Die Bedeutung der Namen in "Volpone" von Ben Jonson

„Nomen atque omen“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Einleitung und Vorbetrachtung

„Nomen atque omen“ meint das berühmte lateinische Sprichwort des römischen Komödiendichters Plautus (250-184 v Chr.) und spielt dabei auf die Bedeutung des Namens für den Charakter einer Sache oder einer Person an. Im Normalfall mag das bei Eigennamen nicht so ohne weiteres anwendbar sein, aber sobald man sich im Gebiet der Literatur befindet, kann man nicht umhin die Bedeutung der Namen von Figuren zu beachten. Hier werden mit Absicht Namen kreiert, deren Klangbilder oder Bestandteile oft schon etwas über die Bezeichneten aussagen, um beim Leser von Anfang an gewisse Assoziationen zu wecken. Diese sogenannten „sprechenden Namen“ zählen vermutlich zu den ältesten Stilmitteln der Literatur und fanden bereits in früher Überlieferung Anwendung.[1]

Auch in Ben Jonsons Stück Volpone or the Fox gibt es eine Vielzahl von diesen „sprechenden Namen“. Bereits im Titel der 1607 gedruckte Auflage wird durch die Doppelbezeichnung (Volpone/ the Fox) auf ihre tiefere Bedeutung angespielt. Darüber hinaus verwendet Jonson im ersten Abschnitt „The Agument“ ein Gedicht, dessen Anfangsbuchstaben hintereinander gelesen den Namen „Volpone“ ergeben und eine knappe Inhaltsangabe des folgenden Stückes beinhaltet. Auch der bereits oben angeführte Plautus verwendete in seinen Komödien oft ein solches Akrostichon. Man kann also durchaus schlussfolgern, dass Namen in Volpone nicht nur „Schall und Rauch“ sind, sondern dass Jonson sie mit Bedacht und Sorgfalt auswählt hat. Aus eben diesen Gründen beschäftigt sich diese Seminararbeit mit den Namen der Charaktere des Stückes. Als Vorbetrachtung soll eine kurze Auseinandersetzung mit den Ideen der Renaissance sowie dessen Gegenbewegung dienen. Dies erscheint mir insofern bedeutend, als dass Jonsons Gesellschaftskritik eine entscheidende Rolle bei der Konzeption der Figuren spielt. Auf Grundlage dieser Informationen können im Anschluss exemplarisch die Namen einiger Hauptcharaktere entsprechend ihrer Rollen im Stück analysiert werden. Die Assoziationen, die Namen in uns hervorrufen, haben sich im Laufe der Zeit gewandelt und verändert.[2] Darum werde ich bei meiner Analyse besonderen Wert auf jene Bedeutungen legen, welche auch an Hand einer Charakterisierung bei den Figuren nachgewiesen werden können. Im Folgenden möchte ich der Intention Jonsons auf den Grund gehen, warum er seinen Figuren solche „telling names“ gegeben hat. Meine These ist, dass die „tierischen Namen“ die Charaktere nicht nur bereits im Vorfeld charakterisieren, sondern dass sie auch die Entmenschlichung symbolisieren, der ihre Figuren im Zuge des Stückes unterliegen. Richtet sich der Mensch gegen seine eigene Gattung wird er inhuman und nicht mehr als ein „beast“.

2. Jonson und seine Zeit

Noch bevor der Leser in die eigentliche Handlung einführt wird, ermöglicht Jonson im Argument und Prolog eine Art der Vorbereitung auf das kommende Stück. Hier distanziert sich der „poet“ klar von geklauten Witzen und verspricht ein lustiges sowie, mit etwas Glück, erfolgreiches Schauspiel. (vgl. Jonson, Prologue 1-36) Auch wenn diese Vorbetrachtungen durch das starke Selbstlob scheinbar übertrieben und überflüssig wirken, sind sie doch näher betrachtet ein wichtiger Baustein zum Verständnis des Textes. Jonson geht es nämlich nicht nur darum für Unterhaltung und Vergnügen zu sorgen. Der Verweis auf das Wort „fable“ und die Bezugnahme auf die Traditionen des klassischen Dramas lassen erahnen, dass das Stück auch eine moralische Absicht verfolgt. Zusätzlich lässt auch das im Titel der Original Quarto vorhandene Zitat „Simul & iucunda & idonea dicere vita“[3] erkennen, dass der Dichter des Stückes nicht nur gefallen möchte, sondern eine für das Leben nützliche und wichtige Lehre vermitteln will. Doch für die Entschlüsselung der Nachricht und um Ben Jonsons Engagement verstehen zu können, sollte man einen Blick auf die konkurrierenden Philosophien und die daraus resultierenden ethischen Grundlagen des 16. und 17. Jahrhunderts werfen. Dabei möchte ich betonen, dass diese doch sehr kurzen Zusammenfassungen nicht den Anspruch einer umfassenden Darstellung erheben. Sie dienen gerade in ihrer Kürze und Einseitigkeit nur als Einleitung für die folgende Analyse.

