Der Drogenkonsum junger Erwachsener aus biografischer Perspektive

Eine empirische Untersuchung auf der Basis von narrativen Interviews


Bachelorarbeit, 2021

220 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Lebensphase Jugend
2.1 Jugend als definierter Altersabschnitt
2.2 Die historische Entstehung der Lebensphase Jugend und dessen Entstrukturierung
2.3 Jugend als Transition oder Moratorium
2.3.1 Jugend als Transition in Bezug auf das Konzept der Entwicklungsaufgaben
2.3.2 Jugend als Moratorium
2.3.3 Jugend zwischen Transition und Moratorium

3 Risikoverhalten Jugendlicher
3.1 Begriffsklärung und Definition
3.2 Kategorisierung der Risikoverhaltensweisen
3.3 Einflussfaktoren des Risikoverhaltens
3.3.1 Jugendliche Geschlechtsrolle
3.3.2 Peer Group
3.3.3 Risikowahrnehmung

4 Drogenkonsum als Risikoverhalten von Jugendlichen
4.1 Begriffsklärung, Definition und gesetzliche Regelung
4.2 Gründe des Drogenkonsums (Entwicklungsaufgaben)
4.3 Risikofaktoren für den Substanzmissbrauch
4.4 Drogenkonsum im biografischen Verlauf
4.5 Erklärungsmodelle
4.5.1 Sensation Seeking
4.5.2 Milieus und Lebensstile

5 Forschungsmethodisches Vorgehen
5.1 Auswahl und Beschreibung der Zielgruppe
5.2 Das Erhebungsinstrument
5.3 Datenerhebung und Datenauswertung

6 Vorstellung der empirischen Ergebnisse
6.1 Hintergrundinformationen der Befragten
6.1.1 Ausbildungsniveau und aktuelle Beschäftigungssituation
6.1.2 Partnerschaft, Kinder und Pflege sozialer Beziehungen
6.1.3 Kontakt und Verhältnis zur Familie
6.2 Drogenkonsum-Verläufe
6.2.1 Umbrüche und Veränderungen des Drogenkonsums
6.2.2 Gründe für den Drogenkonsum
6.2.3 Konsumverhalten und -orte
6.2.4 Risikowahrnehmung
6.2.5 Zusätzliche Risikoverhaltensweisen
6.3 Lebensstil und Lebensphase
6.4 Auswirkungen des Drogenkonsums

7 Diskussion

8 Fazit

Anhang

Anhang 1: Interviewleitfaden

Anhang 2: Transkript Interview 1

Anhang 3: Transkript Interview 2

Anhang 4: Transkript Interview 3

Anhang 5: Transkript Interview 4

Anhang 6: Transkript Interview 5

Anhang 7: Transkript Interview 6

Anhang 8: Auswertung Interview 1

Anhang 9: Auswertung Interview 2

Anhang 10: Auswertung Interview 3

Anhang 11: Auswertung Interview 4

Anhang 12: Auswertung Interview 5

Anhang 13: Auswertung Interview 6

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Historische Ausdifferenzierung der Altersrollen (Zinnecker, 1981, S. 103)

Abbildung 2: Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz nach Havighurst (Oerter & Dreher, 2008, S. 281)

Abbildung 3: Lebensstil und riskante Verhaltensweisen (Raithel, 2011, S. 112)

Abbildung 4: Drogenkonsum-Verlauf Interview 1

Abbildung 5: Drogenkonsum-Verlauf Interview 2

Abbildung 6: Drogenkonsum-Verlauf Interview 3

Abbildung 7: Drogenkonsum-Verlauf Interview 4

Abbildung 8: Drogenkonsum-Verlauf Interview 5

Abbildung 9: Drogenkonsum-Verlauf Interview 6

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Typen risikoreichen Verhaltens (Raithel, 2001, S. 17)

Tabelle 2: Kategorisierung der Qualität risikoreichen Verhaltensweisen (Raithel, 2011, S. 32; Raithel, 2011a, S.5)

Tabelle 3: geschlechtsspezifische Unterscheidung des Risikoverhaltens (Raithel, 2011, S. 30)

Tabelle 4: Entwicklungsaufgaben und Funktionen des Substanzkonsums (Silbereisen & Reese, 2001, S. 138 & Raithel, 2003, S. 7)

Tabelle 5: Ausbildungsniveau und aktuelle Beschäftigungssituation

Tabelle 6: Partnerschaft, Kinder und Pflege sozialer Beziehung

Tabelle 7: Familienkontakt und -verhältnis

Tabelle 8: Gründe für den Drogenkonsum (1)

Tabelle 9: Gründe für den Drogenkonsum (2)

Tabelle 10: Sensation Seeking als Grund für den Drogenkonsum

Tabelle 11: Einfluss und Rolle der Illegalität

Tabelle 12: Drogenkonsumverhalten und Orte des Konsums

Tabelle 13: Risikoeinschätzung des Drogenkonsums

Tabelle 14: zusätzliche Risikobereiche

Tabelle 15: Der Lebensstil im Verlauf

Tabelle 16: Jugend- und Subkultur

Tabelle 17: Selbsteinschätzung der Lebensphase

Tabelle 18: Auswirkungen des Drogenkonsums auf das Ausbildungsniveau

Tabelle 19: Aktueller Gesundheitszustand

Tabelle 20: Positive Auswirkungen auf die Gesundheit

Tabelle 21: Negative Auswirkungen auf die Gesundheit

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit substanzmittelbezogenen Risikoverhaltensweisen von jungen Erwachsenen. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich der individuelle Drogenkonsum am Übergang vom Jugend- bis ins Erwachsenenalter verändert. Ziel ist es zu klären, ob der Drogenkonsum in der Lebensphase der Erwachsenen fortgesetzt wird, und wenn ja, auf welche Weise. Ein direkter Vergleich wird ermöglicht, indem die Beweggründe und Motive für den risikoreichen Substanzkonsum sowohl im Jugend- als auch im Erwachsenenalter ermittelt werden.

Um die Forschungsfrage zu beantworten, werden narrative Interviews mit jungen Erwachsenen geführt. Diese berichten über den Beginn des Drogenkonsums im Jugendalter und die Entwicklung oder die Veränderung des Substanzgebrauchs in der bisherigen Biografie. Die Ergebnisse werden mit der theoretischen Grundlage aus der Fachliteratur diskutiert.

Die individuellen Drogengebrauchsentwicklungen zeigen eine allgemeine Abnahme des risikoreichen Konsumverhaltens, mit einer einhergehenden Abnahme der Häufigkeit und Zunahme der Verantwortung im Alltag durch die Berufstätigkeit, Gründung einer Familie, Umzug in eine eigene Wohnung oder Partnerschaft. Dennoch wird deutlich, dass der Fokus von substanzmittelbezogenen Risikoverhaltensweisen nicht allein auf das Jugendalter gelegt werden sollte, sondern der Übergang und selbst der Eintritt in das Erwachsenenalter nicht unbedingt den Ausstieg aus dem Substanzkonsum bedeuten.

1 Einleitung

„Sie erleben den Himmel. Sie erleben die Hölle. Alkohol und Hasch mit 12. Heroin mit 13. […] Sie sind noch Kinder und haben ihre Zukunft schon verspielt.“ (Christiane F.-Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Trailer, 2012).

Als vor über 30 Jahren Christiane Felscherinow über das Leben im Drogenmilieu rund um den Berliner Bahnhof Zoo berichtete, war das Medienecho riesengroß. Die Beschreibung des Alltags von drogenabhängigen Jugendlichen wurde unverblümt an die Öffentlichkeit transportiert. Spätestens seitdem ist die Problematik der suchtmittelbezogenen Risikoverhaltensweisen im Jugendalter kein Geheimnis mehr. Auch heute finden sich immer wieder Schlagzeilen wie „Teile Deutschlands sind überschwemmt von Crystal Meth. Gerade unter Jugendlichen ist die Droge beliebt […]“ (MDR, 2021), „Cannabis wird bei Jugendlichen immer beliebter“ (SWR3, 2020) oder „Rauschtrinken bei Jugendlichen bleibt angesagt“ (PZ, 2014). Doch warum gehen gerade Jugendliche so häufig risikoreichen Substanzkonsum ein?

Die Lebensphase Jugend ist geprägt von körperlichen, psychischen und sozialen Anforderungen und Erwartungen. Auf der individuellen Ebene müssen Entwicklungsaufgaben, wie die persönliche Individuation und der Aufbau einer Persönlichkeitsstruktur mit spezifischen körperlichen, psychischen und sozialen Merkmalen und Kompetenzen, sowie dem subjektiven Erleben als einzigartiges Individuum, bewerkstelligt werden. Auf der anderen Seite steht die Bewältigung auf der gesellschaftlichen Dimension, die soziale Integration und Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Netzwerken und Gruppen beinhaltet (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 24ff.). Zu Risikoverhaltensweisen kommt es dann, wenn eine Diskrepanz zwischen Entwicklungsanforderungen und Bewältigungskompetenzen vorliegt. Problemverhalten, worunter Drogenkonsum zählt, gilt hierbei als Folge einer unzureichenden Bewältigung der Entwicklungsaufgaben. Der Konsum von psychoaktiven Substanzen gilt deswegen als Problemverhalten, da er mit dem Risiko von Gesundheitsschädigungen, Abhängigkeit oder Sucht einhergeht (ebd. S. 229ff.). Demnach dient risikoreicher Substanzkonsum zum Druckabbau und zur Ablenkung von Problemen und Konflikten. Um manifestierte Muster dieser Art der Problembewältigung, die wiederum in der Persönlichkeitsstruktur verfestigt und somit in der weiteren Biografie immer wieder abgerufen wird, zu verhindern, ist es wichtig einen verantwortungsvollen Umgang mit psychoaktiven Substanzen in der Jugendphase zu erlernen (Bellutti, 2006, S. 15).

Da der Übergang in das Erwachsenenalter durch sozialstrukturelle Gefährdungen und gleichzeitigen entwicklungsbedingten Anforderungen geprägt ist, gehen Jugendliche durchschnittlich mehr Risiken ein als Angehörige anderer Altersgruppen. Risikoverhalten gilt als charakteristisches Merkmal des Jugendalters und stellt nach Raithel (2001) eine jugendspezifische Altersnorm dar (S. 11). Diese These gilt als Ausgangspunkt meiner Nachforschung. Denn es soll untersucht werden, wie sich der Übergang von der Jugend- in die Erwachsenenphase auf den individuellen Drogenkonsum auswirkt. Das Augenmerk liegt bei Raithel auf der Lebensphase Jugend, wohingegen auf den Übergang in das Erwachsenenalter, in Bezug auf suchtmittelbezogene Risikoverhaltensweisen, nicht eingegangen wird. Anhand von narrativen Interviews mit jungen Erwachsenen, die im Jugendalter Drogen konsumiert haben, möchte ich eventuelle Veränderungen des Drogenkonsums mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter aufzeigen. Es sollen individuelle Gründe, die konsumierten Substanzen und die Konsumhäufigkeit ermittelt werden. Ebenso ist die Frage nach Risiko- und Einflussfaktoren auf den Drogenkonsum impliziert. Im Mittelpunkt steht dabei immer der Verlauf vom Jugend- bis in das Erwachsenenalter, um einen direkten Vergleich möglich zu machen.

Die Bachelorarbeit gliedert sich in acht Kapitel. Nach der Einleitung wird in Kapitel 2 bis 4 der theoretische Hintergrund abgesteckt. Zunächst wird die Lebensphase Jugend aus dem Aspekt des Alters betrachtet und verschiedene Standpunkte vorgestellt. Daraufhin wird die historische Entstehung der Jugendphase geschildert, um zum Schluss auf zwei theoretische Betrachtungsweisen (Transition und Moratorium) der Jugend tiefer einzugehen. Kapitel 3 nähert sich dem Risikoverhalten von Jugendlichen, indem zuerst der Begriff des Risikoverhaltens geklärt und definiert wird. Dann wird die Kategorisierung des jugendlichen Risikoverhaltens nach Raithel vorgestellt, die eine spezifische Betrachtung der Typen der Risikoverhaltensweisen und dessen Qualität beinhaltet. Zuletzt werden Einflussfaktoren, wie die jugendliche Geschlechtsrolle, die Peer Group und die Risikowahrnehmung aufgezeigt. Explizit auf Drogenkonsum, als Risikoverhalten von Jugendlichen, wird in Kapitel 4 eingegangen. Nach der Definition, Begriffsklärung und gesetzlichen Regelung wird sich den Gründen des Drogenkonsums in Bezug auf die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben gewidmet. Anschließend wird der Drogenkonsum aus einer biografischen Perspektive betrachtet. Das letzte Kapitel des theoretischen Rahmens beinhaltet das Erklärungsmodell Sensation Seeking und das Konzept der Milieus und Lebensstile. Als Nächstes folgen Informationen zum forschungsmethodischen Vorgehen (Kapitel 5), um schließlich zu der Vorstellung der Ergebnisse aus den narrativen Interviews zu kommen (Kapitel 6). Zuerst werden die Hintergrundinformationen der Befragten dargestellt, die das Ausbildungsniveau, die aktuelle Beschäftigungssituation, Partnerschaft, Kinder als auch Pflege sozialer Beziehungen und den Kontakt sowie das Verhältnis zu der Familie beinhalten. Danach werden die spezifischen Drogenkonsumentwicklungen der Befragten in Verlaufskurven abgebildet und die Umbrüche und Veränderungen beschrieben. Gründe für den Drogenkonsum, die individuelle Risikowahrnehmung und zusätzliche Risikoverhaltensweisen werden in Tabellen rekonstruiert. Zu der Ergebnispräsentation zählt ebenfalls die Beschreibung des Lebensstils und die Selbsteinschätzung der aktuellen Lebensphase. Zum Schluss wird sich dem Erwachsenenalter mit den Auswirkungen des Drogenkonsums aus dem Jugendalter gewidmet. In Kapitel 7 werden zentrale Befunde aus der empirischen Forschung zusammengefasst, um diese mit der vorgestellten Theorie zu vergleichen. Das Fazit bildet, durch eine bündige Zusammenfassung der Resultate, den Schluss dieser empirischen Untersuchung (Kapitel 8).

2 Die Lebensphase Jugend

Mit dem Begriff „Jugend“ wird die Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter bezeichnet. Eine einheitliche Definition gibt es hierbei jedoch nicht. Eine Variante ist die Lebensphase Jugend über das Alter einer Person zu definieren, welches Anforderungen, Erwartungen, Möglichkeiten und Grenzen impliziert (Wächter, 2017, S. 459). Im Folgenden werden unterschiedliche Altersspannen, die „Jugend“ inkludieren, vorgestellt. Im darauffolgenden Punkt wird die historische Entwicklung erläutert und auf das Phänomen der Entstrukturierung eingegangen. Zum Schluss werden zwei theoretische Positionen der Jugendforschung aufgezeigt. Die Darstellung bemüht sich die charakteristischen Besonderheiten der einzelnen, meist sich überschneidenden, verschiedenen Positionen auf den Punkt zu bringen. Hierbei handelt es sich um eine knappe Zusammenfassung. Deswegen ist zu beachten, dass die einzelnen Sichtweisen nicht differenziert in ihrer Ganzheit erläutert werden können.

2.1 Jugend als definierter Altersabschnitt

Im SGB VIII sind eindeutige Altersspannen festgelegt: Als Kind wird bezeichnet, wer noch nicht 14 Jahre alt ist (§7 Abs. 1. S.1 SGB VIII). Bei einem Verstoß gegen das Strafgesetzbuch gilt ein Kind als schuldunfähig (§19 StGB). Die Jugend beginnt mit 14 Jahren und endet mit dem Beginn des 18. Lebensjahres (§7 Abs.1 S. 2 SGB VIII). In dieser Lebensphase gilt das Jugendstrafrecht. Ab dem 18. bis zum 27. Lebensjahr gilt man nach dem SGB VIII als junger Volljähriger (§7 Abs. 1. S. 3 SGB VIII). Der Begriff des „jungen Volljährigen“ wird auch häufig durch den des „jungen Erwachsenen“ abgelöst (Wächter, 2017, S. 459). Als junger Erwachsener setzt die juristische und politische Mündigkeit ein. Hierzu zählt die Strafmündigkeit, Geschäftsfähigkeit, aber auch das passive und aktive Wahlrecht (ebd.). Im Jugendgerichtsgesetz erfolgt zwischen 18 und 21 noch eine zusätzliche Abstufung (§1 Abs. 2 JGG). In dieser Altersspanne gilt eine Person dann als Heranwachsender und somit wird im Einzelfall entschieden, ob das Jugendstrafgesetz oder das allgemeine Strafrecht beim Begehen einer Tat angewendet wird (§105, § 106 JGG).

Das deutliche Abstecken des Alters ist für die Nutzbarkeit der Gesetzestexte notwendig, in denen auf der einen Seite Einschränkungen vorgegeben werden, was Konsumgüter (wie Alkohol und Tabak) und Veranstaltungen angeht, aber andererseits auch Rechtsansprüche und institutionelle Verpflichtungen geregelt werden. Dass es diese Gesetze gibt, macht deutlich, dass Jugendliche mittlerweile als besondere Teilgruppe der Gesellschaft gelten, die vor Gefährdungen und Verführungen der Erwachsenenwelt beschützt werden müssen (Göppel, 2019, S. 27).

Auch in der Entwicklungspsychologie und soziologischen Jugendforschungen wird versucht die Zielgruppe, von dem im Weiteren die Rede sein soll, anhand von Begrifflichkeiten zu umschreiben, die wiederum nach dem Alter definiert werden. Es wird jedoch schnell deutlich, dass die Begriffe nicht einheitlich verwendet werden. Es werden andere Bedeutungen zugeschrieben und die festgelegte Altersspanne verändert. Bei Remplein beispielsweise gibt es vier Phasen des „Jugendalters“, welches als Oberbegriff gilt. Dazu zählt die „Vorpubertät“ (12-14 Jahre), die „Pubertät“ (14-16 Jahre), die „Jugendkrise“ (16-17 Jahre) und schlussendlich die „Adoleszenz“ (17-21 Jahre) (1963, S. 396). Bei Steinberg ist es genau umgekehrt. Er differenziert drei Phasen der Adoleszenz: Die „frühe Adoleszenz“ (early adolescence) zwischen 10 und 13 Jahren, die „mittlere Adoleszenz“ (middle adolescence) zwischen 14 und 17 Jahren und die „späte Adoleszenz“ (late adolescence) zwischen 18 und 21 Jahren. Adoleszenz wird also als Oberbegriff verwendet und das Jugendalter erstreckt sich vom 10. bis zum 17. Lebensjahr, denn für die „späte Adoleszenz“ werden Begriffe wie „Youth“ oder „Emerging Adulthood“ verwendet (2017, S. 4). „Emerging Adulthood“ reicht nach Arnett (2004) jedoch bis zum dritten Lebensjahrzehnt. Die Abgrenzung zum Erwachsenenalter erfolgt nicht über ein festes Alter, sondern eher anhand von Rollenübergängen, wie zum Beispiel Partnerschaft, berufliche Tätigkeit, und Kriterien sozialer Reife, worunter Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit fallen (ebd., S. 3). Raithel sieht die Jugendphase in der Alterspanne von 14 bis 21 Jahre mit der Begründung, dass bis zum 14. Lebensjahr meist die Pubertät abgeschlossen ist und somit die jugendliche Lebensphase beginnt. Er sieht die Grenze bei 21 Jahren, da hier die meisten Entwicklungsaufgaben (s. 2.3), wie eine konkrete Berufsvorstellung, eine autonome Lebensführung und Aneignung von erwachsenenstatusbezogenen Rechten (Autofahren, politische Wahlbeteiligung) bewältigt wurden (Raithel, 2001, S. 11). Baacke hat durch den Titel des bekannten Buches „Die 13-18-Jährigen“ gleich deutlich eingegrenzt, um welche Zielgruppe sich dieses dreht. Er rechtfertigt es einerseits damit, dass die Pubertät durchschnittlich mit 13 einsetzt - wobei mittlerweile eine zeitliche „Vorverlagerung der Pubertät“ stattfindet (vgl. S. 46) - und diese physiologisch-geschlechtliche Entwicklung spätestens mit 17/18 Jahren beendet ist (2009, S. 41).

Aus soziologischer Sicht ist „Jugend“ in der Gegenwartsgesellschaft eine Altersspanne im Lebenszyklus eines jeden Individuums, die mit der Pubertät um das 13. Lebensjahr beginnt. Sie erstreckt sich etwa bis zum 24. Lebensjahr und besitzt für Lebensphase typische Verhaltensweisen und Einstellungen. Die pubertäre Phase wird, wie bei Baacke, auf die Alterspanne von 13 bis 18 Jahre begrenzt. Für die 18- bis 25-Jährigen und älteren Jugendlichen setzt sich der Begriff „Post-Adoleszente“ durch (Schäfers & Scherr, 2005, S. 24). Betrachtet man die einschlägigen soziologischen Jugendforschungen, wird auch hier deutlich, dass „Jugend“ auf unterschiedliche Zielgruppen bezogen wird: Die erste Shell-Jugendstudie von 1953 hatte den Titel „Jugend zwischen 15 und 24“, die jüngste, 18. Jugend-Shell Studie von 2019, nimmt die 12- 25- Jährigen ins Visier (Göppel, 2019, S. 23; Shell Deutschland GmbH, 2019, S. 33).

Zusammenfassend kristallisiert sich heraus, dass die Unterschiede sehr groß sind, vor allem was die Grenze zum Erwachsenenalter angeht. Der Beginn des Jugendalters markiert meist die Pubertät, also das Eintreten der Geschlechtsreife (Oerter & Dreher, 2008, S. 272). Sogar Hurrelmann, der die Meinung vertritt „[…] dass eine starre altersmäßige Festlegung der Jugendphase nicht sinnvoll“ sei, gibt mit der Pubertät einen markanten Anfangspunkt vor (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 44).

2.2 Die historische Entstehung der Lebensphase Jugend und dessen Entstrukturierung

Hurrelmann & Quenzel stellen die These auf, trotz unbestimmter Grenzziehung, dass das Jugendalter eine „[…] eigenständige Lebensphase markiert“ (2016, S. 21). Auch in den Gesetzestexten (vgl. 2.1.1) wird deutlich, dass die Jugend mittlerweile als Phase im Lebenslauf etabliert ist.

Das war noch nicht immer so: Die Jugend wurde erst im 18. Jahrhundert von Rousseau, als Erfinder der Jugendphase, als eigenständigen Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsenenalter angesehen (Wächter, 2017, S. 459). In der vorindustriellen Gesellschaft galten Kinder eher als „eine Art Miniaturausgabe des Erwachsenen“ (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 19). Mit der Industrialisierung, circa ab 1850, kam es dann langsam zu der Abgrenzung der Lebensabschnitte Kindheit und Jugend mit eigenständigen Entwicklungsphasen. Es kristallisierte sich, vor allem in bürgerlichen städtischen Regionen, in denen die Eltern ein hohes Bildungsniveau aufwiesen, ein neues pädagogisches und soziales Verständnis der Kindheit und Jugend heraus. Zwischen 1900 und 1950 wurde die Kindheit, die bisher einzige Lebensphase vor dem Erwachsenenalter, in eine frühe und eine späte Phase gegliedert, die durch die Pubertät, also die eintretende Geschlechtsreife, getrennt wurde. Dabei wurde die späte Phase mit dem Begriff „Jugend“ betitelt, der zu diesem Zeitpunkt nur einen kleinen Teil in der Biografie einnahm. Denn bei Frauen lag der Pubertätsbeginn bei circa 15 Jahren und bei Männern bei 16 Jahren. Nur wenige Jahre später erfolgte damals die Familienplanung und die Berufsaufnahme und somit das Ende der Jugendphase und der Eintritt in das Erwachsenenalter (ebd., S. 20). Seit 1900 ist auffällig, dass die Lebensabschnitte Kindheit und Erwachsenenalter zu Gunsten der Ausdehnung der Jugendphase schwinden (ebd. S. 17ff.). Ein entscheidender Grund für diese Entwicklung ist, dass sich die Bildungszeit, durch die steigenden beruflichen Anforderungen, verlängert (ebd.; Raithel, 2011, S. 14). Die Jugendlichen wurden im Laufe des 20. Jahrhundert „freigestellt“, um sich speziell auf das Berufsleben vorzubereiten, was mit einer guten Qualifikation für die Veränderung des Erwerbslebens einhergeht. Heute wird die gesamte Jugendzeit durch den Bildungsweg (Besuch von Schule, Ausbildungseinrichtung, Hochschule) geprägt (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 19). Somit ist eine Ausdehnung des Jugendalters bis zum 30. Lebensjahrzehnt möglich, wenn man unter Erwachsensein die sichere Integration in einem Berufssystem versteht. Denn nach soziologischen Maßstäben endet das Jugendalter mit Aufnahme einer Berufstätigkeit und/oder mit der Heirat (Ferchhoff, 2011, S. 95). Gleichzeitig entstehen psychosoziale Neuorientierungen, die unter dem Schlagwort "Postadoleszenz" erwähnt werden. Gemeint ist damit eine Gruppe von Menschen, die kulturell, politisch und in der Gestaltung ihrer Lebensstile völlig selbstständig und unabhängig sind, also keine pädagogische Betreuung benötigen. Aber gleichzeitig sind sie beruflich, materiell und in der Durchsetzung ihrer Lebensplanung behindert, noch unselbstständig oder weiterhin auf der Suche nach Verankerung im System (Baacke, 2009, S. 47). Die historische Ausdifferenzierung der Altersrollen wird in der nachfolgenden Abbildung (Abb.1) veranschaulicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Historische Ausdifferenzierung der Altersrollen (Zinnecker, 1981, S. 103)

Zu der Ausdehnung der Jugendphase und der „Freistellung“ von der Gesellschaft zur Qualifikationsgewinnung entstand die Möglichkeit zur selbstständigen und flexiblen Lebensgestaltung. Dies ist auf die strukturelle Veränderung und mit dieser einhergehenden, nun individuell-gestaltbaren, Lebensläufe zurückzuführen (Konowalczyk, 2017, S. 32). Diese neuen Möglichkeiten der Selbstbestimmung korrelieren später mit der Destandardisierung der Lebensläufe (Kohli, 1986, S. 203). Denn es können zwei Perioden für die Nachkriegszeit in Westdeutschland gedeutet werden: Die erste Phase der Institutionalisierung und Standardisierung bis zum Ende der 1960er-/Anfang der 1970er-Jahre und dann wiederum eine Phase der Deinstitutionalisierung, Pluralisierung und Entstandardisierung der Lebensverläufe. Die „Normalbiografie“ wurde damals in die Kindheit, die Jugend (Schule und berufliche Ausbildung), das Erwachsenenalter (Erwerbsleben bzw. Hausfrau) und das Alter (Rente) gegliedert. Vor allem die Jugendphase hat durch die Bildungsexpansion und die damit verbundene spätere ökonomische Unabhängigkeit durch das spätere Einsteigen ins Berufsleben, umfangreiche Modifikation erfahren (Müller, 2012). Im Gegensatz zu der Verlängerung der ökonomischen Unabhängigkeit stellt Baacke fest, dass „sich der Zeitpunkt der soziokulturellen Teilhabe an den Bereichen Freizeit, Medien, Konsum und Sexualität immer weiter nach vorne verlagert“ (2009, S. 52). Aber auch der „Normalablauf“ des Familienzyklus wurde von vielfältigen Konstellationen und Verlaufsformen abgelöst (Kohli, 1986, S.198f.). Charakteristisch für die Jugendphase ist nun eine Vielfalt an teilweise „entritualisierten“ Teilübergängen, die häufig parallel zueinander laufen (Mitterauer, 1986, S. 92f.). Die heutige Jugendphase gestaltet sich also zunehmender individueller und hebt eine Standardchronologie von Übergangsereignissen auf. Auch die übergangstypischen Entwicklungsaufgaben zum Erwachsenenalter entstandardisiert und entstrukturiert sich in ihrer Chronologie (Raithel, 2011, S. 15). Dies wiederum führt zu einer großen Bandbreite an Verhaltensweisen und Muster der Lebensgestaltung, auch Pluralisierung genannt. Deswegen kann die Jugendphase frei definiert und gestaltet werden. Zum Beispiel kann sich ein 10-Jähriger schon als Jugendlicher bezeichnen, weil er eine Freundin hat oder ein 18-Jähriger als erwachsen, weil er einen festen Arbeitsplatz hat und sein eigenes Geld verdient. Andersrum kann sich ein 41-Jähriger jugendlich kleiden und jugendliche Freizeitgewohnheit aneignen (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 18).

Allgemein kann also von einer Entstrukturierung der Jugendphase gesprochen werden. Entstrukturierung meint genau diese Ausdifferenzierung von einer tendenziell zusammenhanglosen Abfolge von Teilübergängen statt dem gegliederten Übergang ins Erwachsenenalter (Baacke, 2009, S. 49). Die Jugendphase wird also auf der einen Seite verlängert, aber auf der anderen Seite können sich die Jugendlichen und Heranwachsenden in diesem Lebensabschnitt in komplett unterschiedlichen Lebenslagen befinden und somit mit anderen Problemen konfrontiert sein. Dies wiederum lässt keine einheitliche „Statuspassage von Heranwachsenden“ zu (Konowalczyk, 2017, S. 32).

2.3 Jugend als Transition oder Moratorium

Komprimiert man die Grundkonzeptionen der Jugendforschung, in Hinblick auf die unterschiedliche ontogenetische Verortung von Jugend, dann lassen sich diese in zwei theoretische Positionen einordnen: Auf der einen Seite wird Jugend als Transitionsphase angesehen und auf der anderen Seite als Moratorium (Reinders, 2003, S. 14). Zunächst wird der Transitionsansatz verbunden mit dem Konzept der Entwicklungsaufgaben erläutert. Danach wird die Auffassung von Jugend als Moratorium betrachtet, um dann zur Schlussfolgerung zu kommen.

2.3.1 Jugend als Transition in Bezug auf das Konzept der Entwicklungsaufgaben

Im Transitionsansatz wird die Adoleszenz als Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter angesehen. Hierbei wird die Jugend unter dem Gesichtspunkt ihrer Funktionalität oder Dysfunktionalität für die spätere Übernahme, und/oder dessen Vorbereitung, von Erwachsenenrollen wahrgenommen (Reinders & Wild, 2003, S. 15). Also dient das Jugendalter zur Ausbildung von Einstellungen und Fähigkeiten, die ihnen ermöglichen den Erwachsenenstatus zu erlangen (ebd., S. 17). Diese Zielorientierung zeigt deutlich, dass hier nicht von einer Autonomie der Jugendlichen ausgegangen wird (Raithel, 2011, S. 18). Nach Hurrelmann & Quenzel ist die Lebensphase Jugend aus dieser Sichtweise „ein Lebensabschnitt, der durch ein Nebeneinander von noch unselbstständigen, quasi kindheitsgemäßen und selbstständigen, quasi schon erwachsenengemäßen Handlungsanforderungen charakterisiert ist.“ (2016, S. 39). Schelsky hat den Transitionsgedanken kurz und bündig in das Begriffspaar „Nicht mehr“ und „Noch nicht“ auf den Punkt gebracht (1957, S. 43). Aus dieser Meinung heraus können drei Merkmale identifiziert werden:

- Jugend ist auf die Zukunft gerichtet, durch die bereits beschriebene Vorbereitung auf die „Erwachsenenrollen“ als Berüfstätige*r, Partner*in, Erziehende*r, Bürger*in etc.
- Jugend ist eine postfigurative und sozialisierte Jugend. Das bedeutet, dass die Kompetenzen für das „Erwachsensein“ auch durch Erwachsene vermittelt werden, da diese das notwendige Wissen über kulturelle Praktiken und Normen haben.
- Jugend ist eine gefährdete Jugend, denn der Übergang in das Erwachsenenalter ist aufgrund der Unfertigkeit der Jugendlichen mit Risiken versehen, die einen optimalen Übergang verhindern könnten (Reinders & Wild, 2003, S. 16).

Zur Ausdifferenzierung dieser, oftmals auch normativen, Anforderungen wird in den letzten Jahren mehrheitlich auf das Konzept der Entwicklungsaufgaben zurückgegriffen (ebd. S. 17). Die Entwicklungsaufgaben können hierbei als „Universalschlüssel zum Verständnis der Jugendphase“ betrachtet werden (Raithel, 2011, S. 18). Entwicklungsaufgaben sind altersspezifische Aufgaben der Selbst- und Beziehungsregulation, die den Übergang in den Erwachsenenstatus ermöglichen. Das Konzept der Entwicklungsaufgaben ist auf Havighurst zurückzuführen (Bellutti, 2006, S. 21). Die zentrale Idee bei dem Konzept der Entwicklungsaufgaben ist, dass Entwicklung als Lernprozess aufgefasst wird, der sich nicht nur auf die Jugendphase, sondern auf die gesamte Lebensspanne erstreckt und in Verbindung mit realen Anforderungen zur Aneignung von Fertigkeiten und Kompetenzen führt. Als Ursprung für die Entwicklungsaufgaben gelten physische Reifung, gesellschaftliche Erwartungen und individuelle Zielsetzungen und Werte. Die jeweiligen Anforderungen ergeben sich aus der Gewichtung einzelner oder auch der Kombination mehrerer Faktoren (Oerter & Dreher, 2008, S. 279). In der Literatur lassen sich einige und meist unterschiedliche Aufzählungen von Entwicklungsaufgaben finden. Um einen möglichst vielseitigen Überblick zu gewährleisten, werden in dieser Arbeit die von Havighurst, Dreher & Dreher, Silbereisen und Resch.

Die Adoleszenz beginnt bei Havighurst im Alter von 12 Jahren und endet im Alter von 18 Jahren. Die Entwicklungsaufgaben gliedern sich in acht verschiedene Bereiche. Darunter zählt der Aufbau einer reiferen und neuen Beziehung zur Peergroup, also eine Gruppe von Gleichaltrigen (Mund, 2017, S. 626), die Übernahme von weiblichen oder männlichen Geschlechterrollen, die Akzeptanz gegenüber dem eigenen Körper, das Loslösen von den Eltern, einhergehend mit der emotionalen Unabhängigkeit von den Eltern, die Vorbereitung auf die Ehe und das Gründen einer eigenen Familie, ebenso die Vorbereitung auf den Beruf. Zum Schluss werden die „expectations from the society“ (Havighurst, 1976, S. 5) genannt: Die Entwicklung einer Ideologie, also das Erlangen von Werten und einem ethischen System, das als Leitfaden für Verhalten dient und das Erstreben von sozial verantwortlichem Verhalten. Die Lebensphase des frühen Erwachsenenalters reicht vom 18. bis zum 30. Lebensjahr. Eine erfolgreiche Vorbereitung auf Ehe und Familienleben hilft im frühen Erwachsenenalter zur Auswahl des Partners und der Aufbau eines gemeinsamen Lebens. Weitere Aufgaben beinhalten die Versorgung und Betreuung der Familie, die Organisation des eigenen Haushaltes, der Berufseinstieg, die Ausübung der Verantwortung als Staatsbürger und zuletzt das Finden einer sozialen Gruppe. In Abbildung 2 werden die Entwicklungsaufgaben nach Havighurst unter der Perspektive des Übergangs zwischen Kindheit und frühem Erwachsenenalter veranschaulicht (Havighurst,1976, S. 83ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz nach Havighurst (Oerter & Dreher, 2008, S. 281)

Dreher & Dreher (1985) ergänzen zu Havighurst die Entwicklungsaufgaben „Selbst“ und „Zukunft“: Unter „Selbst“ wird, sich selbst kennen lernen und wissen wie andere einen sehen, verstanden. „Zukunft“ beschreibt die Entwicklung einer realistischen Lebensplanung mit dem Setzen von erreichbaren Zielen (S. 61).

Laut Hurrelmann und Bründel muss der Umgang mit Drogen „[…] auch als Bestandteil der Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen angesehen werden, denn der kontrollierte Umgang mit legalen Drogen wie Tabak, Alkohol und Medikamenten mu[ss] in unserer Gesellschaft, in der großen Bevölkerungsgruppe mit diesen Substanzen umgehen, eingeübt werden.“ (1997, S. 45).

Resch zählt zu den zentralen Aufgaben des Jugendalters die Identität und Identifikation, Selbstwert und Selbstbehauptung, Autonomieentwicklung und Intimität. Er stellt den Entwicklungsaufgaben, Entwicklungskrisen gegenüber, die durch langanhaltende Störungen oder Probleme bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben auftreten können (2002, S. 63).

2.3.2 Jugend als Moratorium

Im Gegensatz zum Transitionsansatz sehen Jugendforscher, die den Gedanken des Moratoriums aufgreifen, die Jugendphase als Entwicklungsabschnitt mit eigenem Wert, sowie soziokulturellem Eigengewicht und nicht als reine Vorbereitung auf die Erwachsenenrolle (Reinders & Wild, 2003, S. 15; Raithel, 2011, S. 19). Die Jugendlichen sind auf die Bewältigung des Alltags konzentriert und werden, nach dem Grundtenor von Erikson (1981), von gesellschaftlichen Pflichten und Anforderungen der Erwachsenen entpflichtet (Böhnisch & Münchmeier, 1990, S. 52ff.; Reinders & Wild, 2003, S. 23). Der Jugendphase wird also eine stärkere Eigenständigkeit zugesprochen, jenseits von der Betrachtung „als soziokulturelle Marginalposition zwischen Kindheit und Erwachsenenalter“ (Raithel, 2011, S. 19). Die Moratoriumsperspektive stellt die Autonomie der Jugendlichen in den Mittelpunkt. Sie können eigenständig handeln, auch in Bezug auf die Nutzung bestimmter Sozialräume und Entfaltungsmöglichkeiten, was wiederum Differenz und Abgrenzung zu den Erwachsenen ermöglicht. Mit diesem Gedanken wird ein Schonraum entwickelt, also ein Aufschub des Erwachsenenalters, indem sich Jugendliche von den Anforderungen der Erwachsenengesellschaft distanzieren können Jugend als Moratorium bietet einen Rahmen zur Beschreibung von im Jugendalter auftretenden Lebensstilen mit ihren jeweiligen soziokulturellen Eigenheiten (ebd.).

Auch Erikson (1998) definiert das „psychosoziale Moratorium“ als „einen Aufschub erwachsener Verpflichtungen oder Bindungen“ (S. 161). Ebenso ist es eine Zeitspanne, die durch eine teilweise Schonung der Gesellschaft und durch provokative Unbefangenheit der Jugendlichen gekennzeichnet ist. Die inhaltliche Ausgestaltung und Formen sind dabei ganz unterschiedlich: „Das Moratorium kann eine Zeit zum Pferdestehlen oder der Suche nach einer Vision sein, eine Zeit der „Wanderschaft“ oder der Arbeit, […] eine Zeit der „verlorenen Jugend“ oder des akademischen Lebens, eine Zeit der Selbstaufopferung oder dummer Streiche […]“ (ebd.). Erikson sieht also in dem „psychosozialen Moratorium“ eine Zeit, um sich in das soziale Rollengefüge einzuleben und der Identitätsbildung zu widmen (1998, S. 163). Das heißt, der*die Jugendliche muss in dieser Schonzeit versuchen, Antworten auf die Fragen, „wer bin ich?“, „wie will ich sein?“ und „was ist mir wirklich wichtig?“, zu finden (Göppel, 2005, S. 21).

In der Soziologie und Pädagogik spielt die Vorbereitung auf den späteren Beruf eine besondere Rolle. Hier wird die Jugend für die Qualifikation für den späteren Beruf freigestellt (Reinders & Wild, 2003, S. 23). Zinnecker (1991) verwendet dafür den Begriff des Bildungsmoratoriums. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Scholarisierung der Jugendphase etabliert Zinnecker das Bildungsmoratorium als einen „relativ eigenständigen Lebensabschnitt, in dessen Rahmen sich spezifische soziale Lebensweisen, kulturelle Formen und politisch-gesellschaftliche Orientierungsmuster ausbilden“ (1991, S. 10).

Als wesentliche Merkmale des Moratoriums gilt die Gegenwartsorientierung, die Selbstsozialisation und die expressive Gestaltung der Jugend. Jugendliche im Moratorium betonen das Hier und Jetzt und somit werden Handlungen in dieser Phase nicht auf mögliche Konsequenzen im späteren Erwachsenenalter bezogen. Zukunftsplanung wird nicht erwünscht oder nicht als möglich angesehen. Die wesentliche Bezugsgruppe sind die Peers und nicht Eltern oder Lehrer. Handlungen und Denkweisen werden in der Clique ausgehandelt und eigene kulturellen Praktiken durch Innovation und Mixtur von Bestehenden entwickelt. Wissen zur Alltagsbewältigung wird nicht von Erwachsenen übermittelt, sondern selbstbestimmt erarbeitet. Eine explizite Abkehr zur Erwachsenengeneration wird durch eigene Wertvorstellungen und kulturelle Praktiken deutlich gezeigt. Hier spielt die offene Artikulation der Wahl der Konsumgüter, Kleidung, Musik und Aktivitäten eine große Rolle (Raithel, 2011, S. 19).

2.3.3 Jugend zwischen Transition und Moratorium

Jugend als Transition beziehungsweise als Moratorium wurden bisher in der Jugendforschung exklusiv verhandelt. Das heißt, Jugend wurde entweder als zukunftsorientierte Phase mit der Frage nach dem erfolgreichen Übergang in den Erwachsenenstatus, somit primär aus der gesellschaftlichen Perspektive gesehen, oder als Lebensphase von subjektiver Ausgestaltung und soziokulturellem Eigengewicht (Reinders & Wild, 2003, S. 27f.; Reinders, 2003, S. 40). Beide Herangehensweisen weisen Schwächen, wie fehlende Subjektivität im Transitionsansatz und fehlende Vergesellschaftungsperspektive im Moratoriumsansatz, auf (Reinders & Wild, 2003, S. 27f.). Es wird also deutlich, dass beide Perspektiven ihren eigenen Erklärungsgehalt besitzen, die dem Charakter der heutigen jugendlichen Entwicklung nicht mehr ausreichen (Reinders, 2003, S. 40). Die Moratoriumsperspektive greift in einer funktionalen und produktiven Entwicklungshinsicht zu kurz, wohingegen die Transitionsperspektive keine Kategorien bereithält, die es ermöglichen den Gegenwartsbezug Jugendlicher zu beschreiben (ebd.; Raithel, 2011, S. 20). Zudem ermöglicht das Transitions-Konzept nicht die soziokulturellen Eigenheiten des Jugendalters, durch den möglichst schnellen Übergang in das Erwachsenenalter, adäquat zu erfassen, wohingegen eine gegenwartsorientierte Entpflichtung von „normativen Zielprojektionen“ (Silbereisen, 1986, S. 31) ebenso einseitig ist (Raithel, 2011, S. 20). Die Lebensphase Jugend hat sich von einer klar definierten Übergangs-, Existenz- und Familiengründungsphase (Entwicklungsaufgaben), zu einem eigenständigen und relativ offenen Lebensbereich verändert, der jedoch nicht mehr nur mit dem traditionellen Moratoriums-Gedanken übereinstimmt. Denn die Entritualisierung und Komplexität in den Übergängen von der Kindheit in das Jugendalter sowie vor allem in das Erwachsenenalter nehmen zu (Ferchhoff, 2011, S. 359). Die Grenzen zwischen den Lebensphasen sind fließender geworden (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 34).

Auf den Punkt gebracht: Beim Transitionskonzept handelt es sich um die „juvenile Zielorientierung“ und beim Moratoriumskonzept um „die Autonomieorientierung“ der Lebensphase Jugend. Beide Aspekte haben in der Adoleszenz keinen exklusiven Charakter, sondern eine individuell unterschiedliche Gewichtung (Reinders, 2003, S. 40f.). Darüber hinaus ist der zentrale Ausganspunkt für die jugendtheoretische Rahmung festgelegt. Jugendliche ermessen individuell zwischen Bewältigung der zukunftsorientierten Entwicklungsaufgaben oder für die Erlangung von Autonomie in der Jugendphase. Die Jugendlichen wählen also aus „Entwicklungswegen zwischen Transition und Moratorium aus und verknüpfen diese je nach individuellen Vorstellungen und gegebenen Bedingungen. Transition und Moratorium werden in dieser Perspektive nicht nur zu einem Entweder-Oder, sondern darüber hinaus zu einem Sowohl-Als-Auch“ (ebd.). Die jugendliche Entwicklung verläuft demnach im Spannungsfeld zwischen der vertikalen Dimension der Transitionsperspektive und horizontal auf der Moratoriumsorientierung (Raithel, 2011, S. 20).

3 Risikoverhalten Jugendlicher

Charakteristisch für die Lebensphase der Jugend1 ist die Suche und Entwicklung einer eigenen Identität. Durch den Übertritt in diese Lebensphase und die bevorstehende, zu übernehmende Erwachsenenrolle, wirken vielfältige Einflüsse auf den*die Jugendliche*n. Dadurch ergeben sich neuartige Handlungsmöglichkeiten, aber auch Handlungsanforderungen (vgl. 2.3.1; Raithel, 2011, S. 9). Durch vielschichtige Herausforderungen, massive biologische Veränderungen und psychosoziale Umbrüche „stellt die Jugend eine hoch riskante Entwicklungszeit dar“ (ebd.). Das Eingehen von Risiken ermöglicht Jugendlichen die Eröffnung eines Erfahrungs- und Konstruktionsraumes. In diesem wird Eigenständigkeit, Verantwortung, unterschiedliche Prozesse der Identitätskonstruktion und somit Handlungsfähigkeit in der natürlichen und sozialen Umwelt erlernt, erprobt und entwickelt (Litau, 2011, S. 35). Risikoverhalten nimmt also einen hohen Stellenwert in dieser vulnerablen Lebensphase ein (vgl. Quenzel, 2015). Als erstes wird sich dem Risiko-Begriff genähert und Definitionen von Risikoverhalten aufgezeigt. Im zweiten Punkt wird die Systematik des Risikoverhaltens nach Raithel und die Kategorisierung der Qualität des Risikoverhaltens vorgestellt. Zum Schluss werden unterschiedliche Einflussfaktoren, worunter die jugendliche Geschlechtsrolle, die Peer Group, die Risikowahrnehmung und die Entscheidung für ein bestimmtes Risiko fallen, erläutert.

3.1 Begriffsklärung und Definition

Der Begriff Risiko wird sowohl in der Alltagssprache, im Berufsleben als auch in wissenschaftlichen Konzepten verwendet, weswegen sich vielseitige Verwendungsweisen etabliert haben (Haller, 2003, S. 11). Alltagssprachlich (Duden) wird der Begriff Risiko als Unternehmung oder Vorhaben mit möglichem negativem Ausgang bezeichnet. Impliziert hierbei sind Schäden, Nachteile oder Verluste (Bibliographisches Institut GmbH, 2021). So wird bereits eine aktive Komponente erkennbar, die für die Begriffsbestimmung von Risikoverhalten eine wichtige Funktion einnimmt: Denn der Bedeutungskontext von Risiko bezieht sich auch zum Teil auf den von Gefahr, da beide Konzepte sich auf Unsicherheit, während des Schadeneintrittes, berufen (Luhmann, 2005, S. 131). Trotzdem liegt ein Unterschied bezüglich des Attributionsvorgangs vor, nämlich von wem und wie vorhandene Schäden zugerechnet werden. Im Fall von Selbstzurechnung handelt es sich um Risiko und im Fall von Fremdzurechnung um Gefahr (ebd. S. 140). Risikoverhalten beruft sich also auf ein subjektabhängiges Risiko, welches sich auf bewusste, kalkulierbare, damit theoretisch wählbare und dadurch verantwortbare Wagnisse oder „Entscheidungen unter Unsicherheit“ bezieht (Bonß, 1995, S. 49ff.). Zu beachten ist, dass Risikoverhalten stets kontext- und interaktionsabhängig ist. Somit ist es schwierig beziehungsweise nur teilweise möglich die Risiken, die nicht subjektiv beeinflussbar sind, bei der Untersuchung von Risikoverhalten auszuschließen und zu identifizieren (Litau, 2011, S. 36; Raithel, 2011, S. 25). Zudem sind vor allem bei Verhaltensfolgen aus der Unsicherheit heraus hohe Schädigungspotenziale zu sehen. Dementsprechend können alle unsicherheitsbezogenen Verhaltensweisen als Risikoverhalten gedeutet werden, wenn ein Schädigungspotenzial gegenüber dem eigenen Leben oder der Umwelt, beziehungsweise den Lebensbedingungen enthalten ist (Raithel, 2011, S. 23). Allgemein kann man sagen, dass Gefahren also subjektunabhängige Bedrohungen sind, die prinzipiell negativ bewertet werden, wohingegen Risiken nicht nur potenziell negative Folgen eines Verhaltens implizieren. Denn Risiken beinhalten auch Chancen und können daher negativ als auch positiv gedeutet werden, da hinter Risikoverhalten auch die mehr oder weniger bewusste und freiwillige Entscheidung für ein bestimmtes Verhalten steckt (Raithel, 2011, S. 23; Groenemeyer, 2001, S. 31ff.). Die positiven Bewertungen sind jedoch zum Beispiel in der Definition von Coleman (2007) und Raithel (2011) nicht vorhanden:

Aus der Sicht der Jugendforschung wird der Begriff Risikoverhalten von Coleman & Hagell (2007) definiert als: „potenziell gefährliches Verhalten junger Menschen, z.B. ungeschützter Geschlechtsverkehr, Substanzmissbrauch von Alkohol und illegalen Drogen, oder die Teilnahme an anti-sozialen Aktivitäten“ (S. 2).

Nach Raithel gilt im Weiteren Risikoverhalten als „ein unsicherheitsbezogenes Verhalten, das zu einer Schädigung führen kann und somit eine produktive Entwicklung - in Bezug auf die Entwicklungsziele Individuation und Integration - gefährdet“ (2011, S. 26). Litau wirft Raithel sogar ein starres Modell von Risikoverhalten vor, da hier die Konzeption defizitorientiert und objektiv ist. Doch riskante Verhaltensweisen können sogar Bestandteil des Lebensstils eines Menschen sein (vgl. 2011, S. 36). Ebenfalls sieht Raithel ein besonderes Gefährdungspotential von Jugendlichen, da für diese nur das „Hier und Jetzt“ zählt. Er betont neben den direkten, beziehungsweise unmittelbaren Gefahren des jugendlichen Risikoverhaltens, auch die Langzeitwirkungen der riskanten Verhaltensweisen, da gerade in der Jugend Lebensstile gefestigt werden und der Umgang mit dem Körper und Konsummitteln geprägt wird (2001, S. 13). Doch das Eingehen von Risiken hat nach Hurrelmann & Quenzel auch subjektive, positive Auswirkungen und ist eben nicht nur objektiv als gefährlich zu betrachten. Risikoverhalten hat demnach eine positive psychische Funktion für die Festigung der Persönlichkeit und ist ein erforderlicher Schritt beim Erwerb des selbstgesteuerten Verhaltens (2004, S. 187).

3.2 Kategorisierung der Risikoverhaltensweisen

Risikoverhalten lässt sich phänomenologisch bezüglich seiner Erscheinungsformen nach unterschiedlichen Kriterien gliedern (Litau, 2011, S. 38). In der Literatur sind verschiedene Ausprägungen zu finden, jedoch wird das Risikoverhalten vermehrt auf gesundheitsschädigendes Verhalten reduziert (z.B. Schwarzer, 2004; Palentien & Harring, 2010). Raithel (2001) differenziert nach Risikoverhaltenstypen, Risikoverhaltensweisen und Risikoqualität. Die Tabelle 1 verschafft zunächst eine Übersicht über die verschiedenen Typen risikoreichen Verhaltens nach der spezifischen Unsicherheitsform, beziehungsweise den Schädigungsmöglichkeiten. Dabei ist zu beachten, dass bei dem ökologischen Risikoverhalten die Schädigung auf die Umwelt gerichtet ist, während bei den anderen Verhaltensweisen die Schädigung auf den*die Akteur*in selbst bezogen ist (Raithel, 2011, S. 27).

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Tabelle 1: Typen risikoreichen Verhaltens (Raithel, 2001, S. 17)

Aus der Tabelle ist zu entnehmen, dass eine gesundheitliche, delinquente, finanzielle und ökologische Risikoverhaltensweise identifiziert werden kann. Die einzelnen Verhaltensweisen sind jedoch nach Schumacher und Hammelstein nicht einer einzigen Risikodimension zuordenbar (Schumacher & Hammelstein, 2003, zitiert nach Belutti, 2006, S. 48). Zum Beispiel ist der Straßenverkehr als Handlungsfeld in allen vier Risikoverhaltenstypen wieder zu finden. Ebenfalls multidimensional ist der legale, als auch illegale Drogenkonsum. Im Vordergrund steht hier zunächst die gesundheitliche Gefährdung (Raithel, 2011, S. 28). Vor allem Alkohol- und Tabakkonsum stellen den gesundheitsdringlichsten Bereich, durch die Verbreitung unter den Jugendlichen und ihres Gefährdungspotenziales, dar (Belutti, 2006, S. 48). Neben der gesundheitlichen Gefährdung besteht bei dem Konsum von illegalen Drogen auch ein rechtliches Risiko und zur Drogenbeschaffung ein hohes finanzielles Risiko (Raithel, 2011, S. 28). Es sollte hier jedoch zwischen exzessiven und alltäglichen Risikoverhalten unterschieden werden: Gelegenheitsraucher*innen sollten von abhängigen Raucher*innen unterschieden werden, das Ausprobieren von illegalen Drogen von der Sucht, genauso wie gelegentlicher Kontrollverlust von Gewaltanwendung und psychosomatische Stressreaktionen von chronischen Erkrankungen. Die Übergänge zwischen den Bereichen sind fließend (Schnabel, 2001, S. 89). Es wird deutlich, dass viele risikoreiche Verhaltensweisen unterschiedliche und somit auch mehrfache Risiken beinhalten. Dabei stehen gesundheitliche und delinquente Risiken oftmals im Vordergrund. Bei näherer Betrachtung wird demgegenüber schnell deutlich, dass auch finanzielle und ökologische Risikodimensionen (vor allem bei naturressourcenintensiven und -verbrauchenden Tätigkeiten) einige Verhaltensweisen aufweisen.

Eine weitere Unterteilung von jugendlichen Risikoverhaltensweisen erfolgt nach der Qualität des Risikos. Diese gliedert sich in „substanzmittelbezogene Risikoverhaltensweisen“, darunter fallen Alkohol-, Tabak-, Medikamenten- und Drogenkonsum, und „explizit risiko-konnotative Aktivitäten“, wie zum Beispiel riskante Mutproben, „Roofing“ (vgl. Mass, 2016) und S- oder U-Bahn-Surfen (Raithel, 2011, S. 31). Das substanzmittelbezogene Risikoverhalten wird als „risk behavior“ beschrieben und das explizit risiko-konnotative Risiko als „risk-taking behavior“ (Jessor, 2001, S. 61). Die explizite Risikokonnotation lässt sich wiederum in waghalsige Aktivitäten und Risk-Fashion-Aktivitäten unterteilen (Raithel, 2004, S. 88). Als waghalsige Tätigkeiten gelten zum Beispiel riskante Mutproben, die durch eine akute Schädigungsgefahr charakterisiert sind und eben keine alltägliche Handlung darstellen. Als Beispiel für Risk-Fashion-Aktivitäten sind Risiko- oder Erlebnissportarten zu nennen. Eine Risikosportart ist eine Sportart, die sich durch eine Erhöhung der Verletzungsgefahr auszeichnet (Bellutti, 2006, S. 48). Diesem extremen, evidenten Risikoverhalten liegt das latente Risikoverhalten, die alltäglichen Lebensroutinen, gegenüber. Beim Substanzkonsum sind die unmittelbaren gesundheitlichen Folgen für die Jugendliche noch nicht zu spüren und gelten kulturellen Ursprungs (Raithel, 2003, S. 21). Aus der Tabelle 2 ist zu entnehmen, dass diese Risiken größtenteils mit psychosozialen Belastungen und Problemlagen in der Schule und Familie zusammenhängen und eine kompensierende Funktion haben.

Substanzmittelspezifisches Risikoverhalten und explizit risiko-konnotative Tätigkeiten unterscheiden sich zudem in der Individuations- und Integrationsleistung (Raithel, 2011, S. 32). Der Substanzkonsum schafft häufig Integrationsmöglichkeiten, aufgrund ihrer hohen Ausübungsfrequenz in den unterschiedlichsten Gruppensituationen, weswegen hier von einer quantitativen „Integrationsleistung“ gesprochen wird. Der Alkohol- oder Tabakkonsum wird häufig als Medium zur Kontaktaufnahme eingesetzt, vor allem bei temporären Gruppierungen (Nordlohne, 1992, S. 37). Die erste Zigarette oder das erste alkoholische Getränk kann auch als wesentlicher Moment der Identitätsbildung gedeutet werden, durch die symbolische Darstellung von Selbstinitiation (Raithel, 2011, S. 32; Helfferich, 2001, S. 342). Die Hauptfunktion des evidenten Risikoverhaltens liegt dagegen in der qualitativen Integration, womit die Aufnahme in eine Clique, beziehungsweise eine feste Gruppe, gemeint ist. Ein Beispiel hierfür sind Mutproben, die meistens qualitativ bedeutsam sind und als Aufnahmeritual in der Regel einmalig sind. Ebenso gilt die Selbstüberwindung und Selbstbestätigung sowie die männlichkeitsbezogene Selbstpräsentation als essenzielle Funktion von waghalsigen Unternehmungen (Raithel, 2011, S. 32). Tabelle 2 bietet für die beschriebenen Unterteilungen einen Überblick:

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Tabelle 2: Kategorisierung der Qualität risikoreichen Verhaltensweisen (Raithel, 2011, S. 32; Raithel, 2011a, S.5)

3.3 Einflussfaktoren des Risikoverhaltens

In dem folgenden Abschnitt werden verschiedene Einflussfaktoren auf das Risikoverhalten vorgestellt. Zuerst die jugendliche Geschlechtsrolle, die als Identitätsträger eine zentrale Rolle für verschiedene risikoreiche Verhaltensweisen spielt (Bellutti, 2006, S. 31). Danach die Peer Group, der ein hoher Stellenwert in der Literatur als Einflussfaktor, vor allem in der Jugend, zugesprochen wird (vgl. 2.3.2). Abschließend wird die Wirkung der Risikowahrnehmung erläutert.

3.3.1 Jugendliche Geschlechtsrolle

Jugendliche zeigen in ihren Risikoverhaltensweisen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede (Bellutti, 2006, S. 32). Bei Männern sind Risikoverhaltensweisen, wie Tabak-, Alkohol- und Drogenkonsum, als auch aggressives und riskantes Verkehrsverhalten oder die Ausübung von Sportarten mit besonderem Gesundheitsrisiko häufiger, präventive Verhaltensweisen als bei Frauen (Raithel, 2011, S. 29). Doch nicht nur im Erwachsenenalter zeigt sich diese Tendenz. Auch im Jugendalter verhalten sich Jungen allgemein auffallend riskanter als die Mädchen (Hurrelmann, Klocke, Melzer, Ravens-Sieberer, 2003, S. 90ff.).

Die Gesamtheit der Risiken kann in nach innen (internalisierten) und nach außen gerichtetes (externalisierenden) Verhalten differenziert werden (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 231 ff.). Mit der jeweiligen Richtung der Verhaltensweise korrelieren systematische Geschlechtsunterschiede: Mädchen neigen vor allem zu nach innen gerichteten und Jungen vorrangig zu nach außen gerichteten Verhaltensweisen (ebd., S. 246). Auch Raithel unterscheidet zwischen interiorisierenden und exteriorisierenden Verhaltensweisen (vgl. Tabelle 3).

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Tabelle 3: geschlechtsspezifische Unterscheidung des Risikoverhaltens (Raithel, 2011, S. 30)

Aus der Tabelle ist zu entnehmen, dass zu den internalisierenden Verhaltensweisen prototypisch der Medikamentenkonsum, die Suizidalität als auch die Mangelernährung gezählt werden. Im Gegensatz dazu fallen idealtypisch, zu den externalisierenden Verhaltensweisen, der Konsum von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen, das riskante Verkehrsverhalten, Gewalt und Kriminalität als auch die Ausübung von Risikosport. Die Risikoverhaltensweisen sind „prototypisch mit geschlechtsbezogenen Funktionalitäten im Identitätsentwicklungsprozess verbunden“ (Raithel, 2011, S. 30). Folglich zeigen Jungen Verhaltensweisen, die traditionell mit Männlichkeit und Härte verbunden sind, während Mädchen die als kulturell weiblich geltenden Verhaltensweisen zeigen, wodurch eine Verfestigung der Geschlechterrolle ermöglicht wird. Zu beachten ist, dass, trotz der bestehenden Variationen der Geschlechtermodelle und damit einhergehenden Vielzahl an Weiblichkeits- und Männlichkeitskonzepten, immer noch die Muster und Strukturierungsprinzipien der Geschlechterdichotomie orientierungsgebend für die Entwicklung der Geschlechtsidentität der Jugendlichen sind (Raithel, 2003, S. 22).

3.3.2 Peer Group

Die Gleichaltrigengruppe stellt in der Adoleszenz eine wichtige Instanz dar. Dabei können Gleichaltrigengruppen in verschiedenen Formen auftreten. Es kann differenziert werden zwischen spontan entstehenden Gruppen, die sich nur vorübergehend treffen, über beständige Cliquen bis zu festen sozialen Gefügen und regelrechten Jugendbanden (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 175). Die Peer Group hilft Jugendlichen Entwicklungsaufgaben, wie die Identitätsbildung, Entwicklung von sozialen Fähigkeiten und Selbstwertgefühl, zu bewältigen und Autonomie zu schaffen. Jugendliche in Not, können sich an Gleichaltrige wenden, um Zugang zu emotionaler Unterstützung und ein sicheres Umfeld zu erhalten. Mehrere Studien haben daher einen positiven Zusammenhang von Peer Group und Risikoverhalten feststellen können (Lenzi, Gommans, Tabak, Craig, Gaspar de Matos, 2016, S. 23ff.). Die Peergroup ermöglicht ebenso neue Chancen von Teilnahme und Selbstverwirklichung, da die Gruppe den Angehörigen vollwertige Mitgliedschaftsrollen, die sich stark von denen unterscheiden, die sie in der Familie und Schule haben, zusprechen. In der Peergroup sind sie selbst die Regelsetzer, die über Tätigkeiten und Abläufe entscheiden können. Sie müssen sich eben nicht den Umgangsformen und sozialen Regeln in der Schule oder Familie anpassen, die von Autoritätspersonen bestimmt werden. Somit können sie Verhaltensweisen erproben, die ihnen in den Sozialisationsinstanzen verwehrt bleiben: Zum Beispiel der Konsum von Tabak, Haschisch, Alkohol oder der Verstoß gegen Verkehrsregeln (Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 175).

„Die Bedeutung der Gleichaltrigengruppen wächst in dem Maße, wie Familien und Schulen an Einfluss auf den Sozialisationsprozess verlieren“ (ebd., S. 177). Trotzdem wird hier nicht von konkurrierenden Einflüssen gesprochen, sondern eher von sich ergänzenden Sozialisationsinstanzen (Bellutti, 2006, S. 20).

