Entwicklung des Pflegebedarfs in Deutschland. Konsequenzen auf den Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung


Bachelorarbeit, 2020

57 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretischer Teil
1. Pflegebedarf in Deutschland
1.1. Rechtliche Rahmenbedingungen
1.2. Entwicklung des Pflegebedarfes
1.2.1. Demographische Alterung und sozialer Wandel in Deutschland
1.2.2. Epidemiologische Entwicklungen
1.2.3. Technologie
1.3. Entwicklung des Pflegepersonals
1.4. Zusammenfassung
2. Unfallversicherungsträger in Deutschland
2.1. Unfallversicherungsträger im gewerblichen Bereich
2.2. Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand
3. Zusammenhang zwischen dem deutschen Pflegesystem und den Unfallversicherungsträgern der öffentlichen Hand

III. Methode

IV. Konsequenzen der Entwicklung der Pflegebedarfe auf den Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung unter Betrachtung der Träger der öffentlichen Hand
1. Auswirkungen der Entwicklung der Pflegebedarfe auf die Zahl der beitragsfrei versicherten Pflegepersonen am Beispiel der Unfallkasse Sachsen­Anhalt
2. Auswirkungen der Entwicklung der Pflegebedarfe auf die Zahl der beitragsfrei versicherten Pflegepersonen in anderen Unfallversicherungsträgern der öffentlichen Hand

V. Fazit

Literaturverzeichnis

Geschlechtsneutrale Formulierung

Covid-19-Vermerk

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung im Jahr 2018 in Deutschland im Vergleich zum Jahr 1990 in Tsd

Abbildung 2: Reale und prognostizierte Entwicklung der deutschen Bevölkerung im Alter von 20 bis 66 Jahren in der Zeit von 1990-2060

Abbildung 3: Arbeitslosen-Stellen-Relation von 2009-2019 unter Betrachtung der Gesamtzahl, der Helfer und der Fachkräfte in der Alten- und Krankenpflege in den Jahren von 2009-2019

Abbildung 4: Anzahl der Pflegepersonen i.S.d. § 2 Abs. 1 Nr. 17 SGB VII Sachsen­ Anhalt in den Jahren von 2011 bis 2019

Abbildung 5: Entwicklung der Bevölkerungszahl Sachsen-Anhalts im Zeitraum von 2006 bis 2018

Abbildung 6: Anzahl der Pflegepersonen i.S.d. § 2 Abs. 1 Nr. 17 SGB VII bei Betrachtung der Kommunalen Unfallversicherung Bayern, der Unfallkasse Hessen und der Unfallkasse Nord in den Jahren von 2009 bis 2018

Abbildung 7: Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle und neuer Unfallrenten von Pflegepersonen i.S.d. § 2 Abs. 1 Nr. 17 SGB VII in den Jahren von 2009­2018

Abbildung 8: Entwicklung der Anzahl der Pflegepersonen im Vergleich zwischen den neuen und alten Bundesländern in den Jahren von 2009 bis 2018

I. Einleitung

Die Problematik der steigenden Pflegebedarfe und des gleichzeitigen Mangels von Pflegekräften in Deutschland ist ein Thema, welches unsere Gesellschaft be­reits seit längerer Zeit beschäftigt. Aufgrund des demografischen Wandels und aufgrund von epidemiologischen, technischen und gesellschaftlichen Entwicklun­gen unterliegen die Bedarfe im Bereich der Pflege ständigen Veränderungen.1 Bezugnehmend auf die besondere Relevanz des demographischen Wandels, ist festzustellen, dass derzeit ein hoher Anteil an Bürgern, erwachsend aus den ge­burtenstarken Jahrgängen 1946 bis 1964, entsprechend auch eine große Zahl an pflegebedürftigen Personen liefert. Der Anteil der älteren Menschen stellt nicht die Gesamtheit aller Pflegebedürftigen dar, jedoch kann ihnen eine hohe Bedeu­tung im Rahmen dieser Betrachtung zugewiesen werden.

Die Entwicklung der Pflegebedarfe in Deutschland stellt einen Schwerpunkt die­ser Bachelorarbeit dar. Weiterführend wird der Zusammenhang zur gesetzlichen Unfallversicherung erläutert.

Die Entwicklung der Pflegebedarfe in Deutschland und der daraus resultierende Fachkräftemangel weisen eine besondere Aktualität auf und stellen eine gesell­schaftliche Herausforderung dar, da die Zahl der Pflegebedürftigen in den nächs­ten Jahren weiter steigen wird. Den Auswirkungen auf die Träger der gesetzli­chen Unfallversicherung wurde bisher jedoch weniger Aufmerksamkeit ge­schenkt. Auch wenn Auswirkungen in verschiedenen Bereichen und Aufgaben­feldern bereits spürbar sind, gilt es diese zu erforschen und zu strukturieren und weiterführend prognostisch zu analysieren. Dies soll ein Ziel dieser Arbeit sein.

Die Motivation dafür entstammt meiner eigenen Berufsausbildung im Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung in der Abteilung „Kataster, Mitgliedschaft und Beitrag“, dort werden die Auswirkungen in Form von Fallzahlen der Versi- cherten ersichtlich. Außerdem können auch Entwicklungen in anderen Bereichen der gesetzlichen Unfallversicherung festgestellt werden, welche sich auf die an­steigenden Pflegebedarfe zurückführen lassen.

Eine besondere Gruppe stellt die der beitragsfrei versicherten Pflegepersonen dar. Sofern Beiträge erhoben werden können, sind über Anpassungen der Bei­tragssätze Veränderungen bei den Ausgaben kompensierbar. Bei beitragsfrei Versicherten ist das nicht möglich. Sollte es in diesem Bereich also zu vermehrten Ausgaben kommen, so besteht die Möglichkeit der überproportionalen Belas­tung des Gesamtsystems, weil erhöhte Einnahmen den erhöhten Ausgaben nicht unmittelbar folgen können.

Somit ist es auch wichtig Klarheit über die verschiedenen Arten von Pflegeperso­nen zu schaffen, die gesetzlich unfallversichert sind, denn in einem Privaten Haushalt können, außer den beitragsfrei versicherten Personen weiterhin Pflege­kräfte tätig sein, die beispielsweise in Form eines Mini-Jobs oder einer Haushal­tung beschäftigt sind. Denn Beschäftigte Pflegekräfte sind nicht beitragsfrei ver­sichert.

Ziel dieser Arbeit ist es somit einen Überblick über die Entwicklung der Pflegebe- darfe und die Auswirkungen auf die gesetzliche Unfallversicherung zu geben. Es sollte eine logische Folge sein, dass mit der Steigerung der Fallzahlen der zu be­treuenden Personen auch die Anzahl der Pflegepersonen, welche durch die Un­fallversicherungsträger der öffentlichen Hand versichert sind, ansteigt. Insbeson­dere die Gruppe der beitragsfrei Versicherten könnte somit das Gesamtsystem überproportional belasten, da die entsprechenden Entschädigungsleistungen bei Eintritt eines Versicherungsfalles von den beitragspflichtigen Mitgliedern getra­gen werden. Diese These galt es im Verlauf dieser Arbeit zu untersuchen.

Aufgrund dessen ergeben sich folgende Fragen, die es im Rahmen dieser Ba­chelorarbeit zu beantworten gilt:

Wie haben sich die Pflegebedarfe in Deutschland entwickelt?

Welchen Einfluss hat dies auf die gesetzliche Unfallversicherung, konkretisiert auf die Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand?

Infolge der letzten Frage ergibt sich weiterhin die Frage:

Wie sind die Entwicklungen insbesondere bei der Gruppe der beitragsfrei versi­cherten Pflegepersonen zu bewerten?

Die wissenschaftliche Arbeit gliedert sich in vier Abschnitte. Den ersten Teil bil­det dieses Kapitel, in welchem an das Forschungsthema herangeführt und dieses begründet und eingeordnet wird. Des Weiteren wird in diesem Kapitel die For­schungsfrage formuliert, dessen Beantwortung in den nächsten Kapiteln erfolgen wird.

Der zweite Teil dieser Arbeit widmet sich der Darstellung theoretischer Grundla­gen und Definitionen, sowohl den Bereich der Pflegebedarfe, als auch den der gesetzlichen Unfallversicherung betreffend.

Im anschließenden Kapitel wird die wissenschaftliche Forschungsmethode darge­stellt, mit der bei der Beantwortung der Forschungsfrage vorgegangen wurde. Vordergründig handelt es sich hierbei um eine Literaturrecherche, auch unter Berücksichtigung interner Informationen des eigenen Trägers.

Im vierten Abschnitt dieser Arbeit wird die im vorherigen Kapitel beschriebene Methode angewandt und die Forschungsfrage beantwortet, wie sich die Entwick­lung des Pflegebedarfes in Deutschland auf die gesetzliche Unfallversicherung auswirkt. Da im Verlaufe der Entstehung dieser Bachelorarbeit klar wurde, dass der Bereich der Pflege durch Angehörige, welcher durch die gesetzliche Unfall­versicherung abgesichert ist, bei der Betrachtung möglicher Auswirkungen be­sonders beachtenswert ist und aufgrund der eigenen Tätigkeit bei einem Unfall­versicherungsträger der öffentlichen Hand, konzentriert sich der letzte Abschnitt auf die Entwicklungen im Bereich der privaten Haushalte. Zu diesem Zweck wur­den auch im eigenen Träger Daten angefordert, welche zu diesem Zweck unter­sucht und interpretiert wurden. Im nächsten Schritt wurden die erhaltenen Er­kenntnisse mit anderen Unfallversicherungsträgern der öffentlichen Hand vergli­chen.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind zum Teil stark auf einen Träger bzw. ein Bundesland beschränkt, jedoch bietet es sich aufgrund der eigenen Tätigkeit in diesem Hause an, die Auswirkungen der Entwicklungen der Pflegebedarfe an­hand dieses Beispiels zu untersuchen und die aufgestellte These zu begründen.

Abschließend werden die, im Rahmen dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und ein Fazit wird gezogen.

II. Theoretischer Teil

1. Pflegebedarf in Deutschland

1.1. Rechtliche Rahmenbedingungen

Der Begriff der Pflegebedürftigkeit wird in Deutschland durch das Elfte Sozialge­setzbuch definiert. Unter den Paragraphen 14 und 15 ist genau festgelegt, wann ein Mensch laut Gesetz als pflegebedürftig zu bezeichnen ist. Zusätzlich be­stimmt es, in welcher Einstufung die Pflegebedürftigkeit vorliegt und wie diese beurteilt werden muss.

Dem im Gesetz definierten Begriff der Pflegebedürftigkeit entsprechen gemäß § 14 Abs. 1 S. 2 SGB XI Personen, die gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und die infolge dessen Hilfe durch Andere benötigen. Weiterhin muss es sich um Personen handeln, die kör­perliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen oder gesundheitlich be­dingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbstständig kompensieren oder bewältigen können. Gleichzeitig ist der Pflegebegriff gemäß § 14 Abs. 1 SGB XI an die Bedingung geknüpft, dass dieser Zustand mindestens sechs Monate, sowie in einer schwere Vorliegen muss, die in § 15 des elften Gesetzbuches genauer defi­niert wird.

Die Schwere wird anhand der Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten in einem sogenannten Pflegegrad angegeben, der den Grad der Pfle­gebedürftigkeit angibt. Dieser wird gemäß § 15 Abs. 1 S. 2 SGB XI mit Hilfe eines pflegefachlich begründeten Begutachtungsinstrumentes ermittelt. Seit dem 01.01.2017 bestehen fünf dieser Pflegegrade, vorher waren es lediglich drei. Die Bezeichnung dieser beginnt bei „Pflegegrad 0“ und endet mit dem „Pflegegrad 4“.

Der erste Pflegegrad beschreibt, dass keine Beeinträchtigungen der Selbststän­digkeit oder der Fähigkeiten vorliegen, während der vierte Pflegegrad schwerste Beeinträchtigungen beschreibt. Dazwischen finden nochmals drei Abstufungen statt, welche in gering, erheblich und schwer gegliedert sind.

Um den Pflegegrad einer Person zu ermitteln, wird das Begutachtungsinstrument genutzt. Dieses untergliedert sich in sechs Module, die den sechs Tatbeständen aus § 14 Abs. 1 bzw. 2 SGB XI zugeordnet werden können.

Dies sind namentlich folgende Bereiche:

- Mobilität
- Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
- Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
- Selbstversorgung
- Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder thera­piebedingten Anforderung
- Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte

Der Pflegegrad ergibt sich nun aus Einzelpunkten, die nach Schweregrad der Be­einträchtigungen der Selbstständigkeit bzw. der Fähigkeiten vergeben werden. Außerdem werden die verschiedenen Module in Verhältnis zueinander gesetzt, sodass sich durch eine Addition der Punkte eine Gesamtpunktzahl ergibt, mit welcher ein entsprechender Pflegegrad zugeordnet werden kann.

Außer der Pflegeversicherung, welche im SGB XI geregelt ist, können noch weite­re Alternativen einen Pflegefall absichern. Dies sind die Hilfe zur Pflege (Sozialhil­fe), das Bundesversorgungsgesetz, sowie die gesetzliche Unfallversicherung. Letztere wird im Verlauf dieser Arbeit genauer beschrieben.

In der Pflege gab es bis zum 1. Januar 2020 in Deutschland die Fachberufe Alten­pfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger und Gesundheits- und Kinderkranken­pfleger. Ergänzt wurden diese durch die Pflegehelferberufe der Alten- und Kran- kenpflegepflegehilfe.2 Letztere werden lediglich assistierend und nicht heilkund- lich tätig, deshalb liegen seit der 2003 beschlossenen Gesetzesreform lediglich die landesrechtlichen Regelungen zugrunde.3 Das Einfallstor dafür bietet § 74 Abs. 1 Nr. 19 GG, in welchem geregelt ist, in welchen Gebieten sich die konkur­rierende Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland erstreckt. Die Pflege­fachberufe fallen unter die Entscheidungsgewalt des Bundes, weshalb das Tragen der darunter fallenden Berufsbezeichnungen einer staatlichen Erlaubnis bedarf.4 Am 10. Oktober 2018 wurde die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung zum Pfle­geberufegesetz verkündet und gemeinsam vom Bundesfamilien- und Bundesge­sundheitsministerium verkündet. Sie schuf die Voraussetzung, um eine generalis- tische Pflegeausbildung umzusetzen. Am 01. Januar 2020 trat diese Verordnung vollständig in Kraft und veränderte die Struktur der Pflegeausbildungen. Diese Neuerungen basieren auf dem Gesetz zur Reform der Pflegeberufe, welches be­reits am 17. Juli 2017 erlassen wurde.

Vorher wurden die Pflegeausbildungen der Alten und der Krankenpflege separat in verschiedenen Gesetzen geregelt. Ab Anfang des Jahres 2020 wurden jedoch das Altenpflegegesetz und das Krankenpflegegesetz im neuen Pflegeberufege­setz zum Teil zusammengeführt. Ziel dieser Veränderung soll es sein, eine mo­dernere Pflegeausbildung zu schaffen, eine bessere Vorbereitung der Fachkräfte auf die veränderten Herausforderungen sowie neue Berufs- und Aufstiegsmög­lichkeiten zu bieten.5 Dies erfolgt in Form einer Zusammenführung der beiden Pflegeausbildungen des Kranken- und Altenpflegers, welche sich bis zu diesem Punkt bereits inhaltlich stark ähnelten. Unter Kapitel 1.3. wird dies genauer er­läutert.

1.2. Entwicklung des Pflegebedarfes

Es ist festzustellen, dass in den letzten 20 Jahren ein immer zügiger ansteigender Pflegebedarf in Deutschland zu beobachten ist. Laut einer Statistik des Statisti­schen Bundesamtes waren im Jahr 2001 noch 2,04 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig - im Jahr 2017 waren es dagegen schon 3,41 Millio­nen, wobei der Anstieg der Anzahl der pflegebedürftigen Personen in dieser Zeit immer steiler wurde.6 Weiterhin zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stif­tung, dass es sich, den Anstieg betreffend, mit der Entwicklung der Zahl der Leis­tungsempfänger der sozialen Pflegeversicherung ähnlich verhält, denn die Anzahl dieser verdoppelte sich vom Jahr 1997 bis zum Jahr 2017 nahezu. Parallel ist zu erkennen, dass das Angebot von entsprechend ausgebildeten Pflegefachkräften im Verhältnis zur höher werdenden Nachfrage immer weiter sinkt. Diese Nach­frage entspricht der steigenden Entwicklung des Pflegebedarfs.

Es ist zu erwähnen, dass zahlreiche Anpassungen und Ausweitungen des Pflege­begriffs bzw. des Pflegesystems einen beachtenswerten Anteil des Anstiegs der Pflegebedarfe ausmachen. Beispielsweise wurde durch Reformen der Pflegever­sicherung der berechtigte Personenkreis in den vergangenen Jahren ausgeweitet. Ab 2017 wurde so der Begriff der Pflegebedürftigkeit völlig neu definiert. Berei­che wie Kommunikation und soziale Teilhabe wurden davor völlig außer Acht gelassen, was nach Ansicht von Kritikern ein Defizit in der Versorgung darstellte.

Ungeachtet dessen sind es aber die demographischen, gesellschaftlichen, epi­demiologischen und versorgungsstrukturellen Entwicklungen, denen der größte Ursachenanteil der steigenden Entwicklung des Pflegebedarfs zuzuschreiben ist. Diese beeinflussen dabei nicht nur lediglich den Pflegebedarf, sondern auch sich selbst. Gut erkennbar ist dies am Zusammenhang zwischen demographischen und epidemiologischen Entwicklungen. Im steigenden Alter wächst das Gesund­heitsrisiko deutlich.

Auf Grundlage der Basis Pflegestatistik berechnete die Bertelsmann Stiftung eine, allein durch Demographie bestimmte Zahl der pflegebedürftigen Menschen von 5,3 Millionen bis zum Jahr 2050, was 60 Prozent mehr als zum gegenwärtigen Zeitpunkt ausmacht.7 Auf diese Komponente sollte also ein erhöhtes Augenmerk gerichtet sein.

Weitere gesellschaftliche Einflussfaktoren, die es außerdem bei der Entwicklung der Pflegebedarfe und Pflegeberufe (denn beide Begriffe stehen im direkten Zu­sammenhang zueinander) zu betrachten gilt, sind die Technologie, die Versor­gungsstrukturen, die Wirtschaft und Märkte, die Politik und Finanzierung sowie die Qualifikation und Professionalisierung.8

Unter Punkt 1.1. wurde bereits eine rechtliche Unterscheidung der Pflegefach­kräfte von den Pflegehelfern beschrieben. Betrachtet man die Personengruppe des Pflegepersonals, so kann man diese grundsätzlich in 4 Qualifikationsstufen einteilen.

Die unterste Qualifikationsstufe im Bereich des Pflegepersonals stellt der Helfer dar. Dieser führt lediglich Helfer- und Anlerntätigkeiten aus, welche einfach so­wie wenig komplex sind und nur geringe spezifische Fachkenntnisse vorausset­zen. Voraussetzung zur Ausübung dieser Tätigkeit ist eine einjährige Berufsaus­bildung, kein formaler beruflicher Bildungsabschluss.9

Fachlich über dem Helfer steht die Pflegefachkraft, welche fachlich ausgerichtete Tätigkeiten verrichtet. Die Voraussetzung für diese Tätigkeit sind fundierte Fach- kenntnisse und der Abschluss einer zwei- bis dreijährigen Berufsausbildung bzw. eine vergleichbaren Qualifikation. 10

Die beiden letztgenannten Qualifikationstypen werden im Rahmen dieser Arbeit hauptsächlich betrachtet. Da die Pflegefachkräfte und Pflegehelfer in den Be­schäftigungsverhältnissen die Anzahl klar dominieren, beispielsweise waren al­lein 88 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Krankenpflegekräfte im Jahr 2019 als Pflegehelfer und Pflegefachkraft qualifiziert, macht es Sinn auf diese Entwicklungen ein erhöhtes Augenmerk zu legen.11

Faktisch bestehen außer dieser deutlichen Überzahl an Hilfs- und Fachkräften noch zwei weitere Qualifikationen, nämlich die des Spezialisten und die des Ex­perten.

Der Spezialist in der Pflege übt gehobene Fach-und Führungsaufgaben sowie komplexe Spezialtätigkeiten aus, die Spezialkenntnisse und Fertigkeiten voraus­setzen. Voraussetzung dafür ist eine Meister- oder Technikerausbildung bzw. ein gleichwertiger Abschluss an einer Fach- oder Hochschule.

Die höchste Qualifikation im Pflegebereich stellt die des Experten dar, welcher hoch komplexe Tätigkeiten ausübt. Es besteht dabei ein Erfordernis eines hohen Kenntnis- und Fertigkeitsniveaus. Der Experte übt Leitungs- und Führungsaufga­ben aus und weist eine mindestens vierjährige Hochschulausbildung bzw. eine entsprechende Berufserfahrung auf.12

1.2.1. Demographische Alterung und sozialer Wandel in Deutschland

Unter dem Begriff der sozialen Alterung versteht man in erster Linie den Prozess der Anpassung der Altersstruktur einer Bevölkerung an Veränderungen in den Umständen des Lebens. Sie stellt einen Vorgang dar, der das Durchschnittsalter der Bevölkerung ansteigen lässt.13 Da in Deutschland, verglichen mit dem Rest der Welt, sehr gute Lebensbedingungen herrschen, ist dort auch die Lebenser­wartung erheblich höher.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung im Jahr 2018 in Deutschland im Vergleich zum Jahr 1990 in Tsd.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), (2019), https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/demografie-mitten-im- wandel.html.

Deutsche Männer werden rund 79 und deutsche Frauen rund 84 Jahre alt. Der weltweite Durchschnittswert liegt dagegen bei 70 Jahren (Männer) bzw. 75 Jah­ren (Frauen).14 2017 waren 17,7 Millionen Menschen in Deutschland älter als 64, was somit 40 Prozent mehr als noch im Jahr 1995 waren. Prognostiziert wird, dass es bis zum Jahr 2050 einen Anstieg auf bis zu 23,3 Millionen geben wird.15 Es steigt also gleichzeitig auch der Anteil an älteren Menschen in Relation zur Gesamtbevölkerung und die absolute Zahl der älteren Menschen nimmt zu (Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung im Jahr 2018 in Deutschland im Ver­gleich zum Jahr 1990 in Tsd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Reale und prognostizierte Entwicklung der deutschen Bevölkerung im Alter von 20 bis 66 Jahren in der Zeit von 1990-2060

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis) (2019), https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft- Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/_inhalt.html.

Dies zeigt den Effekt des „dreifachen Alterns“, welcher für die demographische Alterung der Bevölkerung typisch ist.14 15 16 Schon 2030 soll mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung 60 Jahre alt und älter sein, worunter 6,5 Millionen Men­schen 80 Jahre alt und älter sein werden. Aufgrund der zunehmenden Lebenser­wartung steigt die Zahl der älteren Menschen, wobei aber gleichzeitig ein Rück­gang der deutschen Bevölkerung, besonders in den nächsten Jahren zu beobach- ten ist bzw. zu beobachten sein wird (Abbildung 2: Reale und prognostizierte Entwicklung der deutschen Bevölkerung im Alter von 20 bis 66 Jahren in der Zeit von 1990 bis 2060). In der vom statistischen Bundesamt erstellten Abbildung 2 sind drei denkbare Szenarien dargestellt, welche beschreiben wie sich die im Erwerbsalter befindende Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten entwickeln kann. Deutlich wird, dass alle Varianten ein Schrumpfen dieser Bevölkerungs­gruppe prognostizieren. Die stärkste Schrumpfung besteht gemäß dieser Be­trachtung dann, wenn ein niedriger Wanderungssaldo besteht, also nur eine ge­ringe Anzahl von Menschen mehr in Deutschland einwandert als es andere ver­lassen. Die entsprechend mildeste Variante des Bevölkerungsrückganges besteht dann, wenn ein hoher Wanderungssaldo besteht, also wesentlich mehr Men­schen in Deutschland einwandern, als es zu verlassen.

Prognostiziert wird, dass die Zahl der Menschen, welche ein Alter ab 67 aufwei­sen, sich bis zum Jahr 2039 verdoppeln wird. Anschließend soll der Anstieg abfla­chen und sich die Zahl der ab 67-Jährigen stabilisieren.17 Der derzeit sehr starke Anstieg der Menge der älteren Bevölkerung ist auch zu einem großen Teil auf die geburtenstarken Jahrgänge von 1946 bis 1964 zurückzuführen. Man Bezeichnet diese Generation als die „Babyboomer“, da der zahlenmäßige Anstieg der Gebur­ten nach dem Zweiten Weltkrieg so stark war, dass man diese Jahrgänge als die geburtenstärksten bezeichnen kann.18 Die ältesten Vertreter dieser Generation sind mittlerweile 74 Jahre alt, die Jüngsten 55 Jahre alt. Der größte Teil dieser Generation befindet sich also in dem Alter, welches bei der Betrachtung der Entwicklung von steigenden Pflegebedarfen, mit Bezug auf demographische Ver­änderungen eine hohe Relevanz aufweist.

In der Alterspyramide ist die eben beschriebene Altersgruppe sehr gut zu identi­fizieren. Sie befindet sich oberhalb des sogenannten Pillenknicks, welcher etwa zwischen dem Alter 40 und 45 lokalisiert werden kann. Dieser Knick in der Bevöl- kerungspyramide trägt diesen Namen, da davon ausgegangen wurde, dass die Pille, die im August des Jahres 1960 eingeführt wurde, die Ursache für den star­ken Einbruch der Geburtenrate in Deutschland war. Diese Theorie ist allerdings nicht belegt, sondern sogar eher umstritten.19 Oberhalb dieses Knickes befindet sich nun die Gruppe, der 55- bis 65-Jährigen. Diese stellt die jüngste aber auch stärkste Gruppe innerhalb der Baby-Boomer-Generation dar.

Auf die Abbildung 1 bezogen ist dies die Bevölkerungsgruppe, die den höchsten Anteil an der Gesamtbevölkerung hat. Im Jahre 2018 umfasste die deutsche Be­völkerung insgesamt 1 414 000 55-Jährige Menschen. Von diesem Punkt ausge­hend sinkt die Anzahl der Personen in den einzelnen Jahrgängen wieder bis zum Alter von 74 Jahren. Diese stellen dann den ältesten Jahrgang der Baby-Boomer­Generation dar.

Der Baby-Boomer-Generation steht nun eine zahlenmäßig deutlich geringere Generation gegenüber, die mit Pflegebedarfen konfrontiert wird, die sie aus dem zahlenmäßigen Ungleichgewicht heraus, sehr schwer bedienen kann.

Begleitet wird dies von der Zunahme der Pflegebedürftigkeit, denn mit einem zunehmend höheren Alter geht im Regelfall auch eine Zunahme der Risiken an körperlichen und psychischen Beschwerden zu leiden einher. Bei einem Alter unter 60 Jahren besteht eine Pflegewahrscheinlichkeit von 1,3 Prozent. Bei ei­nem Alter zwischen 60 und 80 Jahren erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf 7,0 Prozent. Ein erheblicher Unterschied ist bei einem Alter über 80 Jahren zu erken­nen. Die Pflegewahrscheinlichkeit ist mit 37,1 Prozent mehr als fünf Mal höher als zwischen 60 und 80 Jahren und sogar fast 29 Mal höher als bei einem Alter unter 60.

[...]


1 Vgl. Görres (2013), https://www.bosch- stif- tung.de/sites/default/files/publications/pdf_import/2013_Gesundheitsberufe_Online_Ein zelseiten.pdf S. 19-20.

2 Vgl. Ehrentraut et al. (2019), https://www.bertelsmannstiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikation en/VV_Langzeitpflege_final.pdf S. 19.

3 Vgl. Jürgensen (2019), https://www.bibb.de/dokumente/pdf/Pflegehilfe_und_Pflegeassistenz.pdf S. 7.

4 Vgl. Ehrentraut et al. (2019), https://www.bertelsmannstiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikation en/VV_Langzeitpflege_final.pdf S. 19.

5 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2018), https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/ausbildungs--und-pruefungsverordnung- fuer-die-pflegeberufe/122884.

6 Vgl. Statistisches Bundesamt (Destatis) (2018), https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/06/PD19_242_12411.html.

7 Vgl. Ehrentraut et al. (2019), https://www.bertelsmann- stif- tung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_Langzeitpflege_final.p df S. 13.

8 Vgl. Görres (2013), https://www.bosch- stif- tung.de/sites/default/files/publications/pdf_import/2013_Gesundheitsberufe_Online_Ein zelseiten.pdf S. 19-20.

9 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2011), https://www.arbeitsagentur.de/datei/Klassifikation-der- Berufe_ba017989.pdf S. 27.

10 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2011), https://www.arbeitsagentur.de/datei/Klassifikation-der- Berufe_ba017989.pdf S. 27.

11 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2019), https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer- Content/Arbeitsmarktberichte/Berufe/generische-Publikationen/Altenpflege.pdf S. 7.

12 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2011), https://www.arbeitsagentur.de/datei/Klassifikation-der- Berufe_ba017989.pdf S. 27.

13 Vgl. Schmid & Schmid (2018), https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/demografische- alterung-51464/version-274631.

14 Vgl. Eglitis-media (2020), https://www.laenderdaten.info/lebenserwartung.php.

15 Vgl. Ehrentraut et al. (2019), https://www.bertelsmann- stif- tung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_Langzeitpflege_final.p df S. 12.

16 Vgl. Tews (1999), S. 138-139.

17 Vgl. Statistisches Bundesamt (Destatis) (2019), Statistisches Bundesamt (Destatis). (2018), https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft- Umwelt/Gesundheit/_Grafik/_Statisch/Pflege_BeduerftigeInsgesamt.png?__blob=poster.

18 Vgl. Eberhardt (2015), S. 39.

19 Vgl. Korte & Schäfers (2013), https://books.google.de/books?id=- qnPB- gAAQBAJ&pg=PA83&lpg=PA83&dq=pillenknick+deutschland+erkl%C3%A4rung&source=bl &ots=0IAtU0oUgT&sig=ACfU3U1pZmvuysZ32ZxWJzVL65DqYw3_zw&hl=de&sa=X&ved=2a hUKEwjTtPzIjejpAhWS- CuwKHU3VDMo4ChDoATAGegQIChAB#v=onepage&q=pillenknick%20deutschland%20erkl %C3%A4rung&f=false S. 83.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Entwicklung des Pflegebedarfs in Deutschland. Konsequenzen auf den Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung
Hochschule
Hochschule der gesetzlichen Unfallversicherungen
Jahr
2020
Seiten
57
Katalognummer
V1129120
ISBN (eBook)
9783346496195
ISBN (Buch)
9783346496201
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, pflegebedarfs, deutschland, konsequenzen, unfallversicherung
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Entwicklung des Pflegebedarfs in Deutschland. Konsequenzen auf den Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1129120

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