2.1 „Gegenrenaissance“

Im 16. und 17. Jahrhundert befand sich das elisabethanisch- jakobäische England in einer tiefgreifenden Umbruchsituation. Die Entwicklung der Wissenschaften sowie die Einführung von materialistischen Prinzipien durch den Wertewechsel (erste Börsen, erste wirkliche Wirtschaft), die Gründung der „Church of England“ sowie die damit verbundene Trennung von Rom in 1533 und die zunehmende Auflösung der althergebrachten feudalistischen Strukturen, stellten die traditionellen Normen und Werte des Mittelalters unweigerlich in Frage. Geschäftstüchtigkeit und das Streben nach Geld wurden nun nicht mehr als zu vermeidende Sünden angesehen. Im Gegenteil, kapitalistischer Gewinn galt für die aufsteigende englische Mittelschicht, unter dem Schleier des Puritanismus, sogar bald als Zeichen und Segen Gottes. Doch mit dem Beginn der Verweltlichung dieser jungen Glaubensrichtung und dort wo die gläubige Selbstdisziplin nicht ausreichte, wurden Prunk, Eitelkeit, Lebensgenuss, Konsum und Sexualität hemmungslos ausgelebt (vgl. Zehfuß 38ff). Zunehmend entwickelte sich so ein neues Selbstbild des Menschen, in welchem das „Ich“ als Oberste Wert- und Ordnungsinstanz nicht mehr nach dem Wissen um ewige göttliche Wahrheit strebte (sapientia) sondern nach praktisch verwertbaren Theorien (scientia). Das Ego wurde ermutigt sich zu seinen Trieben und Wünschen zu bekennen und dementsprechend die Welt nach seinen Bedürfnissen umzugestalten (vgl. Platz 55ff). Ein Zitat von Machiavelli, dem italientischen Dichter, Philosophen und vermutlich wichtigsten Vertreter der später sogenannten Gegenrenaissance, soll hier einen vertiefenden Einblick gewähren.[4]

„Ein kluger Herrscher kann und darf sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Schaden gereicht und die Gründe hinfällig geworden sind, die ihn veranlasst hatten, sein Wort zu geben. Wären alle Menschen gut, so wäre dieser Rat schlecht; da sie aber schlecht sind und ihr Wort dir gegenüber auch brechen würden, so brauchst auch du es ihnen gegenüber nicht zu halten.“ (http://www.niccolo-machiavelli.de/ machiavelli_texte.php)

Bei der Betrachtung des Zitates muss betont werden, dass Machiavelli den Menschen nicht zu grenzenloser Boshaftigkeit aufruft. Er lehrt vielmehr, dass wenn die Zwecke an sich gut sind, alles zählt was zu ihrer Verwirklichung führt (vgl. Stokes 58). Dieser Pragmatismus kann und wurde in dem damaligen England offensichtlich maßlos überzogen, bzw. ausgenutzt und bald verdrängten Erfolg und Geldgier wirkliche Frömmigkeit, traditionelle Ethik und Moral.

2.2 „Renaissance und der christlicher Humanismus“

Die Renaissance als Weltanschauung hat ihre Wurzel in den Philosophien der Antike und in biblisch- christlichen Traditionen mit welchen sie durch die Scholastiker und Kirchenväter verknüpft wurde. Hier dient die Natur mit ihrem zugrunde liegenden zeitlosen einheitsstiftenden Ordnungsprinzipien dem wandelbaren Menschen als Vorbild, damit er zu seinem sinnerfüllten Dasein findet. Denn alles was ist, ist gut. Ganz im Sinne Senecas ist die Vernunft dabei ein in den menschlichen Körper hinein gesenkter Teil des spiritus divinus“ (Platz 51). Der menschliche Geist setzt also nicht selbst die Ordnung der Welt in einen Erkenntnisakt, sondern empfängt sie nur. Durch dieses im Menschen vorhandene natürliche Rechtsempfinden kann er nicht nur zu einem subjektiv gültigen, sondern auch zu einem objektiven, von allen anerkannten Prinzip kommen (vgl. Platz 50ff).

