Die Anatomie politischer Machtkämpfe im post-stalinistischen Mežducarstvie 1953-1955


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangspunkte
2.1. Gesellschaftlich
2.2. Politisch

3. Machtkämpfe
3.1. Chruščev gegen Berija
3.2. Chruščev gegen Malenkov
3.3. Chruščev gegen die antiparteiliche Gruppe

4. Resultate

5. Literatur

6. Anhang

1. Einleitung

Als die Radiogeräte der sowjetischen Haushalte den Tod Iosef Stalins verkündeten, hallte die Stellungnahme des damals das Politbüro ersetzenden Parteipräsidiums durch die zumeist baufälligen Kommunalwohnungen. Nach dem Dahinscheiden des Despoten sei es Aufgabe des Präsidiums, so das sich stündlich wiederholende Kommuniqué, die stählerne Einheit der Partei „wie unseren Augapfel zu hüten […] und die unerschütterliche Einheit der Führerschaft zu sichern.“[1]

In der Tat: denkt man an die Chruščev-Jahre, so fällt einem neben der Entstalinisierung unweigerlich das Merkmal der kollektiven Führung ein. In Wahrheit aber war die nach außen präsentierte „Einheit der Führerschaft“[2] mehr ein für die sowjetische Öffentlichkeit produziertes Schauspiel. Das von Stalin geschweißte Gefüge aus Angst und Terror zerbarst binnen weniger Tage im Machtvakuum der post-stalinistischen Zeitrechnung. Tatsächlich folgte auf den Tod des vožd aller Einigkeitsbeschwörungen zum Trotz ein Interregnum, welches für mindestens zwei Jahre die Moskauer Politik zu einem Intrigenspiel werden ließ.[3] Die Regeln dieser Kremlinologie schien Nikita S. Chruščev überraschenderweise am Besten zu beherrschen. Die unverteilte Erbschaft Stalins als de facto absolutistischer Machthaber trat er spätestens 1957 mit einem finale fortissimo an, nachdem er sich in drei schwerwiegenden Machtkämpfen zu behaupten wusste.

Ebendiese Machtkämpfe – besonders gegen Lavrentij Berija 1953 und Georgii Malenkov 1955 – wird diese Arbeit genauer untersuchen. Zentrale Frage soll dabei sein, mit welchen Mitteln es Nikita S. Chruščev – der innerhalb seines Kollegiums eher als Bauerntölpel denn als potenzieller Totengräber des Stalinkults galt[4] – gelang solch politische Schwergewichte Schachmatt zu setzen und sich an die Spitze des Staates zu manövrieren.

Um diese Vorgabe zu erfüllen wird es zunächst nötig sein, sich die politischen und gesellschaftlichen Ausgangspunkte genauer vor Augen zu führen. Denn gerade in den spätstalinistischen Entwicklungen von Politik und Gesellschaft liegen diverse Handlungsimperative verborgen, welche zunächst herausdestilliert werden müssen. Vor diesem Hintergrund soll sich die Arbeit dann direkt in die Situation des Jahres 1953 hineinzoomen, um anschließend das Hauptanliegen aus ihr heraus zu entwickeln. Dieses wird im Wesentlichen die zwei Machtkämpfe Chruščevs gegen Lavrentii Berija und Georgii Malenkov mit all ihren zum Einsatz gekommenen Kampfmitteln detailliert untersuchen, komplettierend, jedoch weniger tiefgründig die Geschehnisse rund um den Vorabend des Chruščevschen Zenits im Jahre 1957 darstellen, um abschließend die herausgefundenen Ergebnisse in einer Schlussfolgerung zusammenzufassen.

Unumgänglich anzumerken sei noch die grundsätzlich nicht zufriedenstellende Quellenlage zur post-stalinistischen Sowjetunion. Da die russischen Archive immer noch nicht vollständig geöffnet sind, beschränken sich die Untersuchungen über die UdSSR der 50er Jahre im Wesentlichen auf die Memoiren Nikita Chruščevs[5] und anderer Zeitzeugen, sowie auf vereinzelte Protokolle der ZK-, Präsidiumssitzungen etc. pp.[6] Demzufolge wird man zu einem endgültigen Ergebnis mit definitiven Aussagen darüber was, wie und warum geschehen ist, kaum kommen. Ein Versuch das Dunkel der Kremlpolitik nach dem Tode Stalins mit dem vorhandenen Material zu beleuchten sei aber nichtsdestotrotz versucht.

2. Ausgangspunkte

2.1. Gesellschaftlich

Das die Reformen der Chruščev-Ära gewissen Zwängen entsprangen, ist kein Geheimnis. Gerade nach dem Großen Vaterländischen Krieg, wie ihn Stalin auf den Kampf gegen Napoleon Bezug nehmend nannte, lag das Land gerade zu brach. Die Sowjetunion stand vor einer Reihe von Problemen, denen der alternde Despot nicht gewillt war auf den Grund zu gehen. Anstatt die Not der Bevölkerung zu lindern, kümmerte er sich in den Nachkriegsjahren wesentlich intensiver darum seine Führungsriege zu re-disziplinieren,[7] ließ aber Wirtschaft und Gesellschaft vor sich hin marodieren.

Als rund 8,5 Mio.[8] Soldaten von der Front heimkehrten fanden sie demnach alles andere als ein Siegerland vor: der deutsche Rückzug hatte nichts als verbrannte Erde hinterlassen. Laut Helmut Altrichter lagen über 70.000 Dörfer in Schutt und Asche, 32.000 Betriebe waren zerstört worden und neben schätzungsweise 20-30 Mio. Kriegstoten lebten weitere 25 Mio. Sowjetbürger ohne Obdach.[9]

Auch das besiegte Deutschland hatte zweifelsohne große Zerstörung und immense Kriegsverluste hinnehmen müssen. War jedoch das deutsche Wirtschaftswunder Anfang der 50er Jahre bereits in Schwung gekommen, so änderte sich die Lage in der Sowjetunion nur unwesentlich bis kaum: Lebensmittellieferungen erreichten die Städte nur unzureichend, die gesamte Ukraine versank in einer elendigen Hungersnot, die Landwirtschaft war gewissermaßen zum Stillstand gekommen und hohe Preise für die im Agrarbereich dringend benötigten Maschinen verhinderten jede Besserung in diesem Sektor. Hinzu kamen horrende Steuersummen, welche dem sowjetischen Dorf letztlich jede Vitalität aussaugten. Kurzum: Waren die Bedingungen, unter denen die Städter zu leben hatten bereits schlecht („Many of them lacked underwear and the little that was available was worn out and dirty. They went for months without soap, the dormitories were very crowded, the inhabitants slept on wooden platforms or similar double-tiered bunks. […] They received enough bread, 1200 gramms a day,[10] but its quality was poor. There was not enough butter, and petroleum products were used as butter substitutes”[11] ), so waren sie auf dem Dorf noch viel miserabler: Chruščevs Adjutant Andrej Ševčenko besuchte um 1950 im Rahmen einer diesbezüglichen Exkursion mehrere Kolchosen im Umkreis von Moskau, von denen er feststellen musste, dass diese nicht einmal im Besitz von elektrischem Strom waren.[12]

In den Städten wiederum kam es zu einer sich lang ankündigenden Wohnungsnot. In der Tat verpasste es das Regime, trotz steigender Bevölkerungszahlen, den Wohnungsbau angemessen voranzutreiben. So wuchs die Einwohnerzahl Moskaus zwischen 1940 und 1950 trotz der vielen Kriegstoten um eine Million an, der Wohnungsbestand selber änderte sich aber nur geringfügig, stagnierte sogar eher auf dem Level des erst genannten Jahres.[13] In der Folge blieb den Städtern nichts anderes übrig, als sich mit mehreren Familien in Baracken und kommunalki zusammenzukauern. Bis 1953 änderte sich diese Situation kaum. Chruščevs Wohnungsbauprogramm – ein wichtiger Aspekt seiner machtpolitischen Strategie – brachte zwar etwas Erleichterung, glaubt man aber den Kommentaren auf den Wahlzetteln dieser Jahre, so waren die Manöver nur winzigkleine Tropfen auf dem heißen Stein: „Until the present day people continue to take shelter in underground lodging in dreadful poverty.“[14]

Die wirtschaftliche Lage nach 1945 musste demnach gesellschaftliche Konsequenzen tragen. Der Unmut brodelte entlang der gesamten Bevölkerungslinie, konnte aber durch Stalins terroristische Methoden und einen autoritären Führerkult – den Basismerkmalen des Stalinismus also[15] – im Zaum gehalten werden. Immer empfindlicher wurde so z. B. das Inhaftierungssystem, welches nunmehr nicht nur einstige Kriegsgefangene ins Raster nahm, sondern in Extremfällen auch Kleinkriminelle und Menschen, die zu spät am Arbeitsplatz erschienen waren, ins Arbeitslager schickte.[16] Folglich quollen die Lagpunkte förmlich über,[17] die Insassenstruktur fächerte sich zunehmend auf, sodass der totale Kontrollverlust drohte und auch wirtschaftlich war das Gulag-System vollkommen ineffizient geworden, worauf Berija seinen Diktator bereits Anfang der 40er Jahre hingewiesen haben soll.

Trotzdem die Verhaftungswelle der 40er Jahre also jeder Logik entbehrte, schien Stalin paranoid auf jede nur kleinste Gefahr einer politischen Dissidenz zu reagieren, was seine Tochter Svetlana Allilueva Jahre später treffend als Verfolgungswahn diagnostizierte.[18] Eine der Hauptgefahren schienen dabei die heimkehrenden Soldaten zu sein, welche sich im Siegestaumel von 1945, das Leben nach dem Krieg als geradezu paradiesisch ausgemalt hatten. „We imagined life after the war as a holiday that would begin when the last shot was fired“[19], nahm so z. B. der spätere literanurnaja gaseta -Chefredakteur und damalige Kriegsberichterstatter Konstantin Simonov an.

Das letzte Magazin war nunmehr leer gefeuert, die schöne neue Welt, von der man als Supermacht geträumt hatte, wurde jedoch nicht Realität. Trotz des Kriegsendes blieben die Lebensumstände gleich. Jedoch musste dies Stalin selbst nie als Gefahr seiner Legitimation ansehen. Nach 1945 blieb sein Führerkult ungebrochen und schwang sich sogar zu neuen Superlativen auf, wie die monumentalen Propagandafilme der 40er Jahre, allen voran Padenie Berlina, deutlich machen.

Was Stalin wirklich fürchten musste, war die neue gesellschaftliche Schicht der Veteranen, denen u. a. Nikolaj Barsukov bescheinigt, andere politische Systeme und höhere Lebensstandards gesehen zu haben.[20] Dies trifft jedoch nur zur Hälfte den Kern. Was die Rote Armee 1945 eroberte, war schlicht und ergreifend eine Diktatur – von der Konfrontation mit demokratischen Werten, kann daher keine Rede sein – und das der Lebensstandard der Deutschen in den Trümmern von Dresden bis Berlin, den der Russen bei Weitem übertraf, darf ebenfalls bezweifelt werden.

