(...) In dieser kleinen Synopse sind die einführenden Verse in die Blutstropfenszenen bei Wolframs von Eschenbach Parzival und bei Chrétiens Le Conte du Graal gegenübergestellt. Es ist bekannt, dass Wolfram Chrétien als Quelle benutzt hat. Man weiß aber auch, dass er nicht einfach nur übersetzt hat. „Ungewöhnlich selbstständig geht er mit dem Text Chrétiens um, erweitert ihn, kürzt ihn, erfindet neue Personen, neue Szenen, neue Handlungsmotivationen“ . Bezüglich obiger Szenen stellt sich kurz zusammengefasst der Handlungsablauf bei beiden mittelalterlichen Dichtern wie folgt dar: König Artus hat sich mit seinem gesamten Hof aufgemacht, um den Helden zu finden und an die Tafelrunde zu laden, der mehrere ruhmreiche Ritter geschlagen und an seinen Hof geschickt hatte. Als Artus Gefolgsleute einen fremden Ritter erblicken, der beinahe kontemplativ versunken drei Blutstropfen im Schnee betrachtet, die eine durch einen Falken verwundete Gans hinterlassen hat, machen sich nacheinander drei Ritter auf, um den Fremden zu Artus zu bringen. Nachdem Segramors/Sagremor und Kei/Keu gescheitert sind, gelingt es Gawan/Gauvain durch Abdeckung der Blutstropfen mit seinem Mantel, Parzival/Perceval aus seinem Traum zu reißen und zu Artus zu bringen. Auf den ersten Blick scheint diese Handlung bei beiden Autoren gleich zu sein – Bumke stellt sogar fest, dass die Blutstropfenszene für den Handlungsablauf des gesamten Romans entbehrlich sei und sucht daher „die Bedeutung dieser Szene auf einer anderen Ebene“ . Es gibt aber inhaltliche Erweiterungen bei Wolfram, die vor allem der Komik und der Handlungslogik dienen.
Neben den vielen möglichen Untersuchungsansätzen bezüglich der Blutstropfenszene soll in dieser Arbeit im Vordergrund stehen, was den Unterschied der Szenen bei Chrétien und Wolfram ausmacht, denn letztere zeigt das Bedürfnis, „das Geschehen in sich zu verdichten und beziehungsreicher zu machen“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erweiterungen Wolframs und deren humoristische Aspekte
2.1 Naturerscheinungen
2.2 Der Falke
2.3 Erweiterungen, das Personal betreffend
3. Humoristische Gleichsetzungen von Personen und Tieren
4. Schlussbemerkung
5. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die "Blutstropfenszene" im "Parzival" von Wolfram von Eschenbach im direkten Vergleich mit der Vorlage von Chrétien de Troyes. Ziel ist es, die spezifisch wolframschen, humoristischen Erweiterungen zu analysieren und deren erzähltechnische sowie inhaltliche Funktion für die Handlungslogik des Romans aufzuzeigen.
- Vergleich der Blutstropfenszene zwischen Wolfram und Chrétien
- Analyse humoristischer Erweiterungen bei Naturphänomenen
- Rolle von Tieren (Falke, Gans) als humoristische und handlungslogische Elemente
- Untersuchung der humoristischen Charakterisierung und Darstellung des Personals
- Gleichsetzungsmotive zwischen Mensch und Tier als erzählerisches Mittel
Auszug aus dem Buch
2.2 Der Falke
Auch im Bereich der Tierwelt verdichtet Wolfram gegenüber Chrétien die Blutstropfenszene und schafft dadurch humoristische Effekte. Chrétiens Falke verletzt im Flug eine Wildgans aus einem Schwarm von Wildgänsen, die vom Schnee geblendet vor dem Raubvogel flüchten (Vgl. 4171ff). Eine Gans, die etwas abseits vom Falken fliegt, kann der Falke schlagen und auf den Boden zwingen, wo sie die drei Blutstropfen verliert: „La jante fu navree el col / Si seigna trois gotes de sanc, / Qui espandirent sor le blanc / Si sanbla natural color“ (4186ff). Damit haben für Chrétien Gans und Falke ihren Zweck erfüllt und für die Blutstropfen gesorgt. Die Gans kann wie oben bereits erwähnt ohne Schmerzen davonfliegen, und auch der Falke verlässt die Szene, weil es ihm noch zu früh am Morgen ist: „Mes trop fu main, si s’an parti, / Qu’il ne s’i vost liier ne joindre“ (4182f). Auch im Fall des Falken „reicht das Netz der Beziehungen weiter und hat mehr Stränge“31. Der Falke ist bei Wolfram nicht einfach nur der Verursacher der Blutstropfen im Schnee, sondern taucht schon viel früher in der Szene auf. Er begleitet bereits Parzival in der verschneiten Nacht und nimmt teil an dessen Schicksal: „Die naht bî Parzivâle er stuont, / da in bêden was der walt unkuont / und dâ se bêde sêre vrôs“ (282,1ff). Aber es ist auch nicht ein beliebiger Falke, der zu Parzival stößt, er hat eine bestimmte Geschichte. Es ist der beste Falke von Artus Hof, der verloren gegangen ist: „ir besten valken si verluren“ (281,26). Der Falke wurde überkröpft32, wie Wolfram berichtet, und floh daher vor den Falknern: „von überkrüphe daz geschach / daz im was von dem luoder gâch“ (281,29f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Blutstropfenszene bei Wolfram von Eschenbach und Chrétien de Troyes gegenüber und skizziert die Fragestellung zur humoristischen Eigenständigkeit Wolframs.
2. Erweiterungen Wolframs und deren humoristische Aspekte: Das Kapitel analysiert, wie Wolfram Naturerscheinungen, das Falkenmotiv und das Personal nutzt, um komische Momente zu erzeugen und die Handlung beziehungsreicher zu gestalten.
2.1 Naturerscheinungen: Hier wird untersucht, wie Wolfram den Schneefall und ein Baumstamm-Motiv verwendet, um die Umgebung für Artus als ungewöhnlich zu markieren und die Szene humoristisch aufzuladen.
2.2 Der Falke: Dieses Kapitel zeigt auf, wie der Falke bei Wolfram nicht nur als Auslöser der Szene fungiert, sondern durch eine eigene Geschichte und Verhaltensweise die Erzählung verdichtet.
2.3 Erweiterungen, das Personal betreffend: Die Untersuchung befasst sich mit der Darstellung des Personals, insbesondere der Knappen und Segramors, und wie Wolfram durch Verwandtschaftsverhältnisse und Ironie humoristische Aufwertungen vornimmt.
3. Humoristische Gleichsetzungen von Personen und Tieren: Das Kapitel erläutert die tiefergehende symbolische Parallelsetzung von Parzival und dem Falken sowie von Keie und der Gans als komisches erzählerisches Mittel.
4. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst zusammen, dass Wolframs Humor eine organisierende Kraft im Text ist, die dem Autor den notwendigen Abstand für seine Kommentare verschafft.
5. Quellen- und Literaturverzeichnis: Dies ist ein systematisches Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Parzival, Wolfram von Eschenbach, Chrétien de Troyes, Blutstropfenszene, Humor, Komik, Erzähltechnik, Vergleich, Mittelalter, ritterliche Literatur, Parodie, Ironie, Allegorie, Schneemotiv, Falknerei
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede in der Darstellung der "Blutstropfenszene" zwischen Chrétien de Troyes' "Le Conte du Graal" und Wolfram von Eschenbachs "Parzival", wobei ein besonderer Fokus auf den humoristischen Erweiterungen Wolframs liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Vergleich der narrativen Ausgestaltung von Naturmotiven, die Rolle der Tiere als Erzählelemente und die satirische oder humoristische Charakterzeichnung des Personals durch den Autor.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach der Funktion der humoristischen Elemente bei Wolfram: Dienen sie nur der Unterhaltung, oder haben sie eine tiefere erzähltechnische Bedeutung für die Charakterentwicklung und die Handlungslogik?
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es wird eine vergleichende Literaturanalyse (Synopse) durchgeführt, die den mittelhochdeutschen Text Wolframs mit der altfranzösischen Vorlage von Chrétien in Bezug auf Struktur, Handlungsmotivation und Stilistik kontrastiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Naturerscheinungen (Schnee, Baumstamm), die detaillierte Analyse der Falken-Episode sowie die humoristische Gleichsetzung von Personen mit Tieren, etwa im Fall des Ritters Keie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Humor, Komik, Ironie, Erzähltechnik, Parzival, Blutstropfenszene, Vergleich und mittelalterliche Erzählliteratur.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Baumstammes bei Wolfram von der Vorlage?
Während der Baumstamm bei Chrétien kaum Beachtung findet, nutzt Wolfram ihn als ein zentrales, mehrfach belegtes Element, das sowohl der verletzten Gans als Zuflucht dient als auch als Stolperfalle für den Ritter Keie fungiert.
Warum spielt die Verwandtschaft zwischen Segramors und der Königin Gynovêr eine Rolle für den Humor?
Die Verwandtschaft erlaubt Wolfram eine "Chargierung ins Komische", da Segramors sich unverschämt gegenüber dem Königspaar verhalten darf, ohne die sonst üblichen, schwerwiegenden ritterlichen Konsequenzen befürchten zu müssen.
- Citation du texte
- David Hohm (Auteur), 2007, Die 'Blutstropfenszene' im Parzival, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112841