Arbeitslosigkeit im Film. Die Inszenierung des Prekarität im spanischen Film "Terrados"


Hausarbeit, 2021

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Einleitung

3. Prekarität

4. Arbeit, dessen Funktionen und mögliche Folgen von Erwerbslosigkeit

5. Filmanalyse: Terrados
5.1 Die Erfüllung der Funktionen von Arbeit vor der Erwerbslosigkeit
5.2 Die Erfüllung der Funktionen von Arbeit nach dem Verlust des Arbeitsplatzes und dessen Auswirkungen auf Leos Leben

6. Fazit

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Leo und Elsa vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes

Abbildung 2: Erstes Vorstellungsgespräch von Leo

Abbildung 3: Leo und seine Freunde auf verschiedenen Dachterrassen

Abbildung 4: Leo vor und nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes

Abbildung 5: Erstes Vorstellungsgespräch mit Mart bei JRM

Abbildung 6: Streit zwischen Ana und Leo

Abbildung 7: Letztes Gespräch zwischen Ana und Leo auf einer Dachterrasse

Abbildung 8: Leo wird wieder aktiver

Abbildung 9: Letztes Vorstellungsgespräch bei JRM

Abbildung 10: Arbeitslosenquote in Spanien von 1998 bis

1. Abstract

Este trabajo aborda la escenificación de la precariedad en la película Terrados (2011) de Demián Sabini, así como los posibles efectos del desempleo en tiempos de la crisis. Como consecuencia de la crisis financiera de 2007/2008 el número de desempleados ha aumentado significativamente en España. Aparte de la función básica de garantizar el sustento, el trabajo tiene otras funciones importantes que pueden satisfacer importantes necesidades básicas, como por ejemplo la necesidad del sentimiento de pertenencia y reconocimiento. En el análisis de la película se examinan los efectos que puede tener la pérdida de empleo. En concreto, se analizan cuáles son las funciones del trabajo que ya no se cumplen para el protagonista Leo y cuáles pueden seguir cumpliéndose de otra manera. El resultado del análisis es que todas sus necesidades básicas están satisfechas por su trabajo. Su trabajo le da una identidad y se define mucho por su trabajo y su eficacia. Cuando pierde su trabajo cae en una profunda crisis. Esto se manifiesta en el hecho de que no se cuida, fuma mucho y se vuelve cada vez más pasivo. Él pasa el tiempo con sus amigos sin hacer nada productivo. Debido a su cambio su novia rompe con él. Ya no recibe nigún apoyo ni reconocimiento de ella lo que le pone en una situatión precaria. Terrados ha demostrado que cualquiera puede ser golpeado por la crisis, incluso las personas con buena formación y con títulos universitarios. Por lo tanto la precaridad puede afectar a cualquiera y frecuentemente se convierte en una condición permanente. El final de la película es abierto, sin embargo, hay un indicio de que Leo está a punto de salir de su precaria situación y crear una nueva identidad para sí mismo.

2. Einleitung

Thema der vorliegenden Hausarbeit ist die Inszenierung der Prekarität im Film Terrados. Prekarität ist zwar kein modernes Phänomen, ist aber in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Vordergrund gerückt, da sich unsichere bzw. prekäre Arbeitsverhältnisse immer mehr normalisierten (vgl. Borvitz, 2020, S. 13; Motakef 2015, S. 6). Insbesondere die globale Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007/2008, hat das Aufkommen von Prekarität durch eine erhöhte Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse verschärft. Hintergründe der Finanzkrise waren riskante Geschäfte von US-amerikanischen Finanzinstituten, wie der Vergabe von Krediten an nicht kreditwürdige Menschen ohne jegliche Sicherheiten (vgl. Engelbrecht 2018). Dies hatte zunächst einen Bauboom zur Folge (vgl. Rein & Schmidt 2012, S. 6). Da jedoch eine Vielzahl von Kunden1 ihre Kredite nicht zurückzahlen konnte, mussten mehrere Banken Insolvenz anmelden, was eine weltweite Krise auslöste. Als Folge der geplatzten Immobilienblase und des gestoppten Baubooms war vor allem der Bausektor stark von der Krise betroffen. Da der Bau- und Tourismussektor Spaniens größtes wirtschaftliches Standbein sind, war Spanien besonders von der Krise betroffen (vgl. ebd., S. 5f.). Dies äußerte sich unter anderem in einem massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote lag im Jahr 2007 noch bei knapp acht Prozent und ist in Folge der Krise immer weiter angestiegen. Im Jahr 2010 war sie auf über 20 Prozent angestiegen und auch noch Jahre danach nicht wieder nennenswert gesunken2. Von den jungen Menschen war fast jeder zweite arbeitslos (vgl. FOCUS Online). Da Arbeit neben der Existenzsicherung noch weitere wichtige Funktionen erfüllt, kann ein Verlust von Arbeit negative Konsequenzen nach sich ziehen. Mögliche Folgen eines plötzlichen Arbeitsplatzverlustes in Zeiten der Krise, wie etwa der Prekarität, stellen den Schwerpunkt dieser Arbeit dar.

Im ersten Schritt wird dafür das Phänomen der Prekarität beschrieben. Daran anknüpfend wird dargelegt, was ein prekäres Arbeitsverhältnis kennzeichnet und eine prekäre Lebenslage charakterisiert. Es wird außerdem beschrieben inwiefern eine prekären Erwerbslage oder Erwerbslosigkeit mit einer prekären Lebenslage zusammenhängen kann. Eine wichtige Grundlage für die spätere Analyse bilden außerdem die Funktionen von Arbeit. Nachdem diese kurz vorgestellt werden, wird aufgezeigt, welche Folgen es haben kann, wenn diese Funktionen durch Erwerbslosigkeit nicht mehr erfüllt werden können. Darauf folgt im Hauptteil die Filmanalyse. Dabei wird genauer untersucht, wie der Protagonist Leo im Film Terrados mit dem plötzlichen Verlust seines Arbeitsplatzes und der prekären und ernüchternden Arbeitsmarktsituation umgeht. Es wird auch analysiert, wie sich die plötzliche Erwerbslosigkeit auf sein gesamtes Leben auswirkt. Abschließend werden im Fazit die wichtigsten Erkenntnisse der Analyse zusammengefasst und ein Ausblick auf weitere Forschung gegeben.

3. Prekarität

Das Adjektiv prekär leitet sich vom Französischen précaire ab, das wiederum auf die lateinische Bezeichnung precarius zurückgeht (vgl. Borvitz, 2020, S. 11). Précaire lässt sich mit ungewiss, unsicher, labil oder prekär übersetzen (vgl. PONS Online-Wörterbuch 2021, s.v. précaire). Der Duden gibt für das dazugehörige Substantiv Prekarität zwei mögliche Bedeutungen an. Eine Bedeutung bezieht sich auf die berufliche Situation und meint die „Gesamtheit der Arbeitsverhältnisse ohne soziale Absicherung“ (Duden online 2021, s.v. Prekarität). Prekarität kann aber auch breiter gefasst werden und sich auf eine „schwierige […] problematische soziale Situation [beziehen]“ (ebd.).

Ein Arbeitsverhältnis gilt als prekär, „wenn die Beschäftigten aufgrund ihrer Tätigkeit deutlich unter ein Einkommens-, Schutz- und soziales Integrationsniveau sinken, das in der Gegenwartsgesellschaft als Standard definiert und mehrheitlich anerkannt wird. Und prekär ist Erwerbsarbeit auch, sofern sie subjektiv mit Sinnverlusten, Anerkennungsdefiziten und Planungsunsicherheit in einem Ausmaß verbunden ist, das gesellschaftliche Standards deutlich zuungunsten der Beschäftigten korrigiert“ (Brinkmann, Dörre, Röbenack, Kraemer & Speidel 2006, S. 17). Formen prekärer Arbeitsverhältnisse können neben der Teilzeitarbeit, Niedriglohn- und Gelegenheitsjobs, Mini- und Midijobs, befristete Beschäftigungen, Leih- und Zeitarbeit, sowie subventionierte Beschäftigungen sein (vgl. Borvitz 2020, S. 13; Brinkmann et al. 2006, S. 19). Problematisch wird es, wenn Betroffene nur notgedrungen ein solches Beschäftigungsverhältnis annehmen, aber eigentlich nach einer Vollzeitbeschäftigung suchen, da sie nur auf diese Weise ihre Existenz sichern können (vgl. Brinkmann et al. 2006, S. 33).