Wirklich entscheidend an der Veteranenfrage ist jedoch die neue intersubjektive und zwischenmenschliche Kopplung aus Erfahrung und Freiheitsgefühl – eben dieses „Band, das Menschen verbindet, die gesehen und erlebt haben, was anderen fremd ist.“[21] In diesem Sinne fürchtete Stalin eine Politisierung dieser an und für sich sehr heterogenen Gruppe von Menschen[22], welche den Geist der (Entscheidungs-)Freiheit aus alten Fronttagen mit in die Heimat nahmen[23] und erkannte in ihnen a priori die Anlage zu einer neo-dekabristischen Bewegung.[24]

Nichtsdestotrotz: Kult und Terror hielten das Gefüge (noch) zusammen. Mit dem Wegfall des Tyrannen, mussten sich diverse Lücken, gerade was die Angst vor der Obrigkeit und die Verehrung des Herrschers anbelangte, eröffnen. In ihnen konnte sich dementsprechend gesellschaftlicher Unmut artikulieren. Die eherne Hülle des Fasses, in dem sich der Zorn der Gesellschaft angestaut hatte, war morsch geworden und zu einem Auslaufen durfte es derjenige, der auf Stalin folgte, in keinem Falle kommen lassen – der Unmut musste zunächst abgeschöpft werden.

Ergo ergaben sich diverse Sachzwänge ohne deren Erfüllung eine neue Herrschaftslegitimation kaum möglich gewesen wäre. Wer auch immer Nachfolger Stalins werden wollte, musste daher ein umfassendes Reformkonzept präsentieren, welches (a) eine spürbare Hebung des Lebensstandards, einschließlich der Linderung von Wohnungsnot, Landarmut sowie Versorgungsproblemen, (b) die Effektivierung des maroden Wirtschaftssystems und als Folge dessen das Sparen an den Rüstungsausgaben und (c) die unumgängliche Reform des Gulag-Systems als schwelender Unruheherd der UdSSR beinhaltete.[25]

Alles in allem jedenfalls zwang die stalinistische Vorgängerpolitik zu einer beinahe alternativlosen Liberalisierung, welcher dementsprechend auch weniger eine Neuentdeckung von Menschlichkeit, als konkrete machtpolitische Überlegungen zugrunde lagen. Wie Zbigniew Brzezinski in einem Aufsatz von 1961 feststellt, ermöglichte Stalins Politik eine Liberalisierung aber eben auch – indem Stalins Terror jede nur denkbare Gegnerschaft politischer und nicht-politischer Art liquidierte, konnten sich seine Erben den Luxus dringend bedurfter Zugeständnisse leisten, um den explosiven Druck, der in der Bevölkerung schwelte zumindest ansatzweise zu kanalisieren.[26]

2.2. Politisch

1953 – so die fast einhellige Meinung von Zeitzeugen und Wissenschaftlern – stand die Sowjetgesellschaft kurz vor einer erneuten Säuberungswelle. Edvard Radzinskij – seines Zeichens russischer TV-Historiker – geht unter Berufung auf Geheimmaterial sogar davon aus, dass Stalin für den 5. März 1953 die Massendeportation der russischen Juden als Auftakt zu einer umfangreichen Terroraktion plante. Berija habe daraufhin den 5. März 1953 zu Stalins Todestag werden lassen.[27]

Inwieweit die Thesen eines zagadki istorii -Journalisten ernst zu nehmen sind, ist sicherlich fraglich, jedoch zeigt die deutliche Resonanz auf Radzinskijs Buch eben auch, dass es zum einen deutliche Hinweise auf den neuerlichen Ausbruch einer Gewaltwelle gab und dass man es zum anderen Stalins MWD-Chef Berija durchaus zutrauen würde den Tyrannenmord begangen zu haben – selbst Berijas Sohn schließt diese Möglichkeit nicht aus.[28]

