Dynamiken der häuslichen Gewalt

Warum verharren Frauen in einer Gewaltbeziehung und welche Hilfen leistet die Soziale Arbeit?


Hausarbeit, 2020

22 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Häusliche Gewalt
2.1 Formen der Gewalt
2.1.1 Psychische Gewalt
2.1.2 Körperliche Gewalt
2.1.3 Sexuelle Gewalt
2.1.4 Soziale Gewalt
2.1.5 Ökonomische Gewalt

3 Dynamiken in der Gewaltbeziehung
3.1 Zyklustheorie der häuslichen Gewalt

4 Warum verharrt das Opfer in der Gewaltbeziehung?

5 Maßnahmen zur Prävention und Hilfe
5.1 Unterstützungssystem und Interventionskette
5.1.1 Primäre, sekundäre und tertiäre Prävention von Gewalt
5.2 Fachberatungs- und Interventionsstellen bei häuslicher Gewalt
5.3 Frauenhaus als Schutzraum

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

In dieser Arbeit habe ich mich mit den Dynamiken der häuslichen Gewalt beschäftigt und welche Präventions- und Unterstützungsmaßnahmen die Soziale Arbeit leistet. Speziell bin ich auf die Paargewalt in heterosexuellen Beziehungen, vom Mann als Täter und der Frau als Opfer ausgegangen. Ich habe mich mit der Zyklustheorie der Gewalt auseinandergesetzt und mit den psychologischen sowie strukturellen Gründen, die eine Frau in einer Gewaltbeziehung verharren lassen. Dabei sind die asymmetrischen Machtverhältnisse als auch die suchtartige Struktur der Gewaltbeziehung in den Vordergrund getreten, die bei der Frau zu einer Abhängigkeit zu dem Partner in allen Lebensbereichen führt. Die sozialarbeiterischen Unterstützungsmaßnahmen entstanden aus der Frauenbewegung in den 1970er Jahren und sind somit feministisch geprägt und lassen das in ihre Arbeit mit einfließen. Fachberatungs- und Interventionsstellen bei häuslicher Gewalt sowie Frauenhäuser unterstützen von Gewalt betroffene Frauen emotional und administrativ und wollen mit Öffentlichkeitsarbeit eine Gesellschaft schaffen ohne Vormachtstellung des Mannes.

1 Einleitung

Nach dem Bundesamt für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird etwa jede vierte Frau mindestens einmal Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt durch den aktuellen oder früheren Partner. Betroffen sind Frauen unabhängig ihrer sozialen Schicht und ihres Alters (BMFSFJ, 2020), womit häusliche Gewalt in der Mitte der Gesellschaft präsent ist. In der Gesellschaft jedoch herrscht häufig Unverständnis bezüglich häuslicher Gewalt. Diese wird oft dahingehend verkürzt, dass darunter nur Schläge verstanden werden. Auch ist es für viele Außenstehende nicht nachvollziehbar, warum die Opfer in der Gewaltbeziehung verharren und sich nicht endgültig vom Täter trennen.

In dieser Arbeit soll näher auf die Dynamiken der häuslichen Gewalt eingegangen werden. Zuerst möchte ich definieren was unter häuslicher Gewalt und Paargewalt verstanden wird und weiter die verschiedenen Formen der Gewalt bestimmen. Im Anschluss werde ich die Abläufe der Gewaltbeziehung anhand der Zyklustheorie der häuslichen Gewalt sowie die Gründe der Frauen bei dem gewalttätigen Partner zu bleiben, diskutieren.

Auch wenn ich mich hier nicht näher mit den Gründen für die Gewaltausübung beschäftige, möchte ich doch ausdrücklich nicht die Verantwortung des Täter für die Übergriffe schmälern. Die Anwendung von Gewalt ist eine Entscheidung des Täters.

Da Gewalt gegen Frauen immer noch geradezu eine „Alltäglichkeit“ darstellt, werde ich mich im fünften Kapitel dieser Arbeit mit den sozialarbeiterischen Hilfen für Frauen nach dem Erleben von Gewalt beschäftigen.

