Die 'Blutstropfenszene' im Parzival

Humoristische Erweiterungen bei Wolfram gegenüber Chrétien


Seminararbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erweiterungen Wolframs und deren humoristische Aspekte
2.1 Naturerscheinungen
2.2 Der Falke
2.3 Erweiterungen, das Personal betreffend

3. Humoristische Gleichsetzungen von Personen und Tieren

4. Schlussbemerkung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Welt ir nu hœren war sî komn Au matin ot mout bien negié;

Parzivâl der Wâleis? Que froide estoit mout la contree.

Von snêwe was ein niwe leis Et Percevaus la matinee

des nahtes vast ûf in gesnît. Fu levez si come il soloit,

ez enwas iedoch niht snêwes zît, Que querre et ancontrer voloit

istz als ichz vernomen hân. Avanture et chevalerie

Artûs der meienbære man, Et vint droit an la praerie,

swaz man ie von dem gesprach, Qui fu gelee et annegiee,

zeinen pfinxten daz geschach, Ou l’oz le roi estoit logiee. (4162ff[1] ).

odr in des meien bluomenzît (281,10ff[2] ).

In dieser kleinen Synopse sind die einführenden Verse in die Blutstropfenszenen[3] bei Wolframs von Eschenbach Parzival und bei Chrétiens Le Conte du Graal gegenübergestellt. Es ist bekannt, dass Wolfram Chrétien als Quelle benutzt hat. Man weiß aber auch, dass er nicht einfach nur übersetzt hat. „Ungewöhnlich selbstständig geht er mit dem Text Chrétiens um, erweitert ihn, kürzt ihn, erfindet neue Personen, neue Szenen, neue Handlungsmotivationen“[4]. Bezüglich obiger Szenen stellt sich kurz zusammengefasst der Handlungsablauf bei beiden mittelalterlichen Dichtern wie folgt dar: König Artus hat sich mit seinem gesamten Hof aufgemacht, um den Helden zu finden und an die Tafelrunde zu laden, der mehrere ruhmreiche Ritter geschlagen und an seinen Hof geschickt hatte. Als Artus Gefolgsleute einen fremden Ritter erblicken, der beinahe kontemplativ versunken drei Blutstropfen im Schnee betrachtet, die eine durch einen Falken verwundete Gans hinterlassen hat, machen sich nacheinander drei Ritter auf, um den Fremden zu Artus zu bringen. Nachdem Segramors/Sagremor und Kei/Keu gescheitert sind, gelingt es Gawan/Gauvain durch Abdeckung der Blutstropfen mit seinem Mantel, Parzival/Perceval aus seinem Traum zu reißen und zu Artus zu bringen.

Auf den ersten Blick scheint diese Handlung bei beiden Autoren gleich zu sein – Bumke[5] stellt sogar fest, dass die Blutstropfenszene für den Handlungsablauf des gesamten Romans entbehrlich sei und sucht daher „die Bedeutung dieser Szene auf einer anderen Ebene“[6]. Es gibt aber inhaltliche Erweiterungen bei Wolfram, die vor allem der Komik und der Handlungslogik dienen.

Neben den vielen möglichen Untersuchungsansätzen bezüglich der Blutstropfenszene soll in dieser Arbeit im Vordergrund stehen, was den Unterschied der Szenen bei Chrétien und Wolfram ausmacht, denn letztere zeigt das Bedürfnis, „das Geschehen in sich zu verdichten und beziehungsreicher zu machen“[7]. Und dies verwirklicht er, indem er viele humoristische Elemente in seine Blutstropfenszene einfließen lässt. Dabei können weder die Minneexkurse[8] im Vordergrund stehen, noch die Spielarten des Humors „wie Komik, Groteskes, Burleskes, Sarkasmus oder Witz, Satire, Parodie, Travestie, [und] Schwank“[9] voneinander beispielhaft abgegrenzt werden[10]. Deren gemeinsames Kennzeichen ist oftmals eine „überraschende, ungewöhnliche Abweichung von einer Erwartung, die In-Frage-Stellung einer Norm“[11]. Der Humor unterscheidet sich von diesen Kategorien dadurch, dass bei ihm „Diskrepanzen in ein akzeptables, versöhnliches Licht gerückt sind, während [dies] bei den anderen in unterschiedlichen Aggressionsgraden oder überlegenen Distanzierungen präsentiert [wird]“[12]. Dass Wolfram die Blutstropfenszene wichtig ist, zeigt der gegenüber Chrétien ungefähr auf das doppelte angewachsene Umfang: 343 altfranzösische Verse bei Chrétien stehen 715 mittelhochdeutschen Versen bei Wolfram gegenüber. Dabei sind nicht Wolframs Späße an sich erstaunlich, „sondern daß sie sich dieser ritterlichste und tiefsinnigste Erzähler des deutschen Mittelalters leistet“[13].

Zunächst wird auf die humoristischen Erweiterungen eingegangen, welche Naturerscheinungen, Tiere und das Personal der Szene betreffen. Anschließend folgen einige Überlegungen zu verschiedenen Gleichsetzungen zwischen Personen und Tieren, die sich aus den Anspielungen Wolframs ergeben. In einer Schlussbemerkung soll der Frage nachgegangen werden, warum Wolfram gegenüber Chrétien die Blutstropfenszene mit komischen Erweiterungen ausgestattet hat.

2. Erweiterungen Wolframs und deren humoristische Aspekte

2.1 Naturerscheinungen

Wie schon in den beiden Textauszügen aus der Einleitung anklingt, gibt es in der Blutstropfenszene Wolframs verschiedene Erweiterungen, die Naturphänomene betreffen. Das auffälligste Wetterphänomen ist der Schneefall, der bei beiden Dichtern zu finden ist, allerdings in unterschiedlicher Bedeutung und Gewichtung. Fast nur beiläufig erwähnt Chrétien, dass Artus auf einer Wiese lagert, auf der am Morgen Schnee liegt, weil das Land sehr kalt gewesen sei: „Au matin ot mout bien negié; / Que froide estoit mout la contree“ (4162f). Der Schneefall selbst hat also keine eigene Bedeutung und soll möglicherweise nur das Bild der Blutstropfen im Schnee vorbereiten. Chrétien geht nicht näher darauf ein, dass der Schnee eigentlich nicht zur Jahreszeit passt. Perceval aber reitet erst, nachdem er wie immer früh aufgestanden ist, auf das Wiesengelände mit dem Lager des Königs, welches gefroren und verschneit ist (Vgl. 4165f). Er scheint also die Nacht zumindest nicht im Schnee verbracht zu haben. Parzival hingegen musste bereits in der Nacht mit der Kälte und dem Neuschnee kämpfen: „von snêwe was ein niwe leis / des nahtes vast ûf in gesnît“ (281,12f). Es ist also Schnee gefallen, „Schnee, der dem lakonischen Kommentar des Erzählers nach gar nicht so recht zum topischen Auftreten des Maienkönigs Artus passen will“[14]. Der Schneefall wird durch Wolfram mit einer weiteren Bedeutung aufgeladen. Bereits zu Anfang der Szene kündigt sich im Vergleich mit Chrétien eine „Erhöhung des Komisch-Humorvollen“[15] an. Wolfram wendet sich eigens dem ungewöhnlichen Wetter zu, das für Artus völlig untypisch ist: „ez enwas iedoch niht snêwes zît, / istz als ichz vernomen hân. / Artûs der meienbære man, / swaz man ie von dem gesprach, / zeinen pfinxten daz geschach, / odr in des meien bluomenzît“ (281,14ff). Wolfram erläutert sehr genau, dass alles, was man über König Artus berichtet, eigentlich immer im warmen Frühling geschieht, und macht damit deutlich, dass die Blutstropfenszene in eine besondere Umwelt eingebunden ist. Wolfram schafft dafür sogar den „spezialangefertigten Neologismus“[16]meienbære“ (281,16), der eindeutig eine humoristische Anspielung, ein „gutmütig spöttische[s] Räsonnement[] über den herkömmlichen Artus-Pfingsten-Komplex darstellt“[17].

Der Schnee ist aber nicht nur als ungewöhnliche meteorologische Erscheinung zu verstehen. Im IX. Buch des Parzival erfährt der Leser, dass frostiger „sumerlîcher snê“ (489,27) oftmals eine Folge des verstärkten Einflusses des Planeten Saturn ist, wie auch im Falle der unerträglichen Schmerzen des Anfortas: „Sâturnus louft sô hôhe enbor, / daz ez diu wunde wesse vor, / ê der ander frost kœm her nâch. / dem snê was ninder als gâch, / er viel alrêrst an dr andern naht / in der sumerlîchen maht“ (493,1ff). Durch diese Aufklärung wird dem Schnee auch eine kosmische Bedeutung zugewiesen und er wird mit Parzival verbunden. Zugleich wird ein Zusammenhang zwischen den Vorgängen auf der Gralsburg und der Blutstropfenszene hergestellt.[18] Es ist bemerkenswert, dass Wolfram gegenüber seiner Vorlage Chrétien „diese Klammer neu geschaffen hat und damit – über den Saturn und seine Wirkung – Anfortas und Parzival miteinander verknüpft, während er Artus ausdrücklich davon absetzt“[19]. Wolfram verdichtet, wie er es gegenüber seiner Vorlage oftmals tut, die Handlungen und die Zusammenhänge durch diese Ausweitung des Schneemotivs. Immer, wenn sich Parzival in einer verschneiten Landschaft findet, steht eine Innenschau des Protagonisten an, sowohl in der Versunkenheit des Parzival in der Blutstropfenszene, als auch bei der Einkehr beim Einsiedler Trevrizent[20]. Damit kommt dem Motiv „eine wichtige Signalfunktion zu“[21].

Weiterhin ist Parzival, als er am Morgen aufwacht, durch die Schneedecke orientierungslos und muss sich seinen Weg selbst suchen: „im was versnît sîns pfades pan: / vil ungevertes reit er dan / über ronen und [über] manegen stein“ (282f). Dies bedeutet eine Klage Wolframs „über das Entfallensein des Helden aus der Gesellschaft, aus der Gemeinschaft mit der Geliebten und mit dem Gral“[22]. Gleichzeitig stellt dies aber keinen harten Bruch dar, sondern eher ein „entspannte[s] Hinausfallen ins Komische“[23]. Dieser Situation kann sich Parzival jedoch durch die eigene Ekstase über den drei Blutstropfen im Schnee entziehen. Er besinnt sich auf die Treue zu seiner Frau Condwiramurs, die ihn errettet.

[...]


[1] Die Belegstellen zu Chrétien <de Troyes> Percevalroman (=Le Conte du Graal) beziehen sich auf: Troyes, Chrétien de: Der Percevalroman (=Le Conte du Graal). Übersetzt und eingeleitet von Monica Schöler-Beinhauer. München: Fink 1991.

[2] Die Belegstellen zu Wolframs „Parzival“ beziehen sich auf: Eschenbach, Wolfram von: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Berlin/New York: de Gruyter 1998.

[3] Bei Wolfram: Verse 281,12 – 305,8, bei Chrétien: Verse 4162 – 4505.

[4] Nellmann, Eberhard: Produktive Missverständnisse. Wolfram als Übersetzer Chrétiens. In: Übersetzen im Mittelalter. Cambridger Kolloquium 1994. Herausgegeben von Joachim Heinzle (=Wolfram-Studien XIV). Berlin: Erich Schmidt 1996. S. 134.

[5] Bumke, Joachim: Die Blutstropfen im Schnee. Über Wahrnehmung und Erkenntnis im <Parzival> Wolframs von Eschenbach. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2001.

[6] Bumke, J.: Die Blutstropfen im Schnee. S. 1.

[7] Wehrli, Max: Wolframs Humor. In: Wolfram von Eschenbach. Hrsg. von Heinz Rupp (=Wege der Forschung 57). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1966. S. 107.

[8] Vgl. zum ‚Frou-Minne-Exkurs’ (291,1-293,16 und 294,1ff): Bumke, J.: Die Blutstropfen im Schnee. S. 122-130.

[9] Schweikle, Günther: Humor und Ironie im Minnesang. In: Wolfram-Studien VII. Herausgegeben von Werner Schröder. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1982. S. 55.

[10] Hier muss verwiesen werden auf: Bertau, Karl: Wolfram von Eschenbach. Neun Versuche über Subjektivität und Ursprünglichkeit in der Geschichte. München: Beck 1983. (Hier: „Versuch über tote Witze bei Wolfram“. S. 60 – 109).

[11] Schweikle, G.: Humor und Ironie im Minnesang. S. 55.

[12] Schweikle, G.: Humor und Ironie im Minnesang. S. 55.

[13] Wehrli, M.: Wolframs Humor. S. 110.

[14] Möhren, Markus: der snê dem bluote wîze bôt. Die Blutstropfenszene als Beispiel symbolisch-verdichtenden Erzählens in Wolframs ‚Parzival’. In: Als das wissend die meister wol. Beiträge zur Darstellung und Vermittlung von Wissen in Fachliteratur und Dichtung des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Walter Blank zum 65. Geburtstag. Herausgegeben von Martin Ehrenfeuchter und Thomas Ehlen. Frankfurt am Main u.a: Lang 2000. S. 155.

[15] Johnson, Peter L.: Die Blutstropfenepisode in Wolframs ‚Parzival’: Humor, Komik und Ironie. In: Gärtner, Kurt (Hg.): Studien zu Wolfram von Eschenbach. Tübingen: Niemeyer 1989. S. 310.

[16] Johnson, P.L.: Die Blutstropfenepisode in Wolframs ‚Parzival’. S. 310.

[17] Johnson, P.L.: Die Blutstropfenepisode in Wolframs ‚Parzival’. S. 310.

[18] Vgl.: Haug, Walter: Strukturen als Schlüssel zur Welt. Kleine Schriften zur Erzählliteratur des Mittelalters. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1989. S. 504. Für Haug liegt der gesamte Sinn der Blutstropfenszene in ihrem Bezug zum Gralsthema. Durch diese konkreten thematischen Verknüpfungen, die teilweise verborgen im Hintergrund stehen und sich erst später konkretisieren, „muß oder kann das, was bei Chrétien struktursymbolisch gemeint ist, bei Wolfram komisch werden (Vgl. Haug, W.: S. 504).

[19] Blank, Walter: Wolframs Parzival – ein >melancholicus<?. In: Melancholie in Literatur und Kunst (=Schriften zu Psychopathologie, Kunst und Literatur I. Herausgegeben von Dietrich Engelhardt). Hürtgenwald: Guido Pressler Verlag 1990. S. 36.

[20] Vgl.: Parzival auf dem Weg zum Einsiedler: „der rît nu ûf die niwen slâ, / die gein im kom der rîter grâ. / er erkande ein stat, swie læge der snê / dâ liehte bluomen stuonden ê“ (455,23ff).

[21] Möhren, M.: der snê dem bluote wîze bôt. S. 157.

[22] Wehrli, M.: Wolframs Humor. S. 117.

[23] Wehrli, M.: Wolframs Humor. S. 117.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die 'Blutstropfenszene' im Parzival
Untertitel
Humoristische Erweiterungen bei Wolfram gegenüber Chrétien
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Mediavistik)
Veranstaltung
Wolframs 'Parzival'
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V112841
ISBN (eBook)
9783640124558
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine sehr klar argumentierende, sprachlich sorgfältige Arbeit, die die Effekte komischer "Verdichtung" anhand der ausgewählten Szene vorzüglich herausarbeitet. Rundherum erfreulich.
Schlagworte
Blutstropfenszene, Parzival, Wolframs, Parzival
Arbeit zitieren
David Hohm (Autor), 2007, Die 'Blutstropfenszene' im Parzival, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112841

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die 'Blutstropfenszene' im Parzival



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden