Das Selbst bei Platon als Individuum. Reflektierte Individuen

Eine kurze Darstellung


Essay, 2021

7 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Selbsterkenntnis als Handlung reflektierender Individuen

Folgendes Essay beschäftigt sich, in Bezug auf Platons Dialogen Alkibiades und Charmides, mit der Frage ob Platons Selbst ein Individuum ist.

Im Dialog Alkibiades erweist sich dieser als ein Individuum, dass einer der besten Politiker sein möchte. Im folgenden Gespräch kommen die beiden Individuen, Sokrates und Alkibiades, auf den Weg der Selbsterkenntnis zu sprechen und einigen sich schließlich auf den Weg der Selbsterkenntnis durch das Wissen, das allen Menschen in der Selbsterkenntnis zugänglich ist. Dieses Intellekt zeigt sich, wenn sich Menschen ihrer Handlungen über Gut und Böse bewusst sind. Demnach kann das Selbst als Individuum angesehen werden, da die eigenen Handlungen immer individuell sind.

Sokrates deckt zunächst Alkibiades Nichtwissen als zukünftiger Politiker auf.1 Daraufhin spricht er von der Bestimmung dieses Besseren, was das Gerechte und Ungerechte sei.2 Alkibiades erwidert, dass er wisse was angeblich gerecht und ungerecht sei.3 Platon erwidert hingegen, dass die Leute keine guten Lehrer seien.4 Er kommt wieder zu dem Schluss, dass Alkibiades nicht wisse was gerecht und ungerecht sei.5 Dabei ist Alkibiades als Unwissendes Individuum zu verstehen. Beide versuchen sich individuell an dem Konzept der Selbsterkenntnis anzunähern.

Alkibiades‘ These ist, dass das Gerechte nicht immer das Nützliche sei.6 Sokrates erwidert, dass das Schöne, Gute, Nützliche und Gerechte dasselbe seien.7 Die Folgerung für Alkibiades‘ persönliche Entwicklung sei das Streben nach Vollkommenheit. Beide grenzen folglich eine nähere Bestimmung ein.8 Sokrates meint ferner, dass wenn jemand für das Eigene sorgt, er auch für das Zugehörige sorgen solle. Sorge man für einen guten Schuh, sorge man auch für die Füße.9 Beide einigen sich darauf, dass das Besserwerden Selbsterkenntnis voraussetzt.10 Was für eine Kunst einen selbst besser macht, kann demnach eingesehen werden, wenn gewusst wird, was man selber ist. Des Weiteren sprechen sie über die Wege zur Selbsterkenntnis und der Einsicht des Menschen.11 Ferner gehen sie davon aus, dass der Leib nicht sich selbst, sondern die Seele regiere.12 Nichts an uns selbst sei wesentlicher als die Seele.13 Sie schreibt dem Selbst eine Selbsterkenntnis vor.

Demnach ist das individuelle Streben nach Selbsterkenntnis ein Streben nach etwas nicht individuellem.

Erst durch die Entscheidungsfähigkeit, mit dem individuellen Intellekt in der Selbsterkenntnis, gelangt der Mensch zur Erkenntnis des göttlichen Ideals. Im weiteren Gesprächsverlauf gehen Sokrates und Alkibiades davon aus, dass Selbsterkenntnis die Entdeckung des Gottes in uns ist.14 In der Spiegelung des Selbst in einem Gegenüber ist das Abbild des Betrachtenden zu sehen.15 Das Wissen und die Einsicht sind demnach das Göttlichste in der Seele. Im Anblick Gottes wird also das eigene Selbst gespiegelt und man erhält Einblick in die Tugend der Seele. Das kann Selbsterkenntnis genannt werden, meint Sokrates.16 Folglich ist das Selbst in der Spiegelung eines anderen als Abbild Gottes zu erkennen. Demnach ist das Selbst in Unterscheidung zur Idealvorstellung des Göttlichen zu verstehen und als Individuum zu bezeichnen. Die Reflexion der eigenen Handlungen führt demnach zum Selbst, dessen Wert sich vom Ideal unterscheidet.

