin, http://www.sachbuchforschung.de/html/newsletter0507.html, 03.11.2007.

[2] Roland Barthes: Der Tod des Autors, in: Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko (Hrsg.):Texte zur Theorie der Autorschaft, Ditzingen 2000, S. 185-193.

[3] Newsletter Sachbuchforschung, Humboldt-Universität zu Berlin, Nr. 11/06, http://www.sachbuchforschung.de/html/newsletter1106.html, 04.11.2007.

[4] Börsenblatt online: Bestsellerliste Sachbuch, http://www.boersenblatt.net/template/b4_tpl_bestseller_sachbuch, 04.11.2007.

[5] Börsenblatt online: Bestenlisten, http://www.boersenblatt.net/template/b4_tpl_bestenlisten, 04.11.2007.

[6] Spiegel online: Bestseller, http://www.spiegel.de/kultur/charts/0,1518,458623,00.html, 04.11.2007.

[7] Rainer Rutz: Newsletter Sachbuchforschung, Humboldt-Universität zu Berlin, Nr. 1/07, http://www.sachbuchforschung.de/html/newsletter0107.html, 04.11.2007.

[8] Tim Sparenberg: Newsletter Sachbuchforschung, Humboldt-Universität zu Berlin, Nr. 11/06, http://www.sachbuchforschung.de/html/newsletter1106.html, 04.11.2007.

[9] Auch im Bereich der Schul- und Lehrbücher findet ein starker Digitalisierungsprozess statt. So werden z.B. immer mehr Multimedia-Formate für Sprachkurse entwickelt, die flexibel auf die eigene Muttersprache, Vorkenntnisse und ähnliches eingestellt werden können. Auch digitale Wörterbücher werden verstärkt als Alternativen benutzt, wie z.B. www.dict.leo.org, siehe auch: Harald Fette: Lehrreiche Chips, in: Börsenblatt 44-2007, 01.11.2007, Frankfurt am Main, S. 26-28

[10] Ebenso hat David Oels die strukturellen Anfänge der Wissensvermittlung via Sachbuch untersucht: David Oels: Mit hundert Sachen erzählt. Sachbuch, Literatur und die Wiederkehr des Erzählens, in: Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung Nr. 4, http://www.sachbuchforschung.de/html/literatur.html, Berlin/Hildesheim 2005, S. 5ff.

[11] Ulf Diederichs: Annäherungen an das Sachbuch. Zur Geschichte und Definition eines umstrittenen Begriffs, in: Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart. Die deutschsprachige Sachliteratur, Hrsg. Von Rudolf Radler, München/Zürich 1978, S. 1.

[12] Ebd., S. 6.

[13] Ebd., S. 6.

[14] Ebd., S. 4.

[15] David Oels, Stephan Porombka, Erhard Schütz: Editorial zur ersten Ausgabe, in: Non Fiktion, http://sachbuchforschung.de/html/nonfiktion_heft1-2006.html, 09.11.2007.

[16] Nachschlagewerke und Lexika werden auch deswegen nicht explizit ausgeschlossen, weil sie stark der Bildungsaufgabe gewidmet sind, wie sie auch dem Sachbuch zukommt, siehe z.B.: Erwin Barth von Wehrenalp: Über den Sachbuchautor. Voraussetzungen und Antriebe, in: Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung Nr. 6, http://www.sachbuchforschung.de/html/literatur.html, Berlin/Hildesheim 2005, S. 8.

[17] Dies hat auch David Oels an gängigen Sachbuchdefinitionen kritisiert, siehe: David Oels: Mit hundert Sachen erzählt. Sachbuch, Literatur und die Wiederkehr des Erzählens, in: Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung Nr. 4, http://www.sachbuchforschung.de/html/literatur.html, Berlin/Hildesheim 2005, S. 5.

[18] Robert Jungk: Über die Zukunft des Sachbuchs. Vermutungen – Wünsche – Hoffnungen, in: Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung Nr. 13, http://www.sachbuchforschung.de/html/literatur.html, Berlin/Hildesheim 2007, S. 45.

[19] Ebd., S. 45.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Vom Tode des Sachbuchs - Wird Wissen in Zukunft nur noch digital vermittelt?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Kulturgeschichte in Sachbüchern
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V112404
ISBN (eBook)
9783640120048
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tode, Sachbuchs, Wird, Wissen, Zukunft, Kulturgeschichte, Sachbüchern
Arbeit zitieren
Felix Strüning (Autor), 2007, Vom Tode des Sachbuchs - Wird Wissen in Zukunft nur noch digital vermittelt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112404

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Vom Tode des Sachbuchs - Wird Wissen in Zukunft nur noch digital vermittelt?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden