Vaterrolle in modernen Gesellschaften. Ein Studienvergleich des Rollenverständnisses deutscher und chinesischer Väter


Seminararbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Erziehungsstil und Wertevermittlung
1.1 Ausprägung von Interdependenz und Independenz im Zusammenhang mit ökonomischen Rahmenbedingungen
1.2 Distaler und proximaler Erziehungsstil bei Kleinkindern

2. Quantitativer und qualitativer Aspekt der Vaterrolle
2.1 Involviertheit in Abhängigkeit von ökonomischen Rahmenbedingungen
2.2 Zeitliches Ausmaß der Partizipation bei der Kleinkindbetreuung im Vergleich zur Mutter
2.3 Quantitative Aufgabenaufteilung der Kleinkindbetreuung mit der Mutter
2.4 Involviertheit und Hauptaufgaben bei der Betreuung von Kindern im Schulalter im Vergleich zur Mutter

3. Emotionale Qualität der erlebten Vater-Kind-Beziehung aus der Sicht des Vaters
3.1 Emotionale Qualität der Beziehung zwischen Vater und Kleinkind
3.2 Emotionale Qualität der Vater-Kind-Beziehung beim Heranwachsen der Kinder

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der intergenerationalen Familienforschung konzentrierte man sich in der Vergangenheit hauptsächlich auf Mutter-Kind-Studien, da man die Kindeserziehung im Arbeitsbereich der Frau sah, während der Rolle des Vaters als aktiver Mitwirkender in der Erziehung kaum Beachtung geschenkt wurde (vgl. Fthenakis & Minsel 2002: 13). Mittlerweile befinden sich die traditionellen familiären Konstitutionen und damit einhergehend auch das Rollenverständnis innerhalb der Familie zunehmend im Wandel. Die einst klaren Grenzen der traditionellen Arbeitsaufteilung zwischen Mann und Frau haben sich aufgeweicht. Das Vaterkonzept beschränkt sich nicht mehr allein auf die Rolle des finanziellen Versorgers, sondern die ‚neuen Väter‘ sollen darüber hinaus ebenso an der Kinderbetreuung mitwirken (vgl. Fthenakis & Minsel 2002: 13f). In der Wissenschaft ist man sich über die Notwendigkeit von positiven Vater-Kind-Beziehungen für die gesunde Entwicklung des Kindes einig, sodass die Untersuchung der väterlichen Erziehungsmethodik beziehungsweise das Ausmaß der väterlichen Partizipation am Familienleben in modernen Gesellschaften mehr und mehr an Aufmerksamkeit gewinnt (Zhang 2013: 83). Auf internationaler Ebene finden sich in der Vaterforschung bereits seit Beginn der 1980er Jahre Studien zu den vorherrschenden Entwicklungstendenzen (Fthenakis & Minsel 2002: 14). Hierbei lassen sich im Vergleich westlicher und östlicher Gesellschaften differente väterliche Rollenkonzepte feststellen. Die vorliegende Arbeit möchte die prägnantesten Unterschiede chinesischer und deutscher Vaterrollenkonzepte unter Zuhilfenahme ausgewählter Studien aufzeigen. Die Vergleichsanalyse wird sich auf die im Folgenden erläuterten Aspekte beschränken, wobei die markantesten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Rollenkonzepte sowie damit zusammenhängende mögliche Gründe aufgezeigt werden sollen. So wird die Analyse einen Vergleich des sozialisierenden Aspekts der Vaterrolle, d.h. des allgemein bevorzugten Erziehungsstils der Väter und damit einhergehender Ursachen und Wertevermittlung, des quantitativen und qualitativen Aspekts der Vaterrolle, d.h. das zeitliche Ausmaß der Beteiligung des Vaters an der Kinderbetreuung, damit verbundene Hintergründe und präferierte Betreuungs- und Erziehungsmaßnahmen, sowie des qualitativen, emotionalen Aspekts der jeweiligen Vaterkonzepte, also welche Emotionen Väter mit ihrer Vaterrolle verbinden und die qualitative Wahrnehmung der Beziehung, welche deutsche beziehungsweise chinesische Väter mit ihren Kindern pflegen, darstellen. Abschließend werden die herausgearbeiteten Vergleichsergebnisse auf ihre Aussagekraft hin diskutiert und die prägnantesten Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede des deutschen und chinesischen Vaterrollenkonzepts zusammengefasst. Als deutsche Väter werden im Folgenden Väter mit Wohnhaft in Deutschland verstanden. Mit chinesischen Vätern sind der Ethnie der Han zugehörige Väter gemeint, da dieser Ethnie entstammende Chinesen den Großteil der Bevölkerung der Volksrepublik China ausmachen und eine gemeinsame Kulturtradition pflegen. Die ethnischen Minderheiten Chinas sind in ihren kulturellen Traditionen stark heterogen. Berücksichtigt werden für diese Arbeit daher sowohl der Han-Ethnie angehörige Väter mit Wohnhaft auf dem Festland, in Hong Kong und Taiwan in urbanem Raum.