Auch in Charmides ist Platons Selbsterkenntnis als Streben nach dem Vollkommenen zu definieren. Bei Charmides geht Sokrates davon aus, dass die Besonnenheit der Seele die Voraussetzung für die Heilung des Leibes ist.17 Im Gesprächsverlauf wird deutlich, dass die Selbsterkenntnis als ein Wissen über die Grenzen des eigenen Wissens verstanden wird. Auch hier ist ein Gegensatz zum Selbst vom gemeinschaftlichen Wissen zu verstehen. Die Seele werde behandelt durch Besprechungen des guten Redens, dass die Besonnenheit mit sich bringt und dem Kopf, folglich dem ganzen Körper gut tue.18 Kritias kommt zu dem Schluss das Besonnenheit das sich Selbst erkennen ist.19 Folglich ist als Selbsterkennen mit dem Erkennen verknüpft, das objektives Wissen bedeutet.20 Sokrates kommt zu dem Schluss dass Besonnenheit ein Wissen über das Selbst und die übrigen Arten von Wissen ist, und die eigene Kompetenz erkennen lässt.21 Das antike, göttliche Ideal kommt dabei allerdings nicht jedem zu. Zum Beispiel ein Eremit, der in keinem Austausch mit anderen Mitmenschen ist, oder ein unwissender Alkibiades, der sich von falschen Mutmaßungen der Leute blenden ließ, hat ein unvollkommeneres Intellekt als ein Sokrates, und steht damit als Individuum in Unterscheidung zum göttlichen Ideal.

Das Selbst als göttliches Ideal, nach der Augen-Analogie im Alkibiades und als Wissen über das wahrhaftige Leben, als Intellekt, sowie Besonnenheit als Grundlage der Selbsterkenntnis, weisen auf das Selbst als Individuum in Abgrenzung zur Vollkommenheit hin. Die Selbsterkenntnis ist nach Sokrates also die Voraussetzung für das Besserwerden. Dabei sei das Wesentlichste des Menschen die Seele. Diese Seele fordert vom Selbst eine Selbsterkenntnis. Das Besserwerden und Selbsterkenntnis geht einher mit der Besonnenheit. Sie kann auch als Wissen über die eigenen Kompetenzen verstanden werden.

Die Konzeption wer ich bin, führt folglich zur Konzeption des eigenen, subjektiven Status und den jeweiligen Verpflichtungen hin zum göttlichen Ideal des individuellen Selbst.

Nach Julia Annas verweist wenig im frühen Platon auf die Selbsterkenntnis.22 Allein im Charmides scheint es explizit um die Selbsterkenntnis zu gehen. Der Dialog Alchibiades ist, nach Annas, in näherer Analyse auch für die Frage nach Selbsterkenntnis bedeutsam. Sokrates entgegnet am Anfang von Alkibiades, dem Alkibiades, dass besser mit richtiger zu ersetzen sei. Alkibiades solle, wenn er als Individuum der beste Politiker sein möchte zur Selbsterkenntnis gelangen. Er habe aber keine vernünftige Auffassung über die Idee der Gerechtigkeit und der Unrechtmäßigkeit.23 Demnach setzt das Wissen über Unrechtmäßigkeit und Gerechtigkeit das Wissen über das Selbst voraus. Alkibiades beschwichtigt sein Nichtwissen.24 Sokrates antwortet, dass Alkibiades Stolz auf dem Selben Standpunkt ist, wie auf seinen Standpunkt zur Gerechtigkeit (113d-114b).25 Analog zum Dialog Gorgias gibt Sokrates Alkibiades zu verstehen, dass Gerechtigkeit von Ausschweifungen abzugrenzen sein (114b-116e).26 Seine Ignoranz sei jedenfalls weniger schlimm anzusehen als die manch anderer Athener.27 Folglich kommen beide auch schließlich zu einer Einigung was das Selbst ausmache. Demnach steht das Selbst in Abgrenzung zu einer nicht-intuitiven Konzeption eines Ideals.

Im Weiteren Verlauf erkennt Alkibiades, nach einer längeren Rede des Sokrates, seine Unwissenheit an, und die beiden einigen sich auf einen Dialog über das richtige Verhalten.28 Das Wissen, welches nicht als subjektives Wissen eines Individuums zu sehen ist, ist das Ziel der Selbsterkenntnis. Über die eigenen Anliegen Bescheid zu wissen impliziert kein Wissen über das Anliegen anderer.29 Alkibiades solle nicht wissen wer er sei, sondern sein Selbst erkennen.30 Gerechtigkeit und Reinheit gegen Ignoranz gegenüber dem Nichtwissen und dem Anliegen anderer bringt die Forderung nach Selbsterkenntnis mit sich.

