Die Textualitätskriterien von Beaugrande und Dressler. Kriterien und Kritik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

19 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Was ist ein Text?

3. Die Textualitätskriterien von Beaugrande & Dressler
3.1 Kohäsion
3.2 Kohärenz
3.3 Intentionalität
3.4 Akzeptabilität
3.5 Informativität
3.6 Situationalität
3.7 Intertextualität

4. Kritik an den Textualitätskriterien
4.1 Kohäsion (Kritik)
4.2 Kohärenz (Kritik)
4.3 Intentionalität (Kritik)
4.4 Akzeptabilität (Kritik)
4.5 Informativität (Kritik)
4.6 Situationalität (Kritik)
4.7 Intertextualität (Kritik)

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkung

In der Linguistik gehört der Textbegriff fraglos zu den umstrittensten Themen und Kategorien. Texte verfügen über unbestreitbar fundamentale Eigenschaften, zu denen zweifellos sowohl die Kohäsion als auch die Kohärenz gehören. Da diese Begriffe in Bezug auf Textualität von großer Bedeutung sind, werden sie nach Robert-Alain de Beaugrande1 und Wolfgang U. Dressler2 neben Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität und Intertextualität zu den sieben wohl wichtigsten Kriterien der Textualität gezählt (Beaugrande/Dressler 1981:4). Einen Text sich durchzulesen ergibt für den Leser erst Sinn, wenn dieser die Grundeigenschaften besitzt, durch grammatisch-funktionale (Kohäsion) bzw. semantisch- kognitive3 Verknüpfungen (Kohärenz) einen lokalen oder aber auch globalen Zusammenhang herzustellen. Dies könnte eventuell ein Punkt sein, warum man sich nicht zwanghaft mit dem Thema auseinandersetzt. Beaugrande/Dressler sagen dazu Folgendes:

„Textlinguistik oder auch Grammatik von Texten ist etwas, wovon man in der Schule nichts hört. Der Begriff Text, worunter wir vorerst einmal eine abgeschlossene sprachliche Äußerung verstehen wollen, kommt in einer Schulgrammatik nicht vor, außer in der Bedeutung von Buch oder, noch allgemeiner, von etwas in Worten Geschriebenem.“(Beaugrande/Dressler 1981:1).

Dass das Thema der Textualitätskriterien derart umstritten ist, wird ebenso daran deutlich, dass die Meinungen und Ansichten bezüglich dieser und einer einheitlichen Definition sich spalten und gewaltig auseinander gehen können. Nachdem in dieser Arbeit zunächst einmal auf Grundlegendes eingegangen wird, wie zum Beispiel, was denn überhaupt ein Text ist, soll schwerpunktmäßig zwischen diesen Textualitätskriterien differenziert und dargestellt werden, worin sie sich gezielt unterscheiden. Ausgehend davon wird das Verhältnis zwischen diesen Kriterien und dem Textverstehen analysiert und Kritik bezüglich dieser Kriterien ermittelt.

2. Was ist ein Text?

Obwohl uns eigentlich klar ist, was ein Text ist, fällt es doch nicht jedem leicht, sich im engeren Sinne damit zu befassen und dafür tatsächlich eine passende, präzise Definition zu finden. Die Komplexität des Themas wird nämlich genau an diesem Punkt deutlich.

Ein Text wird, zumindest im Alltagsverständnis, vorwissenschaftlich betrachtet, d.h., dass man sich dabei nicht auf wissenschaftliche Erforschung, sondern auf allgemeine Erfahrung beruft. Die verschriftlichten Worte werden dann miteinander verbunden.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht kann man sagen, dass Texte als die sprachliche Form einer kommunikativen Handlung betrachtet werden. Damit man die Einzelheiten erwähnen kann, was nun einen Text ausmacht, ist es sinnvoll zu klären, in welchen Zusammenhängen den Begriff des Textes verwendet wird. Wenn man im Duden4 nach dem Begriff „Text“ sucht, findet man folgende Stichpunkte: inhaltlich zusammenhängende Folge von Aussagen, zusammenhängende Folge von Sätzen, zu einem Musikstück gehörende Worte, Bibelstelle als Predigt dienende Grundlage und Beschriftung, wie z.B. von Abbildungen.

Im Lexikon findet man unter dem Begriff „Text“ Folgendes: „Text, ein geschriebener oder gesprochener, verbaler Zusammenhang, der Wortlaut eines sprachlichen Sinnzusammenhanges. Bezeichnet alles an menschlichen Äußerungen: Vom Gedicht über den Zeitungsartikel oder ein Theaterwerk bis zu alltagssprachlichen Bemerkungen.“.

Es wird ziemlich deutlich, dass das Wort „Text“, unterschiedlich gespaltene Definitionen und Ansichten aufweisen kann. Brinker5 hat allerdings dies bezogen eine Definition aufgestellt, die wohl keiner ablehnen kann: „„Text“ ist eine (schriftlich) fixierte sprachliche Einheit, die in der Regel mehr als einen Satz umfasst.“ (Brinker 2005:12). Selbst wenn ein Text mehrere Funktionen aufweist, wird dieser im Wesentlichen durch eine dominante Funktion bestimmt (Brinker 2005:82). Diese dominierende Funktion wird von Brinker als Textfunktion bezeichnet und daraufhin fünf textuelle Grundfunktionen unterschieden (Brinker 2005:105ff.): Zunächst einmal erwähnt er die Informationsfunktion, bei der der Rezipient vom Emittenten über den Sachverhalt informiert wird. Die zweite Funktion ist die Appellfunktion, bei der der Rezipient aufgefordert wird, eine bestimmte Handlung zu vollziehen. Bei der dritten, der Obligationsfunktion wird sich dem Rezipienten gegenüber verpflichtet, eine Handlung zu vollziehen. Die Kontaktfunktion, lautet die vierte, bei der der Emittent zu verstehen gibt, dass er eine personale Beziehung zum Rezipienten wünscht. Bei der letzten erwähnten Funktion, der Deklarationsfunktion, bewirkt der Emittent, dass eine gewisse Sache („X“) als etwas verändertes („Y“) gilt.

3. Die Textualitätskriterien von Beaugrande & Dressler

„Text“ wird von den beiden Linguisten Beaugrande und Dressler als eine kommunikative Okkurrenz6 bezeichnet, die, wie schon erwähnt, gewisse Kriterien der Textualität erfüllt. Es wird dabei deutlich gemacht, dass alle dieser sieben Kriterien als erfüllt betrachtet werden müssen. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, nur ein Kriterium als nicht erfüllt betrachtet wird, so kann man nicht behaupten, dass es sich dabei um einen kommunikativen Text handelt. Nicht-kommunikative Texte werden aus diesem Grund als „Nicht-Texte“ bezeichnet (Beaugrande/Dressler 1981:3).

Die Kriterien der Textualität sind gewiss vielfältig, worauf noch im Laufe dieser Arbeit eingegangen wird. Doch diese sieben genannten Kriterien dienen laut Beuagrande und Dressler als sog. konstitutive Prinzipien 7, d.h., dass durch sie die Trennung von Text und Nicht-Text geregelt wird, da nur durch diese Prinzipien die Eigenschaften der Textkommunikation bestimmt und erzeugt werden (Beaugrande/Dressler 1981:14).

3.1 Kohäsion

Das erste der sieben Textkriterien wird von Beaugrande/Dressler als Kohäsion bezeichnet. Bei diesem Textkriterium geht es einfach ausgedrückt darum, wie einzelne Textteile auf der Textoberfläche miteinander verknüpft und in Verbindung gebracht werden. Unter Kohäsion versteht man also diese Verknüpfung verschiedener Textelemente an der Textoberfläche. Es geht also dabei nicht nur um die Verbindung des Oberflächentextes, sondern auch darum, inwiefern die von uns verarbeiteten Worte voneinander abhängig sind. Beaugrande und Dressler versuchen anhand des folgenden Beispiels deutlich zu machen, dass diese Abhängigkeit auf grammatischen Formen und Konventionen beruht (Beaugrande/Dressler 1981:3f):

LANGSAM

SPIELENDE KINDER

Bei diesem Beispiel handelt es sich um ein Verkehrsschild, was von jedem Verkehrsteilnehmer auf unterschiedlichste Art und Weise wahrgenommen werden kann. Die wohl wahrscheinlichste Option wäre, dass man durch dieses Schild aufgefordert wird, aufgrund spielender Kinder langsam zu fahren. In diesem Falle würde man den Text „LANGSAM SPIELENDE KINDER“, in zwei Teile segmentieren, d.h. „LANGSAM“ und „SPIELENDE KINDER“. Eine andere Option wäre allerdings, dass das Schild von jemanden so aufgefasst wird, dass es sich dabei um Kinder handelt, welche während des Spielens sehr langsam sind. Anhand dieses Beispiels möchte man also klarstellen, dass die Kohäsion allein nicht ausreicht, um Textverstehen hervorrufen zu können (vgl. Beaugrande/Dressler 1981:4).

