Die Phänomenologie Edmund Husserls. Rekonstruktion des Entwurfes zur "Grundprobleme der Phänomenologie 1910/11"


Hausarbeit, 2017

22 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung in die Phanomenologie Edmund Husserls

Ziel dieser Arbeit

1. Kapitel: Das „Ich“ in der „natürlichen Einstellung“
1.1 Das „Ich“ als „Erlebende“
1.2 Das „Ich“ mit dem „Leib“
1.3 Das „Ich“ und die Möglichkeit der „Einfühlung“
1.4 Das „Ich“ und die Erscheinung der „Dinge“
1.5 Das „Ich“ und das Problem der „Evidenz“
1.6 Das „Ich“ und die „Erfahrungswissenschaft“

2. Kapitel: Das „Ich“ in der „phanomenologischen Einstellung“
2.1 Das „Ich“ und die „Ausschaltung“ der Empirie
2.2 Das „Ich“ und die Wahrnehmung „reiner Erlebnisse“
2.3 Die „phanomenologische Reduktion“ anhand eines Beispiel
2.4 Schlussworte zur der „phanomenologischen Methode“
2.5 Erörterung einiger Einwande gegen die „phanomenologische Forschung“

3. Fazit

4. Ausblick

Literaturverzeichnis

Einführung in die Phanomenologie Edmund Husserls

Für das 20. Jahrhundert verbindet sich der Begriff „Phanomen“ mit der Philosophie Edmund Husserl, der als Vater einer der einflussreichsten, neuzeitlichen philosophischen Schulen gilt, der Phanomenologie (vgl. Prechtl & Burkard, 2008, S. 449). Phanomenologie bezeichnet allgemein eine spezifisch philosophisch ausgerichtete Wissenschaft und Methode, die sich mit den Erscheinungen der Wirklichkeit befasst, wie sie im Raum und Zeit, in ihrer Mannigfaltigkeit und Veranderungen im menschlichen Bewusstsein gegeben sind (vgl. ebd., S. 448). Das „Phanomen“ ist der sinnlich gegebene Gegenstand, sowie er den Menschen unmittelbar vor den Augen liegt (vgl. ebd.). Husserl weicht aber von dieser Begrifflichkeit ab, weil er „Phanomen“ eher versteht als die Art und Weise, wie ein Gegenstand den Menschen als „transzendentales Subjekt“ in der Tat gegeben ist (vgl. ebd.). Der Begriff „Phanomen“ stammt aus dem altgriechischen Wort „^aivóp.svov“ und bezeichnet den Gegenstand, was den Menschen erkennbar und sichtbar in ihrer mannigfaltigen Form erscheint, „- logie“ der zweite Teil des Begriffes „Phanomenologie“ kommt aus dem altgriechischen Wort „léysiv“ und bezeichnet das innere geistige schauen eines Gegenstandes (vgl. ebd., 2008, S. 348 f.) und genau diese Vorgehensweise verfolgt Edmund Husserl (vgl. Prechtl & Burkard, 2008, S. 449). Der Ausgangspunkt seiner Philosophie ist die Annahme der Korrelation von Bewusstsein und Welt (vgl. Husserl, 1977, S. 60), welcher durch den Begriff der „Intentionalitat“ klassifiziert wird und meint: „das Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist“ (vgl. ebd., S. 74). Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass alles raumlich-zeitliche „Sein“ der empirischen Welt insofern nur vorhanden ist, wenn es in Beziehung mit einem „denkenden, erinnernden, erfahrbaren Bewusstsein“ steht (vgl. Prechtl & Burkard, 2008, S. 449). Dazu ist die „empirische Welt“ als Korrelat für sinnstiftende Bewusstseinsleistungen zu verstehen, welcher den Menschen erst ermöglicht, sie in ihrer Bedeutungsdimension und hinsichtlich ihres Geltungscharakters als „etwas vorhandenes“ verstehen zu können (vgl. ebd.). Die Aufgabe der Phanomenologie Husserls bestehe also darin, die „feststehenden“ Bewusstseinsleistungen der „Ichs“ in ihrer allgemeinen Struktur zu erforschen (vgl. ebd.). Indem die fraglos gültige empirische Welt der „Ichs“ in der „natürlichen Einstellung“ der Alltagswelt eingeklammert (Epoche) wird und hinsichtlich ihrer Geltung, zunachst als fragwürdig dahingestellt wird, bis in der phanomenologischen Reflexion die dafür „grundlegenden allgemeinen Sinnkonstitutionsleistungen des Bewusstseins aufgezeigt sind“ (vgl. Prechtl & Burkard, 2008, S. 449).

Ziel dieser Arbeit

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, einen Überblick über die Grundlagen der „transzendentalen Phanomenologie“ Edmund Husserls zu geben, welcher aus den Vorbereitungen und Manuskripten seiner Vorlesungen „Grundprobleme der Phanomenologie aus dem Wintersemester 1910/11“ stammt (vgl. Husserl, 1977, S. 1 ff.). Um den Rahmen dieser Hausarbeit nicht zu umfangreich zu gestalten, wird nur eine nahere Ausführung zu den folgenden Begriffen gemacht: „natürlichen Einstellung“, „Ich“, „Leib“, „Einfühlung“, „Dinge“, „Evidenz“, „Erfahrungswissenschaft“, „phanomenologische Einstellung“, „Ausschaltung“, „Einklammerung“, „phanomenologische Reduktion“, „phanomenologische Urteile“, „Solipsismus“ und „Transzendenz in der Immanenz“. Denn sowohl für Philosophen1 als auch „Nicht-Philosophen“ scheint die transzendentale Phanomenologie Edmund Husserls abstrakt und kompliziert zu sein, sodass anhand von Beispielen die Vorgehensweise seiner Methode der „phanomenologischen Reduktion“ für den Leser greifbar gemacht wird. Die vorliegende Arbeit gliedert sich wie folgt in zwei groBe Themenblöcke. Im ersten Kapitel wird die Welt des „Ichs“, also der Menschen in ihrer „natürlichen Einstellung“ rekonstruiert. Husserl erwahnt, dass die einzelnen „Ichs“ in der Welt, in der sie gemeinsam leben und direkt oder indirekt sozial miteinander interagieren, unendlich viele „physische Dinge“ vorfinden und versuchen aufgrund ihrer wechselnden Erfahrungsgegebenheiten, eine gewisse „Erfahrungswissenschaft“ zu betreiben (vgl. ebd., S. 29). Zu den „Erfahrungswissenschaften“ zahlen vor allem die „Naturwissenschaften“ und die „Psychologie“, die darauf abzielen, die Zustande von unendlich vielen „physischen Dingen“ sowohl theoretisch als auch kausalgesetzlich zu erklaren (vgl. ebd.). Im zweiten Kapitel wird die Welt des „Ichs“, bei der Fragestellung nach dem Zweck und Sinn des Ganzen „Seins“, in der „phanomenologischen Einstellung“ veranschaulicht. Dabei wird gezielt die Methode der „phanomenologischen Reduktion“ dargestellt und in Bezug auf ein Beispiel naher erlautert. Mit dieser Methode möchte Husserl konkret auf das „reine Bewusstsein“ hinweisen und aufzeigen, dass esdabei nicht bedingt auf eine „objektive Natur“, wie in den Naturwissenschaften ankomme, sondern eher um die reflexive Perspektive des „reinen Bewusstsein“ geht (vgl. Held, 2014, S. 12f.). Der Anspruch der philosophischen Methode ist sowohl alle „Urteile“ sowie „Vorurteile“ zu durchstreichen, alles Wissen zu widerrufen, indem man zu einem radikalen Nichtwissen zurückkehrt und die „Phanomene“ in seiner direkten Gegebenheit im Bewusstsein als „reines Phanomen“, das heiBt „theoriefreies Phanomen“, erfasst (vgl. ebd., 2014, S. 13). In dem,an die Stelle der „Doxa“, also der Meinungen, „Episteme“, das „wahre Erkennen“ treten soll (vgl. ebd.).Im Anschluss des zweiten Kapitels werden einige Einwande gegen die Methode der „phanomenologischen Reduktion“ von Husserl erlautert und versucht diese anhand der Aussagen von Husserl selbst zu entkraften. Zuletzt wird ein Fazit über die beiden Kapitel gezogen und die Methode der „phanomenologischen Reduktion“ in Bezug auf seine allgemeine Nützlichkeit im Teil des Ausblicks erlautert.

1. Kapitel: Das „Ich“ in der „natürlichen Einstellung“

Inder „natürlichen Einstellung“, in der Menschen leben und sich alltaglich den „Dingen der Welt“ zuwenden, besteht in jedem Akt des menschlichen Tuns, intuitiv die „Seinsetzung“ beziehungsweise das „Vorfinden“ von „Dingen“ (vgl. Husserl, 1977, S. 16). Damit ist gemeint, dass zum Beispiel das „Ich“ sich selbst als seiend vorfindet. Mit anderen Worten erfahrt sich das „Ich“ selbstals seiend (vgl. ebd., S. 24). Im ersten Kapitel wird der Vorgang des „Vorfindens“ naher erlautert.

1.1 Das „Ich“ als „Erlebende“

In der „natürlichen Einstellung“ können auch Menschen ihre philosophischen Blickanderungen vollziehen (vgl. ebd., S. 16). Das Vollziehen meint hier eine deskriptive Vorgehensweise, in der jeder Einzelne die „Vorfindlichkeiten dieser Einstellung“ als Zentrum seiner eigenen Umgebung beschreibt. Als ein Beispiel: das „Ich“ findet in seiner Umgebung „Raume“, „Freunde“, Familienmitglieder“ vor und weiB von „Dingen“, die dem „Ich“ zugehörig sind, welche „Dinge“ dem „Ich“ negativ beeintrachtigen können, und es weiB auch, was jedes „Ding“ für ein Erscheinungsbild hat, beziehungsweise wie das „Ding“ sich in Zukunft entwickeln wird. Husserl nennt die „natürliche Einstellung“ auch als die „Einstellung der Erfahrung“ (vgl. Husserl, 1977, S. 24). In der „natürlichen Einstellung“ findet das „Ich“ sich nicht nur redend als „Ich“ vor, sondern kann auch speziell nur ihn zugehörigen Merkmalen, Gefühlen, Erinnerungen und Erlebnissen in seiner Umgebung vorfinden (vgl. ebd., S. 16). Das „Ich“ kann nach Husserl auchAussagen über sich selbst treffen und vorherbestimmen, er sei diese Art von Mensch (vgl. ebd.). Jedes „Ich“ macht also in der „natürlichen Einstellung“ verschiedene Erfahrungen, zieht seine Urteile, kann einen Schmerz unterschiedlich erleiden und so weiter. Aus diesem Grund schlussfolgert Husserl, dass sich das „Ich“ nicht als ein „Gehabtes“ oder „erlebtes Ich“ vorfindet, sondern der „Vollziehende“ von „Icherlebnissen und Dispositionen“ ist, namlich in einer Zeitin dem er frühere Erlebnisse mit soeben geschehenen Erlebnissen in Relation setzen kann, und sich somit als etwas „Seiendes“ bezeichnet (vgl. ebd., S. 22).

1.2 Das „Ich“ mit dem „Leib“

Der Leib, welches ein lebendiger Körper ist, bezeichnet Husserl als ein raumzeitliches „Ding“ in einer unbegrenzt fortgehenden „dinglichen Umgebung“. Das „Ich“ ist leiblich. Der Leib ist dem „Ich“ gegeben und das „Ich“ findet ihn vor (vgl. ebd.S. 18). Der eigene Leib ermöglicht raumliche Orientierung und wird vom „Ich“ als Zentrum empfunden, von dem aus auch Raumverhaltnisse und Perspektiven klar werden. Das „Ich“ kann mit Hilfe des Leibes unmittelbar wahrnehmen und erinnert sich unmittelbar in retentionaler Erinnerung an Erlebnisse (vgl. ebd., S. 19). Mit dem Vorgang der „Retention“ wird die Fahigkeit des Bewusstseins verstanden, neben den ihm zuflieBenden aktuellen Wahrnehmungen, auch Wahrnehmungen des unmittelbar vorangegangenen Augenblicks festzuhalten. In dieser Anschauung findet das „Ich“ „Dinge“, „die da sind“, es weiB von den „Dingen“ hinsichtlich all ihrer dinglichen Eigenschaften, Veranderungen und Konstanten, und es weiB auch, dass diese Dinge, auch wenn sie für den Moment nicht vorhanden sind, endlos an sich in einer Daseinskette vorhanden sein können (vgl. ebd., S. 17 f.). Nur das, was jedes „Ich“ direkt vorfindet oder indirekt in Gewissheit „Dinge“ meint, können zugleich auch in eine allgemeine „Evidenz“ verwandelt werden. Jedes „Ich“ ist sich auchbewusst, dass es beim eigenen Denken sich im Zweifel irren kann, wahrend allgemeine Aussagen, welche von vielen Blickwinkeln erleuchtet und bestatigt wurden, jeden Einzelnen evident erscheinen können (vgl. Husserl, 1977, S. 18).

1.3 Das „Ich“ und die Möglichkeit der „Einfühlung“

Weiterhin findet das „Ich“ auch „Dinge“ in seiner aktuellen Umgebung vor, die er als „fremde Leiber“ oder „fremde Ichs“ bezeichnet. Die „fremden Leiber“ besitzen auch ein „Ich“ und jedes „Ich“ sieht die Leiber eines Anderen durch die Möglichkeit der „Einfühlung“ als „Trager“ von „Ichsubjekten“ an (vgl. ebd., S. 19). Durch die „Einfühlung“ haben einzelne „Ichs“ die Möglichkeit, auch andere „Ichs“ durch „fremdes Erleben“, „fremde Charakteranlagen“ vorzufinden, aber nicht in dem Sinne, wie die eigene „gegebene“ und „gehabte Erfahrung“, sondern sie werden in gewisser Weise als „fremdwahrgenommene Leiber“ wahrgenommen, die ihresgleichen ahnelt, und die ebenfalls ein Bewusstsein, Dispositionen, Charaktereigenschaften und eine Umgebung besitzen (vgl. ebd., 19 f.). Jedes „Ich“, das ein „fremdes Leib“ in seiner wechselseitigen Umgebung vorfindet, fasst diesen „Ich“ auch mit einem nur ihm zugehörigen „Eigenleib“ auf. Alle „Ichs“ fassen sich in ihrer wechselseitigen Umgebung mit anderen „Ichs“ als „relative Mittelpunkte“ auf, namlich in der einen und selben raumzeitlichen Welt. Gleichzeitig stellt jedes „Ich“ für den anderen „Ich“ durch verschiedene Anordnung der „fremden Leiber“ in derselben Welt, einen „Umgebungspunkt“ dar (vgl. ebd., S. 20).

1.4 Das „Ich“ und die Erscheinung der „Dinge“

Husserl führt weiter aus, dass jedes „Ich“ weiB, was ein Raum ist. Das „Ich“ kann seine Orte im Raum andern und meint mit „hier“ einem jeweiligen Ort, der für jeden „Ich“ ein anderes sein kann (vgl. ebd., S. 20). Genauso verhalt es sich auch zu den „Dingerscheinungen“ in derselben Welt, je nach verschiedener Stellung im Raum erscheint dasselbe „Ding“, beispielsweise ein „Tisch“, jedem auf eine andere Weise (vgl. ebd., S. 21.). Der „Tisch“ kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, wie zum Beispiel von vorne, hinten, oben oder unten und für den Einzelnen aus einer anderen Perspektive wahrgenommen werden, namlich das, was das eine „Ich“ als „vorne“ bezeichnen würde, könnte eventuell ein anderes „Ich“ am „Tisch“ als „hinten“ auffassen (vgl. ebd., S. 21). Derselbe „Tisch“ mit denselben „Eigenschaften“ würde den „Ichs“ nur aus einer anderen Perspektive erscheinen, dass durch die jeweiligen Stellungen im Raum verursacht wird. Gleichfalls können auch „Dinge“ ihren Platz im Raum andern, zum Beispielkannein „fremdes Ich“, welches zugleich ein bewegliches „Ding“ darstellt, von der Küche ins Wohnzimmer gehen, sodass diesfür einige „Ichs“ in derselben Wohnung bewirken würde, dass das „Ich“, dass sich bewegt hat,aus einer neuen Perspektive wahrgenommen wird (vgl. Husserl, 1977, S. 21). Diese Bewegungen von „Dingen“, die kontinuierlich ablaufen, seine „Leibesstellungen“ mit anderen „Leibern“ beziehungsweise „Dingen“ vertauschen, ergeben eine Veranderung der kontinuierlichen Erscheinungen der erfahrenen „Ichs“ (vgl. ebd.). Interessant ist in diesem Zusammenhang die Fragestellung, ob die Erscheinungen von zwei „Ichs“ dieselbe ware, wenn sie sichin einem normalen, also gesunden Zustand befinden und exakt ihre objektive Raumstellung vertauschen würden? Husserl führt zu diesem Fall den Begriff der „Normalitat“ ein und antwortet dazu, dass hier eine „ideale Situation“ der Wahrnehmung herrsche, indem zwei „Ichs“, durch die Vertauschung ihrer Raumstellung, dieselbe Erscheinung in ihrem Bewusstsein finden würden, „die früher im Bewusstsein des anderen realisiert gewesen waren“ (vgl. ebd.).Dieser Fall würde einen „idealen und normalen Zustand“ darstellen, welcher im Allgemeinen aber nie exakt so auftreten würde, weil „jeder eine ungefahre Korrespondenz seiner Erscheinungen mit denen anderer“ annimmt und dazu unter anderem auch Abweichungen und Ausnahmen findet, welche Husserl unter dem Titel der „Krankheit“ klassifiziert (vgl. ebd., S. 21 f.). Mit dem Begriff der „Krankheit“ versteht Husserl Abweichungen, die von dieser „Normalitat" an Empfindungsablaufen auftreten können, in dem, zum Beispieldie Sinnesorgane beeintrachtigt sein könnten (vgl. ebd., S. 22). Als Beispiel kann hier die Berührungsempfindung von „kranken“ und „gesunden“ Menschen aufgeführt werden. Dieselbe Berührung kann von einer kranken Person als „Schmerz“, von einer normalen beziehungsweise gesunden Person dagegen als „Gestreichel“ oder „Gekraule“ empfunden werden. Husserl erwahnt, dass jedes „Ich“ auf die „Dinge“, die er wahrnimmt seine Erfahrungen macht und beschreibt oder urteilt aufgrund dieser Erfahrungen. Diese Urteile werden dann in der Wechselverstandigung mit anderen „Ichs“ ausgetauscht (vgl. ebd.). Erst, wenn sich die „Ichs“ nicht einig zwischen den Empfindungen sind, wird die Frage gestellt, was unter Umstanden als „Normalitat“ des entsprechenden Sinnesfeldes vorausgesetzt wird.

1.5 Das „Ich“ und das Problem der „Evidenz“

Welche Erfahrungen von „Ichs“ stufen die Menschen nun als „normal“ oder „krank“ ein? Husserl führt das Problem der „Evidenz“ von Erfahrungen in der „natürlichen Einstellung“ auf. Was das eine „Ich“ mit Gewissheit an „Dingen“ vorgefunden hat, kann nicht gleich mit einem „unmittelbaren Wahrheitsanspruch“ gleichgesetzt werden. Denn, was das „Ich“ erfahrt und beschreibt und darüber seine Urteile zieht,sind zwar nach Husserl als „absolut evident“ anzusehen, aber eben evident als„blosse [sic!] Ausdrücke der Erfahrung“ des „Ichs“ (vgl. Husserl, 1977, S. 24 f.). Diese Aussagen von Urteilen stellen nur eine vollkomme Evidenz für das jeweilige Subjekt dar. Husserl verwendet dafür auch den Begriff der „Erfahrungsthesis“ (vgl. ebd.). Die „Erfahrungsthesis“ stellt die Behauptungen der Erfahrungen desSubjektes dar, namlich in seiner „Welt“ als „Seiendes“, dass in Kontakt mit anderen Subjekten tritt, die ebenfalls als „Seiendes“ eingeordnet und klassifiziert werden. Für die Allgemeinheit können diese Urteile über „Dinge“ zunachst einmal bloB als „rein beschreibende Aussagen“ gelten und eine „unvollkommene Evidenz“ darstellen. Denn Husserl erwahnt, dass den Menschen, wie bereits vorhin mitgeteilt, bekannt sei, dass auch Erfahrungen die Wahrnehmung der Menschen tauschenkönnen:

Jeder weiB, dass „Erfahrung auch trügen kann“, er weiss [sic!], dass er zwar ein Recht hat, der Erfahrung folgend auszusagen, dass aber trotzdem das Erfahrene „nicht wirklich zu sein braucht“ (ebd., S. 25).

[...]


1 Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit ausschlieBlich die mannliche Form benutzt. Es können dabei aber sowohl mannliche als auch weibliche Personen gemeint sein.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Phänomenologie Edmund Husserls. Rekonstruktion des Entwurfes zur "Grundprobleme der Phänomenologie 1910/11"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V1129199
ISBN (eBook)
9783346495976
ISBN (Buch)
9783346495983
Sprache
Deutsch
Schlagworte
phänomenologie, edmund, husserls, rekonstruktion, entwurfes, grundprobleme
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Phänomenologie Edmund Husserls. Rekonstruktion des Entwurfes zur "Grundprobleme der Phänomenologie 1910/11", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1129199

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