Selbsterkenntnis ist bei Platon nach Annas der Wert der sophrosune.31 Sophrosune ist eine Qualität die bei den Griechen als Tugenden verstanden wird. Nach Platons Republik ist sie eine der vier Kardinaltugenden.32 Annas übersetzt Sophrosune mit der Geräuschlosigkeit des Geistes.33 Einerseits geht diese Haltung mit Selbsterkenntnis einher, andererseits mit Selbstkontrolle.34 Ferner kann Sophrosune als Zustand der Identität betrachtet werden.35 Identität und das Einhalten der Tugenden ist Sache eines Inidviduums, so dass das Selbst hier als Individuum verstanden werden kann. Essentiell ist mit dem Ausdruck also Selbsterkenntnis gemeint, während Selbstkontrolle die Aktion dieses Zustandes manifestiert.36 Demnach ist Selbsterkenntnis eher eine Tugend als ein Verhalten. Das Wissen über sich selbst, in der Gesellschaft und in Beziehung zu anderen ist dabei grundlegende Selbsterkenntnis, während Sophrosune nichts mit dem Unterbewusstsein zu tun hat, sondern mit dem eigenen Zustand und seinen Verpflichtungen.37 Die Konzeption wer ich bin führt folglich zur Konzeption des eigenen Status und seinen Verpflichtungen.38 Dies schließt die sozialen Verpflichtungen mit ein, was mit dem Wissen über die eigene gesellschaftlichen Rolle einhergeht.39 Selbsterkenntnis geht also über die Interessen der individuellen Persönlichkeit hinaus und verweist weiter auf die gesellschaftliche Stellungen und deren Ansprüche. Selbsterkenntnis hängt also eng mit der Beziehung zu anderen zusammen. Nach Annas ist Selbsterkenntnis, wie sie in Alkibiades und Charmides behandelt wird anders zu verstehen als eine reine Konzentration auf die individuelle Persönlichkeit und Einzigartigkeit subjektiver Sichtweisen.40 Die These wird verständlich durch eine Einigung der beiden Gesprächspartner auf ein gemeinsames Konzept des Ideals des Selbst. Selbsterkenntnis ist dabei nicht paradigmatisch subjektiv, sondern objektiv-wahres Selbst, das Göttliche einer ultimativen Realität.41 Auch nach Richard Sorabji ist das wahre Selbst, wie es Platon darlegte, das Intellekt.42 Demnach wäre das wahre Selbst nicht individuell, sondern der Verstand aller Menschen. Hier stimme ich Sorabji allerdings nur soweit zu, dass zwischen dem individuellen Wissen und dem Intellekt, dass allen Menschen nach Platon zukommt, unterschieden werden muss, wie auch zwischen dem göttlichen Ideal und dem Selbst unterschieden werden kann. Geht man von einem individuellen Intellekt aus, der sich je nach Reflexionsfähigkeit des Indivuums über Gut und Böse unterscheidet, ist das Selbst als Individuum verständlich.

[...]


1 Vgl. Alkibiades, in Eigler, Gunther (Hrsg.): Platon, Werke in Acht Bänden in griechisch und deutsch Band eins, Darmstadt, 2016, 106 c

2 Vgl. ebd. 110 a

3 Vgl. ebd. 109 e

4 Vgl. ebd. 110 e

5 Vgl. ebd. 112 d

6 Vgl. ebd. 113 d

7 Vgl. ebd. 114 d – 116 d

8 Vgl. ebd. 124 c

9 Vgl. ebd. 128 a

10 Vgl. ebd. 129 a

11 Vgl. ebd. 129 b ff.

12 Vgl. ebd. 130 b

13 Vgl. ebd. 130 d

14 Vgl. ebd. 133 c

15 Vgl. ebd. 133 a ff.

16 Vgl. ebd. Ebd.

17 Vgl. Charmides, in Eigler, Gunther (Hrsg.): Platon, Werke in Acht Bänden in griechisch und deutsch Band eins, Darmstadt, 2016, 157 a ff.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd. 164 d

20 Vgl. ebd. 165 c ff.

21 Vgl. ebd. 167 a & 172 b,c

22 Vgl. Annas, Julia: Self-Knowledge in early Plato, in Platonic Investigations: Studies in Philosophy and the History of Philosophy, vol. 13, Washington, D.C. 1983, 111–38, S. 112

23 Vgl. Alkibiades, 109e-113c

24 Vgl. 113 a

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. ebd. 116e-119a

28 Vgl. ebd. 119c-124b

29 Vgl. Annas, 1983, S. 117

30 Vgl. ebd. 129a

31 Vgl. Annas, 1983, S. 118

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. ebd, S. 119

34 Vgl. ebd.

35 Vgl. ebd, S. 120

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. ebd, S. 121

38 Vgl. ebd.

39 Vgl. ebd.

40 Vgl. ebd., S. 125

41 Vgl. ebd., S. 133

42 Vgl. Sorabji, Richard, ‘Is the true Self an Individual in the Platonist Tradition?’ in Le Commentaire entre tradition et innovation, hrsg. M.-O. Goulet-Cazé, Paris 2000, 293–299, S. 293

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Das Selbst bei Platon als Individuum. Reflektierte Individuen
Untertitel
Eine kurze Darstellung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Philosophie)
Veranstaltung
Das Selbst in der antiken und arabischen Philosophie
Note
2,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
7
Katalognummer
V1128360
ISBN (eBook)
9783346497147
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Selbsterkenntnis
Arbeit zitieren
Michal Hanna Göbel (Autor:in), 2021, Das Selbst bei Platon als Individuum. Reflektierte Individuen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128360

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