Städte und Gemeinden spielten in der deutschen Geschichte stets eine prominente Rolle. Die verfassungsmäßig garantierte Kommunale Selbstverwaltung ist heute für die Organisation der Bundesrepublik ebenso maßgeblich wie der Föderalismus: Die Bundesstaatlichkeit ist historische Folge der Territorialstaatstradition, die Kommunale Selbstverwaltung gilt darüber hinaus gar als die nationale, identitätsstiftende Tradition schlechthin.
Infolge der föderalen Gliederung Deutschlands sind die Kommunen unterschiedlich, abhängig von der jeweiligen Gemeindeordnung des Landes, verfasst. Ab den 1970er Jahren wurde auf diesem Feld ein »Wettbewerb der Kommunalsysteme« virulent, und im Verlauf der 1990er Jahre wurden etliche Gemeindeordnungen in Nord-, Ost- und Westdeutschland reformiert. Die Reformen orientierten sich vor allem an den süddeutschen Gemeindeordnungen. Franz-Ludwig Knemeyer hat dies als »Siegeszug der Süddeutschen Gemeindeverfassung« bezeichnet. Diese institutionellen Reformen der sogenannten »inneren Kommunalverfassung« sind
sozialwissenschaftlich deshalb interessant, weil neben der Frage, warum die Reformen überhaupt vorgenommen wurden, vor allem der angesprochene Siegeszug des süddeutschen Typus bemerkenswert ist.
Im Rahmen einer neo-institutionalistischen Analyse wird dieser »Siegeszug« genauer untersucht, um letztlich zu bestimmen, weshalb alle Reformen ähnliche strukturelle Änderungen vorsahen, und warum heute die sogenannte »duale Rat-Bürgermeister-Verfassung« als vorherrschendes Modell unter den deutschen Gemeindeordnungen ausgemacht
werden kann.
Inhaltsverzeichnis
I. Der Siegeszug der süddeutschen Kommunalverfassung – Einführung
II. Entstehung und Entwicklung der deutschen Kommunalverfassungen
II.1. Historische Entwicklung der deutschen Gemeindeordnungen
II.2. Die Kommunalverfassungsreformen der neunziger Jahre
II.2.1. Kommunale Führungsfunktionen
II.2.2. Legitimations- und Partizipationsfunktionen
II.3. Die deutschen Kommunalverfassungen im systematischen Überblick
II.4. Tendenzen und Hintergründe der Reformen
III. Rationalität als Mythos – Der Neo-Institutionalismus
III.1. Die neo-institutionalistische Schule
III.2. Mythen, Isomorphismus und Heuchelei
III.3. Neo-institutionalistische Theoriebausteine in der Zusammenfassung
IV. Rationalität und Heuchelei in der Kommunalpolitik – Synthese
IV.1. Der Bürgermeister – Charisma und Kompetenzstruktur
IV.1.1. Bündelung von Führungsfunktionen als Rationalitätsmythos
IV.1.2. Wahl und Abwahl des (Ober-)Bürgermeisters
IV.2. Der Rat und die Parteien
IV.2.1. Rationale Selektion durch Kumulieren und Panaschieren
IV.2.2. Kommunale Parteipolitik und politische Kultur
IV.3. Publikum und Partizipation – Demokratisierung vs. »talk«
IV.3.1. Legitimation durch Wahlen
IV.3.2. Kommunale Referenden
V. Der Siegeszug als Isomorphismus – Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, warum es in den 1990er Jahren zu tiefgreifenden Reformen der deutschen Kommunalverfassungen kam und warum sich dabei das süddeutsche Modell mit einem starken, direkt gewählten Bürgermeister als Vorbild durchgesetzt hat, indem sie diese Prozesse mithilfe der neo-institutionalistischen Organisationstheorie analysiert.
- Entstehung und historische Entwicklung deutscher Kommunalverfassungen
- Theoretische Grundlagen des Neo-Institutionalismus
- Die Rolle von Rationalitätsmythen und Isomorphismus bei Reformprozessen
- Untersuchung von Bürgermeister, Rat und Publikum als politische Teilsysteme
- Analyse der Wirkung direktdemokratischer Partizipationsinstrumente
Auszug aus dem Buch
IV.1.1. Bündelung von Führungsfunktionen als Rationalitätsmythos
Der Neo-Institutionalismus bietet auf diese Fragen folgende Antworten an: Grundsätzlich wird die Stärkung des Bürgermeisters mit Attributen wie effektiv oder rational beschrieben. Bereits Max Weber betonte die Bedeutung der bürokratisch-hierarchischen Struktur: »[...] die buerokratisch-monokratische aktenmäßige Verwaltung ist nach allen Erfahrungen die an Präzision, Stetigkeit, Disziplin, Straffheit und Verlässlichkeit [...] rein technisch zum Höchstmaß der Leistung vervollkommenbare [...] formal rationalste Form der Herrschaftsausübung« (Weber (1921a) 123). Ferner ist »rationale Herrschaft [...] formal in ihrem Leiter anderen Typen angehörig ([...] charismatisch plebiszitär) [...]« (ebd. 126). Diese weberianische Rationalitätskonzeption ist allerdings nicht nur wissenschaftlich-analytisch; vielmehr spiegelt sie, so das neo-institutionalistische Argument, eine gesellschaftlich institutionalisierte Vorstellung wider: Während jedoch »for Weber, bureaucratization results from [...] competition among states« (Powell/DiMaggio (1983) 63), so ist die bürokratisch-monokratische Struktur für den Neo-Institutionalismus ein gesellschaftlich institutionalisiertes Rationalitätsmuster, ein »rational institutionalized myth« (Meyer/Rowan (1977) 47). Demgegenüber erschien der norddeutsche Verfassungstypus, dessen »Regelungen [...] bei den Bürgerinnen und Bürgern zu Irritationen [über die Kompetenzstreitigkeiten zwischen Bürgermeister und Verwaltungschef] führen [konnten]« (Wehling (2003b) 305) als weniger rational, mithin als weniger legitim.