Glaubt man Chruščevs Memoiren, denen ohne Zweifel eine gewisse Tendenziösität anhaftet, so sei selbst Stalin besorgt über Berija gewesen: „If Beria could do these things on Stalin’s instructions to people at whom Stalin pointed his finger, the Beria could do the same kind of thing on his own initiative, choosing his own targets. Stalin was afraid of becoming a target himself. That’s why he began to be afraid of Beria. Of course he never said anything about this to anyone. But it became evident.”[29] Genauso wie man Chruščev hierbei die Verfemung Berijas unterstellen könnte, lässt sich die Aussage auch unter dem Gesichtspunkt von Stalins wachsender Paranoia verstehen. Umso weiter die Jahre auf dem Gipfel des Kults voranschritten, desto einsamer und misstrauischer schien er zu werden. „Überall sah er Feinde. Das war bereits pathologisch, eine Art Verfolgungswahn, entstanden aus seiner Vereinsamung und inneren Leere“[30], resümiert seine Tochter Svetlana Allilueva. Dies hatte teilweise lebensbedrohliche Folgen für diejenigen in Stalins Umfeld und es war der Grund dafür, dass die Mitglieder seines Inneren Zirkels sich dort immer nur von begrenzter Dauer wiederfanden: „As long as he trusted them to some degree, they continued to exist physically […]. But as he lost trust in them he started ‚watching them more closely.’ Then the cup of distrust overflow, and their turn would come to meet a sorry end; they would join the ranks of the departed.”[31]

Was mit den “Unpersonen”, die in Stalins Ungnade gefallen waren geschah, kann man anhand einer Vielzahl von Beispielen besonders aus den 30er Jahren aufzeigen. Nicht nur, dass seine einstigen Mitstreiter und Kampfgefährten in den Kellern der Lubjanka gefoltert und erschossen wurden, sie wurden geradezu aus den Geschichtsbüchern getilgt, wie das Beispiel Nikolaj Ežovs – Berijas Vorgänger im Innenministerium – zeigt. Nachdem der damalige Geheimdienstchef 1940 erschossen wurde, retuschierte man ihn aus den Fotografien, die ihn mit dem vožd’ zeigten[32] – ein Konzept der Geschichtsfälschung, welches in geringerem Maße, jedoch nicht weniger selten, auch in Chruščevs Amtszeit Anwendung fand und somit ein Überbleibsel des Stalinismus markiert.

Nach dem Krieg änderte sich Stalins Politik jedoch dahingehend, dass er nicht sofort jeden umbringen ließ, dem er misstraute. Er arbeitete nunmehr zunehmend mit der Generierung von Angst und Einschüchterung. So wurde fast ein jeder in Stalins Umfeld zwischen 1945 und 1953 zunächst mit Liebesentzug – und das bedeutete im Gros der Ausschluss von den mitternächtlichen Soireen auf Stalins Datscha – und letztlich auch mit sehr grenzwertiger Bedrohung bestraft: enge Mitarbeiter wurden verhaftet, große Massendiskurse gegen den Betroffenen inszeniert und so zog sich die Schlinge um den Ausgesonderten immer enger.[33] Bei Vjačeslav Molotov und Anastas Mikojan ging dies so weit, dass sie gänzlich aus dem Führungszirkel verbannt wurden und Molotow seine Frau dem Führer der Sowjetunion zu opfern hatte. Im Februar 1949 wurde sie gefangen genommen und nach Sibirien verbannt. Noch härter traf es die Leningrader Fraktion im Kreml. Nach dem zweifelhaften Tod Andrej Ždanovs 1949, den die Ärzte durch „gewisse Behandlung“ absichtlich nicht geheilt haben sollen,[34] begann die umfängliche Säuberung der Leningrader Partei, der u. a. solche politischen Schwergewichte wie Aleksej Kuznecov und Nikolaj Voznesenskij zum Opfer fielen.

1952/53 waren schließlich alle Strukturen so justiert, um auch die Verbliebenen der alten Generation beiseite zu schaffen – Molotov und Mikojan waren, wie es Chruščev retrospektiv einschätzte, bereits en route zu einem verheerenden Ende.[35] Mikojan unterstützte diese These und befürchtete ebenso die physische Vernichtung der mächtigsten Stalinadjutanten Chruščev, Malenkov und Berija[36] – lediglich Kaganovič widerspricht solchen Mutmaßungen.[37] Der XIX. Parteitag im Oktober 1952 hatte neue Verhältnisse geschaffen. Die unverkennbare Verjüngung der Parteistruktur deutete unmissverständlich einen Wechsel an: Die Anzahl der Delegierten zum Zentralkomitee wurde um einhundert Personen erhöht und das Politbüro von einem 36-köpfigen, ebenfalls verjüngten Präsidium ersetzt. Nicht nur Sergo Berija sieht hierin den Versuch Stalins sein Geschichtsbild zu wandeln. Auch Chruščev vermittelte bei seiner Geheimrede anno 1956 seinem Publikum ebendiese Annahme. Jeder der über seine Verbrechen wusste sollte ausgelöscht, die im Halo des Führerkults sozialisierte Generation hingegen die Historiographen seiner gottgleichen Menschlichkeit werden.[38]

[...]