Diese beschriebene „Oberfläche“ selbst reicht also nicht, um über den Sinn des Textes entscheiden zu können, man muss in dem Falle die anderen Kriterien der Textualität betrachten, um darüber entscheiden zu können und die Kommunikation an sich wirksam wird (Beaugrande/Dressler 1981:5). Wenn die Kohäsion fehlt, kann ein anderes Kriterium einspringen, wie z.B. die Kohärenz, um gewisse Mängel ausgleichen zu können, sodass dem Verkehrsteilnehmer bzw. dem Leser Verständnis ermöglicht wird (Kap. 3.2). Die Kohäsion kann in verschiedenen Formen auftreten, welche auch als Kohäsionsmittel bezeichnet werden. Auf diese werde ich in dieser Arbeit nicht detaillierter eingehen.8

3.2 Kohärenz

Gegensätzlich zur Kohäsion betrifft die Kohärenz nicht die Struktur der Oberfläche eines Textes, sie bezieht sich vielmehr auf die Tiefenstruktur, was in diesem Kapitel noch deutlich gemacht wird (Linke/Nussbaumer/Portmann 2001:226).

Die Kohärenz soll anhand des Beispielsatzes: „Es regnet draußen. Wir bleiben zuhause.“, veranschaulicht werden. Die beiden Sätze sind zwar nicht miteinander durch sprachliches Material an der Oberfläche des Textes verbunden, dennoch werden sie von uns in einen inhaltlichen Zusammenhang gestellt, nämlich: „Der Grund dafür, dass wir zuhause bleiben ist, weil es draußen regnet.“. Als Kohärenz bezeichnet man also das Erstellen eines inhaltlichen Zusammenhangs zwischen verschiedenen Textteilen. Man kann die beiden Sätze an der Oberfläche des Textes durch sprachliche Mittel verknüpfen, wie zum Beispiel Konjunktionen, die als Konnektoren und somit als Kohäsionsmittel dienen (Kap. 3.1).

Beaugrande und Dressler definieren den Begriff ausführlich folgendermaßen:

Kohärenz betrifft die Funktionen, durch die die Komponenten der TEXTWELT, d.h. die Konstellation von KONZEPTEN (Begriffen) und RELATIONEN (Beziehungen), welche dem Oberflächentext zugrundeliegen, für einander gegenseitig zugänglich und relevant sind. Ein KONZEPT ist bestimmbar als eine Konstellation von Wissen (kognitivem Inhalt), welches mit mehr oder weniger Einheitlichkeit und

Konsistenz aktiviert oder ins Bewusstsein zurückgerufen werden kann [...]. RELATIONEN sind die BINDEGLIEDER (engl. „links“) zwischen Konzepten, die in der Textwelt zusammen auftreten; jedes Bindeglied soll eine Bezeichnung des Konzepts tragen mit dem es eine Verbindung herstellt: z.B. ist in ,spielende Kinder‘ das Wort ,Kinder‘ ein Objektskonzept,,spielen‘ ein Handlungskonzept (engl. „action concept“). [.] Die Sprachbenutzer werden so viele Relationen beisteuern, als nötig sind, um den vorliegenden Text sinnvoll zu machen. (Beaugrande/Dressler 1981:5).

Bei der Kohärenz eines Textes, geht es demnach nicht um syntaktische oder lexikalische Mittel, sondern um die Relationen der Zeit und Kausalität, d.h. logisch semantische und partiell auch kognitiv pragmatische Aspekte. Das Ganze wird an folgendem Beispiel ersichtlich: „Tim stürzte und verletzte sich am Ellenbogen“. „Stürzen“ ist in diesem Fall die Ursache und das Ereignis „Verletzen“ wäre in diesem Zusammenhang die Wirkung des Stürzens. Aus gehend davon lässt sich auch implizieren, dass das Geschehen des „Stürzens“, zeitlich vor dem Ereignis des „Verletzens“ stattgefunden haben muss (vgl. Beaugrande/Dressler 1981:6).

