Praktische Konsequenzen: Früher oder später Erwerb der Zweitsprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

22 Seiten, Note: sehrt gut +


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gehirn, Alter und Zweitspracherwerb
2.1. Lernbiologische Grundlagen der Sprachentwicklung
2.2. Ergebnisse der neueren Gehirnforschung
2.3. Sprachwissenschaftliche Untersuchungsergebnisse
2.4. Didaktische Konsequenzen aus der Zweitspracherwerbsforschung

3. Verschiedene Modellversuche zum frühen Zweitspracherwerb
3.1. Modellversuch:„Frühfranzösisch in saarländischen Kindergärten“
3.2. Modellversuch "Frühfranzösisch in Klassenstufe 1-2 im Saarland"
3.3. Pilotprojekt „Früh Deutsch lernen“

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fremdsprachliche Kompetenz und damit der Erwerb von Fremdsprachen wird angesichts von Globalisierung und Internationalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft gerade in den letzten Jahren zu einem zentralen Postulat einer zukunftsfähigen Bildungspolitik in Deutschland. Grundlegend ist damit von Anfang an die Frage verbunden, ob trotz vergleichsweise hohem fremdsprachlichem Anteil deutscher Curricula die Dauer und vor allem der Zeitpunkt „klassischen“ traditionellen Fremdsprachenerwerbs im deutschen Schulalltag geeignet sind, diesen wachsenden Anforderungen zu genügen.

Dabei war es von Anfang an vor allem aus der Erfahrung und Analogie des Erstspracherwerbs heraus eine Grundforderung, der Erwerb von Fremdsprachen müsse so früh wie möglich im Lebensalter beginnen. Hieraus resultieren die unterschiedlichen Modellversuche der letzten Jahre gerade hier im Saarland, dessen Bildungspolitik in einer hohen fremdsprachlichen Kompetenz besonders des Französischen parteiübergreifend einen besonderen qualitativen Standortvorteil als Teil einer umfassenden Zukunftsperspektive begreift.

Angesichts dieser bildungspolitischen Dynamik einerseits, aber auch des weitgehend noch recht experimentellen Charakters der aktuellen Ansätze und Diskussionen bedarf es deshalb einer Art Zwischenbilanz, um auf der Grundlage jüngster interdisziplinärer Forschungsergebnisse zu einer Einordnung, Bewertung und damit Perspektive laufender bzw. künftiger Spracherwerbspraxis zu kommen.

2. Gehirn, Alter und Zweitspracherwerb

2.1. Lernbiologische Grundlagen der Sprachentwicklung

Der Einfluss des Alters auf das Lernen von Sprachen hat eine breite Fachdiskussion ausgelöst und zu unterschiedlichen Hypothesen geführt. Ausgangspunkt dieser Diskussionen war

Das Konzept der "kritischen Periode" der 50er und 60er Jahre (Lenneberg 1967):[1]

Lenneberg geht davon aus, dass nur in einem Zeitraum, der bis zur Pubertät reicht (kritische Periode), das menschliche Gehirn über eine Plastizität verfüge, die einen Spracherwerb, ähnlich dem Erstspracherwerb, möglich macht. Etwa ab dem Zeitpunkt der Pubertät erfolge eine Lateralisierung (Verseitigung) des motorischen und sensorischen Sprachzentrums in den Cortex der linken Großhirnhälfte (das Broca-Areal im unteren Stirnhirn, das Wernicke-Areal im rückwärtigen Anteil der oberen Schläfenwindung), was den Spracherwerb vollkommen verändere. Bedingt durch das noch nicht fixierte Sprachzentrum, sei in dieser Zeit ein ungesteuerter, imitativer und kreativer Erwerb ähnlich dem der Erstsprache möglich. Dagegen, so Lenneberg, sei nach dieser kritischen Periode lediglich schulisch gesteuerter und regelbestimmter Sprachunterricht erfolgreich.

Lenneberg stützte seine These auf Beobachtungen und Untersuchungen von geistig behinderten Kindern und auf Fallgeschichten von Aphasikern, d.h. Menschen, die durch Krankheit oder Unfälle die Fähigkeit zum Sprechen ganz oder teilweise verloren haben.[2]

Diese Auffassung ist heute nicht mehr haltbar. Zu viele empirische Beobachtungen widersprechen ihr. So ist die Ausdifferenzierung der beiden Gehirnhälften, die sog. Lateralisierung bereits bis zum 5. Lebensjahr erfolgt, so dass die Pubertät keine natürliche Grenze in der gehirnphysiologischen Entwicklung darstellt. Daher erscheint es auch problematisch, aufgrund derartiger Befunde Hypothesen über den Erwerb von Zweitsprachen oder über mögliche sensible Phasen zu formulieren.

Heute geht man eher davon aus, dass keine speziellen Zentren für die genannten Hirnaktivitäten vorgesehen sind, sondern das Gehirn als ein sich selbst organisierendes System neuronaler Netze immer wieder neue Verbindungen der Nervenzellen über die Synapsen herstellt.

Es gibt derzeit keine allgemein akzeptierte Erklärung für altersbedingte Unterschiede im Lernerfolg; dennoch ist es statistisch gesehen so, dass, wer früh die Chance erhält, eine weitere Sprache zu lernen, erhöhte Erfolgsaussichten hat. Gleichzeitig zeigen empirische Forschungen, dass es günstige Altersstufen für bestimmte Sprachbereiche gibt:

- Der phonologische Bereich wird am besten zwischen 6 und 10 Jahren erlernt, ab dem elften Lebensjahr ist der Erwerb einer korrekten Intonation nicht mehr problemlos möglich. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Zweitsprache nur in unterrichtlichten Kontexten erworben wird. Jedoch gilt dies nicht in gleicher Weise für die Artikulation, denn junge Erwachsene sind durchaus in der Lage Wörter in einer fremden Sprache akzentfrei auszusprechen.
- Dagegen sind die Bereiche Flexion und Syntax, sowie regelgeleitetes Sprachenlernen vom erwachsenen Lerner leichter als von kleinen Kindern zu leisten.[3]

Apeltauer nennt als Gründe hierfür die folgenden Faktoren:

a. kognitive Faktoren: Nach der Pubertät haben sich im Gehirn metasprachliche und metakognitive Fähigkeiten weitgehend entwickelt, der junge Erwachsene ist in der Lage, unterschiedliche Aspekte gleichzeitig zu kontrollieren und so insbesondere formale Aspekte einer Sprache bewusster zu verarbeiten
b. sozialpsychologische Faktoren: Die abgeschlossene Identitätsentwicklung bei Erwachsenen führt bei der korrekten Nachahmung einer fremden Sprache zu einer Selbstentfremdung, bei Kindern hat die Identitätsentwicklung dagegen erst begonnen.

2.2. Ergebnisse der neueren Gehirnforschung

Erst in letzter Zeit ist es durch Fortschritte bei der Erforschung der Hirnfunktionen möglich geworden, direkt die aktiven Hirnregionen bei der Verarbeitung verschiedener Sprachen aufzuspüren.[4] Dabei zeigen sich zwei Trends:

- es gibt klare altersbedingte Unterschiede in Abhängigkeit vom Lernbeginn
- die altersabhängige Trennlinie liegt bereits bei etwa 6 Jahren

Die Befunde aus neueren Forschungen zur Lokalisierung von Sprachverarbeitungszentren im Gehirn erklären zwar noch nicht wie genau Sprache verarbeitet wird, folgende Beobachtungen helfen jedoch zu erklären, warum der individuelle Erfolg beim Erwerb einer Zweitsprache altersabhängig ist.[5]

Die New Yorker Forscherin Joy Hirsch und ihre Mitarbeiter konnten in einer Reihe von neurologischen Untersuchungen nachweisen, dass beim frühen simultanen Zweitspracherwerb ein einziges Netz für die Produktion von Wörtern und Sätzen in beiden Sprachen genutzt wird, d.h. es wird kein gesondertes Netzwerk für die Zweitsprache aufgebaut, sondern das Gehirn bedient sich bereits vorhandener neuronaler Verbindungen, die für die Erstsprache angelegt wurden. Somit können zweisprachig Aufgewachsene ihre angeborenen und selbstreferentiell ausgebauten Fähigkeiten zum Sprachenlernen und zur Differenzierung von Sprachen mehrfach nutzen, indem sie die universalen sprachlichen Fähigkeiten, die jeder Mensch laut Chomsky von Geburt an mit sich bringt, aktivieren und abrufen. Dagegen muss bei einer später erworbenen Zweitsprache im Broca Areal, wo die New Yorker Forscher die Planung von Aussprache und Grammatik vermuten, ein eigenes neuronales Netz angelegt werden. Laut Grießhaber erfolgt diese Bildung von zusätzlichen Verarbeitungszentren im Gehirn bereits dann, wenn der Zweitspracherwerb ab dem 6. Lebensjahr erfolgt.[6]

Linke Gehirnhälfte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://spzwww.uni-muenster.de/~griesha/sla/gri/slakmp.html

Die gleichen Ergebnisse werden durch eine neuartige Untersuchungsmethode, der funktionellen Magnetresonanztomographie bestätigt. Mit dieser Untersuchungsmethode lassen sich Veränderungen in der Durchblutung des Gehirns feststellen. Je besser ein Gehirnareal durchblutet wird, umso bunter erscheint es in den Aufnahmen. Die Aufnahmen lassen erkennen, dass die Grammatikzentren beim späteren Zweitspracherwerb für die beiden Sprachen getrennt sind, während sie bei praktisch simultanem Erwerb von Erst- und Zweitsprache im Wesentlichen integriert sind

[...]


[1] Götze, Lutz (1998): Der Zweitspracherwerb aus der Sicht der Hirnforschung. In: Günther Mornhinweg u.a. (Hg.): Actas del IX Congreso Latinoamericano de Estudios Germanísticos. IX Lateinamerikanischer Germanistenkongress ALEG. Concepción 2000, S. 191

[2] Apeltauer, Ernst: Grundlagen des Erst- und Fremdsprachenerwerbs. Eine Einführung. Fernstudieneinheit 15, Berlin u.a., 1997, S. 73

[3] Ders. S. 73

[4] Grießhaber, Wilhelm (2002-2005): Einführung in die praktische Sprachanalyse. Publikation im Internet unter: http://spzwww.uni-muenster.de/~griesha/pub/index.htmll Link: „Zweitspracherwerb“

[5] Götze, Lutz; 1998, S. 198f

[6] Grießhaber, Wilhelm (2002-2005)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Praktische Konsequenzen: Früher oder später Erwerb der Zweitsprache
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Instititut für deutsch als Fremdsprache)
Veranstaltung
Spracherwerbstheorien
Note
sehrt gut +
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V112910
ISBN (eBook)
9783640129041
ISBN (Buch)
9783640130474
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Praktische, Konsequenzen, Früher, Erwerb, Zweitsprache, Spracherwerbstheorien
Arbeit zitieren
M.A. Christel Gisch (Autor), 2005, Praktische Konsequenzen: Früher oder später Erwerb der Zweitsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112910

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