Allgemein lässt sich sagen, dass „Prekarität insbesondere die am stärksten benachteiligten Schichten [berührt]. Vor allem dort besteht die Gefahr, dass sie zu einer permanenten Bedingung des Lebens wird. Tatsächlich lässt sich Prekarität heute nicht länger als ein vorübergehender Zustand denken, als schwere Zeit, durch die man hindurchmuss, bis man wieder eine feste Stelle gefunden hat. Eine steigende Zahl von Menschen gerät dauerhaft in die Prekarität“ (Castell & Dörre 2009, S. 31).

Das Zitat von Robert Castell verdeutlicht, dass sich Prekarität nicht isoliert auf die Arbeitswelt hin betrachten lässt, sondern sich auf das gesamte Privatleben auswirken kann. Was eine prekäre Erwerbslage von einer prekären Lebenslage unterscheidet und wie sie miteinander verbunden sind, wird im Folgenden beschrieben.

Promberger, Jahn, Schels, Allmendiger und Stuth (2018, S. 10-12) bestimmen prekäre Lebenslagen3 multidimensional. Betrachtet werden die Wohnsituation, die finanzielle Situation, besondere Belastungen und eine fehlende rechtliche Absicherung. Indikatoren für eine prekäre Lebenslage sind ihnen zufolge schlechte und beengte Wohnverhältnisse. Auch finanzielle Not, Armut und Schulden tragen zu einer prekären Lebenslage bei. Besondere Belastungen, wie etwa das Auftreten von Krankheit(en) oder Behinderung, sowie die Pflege von Angehörigen stellen weitere Indikatoren dar, insbesondere, wenn die Erwerbs- oder Karrieremöglichkeiten dadurch eingeschränkt werden. Zuletzt nennen Promberger et al. (2018, S. 12) eine unzureichende bzw. fehlende rechtliche Absicherung, die zu einer prekären Lebenslage beitragen.

Eine prekäre Erwerbslage oder Erwerbslosigkeit kann zwar mit einer prekären Lebenslage verbunden sein, muss aber nicht zwangsläufig auch zu einer prekären Lebenslage führen, da eine prekäre berufliche Situation oder Erwerbslosigkeit mitunter durch die Familie oder den Partner aufgefangen werden kann (vgl. Kraemer 2019, S. 245; Promberger et al. 2018, S. 9). Liegt jedoch keine Unterstützung seitens der Familie, Freunde oder des Partners vor, folgt aus einer anhaltend prekären beruflichen Lage oder Erwerbslosigkeit eine prekäre Lebenslage. Es wird deutlich welche weitreichenden Auswirkungen eine prekäre Erwerbslage oder Erwerbslosigkeit in Kombination mit zusätzlichen Belastungen sowie fehlender sozialer und finanzieller Unterstützung haben kann. Wie konkret Prekarität im Film Terrados inszeniert wird, wird in Kapitel5genauer analysiert.

Zunächst werden aber noch grundsätzliche (psychosoziale) Funktionen thematisiert, die Arbeit neben seiner Grundfunktion zur Existenzsicherung haben kann. Daran anknüpfend wird gefolgert, welche Konsequenzen es haben kann, wenn Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und die Funktionen von Arbeit nicht mehr durch diese erfüllt werden.

4. Arbeit, dessen Funktionen und mögliche Folgen von Erwerbslosigkeit

Arbeit im Sinne der Erwerbsarbeit, für die es einen entgeltlichen Lohn gibt, bringt neben seiner Grundfunktion zur Existenzsicherung noch eine Reihe bedeutsamer psychosozialer Funktionen mit sich. Beispielsweise kann Erwerbsarbeit eine persönliche Identität stiften, Aktivität und Kompetenz, „Sinn, soziale Teilhabe, Zugehörigkeit, Anerkennung und Struktur vermitteln“ (Wimbauer & Motakef 2020, S. 27; vgl. Semmer & Meier 2013, S. 562). Somit kann Arbeit zentrale Grundbedürfnisse befriedigen und sich - je nach beruflicher Situation - positiv auf die Motivation, Zufriedenheit und Gesundheit eines Menschen auswirken (vgl. Semmer & Meier 2013, S. 560).

Unter der Annahme, dass Arbeit tatsächlich die genannten psychosozialen Funktionen erfüllt, wird deutlich, dass ein Verlust von Arbeit nicht nur aus finanzieller Sicht negative Konsequenzen nach sich zieht. Wie bedeutsam die psychosozialen „Funktionen der Arbeit sind, zeigt sich […] bei Personen, die ihren Arbeitsplatz verlieren […]“ (ebd., S. 561). Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, welche Folgen Arbeitslosigkeit für Menschen haben können, wenn die psychosozialen Funktionen von Arbeit mit dem Verlust dieser wegfallen. Wenn beispielsweise Aktivität in Form von Arbeiten entfällt und keine andere sinnerfüllte Aufgabe gefunden wird, könnte dies zur Folge haben, dass den Erwerbslosen das Gefühl von Handlungskompetenz fehlt. Da Arbeit eine Tagesstruktur gibt, besteht die Gefahr, diese Struktur im Zuge der Erwerbslosigkeit zu verlieren. Was den Aspekt der Zugehörigkeit oder auch Kooperation und Kontakte anbelangt, so fällt auch dies als eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme zu anderen Menschen weg, was die Gefahr von Isolation und Vereinsamung erhöht. Auch soziale Anerkennung für die eigene Leistung entfällt, sofern nicht auf anderem Wege Anerkennung erlangt werden kann. Es besteht die Gefahr, von der Gesellschaft aufgrund der Arbeitslosigkeit als faul angesehen zu werden, was ein Gefühl der Nutzlosigkeit auslösen könnte. Damit einher geht die Gefahr, dass das Selbstwertgefühl stark sinkt und der Verlust der Arbeit die Grundlage der persönlichen Identität entzieht (vgl. ebd., S. 562).

Insbesondere bei Menschen, die sich sehr über ihre Arbeit und Leistung definieren und die Bedürfnisse, die hinter den psychosozialen Funktionen stehen, primär durch die Arbeit erfüllen und die kaum außerberufliche ‚Standbeine‘ haben, ist das Risiko mit dem Eintritt einer Erwerbslosigkeit psychisch und gesundheitlich darunter zu leiden, besonders hoch. Wie die Situation diesbezüglich beim Protagonisten Leo im Film Terrados ist, wird im folgenden Kapitel ausführlich untersucht.

5. Filmanalyse: Terrados

In der folgenden Analyse wird anhand einiger zentraler Schlüsselszenen analysiert, inwiefern die psychosozialen Funktionen von Arbeit für Leo (nicht mehr) erfüllt werden und was dies für Auswirkungen auf sein gesamtes Leben hat. Dabei wird auch untersucht, wie Leo mit der plötzlichen Arbeitslosigkeit umgeht und wie die Prekarität inszeniert wird, da dies eine Folge der Arbeitslosigkeit darstellt. Die Analyse lässt sich in zwei Teile unterteilen. Im ersten Teil wird exemplarisch anhand einer Szene aufgezeigt, inwieweit die Funktionen von Arbeit vor Leos Erwerbslosigkeit durch seine Tätigkeit als Anwalt erfüllt wurden. Im zweiten, ausführlicheren Teil wird untersucht, inwiefern die Funktionen nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes erfüllt werden. Auf diese Weise wird die Bedeutung von Arbeit für sein Leben und der Kontrast zwischen seinem Leben mit und ohne Arbeit deutlicher.

Vorab soll jedoch darauf hingewiesen werden, dass die ausgewählten Screenshots aus dem Film Terrados in dieser Hausarbeit eine unterstützende Funktion haben. Sie wurden ausgewählt, weil sie beispielsweise die Gefühle oder Gedanken der Charaktere oder die Stimmung der analysierten Szene besonders treffend wiedergeben. Es geht in der Analyse allerdings weniger darum die Screenshots im Detail zu analysieren, sondern vielmehr darum exemplarisch Filmausschnitte aufzuzeigen, anhand derer gezeigt werden kann, wie die psychosozialen Funktionen von Arbeit erfüllt werden und welche Auswirkungen eine Nichterfüllung dieser auf Leos gesamtes Leben hat. Da Leos Leben und Entwicklung in Terrados nicht chronologisch gezeigt werden, wird auch die Analyse nicht immer chronologisch zum Verlauf des Films verlaufen.

5.1 Die Erfüllung der Funktionen von Arbeit vor der Erwerbslosigkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Leo und Elsa vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes (00:27:36; 00:27:34)

In der vorliegenden Szene (vgl. Terrados, 00:26:48 – 00:28:44) wird in einem Rückblick gezeigt, wie Leos Arbeitssituation vor der plötzlichen Entlassung aussah. Mit ihm im Büro sitzt die Sekretärin Elsa, mit der er auch befreundet ist. Es ist klar zu sehen, dass alle oder zumindest ein Großteil der Bedürfnisse, die hinter den in Kapitel4genannten Funktionen von Arbeit stehen, bei Leo erfüllt wurden. Zunächst lässt sich annehmen, dass sich Leo durch seine langjährige Tätigkeit als Anwalt in dem Anwaltsbüro von Marion Puertas in einem sicheren und nicht prekären Normalarbeitsverhältnis befand. Zumindest erfährt der Zuschauende nichts bezüglich eines prekären Arbeitsverhältnisses. Die Grundfunktion der Existenzsicherung war somit vor seiner Arbeitslosigkeit erfüllt. Auch die erste psychosoziale Funktion Aktivität und Kompetenz war mit seiner Tätigkeit noch erfüllt, da er durch sein Studium und seine siebenjährige Berufserfahrung einige Kompetenzen und Qualifikationen erworben haben wird. Leo wirkt selbstsicher und zufrieden mit seiner Tätigkeit, was an seiner entspannten, zurückgelehnten Haltung und seinem zufriedenen Lächeln ersichtlich wird (vgl.Abbildung 1). Daraus lässt sich schließen, dass er sich als Anwalt vermutlich handlungskompetent gefühlt haben wird. Auch die zweite Funktion, die Zeitstrukturierung, wurde durch seine Arbeit erfüllt. Auch wenn sein Alltag vor dem Verlust seines Jobs nicht von morgens bis abends gezeigt wird, kann davon ausgegangen werden, dass seine Arbeit seinem Alltag Struktur gegeben haben wird. Als festangestellter, vollzeitbeschäftigter Anwalt wird er einigermaßen geregelte Arbeitszeiten gehabt haben, die er auch eingehalten haben muss, da er andernfalls nicht sieben Jahre lang im selben Anwaltsbüro angestellt gewesen wäre. Dass seine Arbeit ihm Struktur gegeben hat, könnte auch indirekt an anderen Aspekten erschlossen werden, wie etwa seinem äußeren Erscheinungsbild. Dieses war zu jener Zeit, als er noch Arbeit hatte, sehr gepflegt. Daraus lässt sich schließen, dass auch dies ein fest integrierter Bestandteil seines Alltags war.

In der Szene wird außerdem deutlich, dass auch die Funktion Kooperation und Kontakt durch seine Arbeit erfüllt wurde. Es handelt sich zwar um ein kleines Büro, jedoch erfährt der Zuschauende im Verlauf der Handlung, dass Leo sogar mit seinem Chef und der Sekretärin eng befreundet ist. Als Anwalt wird er außerdem Klienten beraten und mit ihnen zusammengearbeitet haben, wodurch er ebenfalls Kontakte zu anderen Menschen hatte. Als Anwalt hatte Leo einen Beruf mit vergleichsweise hohem gesellschaftlichem Prestige inne. Somit kann auch davon ausgegangen werden, dass er durch seine Arbeit und seine Leistung soziale Anerkennung erlangt haben wird. In der Szene wirkt Leo sehr zufrieden und selbstsicher, woraus sich schließen lässt, dass er das Gefühl gehabt haben könnte, etwas Sinnstiftendes zu tun und „einen nützlichen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten“ (Semmer & Meier 2013, S. 562). Damit einhergeht die Erfüllung der fünften psychosozialen Funktion von Arbeit, der persönlichen Identität. Demnach trägt Arbeit zur Identitätsbildung bei und kann das eigene Selbstwertgefühl positiv beeinflussen (vgl. ebd.). Wie sehr er sich mit seiner Arbeit identifiziert hat, wird besonders im Verlauf des Films deutlich, insbesondere als er beginnt, sein Leben und seine getroffenen Entscheidungen zu hinterfragen. Auf diese Szene wird an späterer Stelle vertieft eingegangen. Zusammenfassend lässt sich anhand der ausgewählten Szene festhalten, dass davon ausgegangen werden kann, dass Leo zufrieden mit sich, seinem Leben und seiner Arbeit gewesen war. Seine Arbeit konnte alle erwähnten psychosozialen Funktionen und somit zentralen Grundbedürfnisse befriedigen.

Im Folgenden werden zentrale Szenen nach dem Verlust des Arbeitsplatzes dargeboten und analysiert. Dabei wird untersucht, inwiefern die psychosozialen Funktionen von Arbeit nicht mehr oder auf anderem Wege erfüllt werden und welche Auswirkungen dies auf Leos gesamtes Leben hat.

5.2 Die Erfüllung der Funktionen von Arbeit nach dem Verlust des Arbeitsplatzes und dessen Auswirkungen auf Leos Leben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Erstes Vorstellungsgespräch von Leo (00:09:01; 00:09:12)

Eine zentrale Szene ist das erste Bewerbungsgespräch, zu dem Leo zwei Monate nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes erscheint (vgl. ebd., 00:08:42 – 00:10:03). In dieser Szene sitzt Leo dem Interviewer in einem kleinen Büro gegenüber. Bezüglich der ersten psychosozialen Funktion, Aktivität und Kompetenz, lässt sich sagen, dass Leo zunächst selbstsicher wirkt und sich noch handlungskompetent fühlt. Schließlich weiß er was er vorzuweisen hat: Ein erfolgreich abgeschlossenes Jurastudium und sieben Jahre Berufserfahrung (vgl. ebd., 00:08:42 – 00:08:47). Statt Leos Qualifikationen und Kompetenzen zu würdigen, diskreditiert der Jobinterviewer ihn allerdings, indem er behauptet, seinen vorherigen Arbeitgeber nicht zu kennen (vgl. ebd., 00:08:47 – 00:08:53). Dadurch vermittelt er Leo das Gefühl, dass dieser zuvor eine eher unbedeutende Stelle innehatte. Es wird deutlich, dass die Funktion der Anerkennung mit dem Verlust des Arbeitsplatzes nicht mehr erfüllt wird, was negative Auswirkungen auf alle anderen Funktionen hat, wie etwa der persönlichen Identität und dem damit verbundenen Selbstwertgefühl. Im Verlauf des Films hinterlässt die fehlende Anerkennung immer mehr Spuren, was in den nachfolgenden Szenen noch ersichtlich werden wird. Wie prekär die Arbeitsmarktsituation ist und wie wenig der Interviewer Leos Vorkenntnisse und Qualifikationen würdigt, wird auch an den beschriebenen Informationen der Arbeitsstelle deutlich (vgl. ebd., 00:09:04 – 00:09:10:40). Zum einen heißt es, dass Leo – sofern er denn die Stelle bekommen würde - die ersten zwei Jahre nur ein Grundgehalt ohne Provisionen bekommen würde. Als Person in den frühen 30ern, mit sieben Jahren Berufserfahrung, wäre zu erwarten, dass Leo nicht nur sehr gefragt auf dem Arbeitsmarkt sein müsste, sondern auch deutlich mehr Mitspracherecht bei der Gehaltsverhandlung haben sollte. Dass nur von zwei Jahren gesprochen wird, könnte auf eine befristete Stelle hindeuten. In der Szene wird ein prekäres Arbeitsverhältnis vorgestellt, bei dem der Arbeitnehmer vom Arbeitgeber abhängig ist und aufgrund der Befristung und vergleichsweise schlechten Bezahlung in einer unsicheren Lage gehalten wird. Leo reagiert dementsprechend ernüchternd auf das Angebot des Interviewers, ist sich aber dem Mangel an Alternativen bewusst, weshalb er dem Angebot trotzdem zustimmt (vgl. ebd., 00:09:22 – 00:09:31). Der Interviewer reagiert jedoch ungläubig. Er äußert ihm seine Zweifel, indem er ihm sagt, dass er davon ausgehe, dass Leo bei dem erstbesten verlockenderen Jobangebot kündigen würde (vgl. ebd., 00:09:29 – 00:09:39). Leo versucht die Zweifel des Interviewers zu beseitigen, indem er ihm versichert, dass er nicht kündigen würde (vgl. ebd., 00:09:39 – 00:09:49). Den Interviewer konnte er damit jedoch nicht überzeugen, was dadurch deutlich wird, dass dieser plötzlich desinteressiert wirkt, auf die Uhr schaut (vgl. ebd., 00:09:36) und plötzlich einwirft, dass es noch viel weitere Bewerber für die Stelle gebe, die noch interviewt werden müssten, bevor eine Auswahl getroffen würde (vgl. ebd., 00:09:51 – 00:10:02). Durch diese Aussage wird außerdem deutlich, wir rar (qualifizierte) Arbeitsplätze in Zeiten der Krise waren. Der Mangel an Arbeit in einem Industriestaat wie Spanien ist ein weiteres Merkmal von Prekarität (vgl. Borvitz 2020, S. 13). Es wirkt, als habe der Interviewer in der letzten Zeit unzählige Bewerbungsgespräche geführt und sei es mittlerweile müde geworden, Bewerbungsgespräche zu führen. Dies wird mitunter daran deutlich, dass er zu Leo sagt, dass er schon tausende Male zuhören bekommen habe, dass ein Bewerber ihm gesagt habe, dass er nicht kündigen würde, am Ende dann aber doch gekündigt und die Firma im Stich gelassen habe (vgl. Terrados, 00:09:44). Der Interviewer macht in der Szene insgesamt einen eher distanzierten, desinteressierten und herabwürdigenden Eindruck, was auch durch seine zurückgelehnte Haltung und sein ironisches, abschätziges Lachen vermittelt wird (vgl. ebd., 00:09:32). Er sieht den Bewerber nicht als Individuum, sondern verlässt sich einzig und allein auf seine Erfahrungen. Dabei hat Leo selbst gesagt, dass er keinen Grund sehe zu kündigen, wenn er sich an einem Platz wohl fühle. Ein Beweis dafür ist, dass er sieben Jahre lang in derselben Anwaltskanzlei bei Mario Puertas gearbeitet hat. Aber diese Tatsache scheint der Interviewer nicht zu berücksichtigen. Auffällig sind auch die vielen Grautöne in der Szene. Sowohl Leo als auch der Interviewer tragen Kleidung in unterschiedlichen Grautönen. Auch die Wände des Büros sind grau gestrichen, was die gefühlte Gleichgültigkeit der Firma symbolisieren könnte. Einzig die Mappen auf dem gläsernen Tisch sind in hellem Blau. Es bleibt unbekannt, was sich in den Mappen befindet, aber es könnte sich um Bewerbungsunterlagen weiterer Bewerber handeln. Auffällig ist, dass jede Mappe gleich aussieht, was wiederum symbolisiert, dass jeder Bewerber letztlich austauschbar ist und für die Firma letztlich nur ‚eine Mappe von vielen‘ ist.

[...]


1 Angesichts der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden das generische Maskulin benutzt, ohne dabei eine diskriminierende Absicht zu verfolgen. Es sind gleichwohl immer alle Gechlechterformen gemeint.

2 ImAnhang ist die Arbeitslosenquote von Spanien von 1998 bis 2012 grafisch abgebildet.

3 Promberger et al. (2018) verwenden die Begriffe prekäre Haushaltslagen und prekäre Lebenslagen synonym. Im Folgenden wird der Einheitlichkeit halber von prekären Lebenslagen gesprochen, da diese Bezeichnung geläufiger ist (vgl. z.B. Kraemer 2019; Brinkmann et al. 2006).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Arbeitslosigkeit im Film. Die Inszenierung des Prekarität im spanischen Film "Terrados"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
25
Katalognummer
V1128674
ISBN (eBook)
9783346493095
ISBN (Buch)
9783346493101
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Immobilienkrise Spanien, crisis inmobiliaria, Filmanalyse Terrados, Prekarität, Finanzkrise in Spanien, crisis financiera, crisis financiera en una película, Auswirkungen der Immobilienkrise in Spanien, Inszenierung von Prekarität, escenificación de la precariedad en Terrados, Funktionen von Erwerbstätigkeit, Funktionen von Arbeit, Folgen von Arbeitslosigkeit in der Krise
Arbeit zitieren
Isabell Nolte (Autor:in), 2021, Arbeitslosigkeit im Film. Die Inszenierung des Prekarität im spanischen Film "Terrados", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128674

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