Im Folgenden werden die chinesischen und deutschen Konzepte von Vaterschaft sowie das Verständnis der darin implizierten Aufgaben auf den drei im vorigen Kapitel erläuterten Ebenen analysiert und miteinander verglichen.

1. Erziehungsstil und Wertevermittlung

Der Erziehungsstil des Vaters wird sowohl von kulturellen Dimensionen der Gesellschaft als auch von den persönlichen elterlichen Entwicklungszielen für das Kind mitbestimmt. Laut Tamis-LeMonda et al. (2008) stehen die Entwicklungsziele und die Vermittlung gesellschaftlicher Werte in dynamischen additiven, entgegengesetzten oder funktional voneinander abhängigen Beziehungen zueinander, wobei das jeweilige Verhältnis situationsbedingt und abhängig von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Faktoren, sowie von der Entwicklungsphase des Kindes ist (Tamis-LeMonda et al. 2008: 183f). Auf der Makroebene lässt sich das kulturelle Wertesystem in die beiden polaren Dimensionen Interpendenz und Independenz einteilen, welche in jeder kulturellen Gemeinschaft und jedem Teil der Gemeinschaft in unterschiedlichen Ausprägungen anzutreffen sind (Borke et al. 2007: 365f). In primär von Interpendenz bestimmten Gesellschaften wird das Individuum als untrennbarer Teil einer sozialen Gruppe angesehen, welcher, eingebunden in die vorherrschenden sozialen Normen, nach interpendenten Werten wie Harmonie und Allgemeinwohl strebt, wohingegen in einer vorwiegend auf Independenz ausgerichteten Gesellschaft das Individuum als eigenständiges Subjekt, dessen höchstes Ziel die Selbstverwirklichung ist, betrachtet (Borke et al. 2007: 365f). Auf der Mikroebene werden die Überzeugungen der Eltern bei der Erziehung automatisch auf die Kinder übertragen und unterscheiden sich mehr oder weniger stark von Kultur zu Kultur, sowie von Generation zu Generation (Tamis-LeMonda et al. 2008: 183).

1.1 Ausprägung von Interdependenz und Independenz im Zusammenhang mit ökonomischen Rahmenbedingungen

Der von konfuzianischen Werten wie Kindespietät und Familienehre geprägten Familienethik entsprechend vertreten chinesische Väter einen traditionellen, autoritären, stark auf Interpendenz ausgerichteten Erziehungsstil (vgl. Sun & Roopnarine 1996: 122, Abbott et al. 1992: 45f). Da die Karriere des Kindes eine wichtige Rolle für das Familienleben und Ansehen der Familie spielt und die Konkurrenz auf dem chinesischen Arbeitsmarkt groß ist, besteht die Hauptaufgabe chinesischer Väter in der strengen Disziplinierung und Finanzierung der bestmöglichen Bildung der Kinder, während die Hauptaufgabe des Kindes im Gegenzug darin besteht, diszipliniert zu lernen und ab dem Eintritt ins Berufsleben den beruflichen Erfolg monetär mit den Eltern zu teilen (vgl. Chao & Tseng 2002: 60, Schmidt-Vierthaler 2012). Aufgrund unzureichender staatlicher Sozialhilfen stellen besonders für ärmere Bevölkerungsschichten die Nachkommen die einzige Hoffnung auf eine finanzielle Absicherung im Alter dar (vgl. Sinn 2014). Mit der politischen Beschränkung der Familiengröße seit 1979 auf nur ein, beziehungsweise seit Oktober 2015 unter bestimmten Voraussetzungen auf zwei Kinder pro Familie, ist der finanzielle Erfolg der eigenen Kinder von noch größerer Wichtigkeit für chinesische Familien, da sie alleine, beziehungsweise seit kurzem gegebenenfalls zu zweit, die Altersabsicherung für die Eltern bewerkstelligen müssen (The Economist 2015). Diese wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verstärken das Bestreben chinesischer Väter, ihren Kindern Gemeinschaftssinn zu vermitteln, wobei die Verfolgung eigener Ziele und Wünsche chinesischer Kinder dem Wohl der Familie und den Zielen des Vaters untergeordnet sind (vgl. Schmidt-Vierthaler 2012, Wang 1986: 69).

Auf der Mikroebene der elterlichen Entwicklungsziele spielt die Ausbildung von Selbstdisziplin sowie Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft, insbesondere gegenüber den Eltern, sämtliche Altersstufen des Kindes übergreifend eine wichtige Rolle für chinesische Väter (Tamis-LeMonda et al. 2008: 198). In der frühen Kindheit werden laut Studienergebnissen additiv sowohl kollektive Werte wie Wärme und Verbundenheit als auch individuelle Ziele gleichzeitig vermittelt (Tamis-LeMonda et al. 2008: 198f). Sobald das Kind das schulfähige Alter erreicht hat und durch den Schuleintritt ein gewisses Maß an Unabhängigkeit erlebt, tritt die Vermittlung von Wärme und Fürsorge als Hauptaufgabe in den Hintergrund und wird durch neue Entwicklungsziele wie Selbstmaximierung und schulischen Erfolg ersetzt, welche das nun verstärkt autoritär geführte Erziehungsverhalten besonders auf der väterlichen Seite dominieren (vgl. Tamis-LeMonda et al. 2008: 198f). Mit dem Entwicklungsziel, ihre Kinder als ehrgeizige, fleißige Individuen heranwachsen zu lassen, welche sich durch ihren Erfolg von ihren Altersgenossen abgrenzen sollen, legen chinesische Väter bei ihren Kindern sowohl Wert auf Gehorsam und Unterordnung als auch auf die Ausbildung von Selbstständigkeit (vgl. Tamis-LeMonda et al. 2008: 190). Spätestens in der Jugendphase der Kinder bewerten chinesische Eltern autonome Ziele ihrer Kinder als konflikthaft mit gemeinschaftsbezogenen Zielen (vgl. Tamis-LeMonda et al. 2008: 199). Jedoch befindet sich die traditionelle Beziehungsorientiertheit im chinesischen Wirtschaftsbereich aufgrund des Wandels von Plan- zu Marktwirtschaft in Rückläufigkeit (vgl. Tamis-LeMonda et al. 2008: 200). Die ursprünglich funktional betrachtete Abhängigkeit individuellen Erfolges von Beziehungen zu Menschen in den zuständigen Machtpositionen macht laut einer Umfrage mit Eltern aus Nanjing in Ostchina einem zunehmend additiven Verständnis von sozialen Beziehungen und individuellem Erfolg als zwei getrennte Entwicklungsziele, Platz (Tamis-LeMonda et al. 2008: 200f).

In Deutschland wurde bereits 1889 eine gesetzliche Rentenversicherung eingeführt, welche die Notwendigkeit von eigenen Nachkommen als soziale Altersabsicherung obsolet macht (Sinn 2014). Mit der damit verbundenen natürlichen Entwicklung hin zu Kleinfamilien mit durchschnittlich maximal ein bis zwei Kindern, zielt der Kinderwunsch deutscher Eltern primär auf die persönliche Lebensbereicherung ab (vgl. Sinn 2014, Statistisches Bundesamt 2013: 9). Für deutsche Väter steht heutzutage bei der Kindererziehung die Entwicklung von Selbstständigkeit und Individualität ihrer Söhne und Töchter im Vordergrund (Borke et al. 2007: 367). Nach Studienergebnissen von Fthenakis und Minsel (2002) streben deutsche Väter vor allem danach, dem Kind independente gesellschaftliche Werte wie Selbstbewusstsein und Aufgeschlossenheit zu vermitteln, um dem Kind eine möglichst freie Persönlichkeitsentfaltung zu ermöglichen, während auf Interpendenz ausgerichtete Charaktereigenschaften wie die soziale Beliebtheit des Kindes oder Bescheidenheit kein besonderes Entwicklungsziel darstellen (Fthenakis & Minsel 2002: 187ff). Bei der Erziehung legen die Väter additiv Wert auf die Herausbildung von Autonomie und Kreativität. Zugleich wird jedoch auch der Erwerb sozialer Kompetenzen wie Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft gefördert (Fthenakis & Minsel 2002: 187ff). Soziale Werte wie Geduld und Rücksicht, vor allem jedoch die den Erziehungsstil chinesischer Väter maßgeblich dominierenden, interpendenten Ziele wie Disziplin, Gehorsam und soziale Angepasstheit spielen bei der Erziehung deutscher Väter eine geringfügige Rolle (Fthenakis & Minsel 2002: 188f).