[1] Paloczi-Horvath, Georg: Chruschtschow, Fischer, Frankfurt a. M. 1961, S. 144

[2] Ebd.

[3] Vgl. Reddaway, Peter: Khrushchev and Gorbachev, in: Taubman, William/Khrushchev, Sergei et al.: Nikita Khrushchev, Yale University Press, New Haven und London 2000, S. 323

[4] Vgl. Burlazki, Fjodor: Chruschtschow: ein politisches Porträt, Claassen, Düsseldorf 1990, S. 76

[5] Khrushchev, Sergei (Hg.): Memoirs of Nikita Khrushchev, Bd. 2, Pennsylvania University Press 2006

[6] Vgl. u. a. Naumov, Vladimir (Hg.): Lavrentij Berija: 1953; stenogramma ijul'skogo plenuma CK KPSS i drugie dokumenty, Meždunarodnyj Fond Demokratija, Moskau 1999 und Jakovlev, A. N.: Molotov, Malenkov, Kaganovich. 1957. Stenogramma iiun'skogo plenuma TsK KPSS i drugie dokumenty, Meždunarodnyi Fond Demokratiia, Moskau 1998

[7] Vgl. Gorlizki, Yoram/Khlevniuk, Oleg: Cold Peace. Stalin and the Soviet Ruling Circle, 1945-1953, Oxford University Press, Oxford 2004, S. 17 ff.: “A Return to Order”

[8] Zubkova, Elena: Russia after the War: Hopes, Illusions, and Disappointments, 1945-1957, Armonk 1998, S. 22

[9] Altrichter, Helmut: Kleine Geschichte der Sowjetunion 1917-1991, Beck, München 2001, S. 117

[10] Dies entspricht gerade einmal der doppelten Menge der Ration von sowjetischen Lagerinsassen. Vgl. Solzhenitsyn, Aleksandr: The Gulag Archipelago 1918-1956, Perennial, New York 2002, S. 447 u. a.

[11] Zubkova, Elena: Russia after the War: Hopes, Illusions, and Disappointments, 1945-1957, Armonk 1998, S. 36

[12] Vgl. Taubman, William: Krushchev, Simon & Schuster, London 2005, S. 227

[13] Vgl. Ebd., S. 226

[14] Zubkova, Elena: Russia after the War: Hopes, Illusions, and Disappointments, 1945-1957, Armonk 1998, S. 162

[15] Vgl. Cohen, Stephen/Rabinowitch, Alexander et al. (Hg.): The Soviet Union Since Stalin, Indiana University Press, Bloomington 1980, S. 2

[16] Vgl. Merl, Stefan: Berija und Chruscev: Entstalinisierung oder Systemerhalt? Zum Grunddilemma sowjetischer Politik nach Stalins Tod, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (2001), S. 497

[17] Lavrentij Beria gab nach Stalins Tod bekannt, dass sich ca. 2,5 Mio. Menschen in den Lagern befanden - davon lediglich 221.435 berechtigterweise. Vgl. Applebaum, Anne: Der Gulag, Siedler, Berlin 2003, S. 503

[18] Allilujewa, Swetlana: Zwanzig Briefe an einen Freund, Deutsche Buch-Gemeinschaft, Darmstadt 1968, S. 268

[19] Simonov, Konstantin zit. in: Zubkova, Elena: Russia after the War: Hopes, Illusions, and Disappointments, 1945-1957, Armonk 1998, S. 34

[20] Barsukov, Nikolai: The Rise to Power, in: Taubman, William/Khrushchev, Sergei et al.: Nikita Khrushchev, Yale University Press, New Haven und London 2000, S. 45

[21] Ehrenburg, Ilja: Tauwetter, Kultur und Fortschritt, Berlin 1957, S. 119

[22] Zu den Veteranenkohorten Vgl. Edele, Mark: Soviet Veterans as an Entitlement Group 1945-1955, in: Slavic Review, 1/06, S. 111-137

[23] Zubkova, Elena: Russia after the War: Hopes, Illusions, and Disappointments, 1945-1957, Armonk 1998, S. 28

[24] Ebd., S. 25

[25] Vgl. Merl, Stefan: Berija und Chruscev: Entstalinisierung oder Systemerhalt? Zum Grunddilemma sowjetischer Politik nach Stalins Tod, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (2001), S. S. 487 ff.

[26] Vgl. Brzezinski, Zbigniew, The Nature of the Soviet System, in: Dallin, Alexander (Hg.): The Khrushchev and Brezhnev Years, Garland, New York und London 1992, S. 44 ff.

[27] Vgl. Radzinskij, Edvard: Stalin – žisn’ i smert’, Vagrius, Moskau 2003, S. 612 ff.

[28] Beria, Sergo: Beria, my father – Inside Stalin’s Kremlin, Duckworth, London 2001, S. 246

[29] Khrushchev, Sergei (Hg.): Memoirs of Nikita Khrushchev, Bd. 2, Pennsylvania University Press 2006, S. 58

[30] Allilujewa, Swetlana: Zwanzig Briefe an einen Freund, Deutsche Buch-Gemeinschaft, Darmstadt 1968, S. 268

[31] Khrushchev, Sergei (Hg.): Memoirs of Nikita Khrushchev, Bd. 2, Pennsylvania University Press 2006, S. 84

[32] Vgl. Anhang 1

[33] Vgl. Gorlizki, Yoram/Khlevniuk, Oleg: Cold Peace. Stalin and the Soviet Ruling Circle, 1945-1953, Oxford University Press, Oxford 2004, S. 17 ff.: “A Return to Order”

[34] Chruščev, Nikita S.: Memuary zit. in: Barsukov, Nikolai: The Rise to Power, in: Taubman, William /Khrushchev, Sergei et al.: Nikita Khrushchev, Yale University Press, New Haven und London 2000, S. 46

[35] Vgl. Talbott, Strobe (Hg.): Khrushchev Remembers, Little, Brown & Co., Boston 1970, S. 309 ff.

[36] Vgl. Mikojan, Anastas: Tak bylo: Razmyžlenija o minuvžem, Vagrius, Moskau 1999, S. 568, 579, 580

[37] Vgl. Chuev, Feliks: Tak govoril Kaganovič: Ispoved’ Stalinskogo apostola, Otechestwo, Moskau 1992 S. 175

[38] Beria, Sergo: Beria, my father – Inside Stalin’s Kremlin, Duckworth, London 2001, S. 238 ff. und Chruščev, Nikita S.: Die Geheimrede, in: Talbott, Strobe (Hg.): Chruschtschow erinnert sich. Die authentischen Memoiren, Rowohlt, Hamburg 1992, S. 543 ff.

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Details

Titel
Die Anatomie politischer Machtkämpfe im post-stalinistischen Mežducarstvie 1953-1955
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Politische Herrschaft in der späten Sowjetunion 1953-1985
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
29
Katalognummer
V112472
ISBN (eBook)
9783640108312
ISBN (Buch)
9783640109920
Dateigröße
939 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anatomie, Machtkämpfe, Mežducarstvie, Politische, Herrschaft, Sowjetunion
Arbeit zitieren
Markus Müller (Autor), 2008, Die Anatomie politischer Machtkämpfe im post-stalinistischen Mežducarstvie 1953-1955, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112472

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