Das Thema Inklusion wird viel besprochen und ausgehandelt. Doch behinderte Menschen sind vorrangig in Sondereinrichtungen sichtbar. Sie stellen für viele Menschen einen geschlossenen Lebensraum dar, der jeden Moment in ihrem Alltag begleitet und bestimmt. Vom Wohnen und Leben in einer betreuten Wohneinrichtung, dem Arbeiten in Werkstätten oder Tagesförderstätten und der institutionalisierten Freizeitgestaltung, bis hin zu vollständig organisierten Ferienreisen und Fortbildungen zur Alltagsbewältigung wie Liebe und Beziehung oder Kochen. So ist es keine Seltenheit, dass ein einziger sozialer Träger jeden Lebensbereich einer behinderten Person ausfüllt, gestaltet und prägt. Dabei ist es folgerichtig, dass die Mitarbeitenden im Leben der Menschen oftmals zu den wichtigsten Bezugspersonen werden. Dies stellt eine enorme Verantwortung dar. Für die Mitarbeitende ist die Inklusion ihrer KlientInnen ihre berufliche Aufgabe und stellt die Handlungsnorm jeglicher pädagogischen Maßnahme dar. Umgekehrt bedeutet Inklusion für die KlientInnen einen Handlungsrahmen und Erwartungshorizont, welcher Einfluss auf alle Lebensbereiche nimmt.
Dabei wird in dieser Arbeit die konkrete Forschungsfrage gestellt: Wie wirkt sich die Handlungsnorm der Inklusion auf die Arbeit der Alltagsassistenz im Feld der Sondereinrichtungen, am Beispiel einer Tagesförderstätte für behinderte Menschen aus? Aus den Beobachtungen im Arbeitsalltag einer Tagesförderstätte in Hamburg geht die Hypothese hervor: Die sozialen Beziehungen zwischen MitarbeiterInnen und KlientInnen sind geprägt von Machtasymetrien, welche in der täglichen Praxis reproduziert werden.
Für die Beantwortung der Forschungsfrage wird im Anschluss an den aktuellen Forschungsstand eine begriffliche Einordnung der Konzepte Behinderung und Inklusion vorgenommen. Im Anschluss daran wird die Verwendung der autoethnografischen Methode begründet und die eigene Rolle offengelegt. Das darauffolgende Kapitel geht über in die Beschreibung des Feldes: der Tagesförderstelle unter dem Träger Leben mit Behinderung Hamburg. Die darauffolgend beschriebenen Beobachtungen werden mit Theorien von produktiver Arbeit und Disziplinarmacht im Kontext von Inklusion besprochen. Im Fazit wird die Forschungsfrage und die Hypothese noch einmal aufgegriffen und zusammenfassend in Anlehnung an die voran gegangene Analyse beantwortet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aktueller Forschungsstand
3. Begriff und Kontext
3.1 Behinderung
3.2 Handlungsnorm Inklusion
4. Autoethnografische Methode
4.1 Die eigene Rolle und weiteres Vorgehen
5. Das Feld: Leben mit Behinderung Hamburg
5.1 Tagesgeschäft in der Tagesförderstätte
5.2 Arbeit und Produktivität
5.3 Disziplinartechniken
6. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Handlungsnorm der Inklusion auf die Arbeit der Alltagsassistenz in Sondereinrichtungen für Menschen mit Behinderung auswirkt. Anhand einer autoethnografischen Fallstudie in einer Hamburger Tagesförderstätte wird der Frage nachgegangen, inwiefern die tägliche Praxis von Machtasymmetrien zwischen Mitarbeitenden und KlientInnen geprägt ist und wie das Leitbild der Inklusion mit Vorstellungen von produktiver Arbeit kollidiert.
- Analyse der Handlungsnorm Inklusion in Sondereinrichtungen
- Untersuchung von Machtverhältnissen und Deutungshoheit im Betreuungsalltag
- Kritische Auseinandersetzung mit Normalisierungsprozessen durch Arbeit
- Autoethnografische Perspektive auf die Rolle der Alltagsassistenz
- Anwendung theoretischer Konzepte (Foucault, Weber, Disability Studies)
Auszug aus dem Buch
C. ist seit 4 Jahren Klientin der Tagesförderstätte.
Sie liegt in einem speziell ihrer Rückenform angepassten Rollstuhl und drückt durch lautieren und weinen ihre jeweilige Verfassung aus. Sie kann sich nicht eigenständig bewegen oder sprechen. Ihr gesamter Körper ist gelähmt und wenn C.Schmerzen empfindet, unzufrieden ist oder Hunger hat, weint und schreit sie laut. T. ist meine Kollegin und seit über 20 Jahren in der Einrichtung tätig. Sie weist mich nun in meinen neuen Aufgabenbereich ein. Ich soll C. dabei helfen, die Wäsche abzunehmen. Dabei schiebe ich den Rollstuhl unter die erhöhte Wäscheleine, drücke ihre fest verkrampften Finger auseinander und klemme ein trockenes Wäschestück zwischen ihnen ein. Abschließend ziehe ich den Rollstuhl wieder hervor. Während ich das mache, beschreibe ich in einem fortlaufenden monotonen Wortfluss, jede meiner Tätigkeiten und den Ablauf. Das mache ich, damit C. weiß, was gerade geschieht und zum anderen, damit sie sich meiner Anwesenheit bewusst bleibt. Denn höre ich auf zu sprechen, erschrickt sie sich bei meiner Berührung und zuckt stark zusammen. Ich erkläre ihr nun, dass wir das Tuch von der Leine ziehen. Abschließend ziehe ich es zwischen ihren Fingern hervor, lege es auf den Tisch eines anderen Klienten, welcher es dann zusammenfalten soll. T. sagt mir, ich könne mit C.über ihre Augen kommunizieren und ihr Fragen stellen. Sie hat das im Gefühl, sagt sie, dass C.alles verstehe und auch antworten könne. Ein Blinzeln mit den Augenliedern soll für Nein stehen. Als ich C. frage, ob wir das nächste Tuch jetzt abnehmen wollen, kann ich keinen Augenkontakt herstellen. Sie schaut an die Decke und beginnt laut zu schreien. T. kommt und mit geübten und routinierten Handgriffen verändert sie schnell ihre Rückenlage im Rollstuhl.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema Inklusion als Handlungsnorm in der sozialen Arbeit ein und stellt die zentrale Forschungsfrage sowie die Arbeitshypothese der Machtasymmetrien auf.
2. Aktueller Forschungsstand: Dieses Kapitel verortet die Arbeit in der Sozial- und Kulturanthropologie sowie den Disability Studies und setzt sich mit der Kritik am traditionellen Rehabilitationsparadigma auseinander.
3. Begriff und Kontext: Hier werden die Konzepte Behinderung und Inklusion theoretisch eingeordnet, wobei insbesondere auf Machtstrukturen und gesellschaftliche Konstruktionsprozesse eingegangen wird.
4. Autoethnografische Methode: Das Kapitel erläutert die Wahl der autoethnografischen Methode als Hybrid aus Biografie und Ethnografie und legt die subjektive Rolle der Autorin offen.
5. Das Feld: Leben mit Behinderung Hamburg: Dieses Hauptkapitel beschreibt den konkreten institutionellen Rahmen der Tagesförderstätte, analysiert den Arbeitsalltag, die Bedeutung von Produktivität und die Anwendung von Disziplinartechniken.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Inklusion oft als Anpassung an normative Leistungsstandards verstanden wird, was die Autonomie der KlientInnen einschränken kann.
Schlüsselwörter
Inklusion, Behinderung, Tagesförderstätte, Alltagsassistenz, Autoethnografie, Machtasymmetrien, Disziplinartechniken, Normalisierung, Disability Studies, soziale Konstruktion, institutionelle Betreuung, Produktivität, Arbeitsethik, Fremdbestimmung, Teilhabe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die alltägliche Umsetzung der Handlungsnorm "Inklusion" in einer Tagesförderstätte für behinderte Menschen und beleuchtet dabei die kritischen Aspekte der institutionellen Betreuung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Konstruktion von Behinderung, das Spannungsfeld zwischen Inklusion und Arbeitsproduktivität sowie die Anwendung von Machtstrukturen im professionellen Betreuungsalltag.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Auswirkungen der Handlungsnorm Inklusion auf die tägliche Arbeit der Alltagsassistenz und prüft die Hypothese, dass zwischen Mitarbeitenden und KlientInnen Machtasymmetrien reproduziert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine autoethnografische Methode verwendet, bei der die Autorin ihre eigene Rolle als ehemalige Mitarbeiterin und ihre subjektiven Erfahrungen reflektiert und mit theoretischen Konzepten in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der institutionelle Alltag, die methodische Strukturierung von Arbeitsprozessen für KlientInnen sowie der Einsatz von Disziplinartechniken zur Kontrolle von Verhalten beschrieben und analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Inklusion, Machtasymmetrien, Disziplinartechniken, Normalisierung, autoethnografische Forschung und Disability Studies charakterisiert.
Wie beeinflussen Disziplinartechniken den Alltag der KlientInnen?
Disziplinartechniken fungieren als Mittel, um das Verhalten der KlientInnen an eine Norm von Produktivität und "angemessenem" Auftreten anzupassen, was häufig die individuelle Autonomie und freie Lebensgestaltung einschränkt.
Was bedeutet die "protestantische Arbeitsethik" im Kontext dieser Einrichtung?
Das Konzept beschreibt die Haltung, dass produktive Tätigkeit eine gesellschaftliche Pflicht ist, was in der Tagesförderstätte dazu führt, dass die Arbeit der KlientInnen als Mittel zur Sinnstiftung und Normalisierung instrumentalisiert wird.
- Quote paper
- Nicole Smith (Author), 2020, Repräsentation von Inklusion in Sondereinrichtungen für behinderte Menschen am Beispiel einer Tagesstätte in Hamburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1127836