Im Gegensatz zur geschlechtsspezifisch differenten Wertevermittlung chinesischer Väter, machen deutsche Väter in ihren Entwicklungszielen keine Unterschiede zwischen der Erziehung von Töchtern oder Söhnen (Fthenakis & Minsel 2002: 188). Laut einer Langzeitstudie aus dem Jahr 2004 von Seiffge-Krenke und Irmer werden die Entwicklungsziele Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, beides independente Ausprägungen, bei der Erziehung von Söhnen jedoch stärker verfolgt als bei der Erziehung von Töchtern, welche im Gegenzug stärkere Unterstützung und Hilfe von ihren Vätern erhalten (Seiffge-Krenke & Irmer 2004: 146).

Die Erziehungsweise chinesischer Eltern gegenüber ihren Töchtern ist in traditionellen Familien hauptsächlich auf Gehorsam und Interpendenz ausgerichtet, das Entwicklungsziel des Vaters besteht darin, seiner Tochter durch tugendhafte Erziehung zu einer geeigneten Eheverbindung zu verhelfen (vgl. Xu & Yeung 2013: 185, Sun & Roopnarine 1996: 122). Bei der Erziehung des Sohnes legen chinesische Väter zusätzlich ebenfalls Wert auf die Vermittlung von Selbstständigkeit, da der Sohn später die Rolle des Familienoberhauptes und Entscheidungsträgers ausüben soll (Sun & Roopnarine 1996: 122, Xu & Yeung 2013: 187). Seit Einführung der Ein-Kind-Politik machen jedoch immer weniger chinesische Eltern einen geschlechtsabhängigen Unterschied bei der Erziehungsweise ihres Kindes und haben sowohl für Töchter als auch für Söhne dieselben Ambitionen (Xu & Yeung 2013: 188). Dies bestätigt unter anderem eine mit shanghainesischen Vätern durchgeführte Studie, welche die Beziehung und Zukunftserwartungen für deren Töchter untersuchte (Xu & Yeung 2013: 203). Als Hauptentwicklungsziel gaben die befragten Väter Unterstützung zu schulischem und beruflichem Erfolg an, wobei eine gute Karriere als wichtigste Voraussetzung für eine gute Zukunft gesehen wurde (Xu & Yeung 2013: 203).

1.2 Distaler und proximaler Erziehungsstil bei Kleinkindern

Ein weiterer Faktor welcher Einfluss auf den Erziehungsstil von Vätern hat, ist der Bildungsgrad (Borke et al. 2007: 366). Dabei lassen sich nach einer Langzeitstudie von Borke et al. aus dem Jahr 2007 , welche Ideen deutscher Väter der Mittelschicht mit Universitäts-, Hochschul- oder Realschulabschluss über frühkindliche Erziehung und die Vater-Kind-Interaktion bei der Erziehung des erstgeborenen Kindes im ersten Lebensjahr untersuchte, zwei bevorzugte Erziehungsstile unterscheiden. Deutsche Väter der Mittelschicht bevorzugen entweder eine sogenannte distale Methode, bei der Augenkontakt und Objektstimulation im Vordergrund stehen, oder aber eine proximale, verstärkt auf Körperkontakt ausgerichtete Erziehungsmethode (Borke et al. 2007: 274, 366, 374). Die Wahl des Erziehungsstiles korrelierte signifikant mit dem Bildungsgrad der Väter, wobei Väter mit distalem Erziehungsstil eine höhere Bildung genossen hatten, als Väter welche einen proximalen Erziehungsstil bevorzugten (Borke et al. 2007: 365f).

Chinesische Väter bevorzugen beim Umgang mit ihren Kleinkindern im Vergleich zu ihren Ehefrauen ein proximales, körperbetontes Erziehungsverhalten (Sun & Roopnarine 1996: 122, 124). Der Bildungsgrad korreliert bei chinesischen Vätern positiv mit der Involviertheit in der Kindererziehung, wobei sich Väter mit hoher Bildung stärker beteiligen (Xu & Yeung 2013: 188). Zu Korrelation des Bildungsgrades chinesischer Väter und deren präferiertem Erziehungsverhalten liegen zu diesem Zeitpunkt keine Studien vor. Allerdings lässt sich im interkulturellen Vergleich festhalten, dass proximale Erziehungsaktivitäten wie in die Luft werfen, auf dem Schenkel hüpfen lassen, kitzeln usw. von Vätern mit europäischem Kulturgut viel häufiger angewendet werden als von chinesischen Vätern (vgl. Roopnarine 2007: 11). Das heißt, im interkulturellen Vergleich wählen deutsche Väter insgesamt ein wesentlich körperbetonteres Erziehungsverhalten als chinesische Väter.

