Auswirkung der traditionellen britischen Frauenrolle auf das Individuum

Eine Untersuchung des Romans "Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf


Essay, 2020

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

„Clarissa ist einundfünfzig, verheiratet mit dem Parlamentsabgeordneten Richard Dalloway, hat eine wunderschöne Tochter imjungen Erwachsenenalter, lebt im feinen Westminster und verkehrt mit der Oberschicht Englands. Eine Frau, die alles erreicht hat!“1

Dies beschreibt die oberflächliche Rahmenkonzeption der Protagonistin in Virginia Woolfs außergewöhnlichem Werk Mrs. Dalloway. Dem Leser wirdjedoch durch die authentische Darstellung in Form von Gedankenrede schnell ersichtlich, dass dies nur eine Fassade ist und Clarissa Dalloways Ansichten durch ein Unwohlsein bezüglich ihres Lebens belastet wird. Hierin wird ihre Rolle als Frau als Ursache dieses Unmuts untersucht. Die einführende Darstellung von Mrs. Dalloway wird mit den verschiedenen, persönlichen Meinungen zu ihr zunehmend ambivalenter und facettenreicher und muss dementsprechend, nach einer Analyse dazu, neu eingeordnet werden.

Da die Frage nach Clarissas Frauenbild sich stark über verschiedenste Charaktere ausschweifen lässt2, konzentriert sich dieses Essay nur auf die Anteile, die aus dem Dreiecksgefüge zwischen ihr selbst, Jugendliebe Peter Walsh, und ihrem Ehemann Richard herauszunehmen sind. Es zeigt sich beim darauf fokussierten Lesen, dass ein Zusammenhang zwischen Clarissas realen Leben, ihrer Unzufriedenheit damit und ihrer Beziehung zu den beiden Männern besteht. Es wird sich zeigen, dass Clarissas Leben von einer Rolle bestimmt wird, die aber nicht alleine zu einem glücklichen Leben führt. Zudem klärt sich die Frage warum dies so ist und was ihre Jugendliebe und Ehemann damit zu tun haben.

Mrs. Dalloway ist ein höchst aufschlussreiches und doch ebenso anspruchsvolles Werk. Es deckt unzählige Forschungsdiskurse vieler Wissenschaften ab, folglich findet man eine umfangreiche Quellenlage vor. Dies stellt den Forscherjedoch auch vor unterschiedliche Probleme. Bei den vielen möglichen Interpretationsansätzen verlangt die Analyse nach einer starken Eingrenzung, wie etwa das in diesem Essay angewandte Nicht-Berücksichtigen von für das Thema relevanten Charakteren. Hinzu kommt, dass die Befunde anhand anderer Erzählsituationen geprüft werden müssen, da die Erzählweise über (häufig wechselnde) Gedankenrede zwar authentisch wirkt, allerdings nicht als zuverlässig gewertet werden kann.

2. Gesellschaftlicher Kontext

Essentiell für das Verstehen von Clarissa und ihrer Rolle als Frau ist der gesellschaftliche Kontext, in dem sich die Protagonistin bewegt. Das England des frühen 20. Jahrhundert ist geprägt von dem Viktorianischen Zeitalter auf der einen Seite[3], von der Umbruchstimmung, beispielsweise durch den Krieg, auf der anderen.4 Diese beginnende Neuordnung betrifft auch Frauen, welche Zugriff aufBildung und ähnliches erhaltenjedoch ist das patriarchale System, vor allem in den höheren Klassen, in denen Clarissa sich bewegt, noch immer verankert.5

3. Clarissa während ihrer Vorbereitungen

Die Gedankenrede der ersten Szene eröffnet dem Leser zunächst das grundlegende Problem und auch sämtliche für dieses Essay relevante Figuren. Während der Besorgungen für Clarissas Fest kreisen sich ihre Gedanken um sie selbst und weisen auf eine Unzufriedenheit der Protagonistin hin.6 Andeutungen wie etwa, dass sie nichts wüsste, oder dass sie zwar mitten im geschäftigen Westminster unterwegs und bekannt ist, sich trotzdem nicht zugehörig fühlt, verdeutlichen dies. Sie scheint sich selbst nicht einordnen zu können, denn sie „würde nicht von sich selbst sagen, ich bin dies, ich bin jenes.“7 8 Wenig später benennt sie den Grund für ihre Unzufriedenheit.

„Sie hatte die höchst sonderbare Empfindung, dass sie eigentlich unsichtbar war, ungesehen, ungekannt; dass dajetzt kein Heiraten mehr war, kein Kinderkriegen, stattdessen nur dieses erstaunliche und ziemlich ernste Voranschreiten mit all den anderen, die Bond Street hinauf, dieses Mrs- Dalloway-Sein; nicht einmal mehr Clarissa; dieses Mrs-Richard-Dalloway- Sein.“9

Nachdem mittlerweile alle normativen Aufgaben als Ehefrau erfüllt wurden, definiert sie sich nur noch über ihren Mann, es fehlt also eine Identifikation, nach innen und nach außen, als eigenständige Person außerhalb ihrer Ehe.10 Hierbei wird auch der patriarchalische Kontext deutlich, in dem die Protagonistin sich bewegt.11 Zudem werden die beiden männlichen Antagonisten aus Clarissas Perspektive vorgestellt. Auf der einen Seite ihre Jugendliebe Peter Walsh, der den konservativen Strukturen der englischen Gesellschaft höchst abgeneigt war und mit dem sie deshalb immer wieder in Konflikt gerietjedoch auch liebenswert abseits dieses Themas. Die unterschiedlichen Weltanschauungen der beiden habe eine Heirat verhindert.12 Auf der anderen Seite ihr Ehemann Richard. Sie schätze die Privatsphäre in ihrer Ehe, ein Nicht-Einmischen in gegenseitige Angelegenheiten, und bewundert ihn als Person. Trotz dieser positiven Worte für ihre Beziehung, sticht die Unzufriedenheit Clarissas heraus, zum Beispiel mit Aussagen wie etwa, dass sie aus mangelndem Selbstbewusstsein ihr Leben gerne von neuem gestartet hätte.13

4. Analyse des Besuches von Peter bei Clarissa

Bis zum Auftreten von Peter Walsh, Clarissas Jugendliebe, wird ihr Alltagsrahmen gezeichnet, der geprägt ist durch ihre Rolle als Ehefrau in der Upperclass. Das bedeute, „she is not supposed to do housework, nor does [sic] she supposed to work outside of the house”.14 Als Folge nehme sie die Position einer perfekten Gastgeberin15 ein16, deren verbleibender Inhalt es ist, ansehnliche Partys zu organisieren. Mit seinem unerwarteten Besuch bricht Peter nun diesen Alltag, allen voran deshalb, weil er als Antagonist zu Clarissas gesellschaftlichem Rahmen steht17. Er ist sich dieser Stellung durchaus bewusst, wie seine Gedankenrede mit „sie würde mich für einen Gescheiterten halten, was ich in deren Sinn durchaus bin [...]; im Dalloway’schen Sinn“18 verrät. Dieses Aufeinandertreffen mit ihrer ehemaligen Liebe belebt alte Gefühle in Clarissa wieder. Nun erinnere sie sich „wie unmöglich es war, den Entschluss zu fassen [...] ihn nicht zu heiraten“.19 Diese Gefühlslage veranlasst sie dazu, ihr Leben zu rekapitulieren und führt sie zu der Frage, was sie daraus letztendlich gemacht hätte. Es zeigt sich das erste Mal ihre grundlegende Unzufriedenheit in einem Bezug zu Peter Walsh. Trotz allem wird auch hier deutlich, dassjener nicht nur positive Auswirkungen auf sie hat, da sie sich von ihm stets unterschwellig kritisiert fühlt.20 Den Schlüsselfaktor der Szene bildet seine „Beichte“, dass er verliebt sei. An der Stelle sind die Gedankengänge beider Charaktere parallel zu beachten. Clarissa findet diese Art der Gefühle albern, „Dass er in seinem Alter sich mit seiner kleinen Frackschleife von diesem Ungeheuer verschlingen lässt!“21 Diese Verachtung gegenüber der Liebe gipfelt in einer Dankbarkeit, ihn nicht als Ehemann gewählt zu haben. Gleichzeitig kommt aber gerade diese Leidenschaft für ihn in Form von Eifersucht in ihr auf und überwiegt nach einem tröstenden Wangenkuss gänzlich ihrer Abneigung., sodass auch die Dankbarkeit für ihre Entscheidung verfliegt und in Reue umschwingt.22 Peter empfindet seine Gefühle, aufgrund Clarissas Aversion gegen sie, wie eine Entblößungjedoch erkennt er zur selben Zeit, dass ungeachtet dessen eine Vertrautheit zwischen ihnen besteht.23 Diese Erkenntnisprozesse beider Seiten führen beinahe dazu, dass Clarissa sich durch die Frage: „Bist du glücklich, Clarissa?“24 ihrer Realität stellen muss, sie werdenjedoch schlussendlich unterbrochen, sodass der Anstoß, sich außerhalb ihrer Rolle zu definieren, fruchtlos bleibt.25 Es zeichnet sich hier ab, dass Clarissa eine Abneigung gegenüber Leidenschaft entwickelt hat26, was aber wohl nicht immer so war, da durch Peter passionierte Gefühle in ihr aufstreben. Des Weiteren wird angedeutet, dass in Clarissa mehr steckt, als ihre gesellschaftliche Rolle, da ein Gesellschaftskritiker wie Peter sonst keine solche Verbindung zu ihr hätte. Letzteres wird in der nächsten Szene stärker beleuchtet.