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in dieser Arbeit den Fokus auf die Gewalt in Partnerschaften lege und ausschließlich von der Frau in der Rolle des Opfers und von dem Mann in der Rolle des Täters ausgehe. Es ist mir wichtig darauf hinzuweisen, dass häusliche Gewalt genauso gegenüber Männern und Kindern stattfindet und auch homosexuelle Beziehungen davon betroffen sind. Diese Aspekte werden jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit sein.

2 Häusliche Gewalt

Dem Europarat (2011) zufolge umfasst häusliche Gewalt alle körperlichen, sexuellen, seelischen oder wirtschaftlichen Gewalttaten, innerhalb der Familie oder eines Haushaltes (S.9). Diese Arbeit soll, wie eingangs beschrieben, auf die Partnerschaftsgewalt eingehen, die als alle Formen von Gewalt zwischen Erwachsenen in bestehenden oder aufgelösten Paarbeziehungen bei gemeinsamen oder getrenntem Wohnsitz definiert wird (Schwarz, 2020, S.47).

Grundsätzlich müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein, um häusliche Gewalt von einem „einfachen“ Streit in einer Partnerschaft differenzieren zu können. Wichtige Anhaltspunkte hierfür sind eine emotionale Bindung zwischen Opfer und Täter, die auch von der Außenwelt, zumindest temporär, als Paar wahrgenommen werden. Weiterhin wichtig sind Beziehungskonflikte als Auslöser der gewalttätigen Übergriffe sowie ein erkennbares Machtgefälle zwischen Opfer und Täter. Zudem wird davon ausgegangen, dass es sich bei der Gewaltanwendung um eine gegenwärtige bzw. zukünftige Wiederholungstat handelt und die Gewaltanwendung nicht an die gegebene Partnerschaft und das Opfer gebunden ist (Derks, 2020, S.66). Insofern wird von häuslicher Gewalt auch als nicht-spontane, systemische Gewalt oder Kontrollverhalten des Täters gesprochen (Schwarz, 2020, S.48).

2.1 Formen der Gewalt

Es können verschiedene Formen von Gewalt unterschieden werden, wobei zu berücksichtigen ist, dass misshandelte Frauen in einer Gewaltbeziehung nicht unbedingt alle Gewaltformen erleben müssen (Hirigoyen, 2006, S. 38).

2.1.1 Psychische Gewalt

Psychische Gewalt, einschließlich verbaler Gewalt, ist nicht immer leicht erkennbar und darum nur schwer als solche einzuordnen, somit ist sie auch seltener in der öffentlichen Diskussion anzutreffen. Jedoch zeigt sich psychische Gewalt durch viele verschiedene gewalttätige Übergriffe und hinterlässt oft langanhaltende „Wunden“ (Lamnek, Luedtke, Ottermann & Vogl, 2012, S.115). Psychische Gewalt äußert sich durch Beschimpfen, Erniedrigen, Drohen, Sachen absichtlich beschädigen, das Opfer für verrückt erklären sowie das Einsetzen der Kinder als Druckmittel (Gloor & Meier, 2010, S.19).

2.1.2 Körperliche Gewalt

Körperliche bzw. physische Gewalt äußert sich durch Schlagen, Treten, Würgen, der Verletzung des Opfers mit einem Gegenstand (Gloor & Meier, 2010, S.19) bzw. dem Angriff mit Waffen. Physische Gewalt kann bis zum Mordversuch oder Mord reichen (Lamnek et al., 2012, S. 114). Körperliche Gewalt ist untrennbar von psychischer Gewalt (Wahren, 2016, S.11).

2.1.3 Sexuelle Gewalt

Unter sexueller Gewalt bzw. sexualisierter Gewalt werden sexuelle Handlungen verstanden, die dem Recht der sexuellen Selbstbestimmung des Opfers widersprechen. Es wird zwischen körperlicher und seelischer sexueller Gewalt unterschieden (Wahren, 2016, S.13). Unter ersterem wird der Zwang zu sexuellen Handlungen bis hin zur Vergewaltigung verstanden (Gloor & Meier, 2010, S.19). Seelisch sexuelle Gewalt äußert sich dagegen durch sexuelle Beschämung, Einschüchterung und Witze (Wahren, 2016, S.13).

2.1.4 Soziale Gewalt

Soziale Gewalt ist eine Ausformung der psychischen Gewalt und zielt darauf ab das Opfer sozial zu kontrollieren. Dies äußert sich durch das Verbieten von Kontakten, durch soziale Isolierung bis hin zur Freiheitsberaubung des Opfers. (Gloor & Meier, 2010, S.19).