Im Zuge der Kommunalverfassungsreformen wurden folglich, so die neo-institutionalistische Interpretation, die Gemeindeordnungen – mithin die Gemeindeorganisationen im strukturellen Sinne –, dergestalt umstrukturiert, dass Rationalitätsmythen berücksichtigt, und institutionelle Legitimität generiert wurde. Die Kommunalverfassungsreformen zielten also auf eine Erhöhung der Legitimität durch strukturelle Entsprechung: »The laws, the educational and credentialing system and public opinion then make it necessary or advantageous for organizations to incorporate the new structures« (Meyer/Rowan (1977) 48).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Der Siegeszug der süddeutschen Kommunalverfassung – Einführung: Hinführung zum Thema der Reformen der inneren Kommunalverfassung und Darstellung der Forschungsfragen unter Bezugnahme auf den Siegeszug des süddeutschen Modells.
II. Entstehung und Entwicklung der deutschen Kommunalverfassungen: Historischer Überblick über die Entwicklung von Gemeindeordnungen in Deutschland bis zu den Reformen der neunziger Jahre und systematische Darstellung der Strukturtypen.
III. Rationalität als Mythos – Der Neo-Institutionalismus: Vorstellung der neo-institutionalistischen Organisationstheorie mit ihren zentralen Konzepten wie Institutionen, Rationalitätsmythen, Isomorphismus und der Entkopplung von Struktur und Handlung.
IV. Rationalität und Heuchelei in der Kommunalpolitik – Synthese: Anwendung der theoretischen Konzepte auf die Reforminhalte unter Analyse der Rollen von Bürgermeister, Rat und Publikum sowie der Auswirkungen der Direktwahl und direktdemokratischer Elemente.
V. Der Siegeszug als Isomorphismus – Conclusio: Zusammenfassende Beantwortung der Leitfragen und Fazit zur Bedeutung institutioneller Legitimität sowie der Rolle des süddeutschen Modells als Reformvorbild.
Schlüsselwörter
Kommunalverfassung, Reform, Neo-Institutionalismus, Süddeutsches Modell, Rationalitätsmythen, Isomorphismus, Legitimität, Bürgermeister, Direktdemokratie, Organisationstheorie, Kommunale Selbstverwaltung, Parteipolitik, Bürgerentscheid, Politische Kultur, Verwaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die umfangreichen Reformen der inneren Kommunalverfassungen in Deutschland in den 1990er Jahren und den damit einhergehenden Erfolg des süddeutschen Verfassungsmodells.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der deutschen Gemeindeverfassungen, die organisationssoziologische Theorie des Neo-Institutionalismus und die Untersuchung von Reformprozessen in der Kommunalpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Gründe für die bundesweite Reformwelle zu identifizieren und zu erklären, warum sich dabei das süddeutsche Modell (starker Bürgermeister) als dominantes Orientierungsmuster durchgesetzt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den theoretischen Ansatz des Neo-Institutionalismus, um Reformen der Kommunalverfassung als Prozesse der Herstellung institutioneller Legitimität und organisationaler Isomorphie zu interpretieren.
Was ist Gegenstand des Hauptteils?
Im Hauptteil erfolgt eine Synthese aus empirischen Beobachtungen der Kommunalreformen und der Anwendung neo-institutionalistischer Theoriebausteine auf die Rollen von Bürgermeister, Rat und Bürgerschaft.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben der Kommunalverfassung selbst sind Begriffe wie Rationalitätsmythen, Isomorphismus, Legitimität, direktdemokratische Partizipation und die Unterscheidung zwischen "action" und "talk" zentral für das Verständnis.
Warum wird das süddeutsche Modell als so erfolgreich angesehen?
Aus neo-institutionalistischer Sicht wird es als erfolgreich angesehen, weil es gesellschaftliche Vorstellungen von Rationalität und effektiver Führung stärker verkörpert und somit die institutionelle Legitimität erhöht.
Welche Rolle spielen Bürgerbegehren und Bürgerentscheide in der Arbeit?
Die Arbeit ordnet diese Instrumente nicht als rein effiziente Verfahren ein, sondern als "hypocrisy" (Heuchelei), die dazu dient, Forderungen nach Demokratisierung zu erfüllen, ohne den operativen Kern der Kommunalverwaltung zu gefährden.
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- Dipl.Verw.wiss.; M.A. Philipp Männle (Author), 2006, Der Siegeszug der süddeutschen Kommunalverfassung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112779