[...]


1 Duwald, Frank: [Rezension] Virginia Woolf - Mrs Dalloway. https://dandelionliteratur.wordpress.com/2016/06/02/rezension-virginia-woolf-mrs-dalloway/. 25.06.2020.

2 Man beachte die Beziehung zu Sally Seton oder Miss Kilmanns Blick auf Clarissa Dalloway

3 Vgl. Whatmore, Petra: "That Mysterious Thing Family Concepts in The Forsyte Saga, To the Lighthouse, Mrs Dalloway and Ulysses. In: ZAA Studies: language, literature, culture. Buchreihezur ZeitschriftfürAnglistik undAmerikanistik. Hrsg. Von Heimbrecht Breinig u.a. Auflage 1. Tübingen: Stauffenburg-Verlag 2001. Bd. 6. S. 7f.

4 Vgl. Zwerdling, Alex: Mrs. Dalloway and the Social System. In: PMLA, Vol. 92, No. 1 (1977). S. 72.

5 Vgl. Hewitt, Kirsty: Gender and Feminity in Virginia Woolf's Mrs Dalloway. https://modernistreviewcouk.wordpress.com/2018/12/18/gender-and-femininity-in-virginia-woolfs- mrs-dalloway/ (08.06.2020)

6 Yildiz, Firat: Women Types in To the Lighthouse and Mrs. Dalloway. https://sbd.aku.edu.tr/arsiv/cl5s2/cl5s2b2firatyildiz.pdf. 11.06.2020. S. 18.

7 Woolf, Virginia: Mrs Dalloway. Köln: Anaconda Verlag GmbH 2013. S. 10.

8 Vgl. Ebd.

9 Ebd.S. 13.

10 Vgl. Forbes,Shannon: Equating Performance with ldentity:The Failure ofClarissa Dalloway'sVictorian "Self" in Virginia Woolf's "Mrs. Dalloway". In: TheJournal ofthe Midwest Modern LanguageAssociation, Vol. 38, No. 1 (2005). S. 40.

11 Vgl. Walker, Victoria: Feminism in Virginia Woolf'S Mrs Dalloway. https://www.victoriakwalker.com/blog/2017/ll/10/reading-the-bloomsbury-group. 11.06.2020.

12 Vgl. Woolf, Virginia: Mrs Dalloway. S. 9.

13 Vgl. Ebd. S. 12.

14 Yildiz, Firat: Women Types in To the Lighthouse and Mrs. Dalloway. S. 20.

15 „Die perfekte Gastgeberin" wurde von dem eifersüchtigen (also nicht zuverlässigen) Peter eingesetzt. In der Literatur wird dieser Begriffjedoch oftmals als passende Beschreibung von Clarissas Rolle benutzt.

16 Vgl. Forbes, Shannon: Equating Performance with Identity. S. 39.

17 Vgl. Zwerdling, Alex: Mrs. Dalloway and the Social System. S. 75.

18 Woolf, Virginia: Mrs Dalloway. S. 47.

19 Ebd. S. 45.

20 Ebd. S. 46-47.

21 Ebd. S. 48.

22 Ebd. S. 49-50.

23 Vgl. Woolf, Virginia: Mrs Dalloway. S. 48-49.

24 Ebd.S.51.

25 Vgl. Forbes, Shannon: Equating Performance with Identity. S. 41.

26 Vgl. Bell, Vereen: Misreading „Mrs. Dalloway". In: TheSewanee Review, Vol. 114, No.l (2006). S. 97.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Auswirkung der traditionellen britischen Frauenrolle auf das Individuum
Untertitel
Eine Untersuchung des Romans "Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V1126353
ISBN (eBook)
9783346485960
ISBN (Buch)
9783346485977
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Virgina Woolf, Mrs Dalloway, Clarissa Dalloway, Frauenrolle, Emanzipation, britische Frauenrolle
Arbeit zitieren
Anna-Lena Hünnerkopf (Autor:in), 2020, Auswirkung der traditionellen britischen Frauenrolle auf das Individuum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1126353

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