Der Mann im Mond, Himmel und Hölle und das Schlaraffenland in der mittelalterlichen englischen Literatur


Magisterarbeit, 2008
127 Seiten, Note: 1,85

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Das „finstere“ Mittelalter – eine schwindende Assoziation

2 Der Mythos vom Mann im Mond
2.1 Ursprünge
2.1.1 Die griechische Mythologie als erste Quelle
2.1.2 Vermischung der antiken Vorlagen mit einer Bibelepisode
2.2 Englische Überlieferungen: Vom Mittelalter bis zu Shakespeare
2.2.1 Alexander Neckam
2.2.2 „Man in the Moon“
2.2.2.1 Der Text in der Brook-Ausgabe
2.2.2.2 Inhaltliche Erläuterungen zum Gedicht
2.2.2.3 Sprachliche und metrische Gesichtspunkte
2.2.2.4 Interpretationsansätze
2.2.3 Das Motiv bei Chaucer und Henryson
2.2.4 Shakespeares inhaltliches und idiomatisches Aufgreifen des Motivs
2.3 Variantenreicher Mythos im deutschen Sprachraum

3 Literarische Darstellungen von Himmel und Hölle in der mittelalterlichen Visions- und Immram literatur
3.1 Definition und Überblick über die Gattungen Vision und Immram
3.1.1 Die Vision des Tundal
3.1.2 Die Seereise des Heiligen Brendanus
3.2 Die vier eschatologischen Räume in der mittelalterlichen Vision
3.2.1 Fegefeuer und Hölle
3.2.1.1 Das Reinigungsfeuer in der Vorstellung des Christentums
3.2.1.2 Die Vorstellung der Hölle im jüdischen und christlichen Glauben
3.2.1.3 Die Vermischung von Hölle und Fegefeuer in der Vision des Tundal und der Navigatio Sancti Brendani Abbatis
3.2.1.3.1 Feuer, Wasser und Lärm als feste Bestandteile von infernum und purgatorium
3.2.1.3.2 Die Unterwelt aufgeteilt in verschiedene „Aufenthaltsbereiche“
3.2.1.3.2.1 Homers Hades als Vorbild für mittelalterliche Unterweltsbeschreibungen
3.2.1.3.2.2 Die Höllenräume und Läuterungsstationen in Tundals Vision mit Hinblick auf Dante
3.2.2 Paradies und Himmelreich in der mittelalterlichen Literatur
3.2.2.1 Zusammenhänge, Überschneidungen und Abgrenzungen
3.2.2.2 Lokalisierungsversuche im Mittelalter
3.2.2.3 Die Paradiesbewohner und ihre Bezirke in der Vision Tundals
3.2.2.4 Himmlisches Ambiente
3.3 Die Prüfungen der Jenseitsreisenden
3.3.1 Die Brücke in Tundals Unterwelt
3.3.2 Die Feuerprüfungen
3.3.3 Der Weg als Ziel in der Navigatio Sancti Brendani Abbatis ?

4 Ein irdisches Paradies geformt von Menschenhand: Das Schlaraffenland – The Land of Cokaygne
4.1 Die historische Entwicklung des Topos und dessen Motive in Europa im Hinblick auf den mittelenglischen Harley-Text
4.1.1 Die Idee der `Utopia´ seit Hesiod und Platon bis Thomas Morus
4.1.2 Paradies und Schlaraffenland im Zeichen des Goldenen Zeitalters
4.1.2.1 Die paradiesischen Inseln Atlantis und Meropis
4.1.2.2 Das Augusteische Zeitalter
4.1.2.3 Die Wunderländer von Lukian und Laktanz
4.2 Hochzeit des Motivs im europäischen Mittelalter
4.2.1 Darstellungen in Italien, Spanien und Frankreich
4.2.1.1 Etymologie der romanischen Termini
4.2.1.2 Ein Überblick über die bekanntesten Schlaraffenland-Texte des mittelalterlichen Europa
4.2.2 „The Land of Cokaygne“ – ein mittelenglisches Gedicht über das Schlaraffenland der Mönche
4.2.2.1 Etymologische Betrachtung der westgermanischen Terminologie
4.2.2.2 Überlieferung und Gattung sowie sprachliche Beobachtungen in „The Land of Cokaygne“
4.2.2.3 Die Verwendung der traditionellen Schlaraffenlandtopoi
4.2.2.4 Die spezielle Bedeutung des Karnevalesken für das Schlaraffenlandmotiv
4.3 Die Vermischung der Schlaraffenlandtopoi mit Motiven aus den mittelalterlichen Vorstellungen von Paradies und Himmelreich
4.4 Die Weiterentwicklung der Schlaraffenland-Motivik in der Neuzeit

5 Ein komparativer Rückblick mit Fokus auf intentionale und inhaltliche Gemeinsamkeiten in „The Man in the Moon“, „The Land of Cokaygne“ und der Vision des Tundal

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Die Harley Lyrics, ihr Standort in der Harley Handschrift und

deren Positionierung nach Ker und Brook

„An Invitation to Lubberland“

„The Land of Cokaygne“

1 Das „finstere“ Mittelalter – eine schwindende Assoziation

Das `Mittelalter´ – bei genauerer Betrachtung ein wenig aussagekräftiger Name für eine Ära in der Geschichte, welche eine alles andere als kurze Zeit – nämlich etwa 1100 Jahre – umfasst. Doch nicht nur, dass diese despektierlich als „medium aevum“ (`mittleres Zeitalter´) bezeichnete Zeit in den Augen einiger Humanisten des 14., 15. und 16. Jahrhunderts, wie Poggius Florentinus (1380-1459)[1] und Ludwig Vives (1492-1540), den „Niedergang der Literatur“ (Varga 1978, 87) repräsentierte und damit den Status einer „Überbrückungszeit“ zwischen der hoch verehrten Antike einerseits und der Renaissance andererseits einnahm – vielmehr erhielten die ersten fünf Jahrhunderte des Mittelalters den Beinamen „finster“, um die vermeintliche literarische Unproduktivität und den schwarzen Fleck auf der historischen Zeitleiste in eine Metapher zu fassen. Einige Humanisten sahen sich in diesem Zusammenhang selbst als „Vetreiber“ dieser Finsternis (Varga 1978, 88).[2]

Erst schätzungsweise seit den letzten beiden Jahrhunderten genießt das Mittelalter – und es soll im Folgenden ausnahmslos wertungsfrei als Begriff gebraucht werden – durch das Zutun von Historikern wie August Potthast[3], Theodor E. Mommsen und Horst Fuhrmann[4] wieder immer größer werdenden Respekt – obgleich es auch im 20. Jahrhundert die Konnotation des „Barbarentums“ noch nicht vollends abgelegt zu haben scheint (Le Goff 1984, 11). Doch auch der unwürdige Begriff `Dunkles Zeitalter´ verschwindet zusehends (Mommsen 1959, 107), und dies alles nicht zuletzt weil gerade das frühmittelalterliche Europa durchaus eine Vielzahl literarischer Meisterwerke hervorbrachte – man denke nur an das in altenglischer Sprache verfasste epische Heldengedicht Beowulf. Dieses von einem unbekannten Autor geschaffene Werk ist nicht nur deshalb so kostbar, weil es uns lediglich in einer einzigen Handschrift, der in der British Library in London aufbewahrten Cotton Vitellius A.XV, überliefert ist, sondern vor allem deshalb, weil es nicht nur eine faszinierende Geschichte erzählt, sondern auch sprachlich, metrisch und stilistisch von größter Bedeutung für die heutige Linguistik ist.

Gerade solch fantastische Motive, wie sie unter anderem in Beowulf auftreten, ziehen sich bis heute durch die Weltliteratur und haben ihre Ursprünge vorwiegend in Antike und Frühmittelalter und gerade das Hochmittelalter brachte einige literarische Meister hervor, die zwangsläufig auch altehrwürdige Traditionen übernommen haben. Der im 12. Jahrhundert schaffende Poet und Troubadour Chrétien de Troyes beispielsweise, Verfasser von Erec et Enide (`Erek und Enide´) und Le Chevalier de la charrette (`Der Karrenritter´), gilt als einer der wichtigsten literarischen Vertreter Westeuropas und das 13. und 14. Jahrhundert brachte in Italien den Philosophen Dante Alighieri und den Humanisten und Dichter Giovanni Boccaccio hervor. Ein späterer Zeitgenosse des letzteren war Geoffrey Chaucer, der Schöpfer der Canterbury Tales (`Canterbury Erzählungen´), der nicht nur von den italienischen Großmeistern lernte, indem er beispielsweise aus der Commedia [5] (`Komödie´) von Dante und dem Il Decamerone (`Das Dekameron´) von Boccaccio Motive übernahm und Wendungen entlehnte[6], sondern ebenso wie eben genannte Autoren auch der frühmittelalterlichen Literatur seine Ehrerbietung erwies, indem er diversen Topoi dieser Zeit – so zum Beispiel dem „Mann im Mond“ – in seinen Werken einen Platz einräumte.

Anerkennenswert ist das Mittelalter auch nicht zuletzt deswegen, weil es Mittler und Vermittler zwischen Antike und Renaissance war. Gerade den Schreibern dieser Zeit ist es nämlich vorwiegend zu verdanken, dass uns unzählige der im Humanismus in höchstem Maße gepriesenen antiken Werke erhalten sind. Seit dem Frühmittelalter konzentrierte man sich in Europa nämlich zunehmend auf das Systematisieren und Kopieren von klassischer Literatur, sowie ihre Bereitstellung für den zeitgenössischen und den Erhalt für die zukünftigen Leser. Im Vergleich zu antiker Literatur ist uns allerdings vor allem aus dem frühen Mittelalter verhältnismäßig wenig überliefert, was unter anderem auf die wachsende kirchliche Zensur, aber auch auf praktische Gründe zurückzuführen ist: Pergament war teuer und wurde nicht selten mehrmals verwendet, was bedeutet, dass das vorher Geschriebene durch Rasur weitestgehend entfernt und überschrieben wurde. Des Weiteren kann man nur vermuten, wie viele Schriftstücke uns aufgrund von Unfällen wie Bränden oder Überflutungen verloren gegangen sind (Dinzelbacher 1981, 79).

Hinzu kommt, dass die Zahl der Gelehrten, die zu lesen und schreiben vermochten, gerade im Frühmittelalter nur sehr gering war und sich fast ausschließlich aus Klerikern und Adeligen zusammensetzte. Das hatte natürlich zur Folge, dass nur kleine Mengen von Text kopiert werden konnten. Außerdem darf die Tatsache nicht vernachlässigt werden, dass es grundsätzlich nur wenigen Menschen möglich war, sich eine das Schreiben und Lesen umfassende Bildung zu leisten und die Erziehung der Kinder reicher Familien, denen dies möglich gemacht wurde, fiel damit automatisch in geistliche Hände. Dies machte die Kirche mit ihrem ohnehin übermächtigen Einfluss auf Mensch und Gesellschaft zu dem zentralen Sammlungsort antiker Schriften und der uns überlieferten mittelalterlichen Prosawerke und Dichtungen. Da überrascht es wenig, dass die wenige auf uns gekommene mittelalterliche Literatur überwiegend religiöse Themen behandelt. Eine bedeutende Ausnahme bildet dabei die Harley Handschrift 2253, welche mehr als die Hälfte der vor dem 14. Jahrhundert entstandenen säkularen Werke, mitunter auch die berühmten Harley Lyrics, enthält, die im Zusammenhang mit der Mann-im-Mond-Thematik noch von speziellem Interesse sein werden.

Gerade im Hoch- und Spätmittelalter entstehen schließlich zunehmend dichterische Werke aus der Feder von weltlichen Autoren, die sich sowohl mit alltäglichen Themen als auch aus eigener, zumeist kritischer Sichtweise mit Missständen in Gesellschaft und Kirche auseinandersetzen. Häufig wurden dabei ursprünglich antike, jedoch gerade religiös stark konnotierte Topoi herangezogen, um sich in zum Teil satirisch-komischer und gesellschaftskritischer Weise über den moralischen Verfall der Kirche sowie ihrer Anhänger und die Willkür der Mächtigen auszulassen. Der Aberglaube der Gesellschaft spielt dabei eine besonders große Rolle. Erickson schreibt:

Medieval perception was characterized by an all-inclusive awareness of simultaneous realities. The bounds of reality were bent to embrace – and often to localize – the unseen, and determining all perception was a mutually held world view which found in religious truths the ultimate logic of existence. (1976, 27)

Eben diese zum Teil für real gehaltenen Orte, Plätze und Legenden spiegeln sich besonders deutlich in den Mythen des Mannes im Mond, des Himmel- und Hölle-Motivs und des dem irdischen Paradies so ähnlichen Schlaraffenlands wider. Deren literarische Entwicklung soll in den kommenden Kapiteln komparatistisch aufgezeigt werden, wobei die Darstellung derselben vorwiegend im englischen Mittelalter, jedoch stets mit Rücksicht auf westeuropäische Einflüsse im Zentrum der Betrachtung stehen werden.

2 Der Mythos vom Mann im Mond

Das Kindermärchen vom Mann im Mond, der, aus der menschlichen Gesellschaft verbannt, als Strafe für seine Sünde verdammt dazu ist, auf dem Mond auf ewig sein Dasein zu fristen, ist ein Mythos mit einer Jahrhunderte langen Geschichte. Mit speziellem Fokus auf die mittelalterlichen Darstellungen des Mondmannes soll im Folgenden ein chronologischer Überblick über die Entwicklung dieses bis heute populären Motivs gegeben werden.

2.1 Ursprünge

2.1.1 Die griechische Mythologie als erste Quelle

Schon in der Antike bestand weithin die Meinung, im Mond verberge sich etwas Geheimnisvolles, was die menschliche Fantasie natürlich hinreichend anregte. Der im ersten und zweiten Jahrhundert n. Chr. lebende Philosoph und Biograph Plutarch schreibt seine eigenen Gedanken in dem Kapitel „Über das Mondgesicht“ (griech. Περὶ τοῦ ἐμφαινομένου προσώπου τῷ κύκλῳ τῆς σελήνης) in seinen Moralia (griech. ’Ηθυκά) nieder. Die Sprecher in diesem Kapitel, nämlich Sulla, der den Mythos erläutert, der Dialogsführer Lamprias und Apollonides, ein Gelehrter der Geometrie (Cherniss and Helmbold 1957, 3ff.), liefern dabei geradezu verblüffend modern anheimelnde Erklärungen des mysteriösen Antlitzes im Mond. So sei die Mondoberfläche von Höhlen und Kratern bedeckt, welche den Menschen einer optischen Täuschung aussetzen könnten (920) und Apollonides behauptet, dass die Flecken eine Spiegelung des Ozeans seien (921). Menschen mit „guter Sehkraft“ kämen folglich zu der falschen Überzeugung, ein Gesicht oder eine Gestalt auf der Mondoberfläche zu sehen (920).[7][8]

Plutarch demonstriert in seinem Werk jedoch nicht nur seine logischen Gedankengänge, sondern auch überwiegend seine Toleranz gegenüber der zu seiner Zeit bekannten Religionen, während er selbst ab etwa 95 n. Chr. ein Priesteramt im Apollontempel in Delphi innehatte. So steht außer Zweifel, dass ihm vor allem die diversen Götterfiguren des griechischen Polytheismus bekannt gewesen sein müssen und somit auch die Mondgöttin Selene (Σελήνη), welche den Vollmond verkörpert (Allan et al. 2002, 181). Die Legende besagt, sie habe sich in den Hirten Endymion verliebt und ihn, damit er sie nie mehr verlassen könne, in ewigen Schlaf versetzt. Der etwa 120 n. Chr. geborene, griechische Satiriker Lucianos von Samosata beschreibt dies in seinen Lügengeschichten (Φιλοψευδής) in Form eines Dialogs zwischen Venus und Luna (Selene) folgendermaßen:

Luna. Mir, liebe Venus, scheint er [Endymion] sehr schön zu seyn: zumal wenn er auf seinem über den Felsen hingespreiteten Jagdpelze schlummert, und in der Linken etliche Wurfpfeile hält, die ihm schon aus der Hand entschlüpfen, den rechten Arm aber mit einer unbeschreiblichen Grazie um seinen Kopf herumgebogen hat, so daß die Hand einen Theil seines schönen Gesichtes verdeckt. So liegt er in den reizendsten Schlummer aufgelöst, und sein sanfter Athem ist so rein und lieblich als wär' er mit Ambrosia genährt. Ich gestehe dir, daß ich mich dann nicht enthalten kann, so sachte als möglich herabzusteigen, auf den äussersten Fußspitzen, aus Furcht ihn aufzuwecken, zu ihm hinzuschleichen, und dann - doch, wozu brauche ich dir zu sagen was weiter erfolgt? Genug, ich läugne nicht daß ich vor Liebe schier von Sinnen komme.[9]

Des Weiteren berichtet Lukian in seinem mit einem Abenteuerroman vergleichbaren Werk Die Wahre Geschichte (Áληθή διηγήματα) von seiner unfreiwilligen Reise auf den Mond, wo er besagtem Endymion begegnet:

Es schien, dass auch er ein Sterblicher war. Er hieß Endymion und war im Schlaf von der Erde entführt worden. Nach seiner Ankunft war er zum König dieses Landes gemacht worden, welches wir, wie er sagte, auf der Erde als Mond kennen. Er machte uns Mut und bat uns, uns nicht zu sorgen. Alles, was wir benötigen, werde er uns gerne geben.[10]

In diesem Mythos liegt, wie viele Historiker glauben, die Grundidee des `Mannes-im-Mond´ verborgen: Die Vorstellung eines einfachen Mannes, der auf dem Mond bis in alle Ewigkeit gefangen ist (Moormann & Uitterhoeve. 1995. 255).

2.1.2 Vermischung der antiken Vorlagen mit einer Bibelepisode

Die Legende vom Mann im Mond beginnt also bereits im Altertum und auch unsere heutige Vorstellung baut grundsätzlich darauf auf. Allerdings trug sicherlich die Bibel gravierend dazu bei, dass dieser womöglich durch die griechische Endymion-Episode beeinflusste Topos dauerhaft umgeprägt wurde. Im 4. Buch Mose, den Numeri, wird folgendes berichtet:

32.Und als die Söhne Israel in der Wüste waren, da fanden sie einen Mann, der am Sabbattag Holz auflas. 33. Und die ihn gefunden hatten, wie er Holz auflas, brachten ihn zu Mose und zu Aaron und zu der ganzen Gemeinde. 34. Und sie legten ihn in Gewahrsam, denn es war nicht genau bestimmt, was mit ihm getan werden sollte. 35. Da sprach der Herr zu Mose: Der Mann soll unbedingt getötet werden; die ganze Gemeinde soll ihn außerhalb des Lagers steinigen. 36. Da führte ihn die ganze Gemeinde vor das Lager hinaus, und sie steinigten ihn, dass er starb, so wie der Herr dem Mose geboten hatte.[11]

In der Bibel findet sich offensichtlich noch keinerlei Zusammenhang mit dem später als Exil fungierenden Mond, andererseits hat sich der uns bekannte Mythos der grausamen Todesstrafe durch Steinigung entledigt. Es scheint also, als hätte sich spätestens das Mittelalter – vorwiegend der in lateinischer Literatur gebildete Klerus – die Geschichte des Mannes, der Holz stiehlt und dafür hart bestraft wird, dazu zunutze gemacht, um die Zehn Gebote des Herrn über einen großen Radius hinaus zu propagieren. In Anbetracht der Tatsache, dass der bis heute weitergegebenen Volkserzählung die obig genannten Inhalte zugrunde liegen, spricht dies für den offensichtlichen Erfolg der Kirche.

Allerdings gibt Johannes Praetorius (1630-1680) in seinem Werk Anthropodemus Plutonicus, das ist, Eine Neue Weltbeschreibung aus dem Jahre 1666 den Hinweis darauf, dass neben der Vorstellung von einem Mann, der am Sabbat Holz gesammelt hatte, auch der Glaube bestanden habe, dass der Mann auf dem Monde Isaak sei (Grimm 1844, 681): „entweder der Mann […] / so am Sabbath Tage Holtz gelesen / und drüber ist gesteinigt worden: Oder daß es Isaac sey / der sein Bündlein Holtz selber auf den Berg Moriam getragen hat zum Menschen-Opffer“ (Praetorius 1666, „Von Mond-Leuten“, 26f.) .

In Dantes Commedia tritt des Weiteren Kain („Caino“) an zwei Stellen (Grimm 1844, 682) mit einem Dornbusch („le spine“) auf dem Rücken auf (2,51 und 20,126) (Wilkins and Bergin 1965, 78). Allerdings steht diese Erwähnung allein nicht in offensichtlichem Zusammenhang mit dem Mann im Mond, zeichnet durchaus aber wieder das motivtypische Bild eines Mannes mit Holz auf dem Rücken. Inwieweit hier allerdings eine Verbindung vorliegt, kann nicht genau bestimmt werden, obwohl Landino hierzu bemerkt: „cioè la luna, nella quale i volgare vedendo una certa ombra, credono che sia Caino, c’habbia in spalla una forcata di pruni“ (`das heißt, dass die Menschen im Mond einen gewissen Schatten sehen und glauben, dass es Kain sei, der auf seiner Schulter ein Bündel Dornen trägt´) (Grimm 1844, 682). Und sei auch hier keine explizite und für den heutigen Leser nachvollziehbare Verbindung zum Mann im Mond-Motiv selbst hergestellt, findet sich der `Dornbusch´ doch bis hin zu Shakespeare und dessen Mann-im-Mond- Beschreibung wieder.[12]

2.2 Englische Überlieferungen: Vom Mittelalter bis zu Shakespeare

2.2.1 Alexander Neckam

Der im Jahre 1157 im englischen St. Albans geborene Wissenschaftler, Theologe und Schriftsteller Alexander Neckam, der ab 1213 das Amt eines Abts übernimmt, bezieht sich ebenfalls auf das Mann-im-Mond-Motiv (Baring-Gould 1906, 196). Dies beweist, dass der Mythos bereits gegen Ende des 12. Jahrhunderts – seine naturwissenschaftliche Schrift De naturis rerum, welche die Erwähnung enthält, ist sicher vor 1204 entstanden – bereits recht verbreitet gewesen sein muss (Wedge 1967, 46).

Neben Neckams diversen anderen lateinischen Prosa- und Dichtungstexten mit scholastischem, didaktischem, enzyklopädischem und theologischem Inhalt ist vor allem De naturis rerum von besonderem historischen Interesse, wobei für diese Abhandlung natürlich die überhaupt erste, in Buch 1, Kapitel 14 belegte Erwähnung des bis heute in unserem Mann-im-Mond-Bild typischen Reisigbündels auf seinem Rücken von größter Relevanz ist:

Rusticus in luna, Der Bauer im Mond,

Quem sarcina deprimit una, Wie ihn sein Bündel niederdrückt,

Monstrat per spinas Die Dornen sind Beweis dafür,

Nulli prodesse rapinas.[13] dass sich Diebstahl nicht lohnt.

Neckam gibt zuvor in seinem Kapitel über „Mondflecken“ weitere verschiedene Erklärungen für dieses Phänomen, indem er sie zum Beispiel auf Höhlen an der Mondoberfläche, welche die Sonnenstrahlen nicht reflektieren, zurückführt. Er stellt weiterhin fest, dass uns dieser Fleck an die Sünde von Adam und Eva erinnern solle und damit den dadurch entstandenen Schandfleck auf der Heiligen Kirche repräsentiert. Der Mondfleck werde erst dann verschwinden, so behauptet er, wenn alle Planeten und Sterne stillstünden und auch die Kirche von eben jenem Schatten frei sei (Wedge 1967, 161f.).

Der Mann im Mond stellt also laut Neckam die personifizierte Sünde, hier speziell das 8. Gebot des Dekalogs aufgreifend, dar, vernachlässigt allerdings das Sabbat- exemplum aus der Bibel. Generell kann man feststellen, dass Nequams eher naturwissenschaftlich fundierte Erklärungen für den Mondfleck ausschließlich an den gebildeten Leser, sein Bezug auf die Legende vom Mann im Mond hingegen an den „simple reader“ und „common people“, wie Wedge aus dem Lateinischen übersetzt (Wedge, 1967, 161), gerichtet zu sein scheinen. Alexander nennt nämlich klar seine Meinung, dass solche Mythen nur im niederen Volke weitergegeben und in bäuerlicher Naivität und Aberglauben für wahr gehalten werden, was selbstverständlich auch der Grund dafür ist, dass seine Ausführungen zum Mann im Mond sich auf so wenige Zeilen beschränken (Wedge, 1967, 45-47). Diese Meinung scheint auch der bereits erwähnte Schriftsteller Johannes Praetorius aus dem 17. Jahrhundert zu teilen, wenn er schreibt, dass „Mond-Leute statuiret werden /, wenn nehmlich die albern und abergläubischen Leute vorgeben / daß die schwartze Flecke im Mondlichten / entweder der Mann […] oder […] Isaac sey“ (Praetorius 1666, „Von Mond-Leuten“, 26f.).

2.2.2 „The Man in the Moon“

2.2.2.1 Der Text in der Brook-Ausgabe

Mit diesem anonym verfassten Text ist nun der Mittelpunkt der mittelalterlichen Mann-im-Mond-Beschreibung erreicht. Mit seinen vierzig Zeilen ist dieses Gedicht das längste uns aus dieser Epoche überlieferte Werk zu diesem Thema. Gemäß der Einteilung von Brook, aus dessen in 4. Auflage im Jahre 1968 erschienenen Werk The Harley Lyrics. The Middle English Lyrics of MS. Harley 2253 der Text wie folgt übernommen ist, nimmt das Poem die Nummer 81 in besagter Handschrift ein. Es befindet sich im Manuskript, welches in der British Library in London aufbewahrt wird, auf den Folios 114v-115r und zählt außerdem zu den so genannten Harley Lyrics, insgesamt 32 Gedichten in eben jener Handschrift. Der Grund für die Besonderheit und den damit verbundenen Bekanntheitsgrad dieser Gedichte ist, dass sich unter ihnen die ersten auf uns gekommenen Liebesgedichte in mittelenglischer Sprache befinden.[14]

1 Mon in þe mone stond[15] ant strit[16], Der Mann im Mond steht und schreitet voran.
2 on is bot-forke is burþen he bereþ ; An einer Heugabel trägt er seine Last.
3 hit is muche wonder þat he nadoun slyt, Ein Wunder, dass er nicht ausrutscht und fällt
4 for doute leste he valle he shoddreþ ant Aus Angst zu fallen zittert er und dreht sich

shereþ.

5 When þe forst freseþ muche chele he byd ; Wenn der Frost kommt, friert er in der Eises-

kälte.
6 þe þornes beþ kene, is hattren to-tereþ. Die scharfen Dornen zerreißen seine Kleider.
7 Nis no wyht in þe world þat wot wen he syt, Niemand hat ihn jemals sitzen sehen,
8 ne, bote hit bue þe hegge, whet wedes he Oder, außer es ist die Hecke, welche Kleider

wereþ. er trägt.
9 Whider trowe þis mon ha þe wey take? Wohin denkst du führt ihn sein Weg?
10 He haþ set is o fot is oþer toforen Einen Fuss hat er vor den anderen gesetzt

11 ffor non hiþte þat he haþ ne syht me hym Keine Mühe ist in Sicht, dass er sich bewegt,

ner shake,
12 he is þe sloweste mon þat euer wes yboren. So langsam wie er ist keiner.
13 Wher he were o þe feld pycchynde stake, Als ob er auf dem Feld Stöcke sammle,

14 for hope of ys þornes to dutten is doren, hoffend, dass die Dornen die Löcher

schließen.[17]
15 He mot myd is twybyl oþer trous make Er muss Feuerholz hacken mit seiner

zweischneidigen Axt.

16 oþer al is dayes werk þer were yloren. Damit nicht sein Tagewerk umsonst gewesen

sei.
17 þis ilke mon vpon heh whener he were Ob eben dieser Mann in der Höhe
18 wher he were y þe mone boren ant yfed, auf dem Mond geboren und gesäugt worden

ist,

19 He leneþ on is forke ase a grey frere ; ist er auf seinen Stock gestützt wie ein grauer

Mönch.
20 þis crokede caynard sore he is adred. Dieser Trödler hat stets die Angst im Nacken.

21 Hit is mony day go þat he was here[18] ; Viele Tage sind vergangen, da er hier ist.
22 ichot of is ernde he naþ nout ysped. Ich weiß dass seine Besorgung nicht erfolg-

reich war.
23 He haþ hewe sumwher a burþen of brere, Er hatte irgendwo einen Dornstrauch

geschlagen,
24 þarefore sum hayward haþ taken ys wed. Weswegen ein Vogt ihm ein Pfand abnahm.
25 ʒef þy wed ys ytake bring hom þe trous, Wenn das Pfand genommen wurde, bring das

Holz nach Hause

26 sete forþ þyn oþer fot, stryd ouer sty[19]. Setze auch deinen anderen Fuss vor und

übertritt die Schwelle
27 We shule preye þe haywart hom to vr hous Wir werden den Vogt zu uns nach Hause

einladen
28 ant maken hym at heyse for þe maystry, und er soll sich ganz wie zu Hause fühlen

29 drynke to hym deorly of fol god bous, Und vergnügt trinken wir auf ihn mit dem

besten Likör

30 ant oure dame douse shal sitten hym by. Und meine gerissene Frau wird bei ihm sitzen

31 When þat he is dronke ase a dreynt mous, Wenn er dann betrunken ist wie eine ersoffene

Maus
32 þenne we schule borewe þe wed ate bayly. Nehmen wir dem Verwalter das Pfand wieder

ab.
33 þis mon hereþ me nout þah ich to hym crye ; Aber der Mann im Mond hört mich nicht

rufen.
34 ichot þe cherl is def þe del hym to-drawe! Ich glaube der Kerl ist taub, der Teufel soll

ihn zerreissen!
35 þah ich ʒeʒe vpon heþ nulle nout hye, Ganz gleich, wie sehr ich ihn anschreie, er

will sich nicht beeilen.
36 þe lostlase ladde con nout o lawe. Dieser teilnahmslose Bursche hat keine

Manieren.
37 Hupe forþ, Hubert, hosede pye ! Jetzt komm schon, Hubert, du Weinpastete!
38 ichot þart amarscled into þe mawe. Mir reicht es mit dir!
39 þah me teone wiþ hym þat myn teþ mye, Wenn ich mich auch über ihn ärgere, dass

meine Zähne knirschen,
40 þe cherl nul nout adoun er þe day dawe. Dieser Flegel wird nicht vor dem Morgen-

grauen herunterkommen.[20]

2.2.2.2 Inhaltliche Erläuterungen zum Gedicht

Das Gedicht beginnt mit den Zeilen „Mon in Þe mone stond and strit, / On is botforke is burÞen he bereÞ“ (V.1f.), zu deutsch: `Ein Mann steht und geht auf dem Mond / An einer Heugabel trägt er seine Last´. Wie aus dem Text hervorgeht, ist dieser Mann ein Bauer, was seine Attribute deutlich zeigen: botforke – `Heugabel´ (V.2) und twybyl – `doppelschneidige Axt´ (V.15). Er hatte unerlaubt Holz gehackt, um die Löcher in einigen Hecken zu flicken: „Wher he were o Þe feld pycchynde stake / For hope of ys Þornes to dutten is doren“ (V.13f.).[21]

Als ein „Hayward“, ein kommunaler Gutsverwalter (Garbáty 1984, 654), ihn auf frischer Tat ertappt, verlangt er dem Mann ein Pfand ab – laut Müller ist dies seine Kleidung, was der Grund dafür sei, dass er so friere (1911, 154) –, welches sicherstellen soll, dass der Bauer später eine angemessene Wiedergutmachung für diesen Diebstahl bezahlen würde: „Þarefore sum Hayward haÞ taken ys wed“ (V.24). Der Bauer hinterlässt dem Verwalter zwar offenbar ein solches Pfand, flieht jedoch auf den Mond, um der Geldstrafe zu entgehen.

Dies ist der Moment, in welchem sich der Dichter selbst einschaltet – mit der Absicht, den Bauern aus seiner misslichen Lage zu befreien, weil er Mitleid für ihn und seine Situation empfindet: „For doute leste he valle he shoddreÞ and shereÞ / When Þe forst freseÞ muche chele he byd“ (`Er zittert wie Espenlaub und fürchtet zu fallen / Wenn der Frost kommt und er die Eiseskälte ertragen muss´, V. 4f.). Der Sprecher beschließt, besagten „Hayward“ in sein Haus einzuladen und ihn „betrunken wie eine Maus“ (`dronke ase a dreynt mous´, V.31) zu machen – er verwendet hier ein auch später in Chaucers Canterbury Tales vorkommendes Idiom[22] –, so dass dieser am Ende den ursprünglich verlangten „bayly“ (dt. `Eid´, `Pfand´) vergesse oder widerrufe: „We shule preye Þe haywart hom to vr hous […] When Þat he is dronke ase a dreynt mous / Þenne we schule borewe Þe wed ate bayly“ (V. 27ff.).

Doch wenn der Leser bis jetzt noch dachte, es werde ein `Happy Ending´ für den Bauern auf dem Mond geben, so wird er am Schluss des Gedichts, in den Zeilen 33-40, jäh eines Besseren belehrt: Obgleich nämlich nun der Plan des Autors aufgegangen, der Gutsverwalter betrunken und gewillt ist, den Mann zu begnadigen, kann der Verfasser den Bauern nicht dazu bewegen, vom Mond herabzusteigen: „þis mon hereþ me nout þah ich to hym crye / ichot þe cherl is def þe del hym to-drawe!“ (`Doch dieser Mann hört mich nicht, egal wie laut ich zu ihm rufe / ich glaube der Lump ist taub, der Teufel soll ihn holen!´, V. 33f.). Der Bauer scheint sich also gegenüber den Rufen des Dichters taub zu stellen, was letzteren rasend vor Wut macht: „ichot þart amarscled[23] into þe mawe. / þah me teone wiþ hym þat myn teþ mye,“, V.38f. (`Mir reicht es mit Dir! / Ich bin so wütend, dass mir die Worte fehlen´). Diese Worte lassen vermuten, dass der Erzähler am Ende kapituliert und den Bauern und dessen Rettung, welche dieser anscheinend selbst nicht erstrebt, schließlich aufgibt.

2.2.2.3 Sprachliche und metrische Gesichtspunkte

Somit wäre zumindest die Handlung des Gedichts zusammengefasst, wenn auch der Text die Sprachwissenschaft immer noch stellenweise vor das ein oder andere Verständnis- und Datierungsproblem stellt. Zu letzterem zuerst: Die New Paleographical Society hat als Entstehungszeitraum des Gedichts die Jahre 1314 bis 1325 festgesetzt (Garbáty 1984, 653), welcher sich aus diversen datierbaren historischen Ereignissen, auf welche einige politische Gedichte in der Harley Handschrift 2253 hindeuten, ergibt.[24]

Die einzelnen Gedichte können ebenfalls nur bedingt anhand diverser Dialekte bestimmten Ursprungsorten zugeordnet werden, wobei hier erwähnt werden sollte, dass die Handschrift Gedichte in lateinischer, alt- und mittelenglischer Sprache enthält und noch dazu fünf verschiedene Schreiber differenziert werden konnten, die vermutlich selbst ihre eigenen Dialekte in die Texte miteinbrachten. Diese Faktoren erschweren die Identifizierung des ursprünglichen Dialekts erheblich, jedoch stellt Bödekker fest, dass die Sprache mit großer Sicherheit generell dem Süden Englands zuzuordnen sei (1878, 175).

„The Man in the Moon“ stellt die Sprachwissenschaftler allerdings vor besonders komplexe Probleme verständnisspezifischer Art, was sicherlich mitunter der Grund dafür ist, dass es kaum Interpretationen und Übersetzungen des Textes gibt. Zum einen deuten die häufigen Alliterationen (stond ant strit, V.1 ; burþen he bereþ, V.2 ; forþ þyn oþer fot, stryd ouer sty, V. 26) darauf hin, dass das Gedicht im Zeichen des so genannten `Alliterative Revivals´ entstanden ist (1320-1339), welches die im Altenglischen noch gängige[25], danach allerdings nur noch selten verwendete Alliteration wieder aufgreift. Andererseits weist zum Beispiel die unregelmäßige und recht willkürlich erscheinende Schreibung des Phonems /u/ als <v> in `upon´ (`mon vpon´, V.17; `vpon´, V35) darauf hin, dass das Gedicht auch älter sein könnte.

Metrisch und im Hinblick auf Strophen und Verse weist das mittelenglische Gedicht vom Mann im Mond starke Ähnlichkeit zur altfranzösischen Romanze auf (Böddeker 1878, 175). Der Reim ist zwar durchgehend abababab und durchschnittlich finden sich pro Vers vier Hebungen (Wells 1923, 490), doch der Rhythmus wirkt insgesamt und aufgrund diverser Aspekte recht ungleichmäßig. Kontraktionen wie er (V. 40) für `ever´, wher (V. 18) für `wheÞer´ und del (V. 34) für `deuel´[26] sind Beispiele hierfür und deuten, wie Böddeker konstatiert, außerdem auf einen „ungebildeteren Dichter“, vielmehr sogar auf einen „Spielmann“ als Verfasser des Poems hin (1878, 175). Doch ist durchaus nicht auszuschließen, dass die Unebenheiten in Rhythmus und Vers, sowie die umgangsprachlich anmutende Wortwahl vom Dichter bewusst gewählt sind – vielleicht sogar, um mit besonders scharfem Zynismus den Standesunterschied zwischen einerseits dem gebildeten, zur Oberschicht gehörenden Gutsverwalter und andererseits dem Bauern Hubert und dem vermutlich ebenfalls aus der Unterschicht stammenden Erzähler zu betonen.[27] Sarkasmus findet sich schließlich auch an anderen Stellen, wie in V. 16, wo es heißt „Sonst wäre ja all sein Tagewerk dort umsonst“ im Sinne von `unbelohnt´ – die Vermutung liegt nahe, dass es das sicher ohnehin ist (Bödekker 1878, 176).

Neben der Unsicherheiten bezüglich Datierung und Lokalisierung des Mann-im-Mond-Gedichts, weist dasselbe auch ein paar sprachlich-etymologische Problemfälle auf. Hierzu gehört beispielsweise die Unsicherheit um die Bedeutung des Wortes amarscled in Vers 38, „Ichot Þart amarscled into Þe mawe“ noch ungeklärt, jedoch besteht die Vermutung, dass es im Zusammenhang mit mawe die Bedeutung `voll von´ trägt (Fein 2000, 189f.). Interessant erscheint auch, dass „Hayward“ in V. 24 auf <d> endet, wohingegen in V. 27 ein <t> die Wortendung bildet. Dies ist jedoch wahrscheinlich auf das mit stimmlosem Frikativ beginnende Wort „hom“ zurückzuführen.

In V. 37 findet sich außerdem die Wendung hosede pye, deren Übersetzung bis heute strittig ist. Falls die Übersetzung `Weinpastete´, wie sie bei Müller (1911, 154) zu finden ist, korrekt wäre, könnte dies darauf hindeuten, dass der Bauernstand seine Sorgen und Hilflosigkeit in Alkohol zu ertränken pflegte. Eine andere, weniger umstrittenere Übersetzung, die bei Garbáty zu finden ist, lautet `trousered magpie´ (1984, 654), ins Deutsche wörtlich wiederzugeben mit `Elster in Hosen´. `Elster´ würde hier also erneut auf des Bauern Diebstahl hindeuten. Diese Übersetzung scheint auch das Middle English Dictionary (Kuhn and Reidy 1963, 959) zu bestätigen, welche die Wendung aus „Mon in Þe mone“ unter dem Lexem hōsen anführt und folgende Angaben zur Bedeutung des Wortes liefert:

hōsen v. P.ppl. i) hōsed, ōsed. [From hose n.; also cp. OF hoser.]

(a) To furnish (sb.) with hose or other leg-wear; put on hose; (b) ppl. hosed, furnished with or having hose; clad in or wearing hose […][28]

2.2.2.4 Interpretationsansätze

Vergleichsweise liegen in „The Man in the Moon“ weniger sprachliche Unklarheiten vor als in anderen Texten, so dass sich hier nichts von der Intention und Aussage des Autors verliert. Die Tatsache, dass derselbe dem Bauern zu Hilfe kommt, zeigt an sich schon, dass er keinerlei ernsten oder ermahnenden Bezug auf die Bibelepisode nimmt, sondern vielmehr auf satirisch-humoristische Art und Weise Kritik an den „haywards“ des späten Mittelalters ausübt, welche als Grundbesitzer und Herren über ihre Pächter als Inbegriff der Unterdrückung derer gelten. Der Verstoß des Bauern gegen das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ wird hier also in Anbetracht dessen vernachlässigt, dass seine Tat in den Augen des Sprechers offenbar nicht annähernd an das ihm und seinem Stand von Seiten der Reichen bisher zuteil gewordene Unrecht heranreicht. Somit fungiert der Schöpfer von „The Man in the Moon“ in seinem Werk als Richter über Gut und Böse und greift in dieser, für frühere Leser und Hörer sicherlich durchaus aufrührerisch anmutenden, Satire selbst ein, um die Gerechtigkeit für diesen Bauern und repräsentativ für den gesamten despektierlich behandelten Bauernstand wieder herzustellen.

Garbáty kommt sogar zu der Auffassung, dass dieses Gedicht – seiner Meinung nach ein „unusual example of verse in the native folk tradition“ – weniger mit dem Mond und dem Mann auf ihm, als mit der generellen Beschreibung des Bauernstandes in England zu tun habe. Deshalb betone der Text so stark das Trinken und erkläre so genau die alltägliche Arbeit eines Bauern (1984, 653). Seiner Meinung nach ist das Poem also nicht zwangsläufig als Gesellschaftskritik zu verstehen, sondern vielmehr als komisch-erheiternde Beschreibung eines typischen Bauernlebens. Diese Interpretation scheint allerdings etwas zu wenig Tiefgang zu besitzen und den eindeutig satirischen Kern des Gedichts fälschlicherweise zu vernachlässigen.

Doch der uns unbekannte Autor verfolgt noch eine weitere Intention, welche er wohl nur unter dem Deckmantel der Anonymität und im Rahmen der Dichtung, die generell mehr Interpretationsspielraum lässt als dies Prosatexte tun, offen aussprechen kann: Er tadelt nicht nur die stark ausgeprägte Klassengesellschaft der damaligen Zeit, sondern übt Kritik am Klerus, indem er den reglosen Bauern im Mond in V. 19 satirisch als „a grey frere“ bezeichnet, also den Mönchen Faulheit, eine der sieben Todsünden, vorwirft. Offenbar war dies im 14. Jahrhundert ein weit verbreiteter Stereotyp von den „grauen“ Franziskanermönchen (Garbáty 1984, 654).[29]

Besonders hart allerdings geht er mit dem Verhalten des Bauern ins Gericht, eines Mannes, der hier das gesamte Bauerntum und die unterdrückte, hart arbeitende Unterschicht repräsentiert, und der trotz angebotener Hilfe nicht wagt, sich gegen die Machthabenden aufzulehnen. Dies ist sicherlich eine realistische Betrachtung der damaligen Situation: Obgleich die Bauern ohne Zweifel in der Überzahl waren – ebenso wie der Verfasser von „The Man in the Moon“ und der Bauer gegenüber dem betrunkenen Gutsverwalter in der besseren Position sind – hatten sie nicht den Mut, aus ihren ihnen von den wenigen Mächtigen auferlegten Fesseln auszubrechen und für ihre Freiheit zu kämpfen, sondern flüchteten sich in den falschen Glauben, dass es ihnen bestimmt sei, ein Leben in Knechtschaft zu führen.

Wie im Zusammenhang mit dem Schlaraffenland-Thema später noch zu sehen sein wird, spiegelt sich die Unzufriedenheit der vermeintlich einflusslosen Bevölkerung besonders im Mittelalter, und hier speziell während der Herrschaft Edwards I. (Wells 1923, 490), sehr stark literarisch wider und dies geschieht hier ebenso wie in „The Land of Cokaygne“ durch die satirisch-humoristische Kritik an den sozialen Unstimmigkeiten der Zeit und der meist untätig von oben herab zusehenden Kirche.

2.2.3 Das Motiv bei Chaucer und Henryson

Zur Zeit Chaucers muss der Mann-im-Mond-Mythos recht weit verbreitet gewesen sein. Dies beweisen allerdings keine großen Werke über denselben, sondern vielmehr die vielen einzelnen Benennungen und Hinweise auf ihn. So findet sich beispielsweise eine als idiomatische Wendung zu lesende Erwähnung des Mondmannes auch bei Geoffrey Chaucer, einem er bedeutendsten Dichter der englischen Literatur, welcher selbst gern antike Topoi und Themen in seinem Werk wiederaufleben lässt[30], in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in seiner Tragödie Troilus and Criseyde (I,147, 1023-1026):

Quod Pandarus, "thow hast a ful gret care Du machst dir ja sogar Sorgen, dass

Lest that the Cherl may falle out of the der Mann im Mond herunterfallen

moone. könnte”, sagte Pandarus.

Whi, lord, I hate of the thi nyce fare. “Ach Herr, wie närrisch du dich verhältst

Whi, entremete of that thow hast to doone! Kümmere dich um das, was du zu tun hast!

ffor goddes loue, I bidde the a boone: Um Gottes Willen, tu’ mir den Gefallen:

So lat malone, and it shal be thi beste." Lass mich zufrieden, das wird das Beste für

dich sein.[31]

Was hier vorliegt, ist kein inhaltlicher Verweis auf den Mann im Mond, sondern deutet vielmehr auf eine phraseologische Wendung hin, welche im Deutschen im obigen Zusammenhang frei zu übersetzen wäre mit `Du übertreibst maßlos´. In Boccaccios Werk Il Filostrato[32], welches Chaucers Hauptquelle für Troilus and Criseyde war, findet sich dieses Idiom allerdings nicht und auch Shakespeare, der durchaus in verschiedenen seiner Stücke das Mann-im-Mond-Thema verarbeitet, hat Chaucers Redewendung nicht in seine Tragödie Troilus and Cressida übernommen.[33]

Robert Henryson hingegen, ein schottischer Dichter des 15. Jahrhunderts, welcher sein Werk Testament of Cresseid mit Hinblick auf Chaucers Troilus and Criseyde schrieb, verwendet das Mann-im-Mond-Motiv ebenfalls (Grimm 1844, 681)[34] – und das um einiges expliziter als Chaucer es tut.

Hir gy[t]e was gray and full of spottis Ihr Mantel war grau und voll von

blak, schwarzen Flecken

And on hir breist a churle paintit full Und auf ihre Brust war gut zu erkennen

euin, ein Bauer gemalt,

Beirand ane bunche of thornis on his der einen Dornbusch auf dem Rücken

bak, trug

Quhilk for his thift micht clim na nar Und für seinen Diebstahl dem Himmel

the heuin. Nicht näher kommen darf.

(V. 260-263)[35]

Ebenso wie Neckam und der anonyme Autor von „The Man in the Moon“ übernimmt Henryson für seine Erwähnung das Diebstahlthema. Auf den Leser soll dieses Mondportrait entgegen manch bereits angeführten Mann-im-Mond-Beschreibungen alles andere als komisch wirken. Vielmehr deuten die „spottis blake“, die `schwarzen Flecken´, auf die Krankheit Lepra hin, eine Infektionskrankheit, welche im Mittelalter nicht selten von Unhygiene herrührte und den Erkrankten aufgrund der starken Ansteckungsgefahr zu einem gesellschaftlichen Außenseiter, im wahrsten Sinne des Wortes zu einem `Aussätzigen´, machte. Cresseid nämlich, die ihren Troilus mit einem anderen Mann betrügt, wird bei Henryson für ihre Untreue mit dieser deformierenden und letztendlich tödlichen Krankheit bestraft. Und das Mann-im-Mond-Symbol auf ihrer Brust kennzeichnet Cresseid alias Lady Cynthia zudem öffentlich als Aussenseiterin – interessant, dass gerade der Mann im Mond zu Henrysons Zeit der Inbegriff für einen Geächteten und von der Gesellschaft Vertoßenen zu sein scheint.

2.2.4 Shakespeares inhaltliches und idiomatisches Aufgreifen des Motivs

Im 16. bzw. 17. Jahrhundert scheint auch William Shakespeare Gefallen an dem `Mann-im Mond´-Thema gefunden zu haben. In mehreren seiner Werke macht er es sich gekonnt zunutze, wofür nun eine kleine Auswahl von Beispielen angeführt werden soll (Grimm 1844, 682)[36].

In Shakespeares bekannter, zwischen 1595 und 1596 entstandener Komödie A Midsummer Night’s Dream verwendet er während der Proben des von Quince und seinen Freunden organisierten Theaterstücks Pyramus and Thisbe die bereits vorgestellten Symbole des Mondmannes und stellt ihm außerdem einen Hund zur Seite:

QUINCE […] one must come in with a bush of thorns and a

lantern, and say he comes to disfigure, or to present, the person of Moonshine […].

(III,i,46-48)

QUINCE Einer muss mit einem Dornbusch hereinkommen und einer

Laterne, und sagen, dass er den Mann des Mondscheins darstellt or präsentiert.

Bei der Aufführung des Stücks vor der Hochzeitsgesellschaft werden Dornbusch und Laterne, welche Starveling, der den Mondmann gibt, als Symbol für den Mond selbst mit sich führt, nochmals auf komische Weise verbildlicht:

STARVELING (as Moonshine)

This lanthorn doth the hornèd moon present;

Myself the man i’th’moon do seem to be –

THESEUS This is the greatest error of all the rest; the man should be

put into the lantern. How is it else the man i’th’moon? […]

STARVELING All that I have to say is to tell you that the lanthorn is

the moon, I the man i’th’moon, this thorn bush my thorn

bush, and this dog my dog.

DEMETRIUS Why, all these should be in the lantern, for all these are

In the moon. […]

(V,i,232-246)

STARVELING (als Mondschein)

Diese Laterne repräsentiert den sichelförmigen Mond.

Und ich selbst spiele den Mann im Mond –

THESEUS Das ist doch der größte Unsinn von allen; Der Mann sollte

In die Laterne gesteckt werden. Wie sonst soll er der

Mann im Mond sein?

STARVELING Alles was ich Euch sage ist, dass die Laterne

Der Mond ist, ich der Mann im Mond, dieser Dornbusch

mein Dornbusch, und dieser Hund mein Hund.

DEMETRIUS Naja, all diese Dinge sollten in der Laterne stecken, denn sie alle

Sind im Mond.

Die Laterne („lantern“) also versinnbildlicht das Licht des Mondes und somit den Mond selbst und ist somit das für das Verständnis des Publikums wichtigste Attribut. Der Dornbusch weiterhin ist, wie hier erneut zu sehen ist, das traditionellste Merkmal der Mann-im-Mond-Vorstellung und fehlt auch in dieser Darstellung nicht. Vermeintlich „neu“ scheint allerdings bei Shakespeare, dass der Mondmann von einem Hund begleitet wird, doch der Hund als Gefährte des einsamen Mannes auf dem Mond taucht nicht zum ersten Mal bei Shakespeare auf, sondern bereits im Jahre 1335 als Bild auf einem Siegel, welches Baring-Gould zeigt (1906,198). Hier ist der Mann erneut mit dem Dornenstrauch auf dem Rücken abgebildet und vor ihm sitzt ein aufmerksamer, kleiner, mit dem Schwanz wedelnder Hund, der allerdings dem Bild eines eher zu erwartenden Jagdhundes wenig ähnelt, sondern vielmehr die Vorstellung eines Schoßhundes bedient. Hund und Mann stehen beide in einem sichelförmigen Mond und um sie herum leuchten Sterne, wohl um noch deutlicher machen, dass beide sich am Himmel befinden. Das Siegel trägt außerdem folgenden lateinischen Spruch: „Te Waltere docebo cur spinas phebo gero“ (`Dich, Walter, werde ich lehren, warum ich auf dem Monde Dornen trage.´) (1906, 199).

Aus welchem Mythos oder aufgrund welcher Charakteristika das Attribut `Hund´ allerdings mit dem Mann-im-Mond-Motiv verknüpft wurde, kann heute nicht exakt nachvollzogen werden. Allerdings scheint der Hund bereits im Mittelalter ein treuer Begleiter des Menschen gewesen zu sein, vor allem bei der Jagd war er ein hilfreicher Partner. Zum anderen kannte man sicher damals wie heute das Bild von dem den Mond anbellenden Wolfshund, was besonders in Zeiten des Aberglaubens eine mystische Verbindung zwischen Hund und Mond schaffen musste. Zum anderen fällt in diesem Zusammenhang auf, dass es im 12. und 13. Jahrhundert Erwähnungen des Mondmannes Máni (altnord. `Mond´) in der skandinavischen Literatur von Snorri gibt, in welcher dieser ebenfalls von einem Wolfshund verfolgt wird (Simek ²1995, 256f.). Möglich also, dass die Einführung des Mond-Hundes mitunter diesen Aspekten zu verdanken ist.[37]

Des Weiteren weist Baring-Gould darauf hin, dass das Pendant zum Hund im Mond das Lamm in der Sonne sei und diese enge Verbindung zwischen Tier und den beiden dominanten Himmelskörpern als sehr alt eingeschätzt werden müsse[38] und ein Relikt des urzeitlichen indogermanischen Aberglaubens sein könnte (1906, 197).

Abgesehen von der Laterne, welche in A Midsummer Night’s Dream nur als Symbol auf der Bühne fungieren soll, verwendet Shakespeare den Dornbusch sowie den Hund als Begleiter des `Man in the Moon´ in seinem Theaterstück The Tempest (II,ii,145-149) konstant weiter:

CALIBAN Hast thou not dropt from heaven?

STEPHANO Out o' th' moon, I do assure thee. I was the man in th' moon

when time was.

CALIBAN I have seen thee in her; and I do adore thee. My mistress

showed me

thee, and thy dog, and thy bush.

CALIBAN Bist du nicht vom Himmel gefallen?

STEPHANO Aus dem Mond, das versichere ich dir. Ich war einst der Mann

im Mond.

CALIBAN Ich habe dich darin gesehen und bewundere dich. Meine Herrin

hat dich mir gezeigt, deinen Hund und deinen Busch.

Die Situation, in welcher der obige Dialog stattfindet, ist die, dass Caliban, der körperlich deformierte Knecht des Prospero und Sohn der Hexe Sycorax, auf Stephano trifft und ihn für den Mann im Mond hält. Im Gegensatz zu anderen bereits erwähnten und noch anzuführenden Mondmännern[39] wird dieses Motiv bei William Shakespeare nicht negativ konnotiert, vielmehr drückt er mit obig genanntem Zitat „I do adore thee“ (V. 148) seine Hochachtung für diese mythische Figur aus. Auf den Leser – beziehungsweise Zuschauer – musste diese Szene jedoch außerordentlich komisch wirken, da Stephano zum Zeitpunkt des Dialogs völlig betrunken ist und außer Caliban ihn sicher niemand für anbetungswürdig halten sollte.

Besonders wichtig zu erwähnen ist hier außerdem, dass das Reisigbündel, welches bereits in der oben angeführten Bibelstelle[40], dem mittelenglischen Gedicht „The Man on the Moon“[41], in Neckams Vierzeiler[42] sowie bei Henryson[43] ein festes Attribut des Mannes im Mond ist, auch hier erscheint. Shakespeare versteht es auf eine höchst belustigende Art, das Mann-im-Mond-Motiv zu doppeln: Während nämlich Stephano der vermeintliche Mondmann ist und seine Trunkenheit sogar die Brücke zu den Worten des anonymen Autors von „The Man on the Moon“ „[…] hosede pye“, V. 37 – vorausgesetzt man befürwortet die englische Übersetzung `wine pie´ – schlagen könnte, trägt wiederum Caliban, der Stephano für denselben hält, selbst das Reisigbündel als traditionelles Mondmann-Attribut auf dem Rücken.[44] Das Ölgemälde von William Hogarth aus dem 18. Jahrhundert zeigt Caliban interessanterweise in eben jener Ansicht.

2.3 Variantenreicher Mythos im deutschen Sprachraum

Neben der skandinavischen und der buddhistischen Mythologie (Baring-Gould 1906, 201), überliefert vor allem der deutsche Volksmund einige interessante Varianten des Mann-im-Mond-Mythos, welche sich ebenso wie die oben genannten überwiegend auf die Diebstahlgeschichte der Bibel stützen. In Schwaben erzählt man sich beispielsweise, dass auf dem Mond ein Mann und eine Frau leben. Der Mann, so sagt man, habe Holz gestohlen und die Frau verdiene ihr Exil, weil sie am Sabbat Butter gemacht habe. Somit symbolisiert bei ersterem ein Holzbündel und bei der Frau ein Butterfass deren Verbrechen vor Gott (Baring-Gould 1906, 193). Tobler weiterhin berichtet von „an arma ma“, der „am Sonnti holz ufglesa ket“ und als Strafe wählen darf, ob er lieber „ider sonn verbrenna oder im mo verfrüra“ möchte: „Do willer lieber inn mo ihi.“ (Baring-Gould 1906, 192).

Anzumerken ist hier, dass die beiden eben genannten Beispiele das 3. Gebot, also das Verbot der Arbeit am Sabbattag, welches auch die in Kapitel 2.1.2 zitierte Bibelstelle als Grund für die Bestrafung des Mannes anführt, wieder aufgreifen, nachdem dies weder das mittelenglische „The Man in the Moon“, noch Neckam, Henryson oder Shakespeare berücksichtigt haben. Offenbar hat dieses Gebot im deutschen Sprachraum größere Bedeutung als im englischsprachigen Kulturraum. Auch das bekannte „Märchen vom Mann im Monde“ von Ludwig Bechstein (1801-1860) schreibt folgendes:

Vor uralten Zeiten ging einmal ein Mann am lieben Sonntagmorgen in den Wald, haute sich Holz ab […] Da begegnete ihm unterwegs ein hübscher Mann in Sonntagskleidern […] und sagte: „[…] Weißt du nicht, dass geschrieben steht im dritten Gebot, du sollst den Feiertag heiligen?“ Der Fragende aber war der liebe Gott selbst; jener Holzhauer jedoch […] antwortete: „Sonntag auf Erden oder Mondtag im Himmel, was geht das mich an […]?“ „Du sollst deine Reisigwelle tragen ewiglich!“ sprach der liebe Gott, „und weil der Sonntag auf Erden Dir so gar unwert ist, so sollst du fürder ewigen Mondtag haben und im Mond stehen, ein Warnungsbild für die, welche den Sonntag mit Arbeit schänden!“ (Projekt Gutenberg)

In einer anderen, norddeutschen Überlieferung wird erneut das Diebstahlthema aufgegriffen und diesmal zum einen mit einem anderen Feiertag und zweitens einem anderen Objekt der Begierde verbunden: Ein armer Mann stiehlt am Weihnachtsabend Kohl aus dem Nachbargarten und wird zur Strafe für alle Ewigkeit auf den Mond gejagt. Die Legende besagt sogar, dass er jedes Jahr an Weihnachten wiederkehrt (Baring-Gould 1906, 193f.). Eine ähnliche Variante stellt den Mondmann als Schafdieb dar, der die Tiere mit Kohl angelockt hat, um ihrer habhaft zu werden, und als Strafe auf ewig mit einem Bündel Kohl auf dem Arm den Mond durchwandert (Baring-Gould 1906, 193f.). In der einen Version wird also der Sabbat zum Weihnachtstag und in beiden Erzählungen wird das Reisigbündel durch gestohlenen Kohl ersetzt. Das Diebstahlthema allerdings hat die Literatur seit dem Mittelalter offensichtlich überdauert.

Im Jahre 1912 veröffentlichte schließlich der deutsche Schriftsteller Gerdt von Bassewitz sein Märchen Peterchens Mondfahrt, welches den Mann im Mond als „böse“ und den traditionellen Vorlagen folgend als “Holzdieb, der am Sonntag stehlen wollte“ (von Bassewitz [1912] 2007, 6) darstellt. Natürlich haben die beiden Verfilmungen des Buches, die erste im Jahre 1959 und besonders der Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1990, erheblich mehr zur negativen Popularität als zum im oben angeführten mittelalterlichen Text ausgedrückten Mitgefühl für den Mann im Mond beigetragen, da er bei von Bassewitz folgendermaßen beschrieben wird:

Greulich sah der Mondmann aus! Riesengroß war er, hatte ein graues, verhungertes Gesicht, so voller Falten und Runzeln wie ein alter Stiefel. Schauderhaft häßlich war sein Mund; eine Schnauze war es fast, mit langen, gelben Zähnen; um seinen Kopf starrte verfilztes schmutziges Haar, und der Bart hing in wüsten Zotteln auf seine lange, eisgraue Kutte; auf dem Rücken baumelte ihm an einem Strick ein großes Reisigbündel, und in der einen Hand trug er eine mächtige, blanke Axt.

([1912] 2007, 104)

Abgesehen von der furchterregenden Beschreibung dieses Mondmannes, sollte hier vor allem ins Auge stechen, dass sich auch hier das auf dem Rücken getragene Reisigbündel wiederholt und sogar die Axt aus dem mittelenglischen Gedicht übernommen wurde[45]. Argumentieren könnte man außerdem, dass von Bassewitz mit seiner speziellen Wortwahl auch auf den bei Shakespeare mehrfach erwähnten Hund Bezug nimmt: „Schnauze“, „lange, gelbe Zähne“ und „Zotteln“ lassen sich durchaus stark mit der Erscheinung eines Hundes assoziieren, obgleich sie hier natürlich dem Mondmann selbst zugeschrieben werden.

Erstaunlich, wie sich die Legende von einem armen, schönen Jüngling, der mit einer in ihn verliebten Göttin fünfzig Kinder zeugt, während er auf dem Mond von ihr gefangen gehalten wird, nach über zwei Jahrtausenden einerseits in ein Kindermärchen gewandelt hat, welches ihn als grauenhaften, Kinder jagenden Riesen darstellt, während derselbe Mann andererseits in einem Schlummerlied den Schlaf der Kinder bewacht und in Theodor Storms Kindermärchen Der kleine Häwelmann (1849)[46] als wohlwollender Begleiter eines abenteuerlustigen Jungen, der nicht einschlafen will, auftritt. Eine im Mai 1960 uraufgeführte Kinderoper von Cesar Bresgen zeigt den Mondmann sogar bei der versuchten Durchsetzung des verzweifelten jedoch durchtriebenen Plans, einen Unschuldigen an seiner Statt auf dem Mond zurückzulassen, damit er zur Erde zurückkehren kann – eine Handlung, bei welcher man sich unweigerlich in die prekäre Situation des Mondmannes hineinversetzen, jedoch gleichzeitig sein Tun verurteilen muss.[47]

Gerade die Verschiedenhaftigkeit all dieser Darstellungen, die zahlreichen Facetten machen sicher die Faszination an einem Motiv wie diesem aus, nämlich dass die vielen, über die Jahrhunderte einwirkenden, variantenreichen Erzählungen und sozial-historischen Faktoren aus einer ursprünglichen Geschichte eine neue komponieren und diese, passend zu ihrer Entstehungszeit, sozialkritischen, humoristisch-satirischen oder einfach amüsant-leichten Neuschöpfungen das Publikum fesseln – und es dazu bewegen, die Geschichte vom Mann im Mond an andere weiterzugeben.

3 Literarische Darstellungen von Himmel und Hölle in der mittelalterlichen Visions- und Immram literatur

3.1 Definition und Überblick über die Gattungen Vision und Immram

Erickson schreibt in ihrem Werk The Medieval Vision folgendes:

But the enchanted world held still another realm – one which confirmed and nourished this view of reality. It was the realm of the visionary imagination. Visions erased the shear line between the known and the unknowable, the discoverable and the revealed. They interlocked the simultaneous realities; they made visible the unseen; they clarified the hidden shape of truth. (1976, 27f.)

Literarische Visionen im Mittelalter verkörpern also Aberglauben, Mythen und Legenden, gepaart mit den von der Kirche propagierten Glaubensgrundsätzen. Sie können demnach nie etwas tatsächlich Gesehenes beschreiben, sondern liefern vielmehr eine subjektive Interpretation dessen, was der oder die Visionierende gesehen zu haben glaubt und behauptet. Das bedeutet – und dies soll auch im Folgenden deutlich aufgezeigt werden –, dass der Fantasie des Erzählers bei der Beschreibung von Himmel, Paradies, Hölle und Fegefeuer grundsätzlich keinerlei Grenzen gesetzt sind (Gardiner 1993, xxviii).

Allerdings vermitteln Visionstexte stets den Eindruck als berichteten sie von wahren Begebenheiten, indem beispielsweise immer wieder auf die Existenz von Zeugen hingewiesen wird, wie dies beispielsweise in der Vision des Tundal der Fall ist: „As þe story beris witnesse“ (V. 132)[48]. Auch haben alle Visionen gemeinsam, dass der Visionär am Ende wieder in sein reales Leben zurückkehrt, um seine Erlebnisse publik machen zu können – dies ist schließlich der eigentliche Sinn und Zweck von Visionen.

Die Visionsliteratur im Mittelalter kann grob in drei verschiedene Intentionen eingeteilt werden, wie es Gardiner tut (1993, xxiv-xxv). So gibt es zum einen solche Visionen, welche man als bußestiftend bezeichnen könnte. Dort dienen vor allem Hölle und Fegefeuer, jedoch bisweilen auch der Himmel und etwas öfter das irdische Paradies dem Visionär als Ermahnung dazu, nach der Vision wieder zur Erde zurückzukehren und dort von nun an Gutes zu tun und für die Erlösung der Toten zu beten. Ein Beispiel hierfür ist die wohl im 7. Jahrhundert entstandene (Gardiner 1993, 95) Vision des Drythelm.[49]

Neben denjenigen Visionen, welche den Visionär durch ihre Darstellungen zur Lebensumstellung und Nutzung seiner zweiten Chance bewegen sollen, ist gerade diese Art von Vision besonders häufig, welche vor allem anderen nur den Gerechtigkeitsdanken propagiert: Die Guten haben sich mit Ehrlichkeit und Redlichkeit den Einzug in Paradies und Himmel erarbeitet, während die Sünder Fegefeuer und im schlimmsten Fall die Hölle verdienen. Diese Intention ist sowohl in kurzen Gedichten, wie beispielsweise dem aus dem 7. Jahrhundert stammenden, etwa 50 Wörter umfassenden Stück „De coelesti revelatione facta Baldario“ (`Wie Baldarius eine himmlische Eingebung hatte´) vom Hl. Valerius del Bierzo (Gardiner 1993, 41), bis hin zu längeren Werken mit mehr Tiefgang zu finden, wie es die Visionen von Adamnán[50] und Papst Gregor I.[51] sind.

Die dritte „Gattung“ kann man als politische Visionen bezeichnen, wobei hier die Grenzen oft verwischt sind, da es sich oft um Mischformen mit den beiden gerade vorgestellten Visionsarten handelt. Meist sind hier aber Männer mit großer Macht die Visionäre, beispielsweise Könige und Päpste. Diese werden im Fegefeuer für ihre Sünden gepeinigt und sollen die aktuellen Machthaber vor diesem Schicksal warnen. Beispiele hierfür sind die Vision des Bernoldus Presbyterius aus dem 9. Jahrhundert sowie die recht bekannte und in mehr als 20 Handschriften überlieferte Visio Karoli Tertii/Crassi (`Vision Karls III. / des Dicken´), welche unter anderem in den Gesta regum anglorum (`Die Taten der englischen Könige´) von William of Malmesbury (12. Jh.) enthalten ist (Gardiner 1993, 90).

Visionen sind uns sowohl in Vers- und Reimform überliefert, als auch in Prosaform, wie es beispielsweise die auf das 7. Jahrhundert datierte Vision des Drythelm[52] ist, welche in nur 1600 Wörtern eine knappe und doch bewegende Unterweltsbeschreibung liefert (Gardiner 1993, 95). Ein weiterer Prosatext, der im Kreise der Visionen Erwähnung verdient, ist die Visio Baronti Monachi Longoretensis, die Vision des Mönchs Barontus, welche mit ca. 4700 Wörtern, wie Gardiner feststellt, „eine der bekannteren und faszinierenderen Unterwelt-Visionen ist“ (1993, 43). Andere Exempel sollen im entsprechenden Zusammenhang genannt werden.

Neben der Visionsliteratur soll eine weitere, im Mittelalter höchst beliebte Gattung herangezogen werden und dies ist die Immram (gäl. `herumrudern´) (Short and Merrilees 1979, 3), eine Erzählgattung aus Irland, welche stets Seereisen und Abenteuer von Pilgern beschreibt, die auf der Suche nach Gott und dessen Reich sind (Gardiner 1993, xxiif.). Gardiner beispielsweise behandelt diese Gattung in ihrem Buch mit dem Titel Medieval Visions of Heaven and Hell, obgleich sie erläutert, dass die Imrama, wie die hier im Zentrum stehende Seereise des Heiligen Brendanus, grundsätzlich eine eigene Gruppe neben der Visionsliteratur repräsentiert, dieser spezielle Text allerdings Überschneidungen mit der Vision aufweist (1993, xxiii), auf welche später näher eingegangen werden wird. Auch der sicher ebenso bekannte Text Saint Patrick’s Purgatory (`Der Heilige Patrick im Fegefeuer´) repräsentiert die im Mittelalter grundsätzlich nicht seltene Verquickung von Vision und Imrama (Gardiner 1993, xxiii).

Brandon behauptet, dass die „Multiplikation von Hindernissen“ für den Protagonisten ein „universal feature“, also einen konstanten Aspekt der Visionsliteratur darstellt (1967, 146). Dies trifft durchaus zu, wenn wir uns ausgewählte Visionen, sowie auch die Texte der Imrama betrachten: Der Reisende – in der Vision generell ein Sünder – wird durch mindestens zwei der hier behandelten vier eschatologischen Räume geführt. Normalerweise ist die Hölle dabei immer vertreten, da sie der Ort ohne Wiederkehr und ewigen Schmerzes ist und somit als größte Abschreckung für den fehlbaren Menschen dient. Um dem Sünder also eine Ahnung von diesen körperlichen Qualen zu geben, muss er „zur Probe“ ein paar von ihnen über sich ergehen lassen – wohl auch, um nach dem Aufwachen subjektiv von seinen schrecklichen Erlebnissen berichten und die Zuhörer von der Wahrheit seiner Vision überzeugen zu können. Doch auch andere Prüfungen müssen bestanden werden, auf welche in Kapitel 3.3 genauer eingegangen werden wird.

[...]


[1] Poggius Florentinus beklagt generell den Niedergang der „liberales disciplinae“, der freien Künste. Dies ist in seiner Rede an Papst Nikolaus V. nachzulesen: Pogii Flavii Florent. Oratio ad Pont. Nik. V. Opera. Basel. (Varga 1978, 52f.).

[2] Beatus Rhenanus bezeichnete den zu Beginn des 16. Jahrhunderts an der Pariser Universität unterrichtenden Jerôme Aleandre als solchen (Varga 1978, 88).

[3] Siehe: Potthast, August (1868). Bibliotheca Historica Medii Aevi. Wegweiser durch die Geschichtswerke des europäischen Mittelalters von 375 bis 1500. Kastner: Berlin.

[4] Siehe: Fuhrmann, Horst (2000). Einladung ins Mittelalter. Beck: München.

[5] Dieses Werk ist heute als Divina Commedia (`Göttliche Komödie´) bekannt. Das Adjektiv divina wurde von den Bewunderern Dantes, unter anderem von Boccaccio, hinzugefügt und ist erst seit dem 16. Jahrhundert fester Bestandteil des Titels.

[6] Siehe hierzu beispielsweise: Neuse, Richard (1991). Chaucer's Dante: Allegory and Epic Theater in The Canterbury Tales. Berkeley: University of California Press.

[7] Baring-Gould (1906), S. 190-208 diente mir für die Informationen zu den Ursprüngen des `Mann-im-Mond´-Motivs als Grundlage. Grimm (1844), 679-683 führt allerdings bereits die meisten Informationen, welche auch in Baring-Gould (1906) zu finden sind, auf, was stark vermuten lässt, dass Baring-Gould selbst Grimms Werk Deutsche Mythologie als Ausgangspunkt nahm, obgleich in ihrem Werk kein Literaturverzeichnis zu finden ist, welches dies belegen könnte. Siehe allerdings Fußnote 34 dieser Arbeit.

[8] Die Nummerierung ist von der Textausgabe von Cherniss and Helmbold (1957) übernommen. Das gesamte Kapitel „Über das Mondgesicht“ ist in englischer Übersetzung in Band XII derselben Ausgabe zu finden.

[9] Übersetzung entnommen aus: <http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1707&kapitel=87&cHash=9203377dealueg381#gb_found> (zugegriffen am 12.02.08).

[10] Übersetzt aus dem Englischen, welches als Übersetzung des ursprünglich griechischen Textes zu finden ist auf: http://www.sacred-texts.com/cla/luc/wl2/212.html. (zugegriffen am 13.02.08).

[11] Englische Paraphrasierung dieser Bibelstelle gefunden in: Baring-Gould (1906), 191.

[12] Vgl. Kapitel 2.2.4.

[13] Der Text wurde der Ausgabe von Thomas Wright (1883), S.54 entnommen, findet sich aber ebenfalls bei Baring-Gould (1906), 196.

[14] Eine Liste der Harley Lyrics, sowie deren Nummerierung nach Brook und Ker ist im Anhang zu finden.

[15] In der Vision des Tundal, welche im Zusammenhang mit der Beschreibung von Himmel und Hölle später noch genauer betrachtet werden wird, findet sich die Erwähnung eines Diebes mit einigen wörtlichen Parallelen. So wird dort ebenfalls das Verb stonden (V. 579, 609) verwendet, was doch sehr auffällig erscheint, da der Mann über eine Brücke gehen soll, offenbar aber bewegungslos auf ihr steht. Für die zusammenhängende Textstelle siehe Fußnote 104 dieser Arbeit.

[16] Bödekker gibt hier an: striden `bewegt sich weiter´, mit dem sich fortbewegenden Monde (1878, 176).

[17] Bödekker kommentiert: „Diese Zeile lässt schließen, dass die volksthümliche Geschichte vom Mann im Monde mit allen möglichen Einzelheiten ausgeschmückt war und unter Anderem auch angab, zu welchem Zwecke der Mann das Dorngesträuch habe sammeln wollen.“ (1878, 176).

[18] Die Worte „þat he was here“ erscheinen fast identisch in der bereits erwähnten Episode vom Dieb in der Tundal Vision: „þat dede throw payne, þat he has here“, (V. 614). Siehe Fußnoten 15 und 103.

[19] Laut Bödekker ist mit me. sty, dt. `Stall, Gehege, Käfig; engl. `enclosure for swine´ (Klein 1967, 1530) ironisch der Raum zwischen Mond und Erde gemeint (1878, 177).

[20] Übersetzung mit Hilfe von Brook (1948), Bödekker (1878) und Garbáty (1984).

[21] Joseph Ritson kommentiert die begangene Sünde des Bauern folgendermaßen: „[…] because it was for `pycchynde stake´on a Sunday that he is reported to have been thus confined. There cannot be a doubt that the following is the original story [4. Mose, Numeri 32-36], however the Moon became connected with it“ (1829, 68). In der Tat finden sich im mittelenglischen Text jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass der Diebstahl an einem Sonntag passiert ist, was die unbedingte Verbindung zu der Numeri -Episode infragestellt. Zweifelhaft ist, woher Ritson die Gewissheit erhalten hat, dass der Sabbatbegriff hier eine Rolle spielt. Möglicherweise hat er sich ohne genaue Durchsicht des Gedichts auch nur zu dieser Annahme verleiten lassen, weil er die entsprechende Interpretation an anderer Stelle gelesen hat. In der Tat nämlich scheint sich dieses Phänomen der vermeintlichen Sicherheit, in „The Man in the Moon“ einen expliziten Bezug zum 4. Buch Mose gefunden zu haben, bis heute fortzusetzen. Vgl. hierzu die englische Übersetzung des Gedichts auf <www.lone-star.net/literature/middle_english/themanonthemoon.htm> (aufgerufen am 29.12.2007):

That man up there was here Der Mann dort oben war hier
Before he made the moon his home. Bevor er den Mond zu seinem Zuhause machte.
Once on a Sunday he was fixing his fence, Einst an einem Sonntag reparierte er seinen

Zaun,
Hoping thorns would stop the holes. Hoffend, dass die Dornen die Löcher flicken

würden.

[22] “The Knight’s Tale” (`Die Geschichte des Ritters´), V. 1261: „We faren as he that dronke is as a mous“, in: Benson (³1988) Riverside Chaucer, 42. Neben dieser idiomatischen Parallele, ist auch die kontextuelle Ähnlichkeit des Chaucertextes mit „The Man in the Moon“ auffällig: Auch hier geht es um das Entkommen eines Gefangenen aus seinem Gefängnis (vgl. Mond) und in eben diesem Zusammenhang tritt das oben aufgezeigte Idiom auf.

[23] Garbáty übersetzt amarscled ins Englische mit `stuffed´, im Sinne von `gestopft´ (1984, 654).

[24] Die Schlacht von Courtrai (1302) wird in „The Flemish Insurrection“ (`Die Rebellion in Flandern´; Gedicht Nr. 48) erwähnt (Scattergood, 172f.) und die „Prophezeiung des Thomas von Ercledoune (Gedicht Nr. 90), die auf die Schlacht von Bannockburn im Jahre 1314 hindeuten, findet sich auf fol. 127rb-va (Scattergood, 177).

[25] Besonders im Beowulf lassen sich unzählige Beispiele für Alliterationen finden (Orchard 2003, 61.).

[26] del ist die Kurzform des Wortes `devel´ (dt. `Teufel´), welches man im abergläubischen Mittelalter zum Teil weder auszusprechen, noch aufzuschreiben wagte, weil man befürchtete, damit Unheil oder den Satan selbst heraufzubeschwören. Diese Abkürzung taucht demzufolge in der mittelalterlichen Literatur mehr als einmal und auch in diversen Schreibweisen auf (vgl. MED) und gehört, entgegen der Behauptung Böddekers, damit nicht unbedingt in den Bereich der Umgangssprache. Abgesehen davon muss man davon ausgehen, dass die Abkürzung des Wortes hier durchaus auch auf das Metrum zurückzuführen ist.

[27] Auch für Garbáty scheint die „rough and ready speech“ des Erzählers bewusst für die Geschichte um einen Bauern gewählt worden zu sein (1984, 653).

[28] Das OED zitiert Vers 37 aus „The Man in the Moon“ ebenfalls unter hosed 1. Provided with hose; wearing hose. S. 405.

[29] Als Beleg hierfür weist Garbáty auf die Beschreibung des Bruders Hubert („The Friar’s Tale“) in Chaucers Canterbury Tales hin.

[30] Siehe zum Beispiel das Ariadne-Thema in Legend of Good Women.

[31] Die englische Übersetzung des Textes, welche als Richtlinie für die deutsche galt, ist nachzulesen in der Ausgabe von Windeatt Barry (1998), S. 21.

[32] Boccaccio selbst benutzte den Roman de Troie von Benoît de Sainte-Maure (12. Jh.) als Vorlage.

[33] Zu diesem Ergebnis bin ich gekommen, indem ich die beiden Texte – Troilus and Cressid in Originalsprache und Il Filostrato in englischer Übersetzung – online auf die Stichwörter „moon“ und „man“ durchsucht habe. Die durchsuchten Texte fiFnden sich auf folgenden Internetseiten:

<http://www.shakespeare-literature.com/Troilus_and_Cressida/index.html> und <http://books.google.de/books?id=_vl3oo0bAX0C&pg=PA87&lpg=PA87&dq=filostrato+moon&source=web&ots=h5I42DW6GM&sig=MOVXR-7SYBsf8CqexO0tWoq_IxI&hl=de#PPA87,M1> (zugegriffen am 12.03.08).

[34] Fälschlicherweise behauptet Grimm an eben jener Stelle, dass die folgenden Zeilen aus Chaucers Feder stammen. Da Baring-Gould dieselbe Angabe macht (1906,195), kann fest davon ausgegangen werden, dass Grimms Werk ihr als Vorlage gedient haben muss.

[35] Dieser Textausschnitt entstammt der Ausgabe von Denton Fox (1968), S. 119.

[36] Baring-Gould weist ebenfalls auf die folgenden Erwähnungen bei Shakespeare hin (1906, 196-197).

[37] Für weitere Informationen zur (symbolischen) Beziehung zwischen Mensch und Hund siehe: Oeser, Erhard (2004). Hund und Mensch. Die Geschichte einer Beziehung. Primus Verlag: Darmstadt.

[38] Baring-Gould gibt an, dass eine Mondlegende in Indien dieselben indogermanischen Wurzeln hat, wie der westeuropäische Mythos und argumentiert damit, dass hier Tiere die Hauptfiguren darstellen (1906, 203ff.).

[39] Vgl. „The Man in the Moon“ (Kap. 2.2.2.1) und Neckams „Rusticus in Luna“ (Kap. 2.2.1), sowie Kap. 2.3 für weitere Beispiele.

[40] Siehe Kapitel 2.1.2.

[41] Siehe Kapitel 2.2.2.1.

[42] Siehe Kapitel 2.2.1.

[43] Siehe Kapitel 2.2.3.

[44] In Anbetracht dessen, dass Shakespeare hier bewusst Caliban mit dem `Mann im Mond´ assoziiert, ist es überaus treffend, dass einer der Uranus-Monde – welche allesamt nach Charakteren aus Shakespeares oder Alexander Popes Werk benannt sind – den Namen Caliban trägt. Siehe: <http://de.wikipedia.org/wiki/Caliban_%28Mond%29> (zugegriffen am 10.02.08).

[45] Siehe `twybyl´, V. 15.

[46] Siehe: Storm, Theodor [1849] (2004), Der kleine Häwelmann. Oldenburg: Lappan Verlag.

[47] „Der Mann im Mond“, Musikalisches Märchenspiel in sechs Bildern von Cesar Bresgen und Ludwig Andersen. Gesehen im Gärtnerplatztheater, München im Februar 2008. Freundlicher Hinweis von Herrn Prof. Dr. Hans Sauer.

[48] Derselbe Wortlaut findet sich erneut in V. 438.

[49] Siehe Gardiner (1993), 95-97 für weiterführende Literaturangaben zu der Vision des Drythelm.

[50] Siehe Gardiner (1993) , 23-28 für weiterführende Literaturangaben zur Fís Adamnáin.

[51] Siehe Gardiner (1989), 47-50 für die Inhaltsangabe der drei Visionen Gregors.

[52] Diese Vision ist enthalten in den Chroniken des Roger of Wendover (Gardiner 1993, 95).

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Der Mann im Mond, Himmel und Hölle und das Schlaraffenland in der mittelalterlichen englischen Literatur
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Anglistik)
Note
1,85
Autor
Jahr
2008
Seiten
127
Katalognummer
V112961
ISBN (eBook)
9783640898459
ISBN (Buch)
9783640898541
Dateigröße
1393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mann, Mond, Himmel, Hölle, Schlaraffenland, Literatur
Arbeit zitieren
Moni Kirner (Autor), 2008, Der Mann im Mond, Himmel und Hölle und das Schlaraffenland in der mittelalterlichen englischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112961

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