2. Quantitativer und qualitativer Aspekt der Vaterrolle

In Deutschland wird man sich der Bedeutung der aktiven Vaterschaft für die gesunde psychosoziale Entwicklung von Kindern zunehmend bewusster. Seit einigen Jahren gibt es staatliche Förderprogramme, welche Väter von ihrer Rolle als Brotverdiener entlasten und ihnen zugleich eine aktivere Rolle in der Familie ermöglichen sollen. Im Zuge der Globalisierung fließt auch in die traditionsschwere chinesische Kultur zunehmend westliches Gedankengut ein, sodass sich in der sozialistisch geprägten Gesellschaft eine steigende Tendenz der väterlichen Partizipation an der Entwicklung der Kinder abzeichnet (Xu & Yeung 2013: 186, Roopnarine 2007: 10, Abbott et al. 1992: 45). Im Folgenden wird beleuchtet, in welcher Form väterliche Partizipation bei der Kinderbetreuung und Erziehung in Deutschland und China stattfindet und inwieweit sie von ökonomischen Faktoren mitbestimmt wird.

2.1 Involviertheit in Abhängigkeit von ökonomischen Rahmenbedingungen

Das Ausmaß des zeitlichen Umfangs, welches chinesische und deutsche Väter mit ihren Kindern verbringen, wird zu großen Teilen von ökonomischen Rahmenbedingungen beeinflusst (vgl. Xu & Yeung 2013: 203). Im Gegensatz zur chinesischen Sozialpolitik hält Deutschland für werdende Eltern großzügige staatliche Hilfen bereit. Das deutsche Sozialversicherungsgesetz bietet Familien mit Kindern einen Mindestbetrag an wirtschaftlicher Unterstützung, dessen Höhe sich in Abhängigkeit vom monatlichen Verdienst errechnet (Sayer et al. 2004: 1155). Zugleich wird jedoch die traditionelle Brotverdiener-Rolle des Vaters und die Hausfrauen-Rolle der Mutter dadurch bekräftigt, da das Sozialsystem einseitig primär auf die mütterliche Elternauszeit und zugleich stattfindende väterliche Erwerbstätigkeit ausgerichtet ist (Sayer et al. 2004: 1155). Davon abgesehen liegt der Grundgedanke darin, Erziehenden mit finanziellen Problemen, wie z.B. alleinerziehenden Müttern finanziell unter die Arme zu greifen und weniger darin, beiden Elternteilen geschlechtsunabhängig die Möglichkeit zuzugestehen, sich Zeit für die Erziehung ihrer Kinder zu nehmen (Sayer et al. 2004: 1155). Sofern sich werdende deutsche Väter und Mütter entschließen, zwecks Kinderbetreuung eine berufliche Auszeit einzuplanen oder die Arbeitstätigkeit auf eine Teilzeit-Stelle zu reduzieren, steht ihnen rechtlich für 36 Monate Schutz vor Entlassung zu (Kluve & Tamm 2012: 987). Zudem besteht für beide Elternteile seit 2007 die Möglichkeit, beim Staat bis zu 14 Monate lang Elterngeld als finanzielle Unterstützung während einer Auszeit zu beantragen, welche die Eltern quantitativ unter sich aufteilen (Kluve & Tamm 2012: 984, 988). Die väterliche Partizipation an der Kinderbetreuung soll dadurch gefördert werden, dass die längste Elternauszeit von 14 Monaten nur dann gewährt wird, wenn sich mindestens zwei Monate davon die Väter beurlauben lassen (Kluve & Tamm 2012: 984, 984). Kluve und Tamms Studien zur väterlichen Involviertheit im Zusammenhang mit der neuen Gesetzeslage zeigen jedoch keine signifikante Zunahme der beruflichen Auszeiten deutscher Väter über eine längere Zeitdauer als zwei Monate (vgl. Kluve & Tamm 2012: 984, 1004). Und auch wenn viele Väter von der Sozialleistung Gebrauch machen, bleibt nach wie vor nachzuweisen, ob sie in dieser beruflichen Auszeit tatsächlich aktiver in der Kinderbetreuung mitwirken (Kluve & Tamm 2012: 984).

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vaterrolle in modernen Gesellschaften. Ein Studienvergleich des Rollenverständnisses deutscher und chinesischer Väter
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V1128199
ISBN (eBook)
9783346491428
ISBN (Buch)
9783346491435
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vaterrolle, Rollenanalyse, Interkultureller Rollenvergleich, Deutsch-Chinesisch, Interkulturelle Soziologie
Arbeit zitieren
Julia Hirt (Autor:in), 2016, Vaterrolle in modernen Gesellschaften. Ein Studienvergleich des Rollenverständnisses deutscher und chinesischer Väter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128199

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