Die Identität als prozesshafte Interaktion. Unterschiedliche Sichtweisen

Eine kurze Darstellung


Essay, 2021

7 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Nach den Philosophen Bernard Williams und Paul Ricoeur ist Identität in Verbindung mit der Zeit zu sehen. Folgendes Essay widmet sich der Frage nach der Findung der Ich-Identität in Zusammenhang mit wandelnder Erfahrung und Umgebung nach dem Text Narrative Identität von Ricoeur. Hierbei handelt es sich um die Außeinandersetzung der Spannung von Beharrlichkeit und Wandel der Identität innerhalb der Zeit.

Schließlich wird Identität in diesem Essay als etwas prozesshaftes in Interaktion mit anderen Personen begriffen. Ricoeur geht vom Primat der dritten Person in der Erzählung über die eigene Identität aus. Die Identitätsbestimmung entsteht dabei durch die Auffassung der anderen, während externe Zuschreibungen schwer loszuwerden sind. Der Philosoph geht dabei von der empirisch-feststellbaren Gültigkeit der objektiven Perspektive, gegen eigene Fehleinschätzungen, aus.1 Zwar ist das Primat der dritten Person nicht eindeutig beantwortbar, da sich diese Problematik mit Machtfragen außeinandersetzt, doch gehe ich im Folgenden von der Bedeutung der Perspektive der anderen aus. Denn das Zurücktreten von der Ich-Perspektive durch einen objektiven Zugang ist zwar eher unmöglich, dennoch ist eine Aussprache mit Außenstehenden möglicherweise ausschlaggebend für die Konzeption narrativer Identität.

Nach dem Gedankenexperiment von Williams, indem man zwei verschiedene Körper A und B vertauschen könne, so wäre nach der Vertauschung die Erinnerung des vertauschten Bs denen von A zugehörig, während vertauschtes A Erinnerungen Bs mit sich trüge.2 Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes diskutiert Williams den Identitätsbegriff, der einerseits psychologischer, andererseits physischer Theorien nach begriffen werden kann. Der Text endet aporetisch, so dass nicht klar wird, ob Identität mentaler Kontinuität oder den Körper bedarf.

Im Bereich der Informationsspeicherung gehen wir von unterschiedlichen Kenntnissen der eigenen Vergangenheit aus, dem in sich etwas ins Gedächtnis rufen, sich an etwas erinnern und etwas aufs Neue erfahren.3 Philosophische Argumente, die die Kontinuität des Körpers als notwendige Bedingung der Personenidentität verstehen sind nicht hinreichend.4 Vielmehr geht es in der Identität um die Gedanken die kontinuierlich weitergeführt werden. Vorhersagen über mögliche Übel hingegen, werden nicht alle gleich als mögliche Übel angenommen, da ich in der Zwischenzeit entscheidende psychische Wandlungen durchlaufen könnte.5 Zum Beispiel kann jemand an Höhenangst leiden und Furcht vor einer zukünftigen Gipfelwanderung haben. Sagt man dieser Person aber, dass sie vor dem Besteigen eine Wandlungen der Akrophobie durchleben würde, kann dieser Mensch dies möglicherweise als glaubhaft hinnehmen und hätte dementsprechend weniger oder gar keine Angst vor der Zukunft.6 Allerdings kann die Angst vor schmerzenden Folterungen nicht einfach genommen werden, da die Überzeugung des Übels der Schmerzen nicht einfach verwandelbar ist, während meine Identität kontinuierlich die Selbe bleibt.

Nach Paul Ricoeur ist narrative Identität, die Identität zu der ein menschliches Wesen durch Vermittlung der narrativen Funktionen Zugang hat.7 Was identisch ist kann mit der Begrifflichkeit der Gleichheit verstanden werden. Gleichheit setzt eine wie auch immer geartete Unveränderlichkeit in der Zeit voraus. So ist eine identische Person eine Person, die kontinuierlich, beständiges Denken und Verhalten aufweist. Ferner verweist Ricoeur auf die Ausdrücke Identität und Ipseität. Während die Identität als das Gleichbleiben über die Zeit verstanden wird, und danach fragt, was an mir unveränderlich über die Zeit bleibt, betont Ipseität die Selbstheit entgegen dem Andersartigen und fragt, was zu mir selbst im Unterschied zu anderen gehört.

Der narrative Diskurs, eine Erzählung, ist nach Ricoeur Bedingung um eine Lebensgeschichte einer Identität zuweisen zu können. Die narrative Konzeption von Identität ist ein Alternativansatz zu dem psychologischen Theorien und Körpertheorien. Zudem fragt der narrative Diskurs nicht nach metaphysischen Auffassungen, sondern kann alternativ von Identität sprechen. Nach Wilhelm Dilthey hat jede personale Identität einen Lebenszusammenhang.8 Die gesamte menschliche Erfahrung widerspricht allerdings der Unveränderlichkeit eines konstitutiven Elements der Person. Alle inneren Erfahrung sind Teil von prozessualer Veränderung. Die Erfahrung der körperlichen und geistigen Entwicklung widerspricht der identischen Selbigkeit. Nach Kant enthalten alle Erscheinungen allerdings eine beharrliche Substanz, während das Wandelbare die bloße Bestimmung des Selbst ist.9

In der Poetik des Aristoteles verdeutlicht sich die Identität einer Person im Vergleich zur sich wandelnden Erzählstruktur.10 Die Identität wird in der Erzählung durch eine gewisse Konkordanz gewahrt.11 Damit ist ein Ordnungsprinzip gemeint, das sich durch drei Merkmale auszeichnet. Diese sind Abgeschlossenheit, Ganzheit und ein angemessener Umfang.12 Eine Erzählung, was aus dem griechischen Sprachgebrauch soviel wie mythos, Handlung, bedeutet, hat mehrere Charakteristika, das Prinzip der Konkordanz, eine Liste von Ereignissen, die auf bestimmte Art geordnet sind und einen bestimmten interpretatorischen Ansatz. Ähnlich der Tragödie kann eine Romanfigur eine Konfiguration ihrer Figur des Selbst durchleben.13 Dennoch werden Teile die durchlebt wurden, aber nicht zur Gesamtheit der Geschichte passen, von der Erinnerung verdrängt, da sie keine sinnvolle Erzählung ergeben. Die Identität einer Erzählfigur ergibt sich in der kontinuierlichen Trägerschaft der Erzählung. Auch kann es in manchen Geschichten zum Identitätsverlust des Helden kommen. Die Problematik der Romanfigur bleibt dabei jedoch erhalten. In Bezug auf die Kategorie des Subjekts ist ein Nicht-Subjekt nicht nichts.14 Die Identität kann also nicht immer gewahrt sein, doch bleibt ein Selbst des Handlungsträgers, insbesondere durch die Perspektive der anderen.

In der Erzählung erkennt sich das Selbst nicht unmittelbar, sondern indirekt in narrativer Vermittlung. Der Leser kann durch eine Erzählung eine Refigurierung des Ichs durchlaufen. Die Rezeption der Erzählung kann als Identifikation in Selbsterkenntnis gesehen werden.15 Das Ich kann nicht bloß als Nicht-Ich existieren sondern wird dabei als ein Nicht-Ich identifziert. Die Frage nach dem, was ich bin, verweist damit nicht auf eine Nichtigkeit sondern Bloßheit der Frage an sich.

In der Aporie zwischen Identität und Ipseität kann sich die Frage stellen, was Identität wirklich garantiert.16 Hierbei handelt es sich um eine Beharrlichkeit an der sich eine Veränderung vollzieht.17 Die Identität einer Person bleibt mit einem veränderten Wohnsitz zum Beispiel die Selbe. Die Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung stimmen dabei überein, dass die Person mit damaligem Wohnsitz A identisch ist mit der Person die nun Wohnsitz B hat. Die persönliche Einkommensteuerpflicht knüpft im deutschen Steuerrecht an die Ansässigkeit der natürlichen Person. Es fragt sich also, was passiert, wenn ein Mensch seinen Wohnort ändert. Dann ist er wohl noch er selbst, aber seine Identität ist in Hinblick auf die Steuerpflichigkeit eine andere. Die Steuerberechnung verändert sich je nach Höhe des Einkommens und ob die Person gebietsfremd wohnt. Die Steuerpflichtigkeit Gebietsansässiger Bürger birgt grundlegende Unterschiede und ist von verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten kritisch betrachtbar. Steuerrechtsordnungen treffen bei grenzüberschreitenden Sachverhalten nationenübergreifend ein. Dabei wird der Steuerpflichtige Mensch als juristische Person gesehen, die ihre Identität bewahrt, unabhängig vom Wohnort und Einkommen. Doch fragt sich, ob die Einstellung zur Wohnsituation und dem Beitrag zur Steuerpflicht Einwirkungen auf die Selbsterkenntnis haben. Das Selbst welche veränderten Umweltbedingungen gegenüber steht ist der vergangen Person mit unterschiedlicher Situation zwar identisch, doch die äußeren Umstände ergeben eine narrative Identität in einer kontinuierliche, prozessualen Zeiterfahrung.

Die Erklärung ist Grundlage der historischen Sinnbildungsleistung. Sie macht verständlich was bestimmte Leistungen als erstrebenswert oder nicht erstrebenswert halten, was als sinnvoll und was als sinnlos gelten kann. In der Erklärung des Sinns einer Erzählung gelangt der Leser zur Selbsterkenntnis und kann folglich eine narrative Identität der eigenen Handlungen entdecken. Diese Identitätsfindung geht einher mit einem Menschenbild welches Autonomie, Selbstbewusstsein und selbstbestimmte Lebensführung mit sich bringt. Durch die narrative Identität erklärt sich die Ordnung persönlicher Erfahrungen mit der sich verändernden Zeit unterschiedlicher Gegebenheiten.

Narratives Denken kann als Instrument gesehen werden, welches die Kluft zwischen dem Wissensdurst nach dem was in der Vergangenheit geschah, und dem Wunsch, den Wert dieser vergangenen Ereignisse für die Gegenwart zu erkennen, verbindet. Das narrative Denken überwindet somit die Grenze zwischen einer Historie, die ein sicheres Wissen über vergangene Geschehen impliziert und das Wissen über eine Historie, die als bloße Interpretation vergangener Episoden gesehen wird. Dadurch erschließt sich eine Erkenntnis des Selbst, was in der Gegenwart noch identisch mit der Vergangenheit ist, und uns zur Identitätsdefinition führt. Jede These über das Wissen über die Vergangenheit kann als Abstraktion von der Welt der Erfahrung gesehen werden. Dadurch ist kein endgültiges Wissen gewährleistet. Vielmehr erhebt dieses Wissen einen Anspruch einer Erkenntnis über die Realität identischer Konstitutionen.

Der zeitgenössische Mensch vereinigt viele Meinungen in sich, hat unterschiedliche Standpunkte und Wertvorstellungen. Dadurch lässt sich eine objektive Wahrheit des Selbst nur schwer ausmachen. Die objektive Wahrnehmung konstituiert sich dabei durch eine möglichst breitgefächerte Kongruenz verschiedener Erzählungen. Das Handeln ist dadurch von Zweifeln, Ablehnung und Kompensation begleitet und führt zu einer Haupterzählung aus unterschiedlichen Perspektiven. Erst in dem Verständnis einer eigenen Identität im Austausch mit anderen und mit sich wandelnden Umständen folgt eine Gewissheit über die eigenen Intentionen. Das Selbst transformiert sich in der Gegenwart vom Individualismus hin zum Selbstkonzept. Das bedeutet, dass das Subjekt zunehmend aufhört als unabhängige, selbstständige Einheit akzeptiert zu werden, sondern mit anderen in Beziehung steht. Die Identität kann somit nicht bloß als persönlicher Besitz betrachtet sein, sondern ist Verbindungsstelle zwischen der Umwelt und den Mitmenschen in einem sich wandelnden Netzwerk.

[...]


1 Vgl. Ricoeur, Paul: Narrative Identität, 1987, S. 218.

2 Williams, Bernard: Das Selbst und die Zukunft, S. 78 f.

3 Vgl. Ebd., S. 80.

4 Vgl. Ebd., S. 86.

5 Vgl. Ebd., S. 89.

6 Vgl. Ebd.

7 Vgl. Ricoeur, Paul: Narrative Identität, 1987, S. 209.

8 Vgl. Ebd., S. 210.

9 Vgl. Ebd., S. 211.

10 Vgl. Ebd., S. 212.

11 Vgl. Ebd.

12 Vgl. Ebd.

13 Vgl. Ebd., S. 214.

14 Vgl. Ebd., S. 217.

15 Vgl. Ebd., S. 222.

16 Vgl. Ebd., S. 210.

17 Vgl. Ebd. , S. S.211.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Identität als prozesshafte Interaktion. Unterschiedliche Sichtweisen
Untertitel
Eine kurze Darstellung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
7
Katalognummer
V1128371
ISBN (eBook)
9783346495297
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Person, Ricoeur, Identität
Arbeit zitieren
Michal Hanna Göbel (Autor:in), 2021, Die Identität als prozesshafte Interaktion. Unterschiedliche Sichtweisen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128371

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