Nicht immer treten Relationen zwischen Konzepten in einem Text ausdrücklich in Erscheinung. Deutlich wird das Ganze wieder, wenn man diesbezüglich ein Beispiel betrachtet. Wenn wir auf den Beispielsatz „Langsam spielende Kinder“ zurückgreifen, geht zwar aus der Oberflächenstruktur nicht hervor, ob sich der erste Teil, d.h. „langsam“, auf die fahrenden Autos oder aber doch auf die Kinder bezieht. In diesem Falle kann man aber anmerken, dass man aufgrund des Gesamtkontextes in der Lage ist, das Erstgenannte als richtig zu interpretieren, da die Worte sich auf einem Verkehrsschild am Straßenrand befinden. (Beaugrande/Dressler 1981:5).

Ein Text kann demnach nicht allein durch seine Oberflächenstruktur einen „Sinn“ 9 erzeugen, „sondern [.] durch die Interaktion von TEXTWISSEN und GESPEICHERTEM WELTWISSEN der jeweiligen Sprachverw ender [.]“(Beaugrande/Dressler 1981:8).

[...]


1 Österreichischer Linguist, welcher im Jahre 2008 verstarb.

2 Österreichischer Linguist und emeritierter Universitätsprofessor an der Universität Wien.

3 Bedeutungen sprachlicher Zeichen, Zeichenfolgen und der Wahrnehmung und des Erkennens betreffend.

4 Dudenredaktion. Text. Duden online. www.duden.de/node/181517/revision/181553

5 Klaus Brinker (1938-2006) war ein deutscher Germanist und Linguist, der an der Universität Hamburg lehrte

6 (engl. "occurence") Die Häufigkeit, wie oft ein bestimmtes sprachliches Element in einem komplexeren sprachlichen Konstrukt zu finden ist.

7 Dieser Begriff stammt vom amerikanischen Philosophen John Searle, welcher als Leitfaden wirkt, wodurch die Kommunikation wiederum bestimmt und erzeugt werden kann. Des Weiteren existieren regulative Prinzipien, durch welche die Kommunikation kontrolliert wird. Sie bestimmen, was gemacht werden muss, um überhaupt eine Kommunikation gewährleisten zu können, die durch konstitutive Prinzipien definiert sind (vgl. Searle 1983:54ff.).

8 Diese Kohäsionsmittel bzw. Formen der Kohäsion wären: Rekurrenz, Substitution, Pro-Formen, bestimmte und unbestimmte Artikel, Deixis, Ellipse, Tempus und Konnektoren. Diese gehen zurück auf M. A. K. Halliday, & Ruqaia Hassan (1976) und wurden u.a. von Beaugrande/Dressler aufgenommen.

9 Beaugrande/Dressler unterscheiden zwischen Sinn und Bedeutung: „Wenn wir mit BEDEUTUNG (engl. ,meaning') die Fähigkeit oder das Potential eines sprachlichen Ausdrucks (oder eines anderen Zeichens) bezeichnen, Wissen (d.h. mögliche = virtuelle Bedeutung) darzustellen oder zu übermitteln, dann können wir mit SINN (engl. ,sense', oft ,aktuelle Bedeutung' genannt) das Wissen bezeichnen, das tatsächlich durch die Ausdrücke innerhalb eines Textes übermittelt wird.“ (vgl. Beaugrande/Dressler 1981:88)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Textualitätskriterien von Beaugrande und Dressler. Kriterien und Kritik
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,4
Autor
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V1128728
ISBN (eBook)
9783346489258
ISBN (Buch)
9783346489265
Sprache
Deutsch
Schlagworte
textualitätskriterien, beaugrande, dressler, kriterien, kritik
Arbeit zitieren
Ali Erdem (Autor:in), 2021, Die Textualitätskriterien von Beaugrande und Dressler. Kriterien und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128728

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Textualitätskriterien von Beaugrande und Dressler. Kriterien und Kritik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden