„Nomen atque omen“ meint das berühmte lateinische Sprichwort des römischen Komödiendichters Plautus (250-184 v Chr.) und spielt dabei auf die Bedeutung des Namens für den Charakter einer Sache oder einer Person an. Im Normalfall mag das bei Eigennamen nicht so ohne weiteres anwendbar sein, aber sobald man sich im Gebiet der Literatur befindet, kann man nicht umhin die Bedeutung der Namen von Figuren zu beachten. Hier werden mit Absicht Namen kreiert, deren Klangbilder oder Bestandteile oft schon etwas über die Bezeichneten aussagen, um beim Leser von Anfang an gewisse Assoziationen zu wecken. Diese sogenannten „sprechenden Namen“ zählen vermutlich zu den ältesten Stilmitteln der Literatur und fanden bereits in früher Überlieferung Anwendung.1 Auch in Ben Jonsons Stück Volpone or the Fox gibt es eine Vielzahl von diesen „sprechenden Namen“.[...] Im Folgenden möchte ich der Intention Jonsons auf den Grund gehen, warum er seinen Figuren solche „telling names“ gegeben hat. Meine These ist, dass die „tierischen Namen“ die Charaktere nicht nur bereits im Vorfeld charakterisieren, sondern dass sie auch die Entmenschlichung symbolisieren, der ihre Figuren im Zuge des Stückes unterliegen. Richtet sich der Mensch gegen seine eigene Gattung wird er inhuman und nicht mehr als ein „beast“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Vorbetrachtung
2. Jonson und seine Zeit
2.1 „Gegenrenaissance“
2.2 „Renaissance und der christlicher Humanismus“
3. Die Bedeutung der Namen und die Charakterisierung der Figuren
3.1 Die Raubvögel
3.1.1. Corbaccio
3.1.2 Corvino
3.1.3 Voltore
3.2 Mosca und Volpone
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung sogenannter „sprechender Namen“ in Ben Jonsons Theaterstück „Volpone“. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, wie Jonson durch die bewusste Wahl tierischer Namen für seine Charaktere nicht nur deren Persönlichkeitsmerkmale vorab charakterisiert, sondern auch ein moralisches Urteil über die Entmenschlichung durch Gier und Egoismus fällt.
- Analyse der Funktion von „telling names“ als literarisches Stilmittel.
- Untersuchung des gesellschaftskulturellen Kontextes von Renaissance und Gegenrenaissance.
- Deutung der Charaktere als eindimensionale Typen innerhalb des „Great Chain of Being“-Konzepts.
- Analyse der moralischen Symbolik in den biblischen und fabelhaften Wurzeln der Tiernamen.
- Evaluierung der Distanzierung des Publikums von den negativen Figuren durch diese Namensgebung.
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Corbaccio
Corbaccios Name entstammt aus dem Italienischen und kann auf die Wortwurzel „Corbo“ zurückgeführt werden, was so viel wie Rabe bedeutet. In dem von Florio veröffentlichen Wörterbuch wird „Corbaccio“ speziell sogar als „filthi great raven“ (http://www.pbm.com/~lindahl/florio/) übersetzt. In der Bibel wird von Raben gesagt, dass sie bevorzugt die Augen von Sündern auspicken (Sprüche 30:17) und deren verdammte Seelen mit sich forttragen. Aus diesem Grund wurde der Rabe oft auch mit dem Teufel in Verbindung gebracht und als Symbol für Unersättlichkeit, Diebstahl und Irrlehre angesehen. Da sich diese Vögel unter anderem von Aas ernähren werden sie häufig als Boten des Todes vermutet, welche die Menschen oft schon vor ihrem eigenen Sterben aufsuchen.
Ganz entsprechend der Natur seines Namens sucht Corbaccio am Beginn des Stückes den vermeidlich todkranken Volpone auf. Er hofft sein Erbe antreten zu können und Volpones Reichtum zu übernehmen. Schon vor seinem Eintreten wird Corbaccio von Volpone als „old raven“(Jonson I. iii) charakterisiert und Mosca bezeichnet ihn daraufhin als „a wretch, who is, indeed, more impotent, Than this can feign to be; yet hopes to hop Over his grave “(Jonson I. iv). Und auch im weiteren Dialog der beiden wird schnell klar, dass Corbaccio ein alter Mann ist, der Volpone wohl kaum überleben wird (Jonson I.v.80). Er leidet bereits an mannigfachen Gebrechen (Jonson IV.vi. 90), die Anlass für vielerlei Spott werden (Jonson I.iv.129). Corbaccios hervortretende Charaktereigenschaft ist die Gier nach dem Vermögen Volpones. Ohne Umschweife und Begrüßung kommt er sogleich auf den Punkt und fragt nach dessen Gesundheitszustand.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Vorbetrachtung: Einführung in die Thematik der „sprechenden Namen“ als literarisches Stilmittel und die These, dass tierische Namen die Entmenschlichung der Charaktere in Jonsons Stück symbolisieren.
2. Jonson und seine Zeit: Untersuchung der historischen Rahmenbedingungen, insbesondere der Spannung zwischen Gegenrenaissance und christlichem Humanismus, die als Basis für Jonsons Gesellschaftskritik dient.
3. Die Bedeutung der Namen und die Charakterisierung der Figuren: Detaillierte Analyse der einzelnen Charaktere (Corbaccio, Corvino, Voltore, Mosca, Volpone) hinsichtlich ihrer Namen, ihrer tierischen Symbolik und ihres Verhaltens im Stück.
Schlüsselwörter
Ben Jonson, Volpone, sprechende Namen, Gegenrenaissance, christlicher Humanismus, Raubvögel, Gier, Charakterisierung, Symbolik, Literaturwissenschaft, Fabel, Moral, Entmenschlichung, Parasitismus, Telling Names.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Einsatz von „telling names“ (sprechenden Namen) in Ben Jonsons Komödie „Volpone“ und deren Funktion als Indikator für den Charakter und die moralische Verfassung der Figuren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die literarische Charakterisierung durch tierische Symbolik, der Gegensatz zwischen Renaissance und Gegenrenaissance sowie die moralische Gesellschaftskritik an Habgier und Entmenschlichung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Jonson durch die bewusste Namenswahl die Distanz des Publikums zu den negativen Figuren steuert und diese als Archetypen der moralischen Dekadenz darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine textgebundene Charakteranalyse, gestützt durch etymologische Namensdeutungen, Fabeltraditionen sowie philosophische und historische Kontextualisierungen des 16. und 17. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die spezifischen Namensanalysen der „Raubvögel“ (Corbaccio, Corvino, Voltore) sowie der Hauptfiguren Mosca und Volpone, um deren moralische Abgründe freizulegen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem: „telling names“, Gier, Gegenrenaissance, moralisches Urteil, Entmenschlichung und parasitäres Verhalten.
Warum wird Corbaccio mit einem Raben verglichen?
Corbaccio wird als Rabe charakterisiert, da dieser Vogel symbolisch für Unersättlichkeit, Tod und den Teufel steht, was perfekt mit Corbaccios gierigem Streben nach Volpones Erbe harmoniert.
Inwiefern bricht Volpone die Grenzen seines Namens?
Obwohl Volpone als listiger Fuchs agiert, zeigt er impulsives Verhalten und eine menschliche Seite gegenüber Mosca, womit er den starren Rahmen eines bloßen Bösewichts sprengt.
- Citation du texte
- Anja Frank (Auteur), 2008, Die Bedeutung der Namen in "Volpone" von Ben Jonson, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112598