Nach christlich- humanistischem Naturverständnis ist jedes Detail der Wirklichkeit als Teil eines sinnerfüllten Ganzen zu verstehen. „So wie im menschlichen Körper die einzelnen Organe nicht Selbstzweck sind, sondern der Erhaltung des Gesamtorganismus dienen, erhält auf allen Ebenen des hieratisch gegliederten Seins jedes individuelle Phänomen nur in seiner Beziehung zum Gesamtverband alles Seienden seine Daseinsberechtigung und Sinngebung.“ (Platz, 53) Neben dieser Körpermetaphorik kann auch ein anderes Bild herangezogen werden, um den Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft darzustellen. Auch die Vorstellung der ‘Great Chain of Being‘, in welcher alles Seiende hierarchisch geordnet und voneinander abhängig ist, zeigt auf, dass die Entgleisungen Einzelner nicht nur als individuelles Problem zu verstehen sind, sondern dass sie ebenso eine Gefahr für das Ganze darstellen. Denn nur im Einklang mit der natürlichen Ordnung kann der Mensch Glück und Erfüllung finden. Missbraucht der Einzelne jedoch seine Freiheit auf Kosten seiner Mitmenschen kommt es zu einer Störung des sozialen Organismus und zu einer Gefährdung der Existenz aller. „In moderner Körpermetaphorik sprechend könnte man auf ein Krebsgeschwür verweisen, das sich aus der Ordnungssystematik des Körpers löst, den ganzen Körper und damit letztlich auch sich selbst zerstört.“ (Zefuß 74) Der Einzelne muss sich darum bemühen den Anderen keinen Schaden zuzufügen, also ganz im Sinne der Goldenen Regel[5] handeln. Daraus ergibt sich eine weitere wichtige Erkenntnis. Nicht nur die richtige Gesinnung genügt, auch gute und richtige Taten sind von Nöten. Der Mensch muss an sich arbeiten, rechtes Verhalten einüben und tugendhaft handeln. Und an diesem Punkt scheint Jonson anzuknüpfen wenn er in seinem Widmungsbrief zu Volpone schreibt:

„For if men will impartially … look toward the offices, and function of a poet they will easily conclude to themselves, the impossibility of any man’s being a good poet, without first being a good man. He that is said to be able to inform young men to all good disciplines, inflame grown men to all great virtues, keep old men in their best and supreme state, or as they decline to childhood, recover them to their nature, a teacher of things divine, no less than human, a master in manners; and can alone … effect the business of mankind.” (Jonson,The Epistle 21- 32)

[...]


[1] Ein Beispiel aus der Bibel ist der Name Adam der im Hebräischen, „der von der Erde Genommene“ bedeutet.

[2] Ein Beispiel hierfür ist der Name Adolf, der eigentlich „edler Wolf“ bedeutet. In Deutschland wird der wegen Adolf Hitler mit einer negativen Assoziation belastete Name aber so gut wie nicht mehr vergeben.

[3] Das Zitat stammt aus Horace “Ars Poetica” und lautet: „aut prodesse volunt aut delectare poetae aut simul et iucunda et idonea dicere vitae“ (Nützen oder unterhalten wollen die Dichter oder zugleich Heiteres und Lebenspraktisches sagen.)

[4] Der Begriff der „Gegenrenaissance“ geht auf das von Haydn geschriebene Buch mit dem Titel „The Counter-Renaissance“ zurück und wurde im Verlauf der Zeit eingedeutscht. In der Arbeit werde ich „Gegenrenaissance“ und „Renaissance“ als Begriffe für die damaligen Weltanschauungen übernehmen.

[5] Die Goldene Regel ist Grundbestandteil der ethischen Vorstellungen vieler Religionen und eine wichtige moralische Regel. Im Christentum steht sie in Mt 7,12 und lautet:“Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Namen in "Volpone" von Ben Jonson
Untertitel
„Nomen atque omen“
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V112598
ISBN (eBook)
9783640110346
ISBN (Buch)
9783640330904
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Namen, Volpone, Jonson
Arbeit zitieren
Anja Frank (Autor), 2008, Die Bedeutung der Namen in "Volpone" von Ben Jonson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112598

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