2.1.5 Ökonomische Gewalt

Ökonomische Gewalt dient dazu das Opfer in finanziellen Angelegenheiten zu kontrollieren und ist eine Ausformung der psychischen Gewalt. Ökonomische Gewalt zeigt sich durch Geldentzug, Arbeitsverbot oder durch Zwang zur Arbeit (Gloor & Meier, 2010, S19).

3 Dynamiken in der Gewaltbeziehung

Um wirksame Hilfen für die Opfer bereit zu stellen ist es wichtig die besonderen Dynamiken der Misshandlungsbeziehungen zu verstehen und nachzuvollziehen (Schmid, 2010, S.37). Die Beziehungen fangen nicht mit Übergriffen und körperlicher Gewalt an, sondern werden in der Regel als Liebesbeziehungen begonnen. Die Opfer können meist selbst nicht benennen, wann der Täter das erste Mal gewalttätig wurde, denn die ersten Übergriffe sind als Mikroangriffe subtil und nur schwer zu erkennen (Schmid, 2010, S. S.38) und nehmen dann an Intensität und Häufigkeit stetig zu (Schmid, 2010, S.40).

3.1 Zyklustheorie der häuslichen Gewalt

Eine ganz eigene Dynamik kennzeichnet Gewaltbeziehungen und wird anhand des Kreislaufs der Gewalt beschrieben. Dieser Kreislauf bzw. Zyklus wird in drei Phasen gegliedert (Schmid, 2010, S.39). Die französische Ärztin und Viktimologien Hirigoyen (2006) unterscheidet eine zusätzliche vierte Phase (S.56).

In der ersten Phase baut der Täter Spannung auf und wird reizbar, was durch Konflikte von außen, Stress und Unzufriedenheit verstärkt wird. (Derks, 2020, S.56). Es kommt zu verbalen Angriffen wie Beschimpfungen, Demütigungen, Abwertungen, Bedrohungen, Einschränkungen und Kontrolle (Wahren, 2016, S. 19). Das Opfer versucht in dieser Phase die ganze Aufmerksamkeit auf den Partner zu richten und unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und Ängste, um keinen Anlass für Übergriffe zu geben (Wahren, 2016, S.19). Diese Ängste können jedoch auch in ein offensives Verhalten führen, in welchem die Frau die Gewalt regelrecht herbei provoziert, um die Spannung abzubauen und den Übergriff endlich „hinter sich zu bekommen“ (Wahren, 2016, S.20).

Nach dem Spannungsaufbau kommt die zweite Phase, die Phase der akuten Gewalt. In dieser Phase entlädt sich die aufgebaute Spannung, was in Kontrollverlusten und Gewaltausbrüchen seitens des Täters mündet (Wahren, 2016, S. 20). Die Gewalttaten passieren meist ohne sichtbaren Auslöser (Derks, 2020, S.56) und die Opfer empfinden sich ohnmächtig, da sie keine Kontrolle über die Gewaltart, den Zeitpunkt und der Intensität der Übergriffe haben (Schmid, 2010, S. 39). Die Frau erleidet oft einen emotionalen Schock und durchlebt Todesängste (Wahren, 2016, S. 20).

Die dritte Phase ist die sogenannte Reuephase, in welcher sich der Täter seiner ausgeübten Gewalt bewusst wird und Scham empfindet. (Derks, 2020, S.57). An diesem Punkt des Kreislaufes fühlt sich nun der Täter ohnmächtig. Er bittet um Verzeihung, verspricht sich zu verbessern und beschreibt seine Gewalt als etwas Unkontrollierbares. Er versucht die Gründe seiner Ausbrüche bei äußeren Einflüssen zu suchen und schiebt die Verantwortung für die Übergriffe der Partnerin zu. Das Opfer toleriert meistens diese Strategie und übernimmt die Verantwortung für die Gewalt, um den eigenen Ohnmachtsgefühlen entgegen zu wirken. Somit schafft sie die Illusion von Kontrolle und Selbstwirksamkeit und folglich die Idee, die Gewalt verhindern zu können (Wahren, 2016, S.21). Die Konflikte und Streitereien selbst, welche zu dem Spannungsaufbau bis hin zu den Übergriffen geführt haben, werden jedoch nie thematisiert, (Jocher, 2020, S.153). Schmid (2010) nennt diese dritte Phase auch „Honeymoon-Phase“, denn der Täter zeigt sich hier liebevoll und aufmerksam und umwirbt die Partnerin (S.39).

Die Autorin Hirigoyen (2006) beschreibt die dritte Phase als die der Entschuldigung und bezeichnet den Zeitpunkt der Versöhnung als eine eigene vierte Phase (S.55-56). Hier betont sie die Manipulation, die der Täter in dieser Phase ausübt, um das Opfer noch mehr an sich zu binden. Der Mann empfindet Angst, dass die Frau ihn aufgrund der Übergriffe verlassen könnte und zeigt sich daher von seiner besten Seite. Somit entdeckt das Opfer wieder den Partner, in den es sich zu Anfang verliebt hatte. In dieser Phase erlangen beide eine neue Hoffnung für einen Neuanfang (Hirigoyen, 2006, S.56). Das Verhalten des Täters blendet das Opfer, welches ein Wunschdenken entwickelt (Derks, 2020, S.57), und die schönen, harmonischen Erinnerungen ersetzen die der Gewalt (Wahren, 2016, S.21). Während in der Phase der akuten Gewalt das Opfer sich trennen will, verspürt es in der Phase der Versöhnung den Wunsch zu bleiben (Hirigoyen, 2006, S.57) und gibt dem Täter eine erneute „letzte Chance“ (Schmid, 2010, S.39). Somit beginnt der Gewaltzyklus wieder von vorne (Hirigoyen, 2006, S.57). Während dieser Kreislauf durchschritten wird, werden vom Täter die verschiedenen Gewaltformen gleichzeitig angewendet und nehmen an Intensität zu (Schmid, 2010, S.38).

Ergänzend kann auch von einem spiralförmigen Handlungsverlauf der Gewalt gesprochen werden (Wahren, 2016, S.19) wobei Stärke und Ausmaß der Übergriffe davon abhängen wie oft der Gewaltzyklus durschritten wurde. Die gewalttätigen Übergriffe treten in immer kürzeren Abständen auf und das Opfer fühlt sich immer schuldiger, beschämter und ohnmächtiger (Wahren, 2016, S. 22). In Folge verliert die Frau aufgrund der zunehmenden und immer intensiveren Gewalttaten nach und nach ihr Selbstvertrauen (Hirigoyen, 2006, S.76).

4 Warum verharrt das Opfer in der Gewaltbeziehung?

Die Trennung von einem gewalttätigen Partner ist nicht einfach, so gelingt etwa 65% der Frauen diese Trennung nicht bei ihrem ersten Versuch (Jocher, 2020, S.154).

Die Verbleibegründe sind multikausal und lassen sich sowohl auf der strukturellen als auch auf der psychischen Ebene finden (Schmid, 2010, S.40). Dabei spielt jedoch auch die spezielle Struktur der Gewaltbeziehung eine große Rolle (Hirigoyen, 2006, S.76).

Für Gewaltbeziehungen ist eine seelische Abhängigkeit des Opfers zum Täter bezeichnend und hängt eng mit den Strategien des Mannes zusammen (Hirigoyen, 2006, S.93). Wird der Kreislauf der häuslichen Gewalt durchschritten, kommt es in der Regel wegen der intensiven emotionalen Hoch und Tiefs zu einem System, was dem Prinzip von „Zuckerbrot und Peitsche“ ähnelt. Dies führt zu speziellen neurobiologischen und psychologischen Prozessen, die der Linderung und Beruhigung dienen und in eine regelrechte Sucht vom Partner münden (Hirigoyen, 2006, S.94).

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Dynamiken der häuslichen Gewalt
Untertitel
Warum verharren Frauen in einer Gewaltbeziehung und welche Hilfen leistet die Soziale Arbeit?
Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1.0
Autor
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V1127242
ISBN (eBook)
9783346486615
ISBN (Buch)
9783346486622
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dynamiken, gewalt, warum, frauen, gewaltbeziehung, hilfen, soziale, arbeit
Arbeit zitieren
Leonie Bosslet (Autor:in), 2020, Dynamiken der häuslichen Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1127242

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