3.3.3 Risikowahrnehmung

Laut Renner versteht man unter Risikowahrnehmung „[…] die Beurteilung einer Gefahrenquelle durch einen Laien“ (2003, S. 470). In der Forschung als auch im Alltag werden bestimmte Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Rauchen oder riskantes Fahrverhalten, nachweislich als (Gesundheits-) Gefährdung erachtet. Die Evidenz stützt sich meist auf epidemiologisch-statistische Befunde und somit auf populationsbezogene Daten. Trotzdem kann sich die subjektive Wahrnehmung dieser Gefährdung von dem objektiven Risiko, welches aufgrund von populationsbezogenen Daten eine Gefährdungswahrscheinlichkeit in sich birgt, deutlich variieren (ebd.; Raithel, 2011, S. 25). Die Risikowahrnehmung ist also davon abhängig, ob und in welchem Maße man sich subjektiv durch ein Ereignis, eine Erkrankung oder eine andere potenzielle Gefährdung bedroht, beziehungsweise einem Risiko ausgesetzt fühlt (Schumacher & Hammelstein, 2003, S. 142). Renner (2003) unterteilt die Risikowahrnehmung in zwei qualitativ unterschiedliche Bereiche: Die persönliche und die allgemeine. Bei der allgemeinen Risikowahrnehmung erfolgt eine generelle Einschätzung über das Risiko verschiedener Gefahrenquellen, das heißt, ohne einen Selbstbezug auf die eigene Person herzustellen. Unter der persönlichen Risikowahrnehmung wird das Erleben von persönlicher Verwundbarkeit (Vulnerabilität) verstanden. Der registrierte Schweregrad eines Ereignisses und dessen perzipierte Eintrittswahrscheinlichkeit für die Person sind zwei Faktoren, von denen die persönliche Risikowahrnehmung abhängig ist. Gleichermaßen spielt für die subjektive Risikowahrnehmung das Wissen über die Eigenschaften der Gefährdung und soziale Vergleichsprozesse eine große Rolle (S. 471).

Die allgemeine und die persönliche Risikowahrnehmung weisen oftmals erhebliche Diskrepanzen auf. Es kommt zu Fehleinschätzungen und positiven Illusionen, als „optimistischer Fehlschluss“ oder „unrealistischer Optimismus“ (Weinstein, 1980, zitiert nach Renner (2003), S. 470), was das Risiko für die eigene Person angeht (Raithel, 2011, S. 25). Dieser unrealistische Optimismus kann zwar einerseits zur Angstreduktion und zu einem beruhigenden Gefühl der Nichtbetroffenheit beitragen, andrerseits aber auch zu einer geringeren präventiven beziehungsweise vermeidenden Bereitschaft für Handlungen mit Risikopotential (ebd.).

4 Drogenkonsum als Risikoverhalten von Jugendlichen

In diesem Gliederungspunkt wird sich differenzierter dem Drogenkonsum von Jugendlichen als Risikoverhaltensweise gewidmet. Drogenkonsum gilt als substanzmittelbezogene und exteriorisierende, also eher maskuline Risikoverhaltensweise. Diese wird nach Raithel als Risk behavior, also als latentes Risikoverhalten, als relative Alltäglichkeit, gesehen. Einzuordnen ist der Drogenkonsum in erster Linie bei den gesundheitlichen Risikoverhaltensweisen, aber auch in den deliquenten und finanziellen ist der Konsum von Drogen wiederzufinden (vgl. 3.2).

Der Konsum von Drogen ist im jugendlichen Alltag fest verankert. Auch zu der Entwicklung zum Erwachsenen wird der Umgang mit legalen Drogen in unseren Kulturkreisen vorausgesetzt (Engel & Hurrelmann, 1998, S. 20; vgl. auch 2.3.1). Die Studie nach Silbereisen & Kastner (1985) zeigt, dass sogar schon Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren erste Vorstellungen über die spezifischen Eigenschaften und Wirkungen von Alkohol und Tabak haben. Genauso wie über die kulturelle und soziale Wertung dieser legalen Drogen (S. 83f.). Um jedoch den verantwortlichen Umgang mit psychoaktiven Substanzen zu erlernen ist meistens ein übermäßiger und unkontrollierter Konsum unumgänglich (Silbereisen & Reese, 2001, S. 131). Dies ist einer der Gründe - neben steigender Autonomie im Freizeitbereich, wenig Verpflichtungen beziehungsweise geringe Verantwortung, Bewältigung anderer Entwicklungsaufgaben und gleichzeitiger Identitätssuche - weswegen Jugendliche als spezifische Risikopopulation für den legalen als auch illegalen Rauschmittelkonsum gelten (Freitag & Hurrelmann, 1999, S. 10f.).

Illegalen Drogen hat etwa jeder zehnte 12- bis 17-jähriger Jugendliche (10,6%) schon einmal konsumiert. Bei den jungen Erwachsenen liegt der Prozentsatz bei 47,2%, also bei knapp der Hälfte. Vor allem dominiert der Konsum von Cannabis im Gegensatz zu dem Konsum von anderen Substanzen. Hier liegt der Anteil bei den 12- bis 17-jährigen Jugendlichen nicht einmal bei einem Prozent. Auch im höheren Alter (18-25 Jahre) bleibt der Prozentanteil gering. Er reicht von 0,2% für Crack bis zu 7,8% für Ecstasy. Im Vergleich hierzu, der Konsum von Cannabis liegt bei den 12- bis 17-Jährigen bei 10,4% und bei den 18- bis 25-Jährigen bei 46,4%. Die Verbreitung des Cannabiskonsums nimmt von der späten Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter stetig zu und ist bei den männlichen Jugendlichen weiterverbreitet als bei weiblichen Jugendlichen (ebd. S. 51).

Im Folgenden wird zunächst der Begriff Droge und Rauschmittel definiert und die Unterscheidung zwischen legal und illegal kenntlich gemacht. Ebenfalls wird die Differenzierung zwischen Drogengebrauch und -missbrauch erläutert und die gesetzliche Regelung zum Konsum von Alkohol und Tabak im Jugendalter aufgezeigt. Im Anschluss werden die Funktionen des Konsums von Drogen im Hinblick auf die in 2.3.1 gezeigten Entwicklungsaufgaben beleuchtet, um danach die Risikofaktoren zum Drogenmissbrauch zu verdeutlichen. In 4.3 werden zwei einschlägige Erklärungsmodelle vorgestellt. Hierbei handelt es sich um das biopsychologische Konzept Sensation Seeking und das sozialstrukturelle Erklärungsmodell der Lebensstile und Milieus. Zum Schluss wird Drogenkonsum in einem biografischen Verlauf, vom Jugendalter bis ins junge Erwachsenenalter, betrachtet.

4.1 Begriffsklärung, Definition und gesetzliche Regelung

Früher wurde unter dem Begriff Droge überwiegend ein Heilmittel verstanden. Mittlerweile wird der Begriff jedoch fast nur noch verwendet, um Rauschmittel zu bezeichnen (Hurrelmann & Bründel, 1997, VII). Rauschmittel und Droge können somit nicht mehr exakt voneinander abgegrenzt werden.

Rauschmittel als auch Droge bezeichnet somit alle tierischen und pflanzlichen Stoffe, die einen Rausch verursachen und eine Wirkung auf das Zentralnervensystem ausüben (Herrmanns, 2017. S. 9; Degkwitz, 2002, S. 20). Seit die Arzneimittel ab 1898 laborchemisch hergestellt wurden, kann man den Begriff der Droge nicht mehr nur für die naturgemäßen Substanzen verwenden, sondern auch für die synthetisch hergestellten wie zum Beispiel Kokain, LSD, Heroin usw. (Hurrelmann & Bründel, 1997, VII & Kruse, Behrendt, Bonorden- Kleij, Gößling, 1996, S. 22).

Drogen lassen sich in legale, wie Coffein, Nikotin, Alkohol und Medikamente, als auch in illegale, wie Cannabis, Kokain, Heroin, LSD und Amphetamine, gliedern. Der Status (legal/illegal) einer psychoaktiven Substanz sagt weder etwas über ihre Wirkung noch über das Suchtpotential aus. Die Klassifizierung als legal oder illegal lässt sich meist nur aus einem historischen Blickwinkel erklären. Denn fast alle heutigen legalen Drogen, waren damals illegal, bis sie sich langsam in der Gesellschaft etablierten und seitdem als legal gelten. Dem Konsum von legalen Drogen muss vor allem große Aufmerksamkeit gewidmet werden, da jegliche Form des übermäßigen oder schädlichen Konsums von Drogen, normalerweise über den Weg von Erfahrungen mit legalen Drogen führt (Engel & Hurrelmann, 1998, S. 20). Also ist festzuhalten, dass illegale Substanzen nicht immer verboten sind, weil sie objektiv ein höheres Abhängigkeitspotential haben, sondern weil sie in unseren Kulturkreisen (noch) nicht geduldet werden. Es ist also möglich, dass derzeit illegale Subtanzen im Laufe der Jahre den Status einer legalen Droge erhalten (Hurrelmann & Bündel, 1997, S. 12). Zum Beispiel wird seit Anfang der 2000er Jahre in Deutschland ein Diskurs über die Legalisierung und Entkriminalisierung von Cannabis geführt, die jedoch bisher abgelehnt wurde (Wieczoreck, 2020).

Für Jugendliche ist im Jugendschutzgesetz geregelt, ab wann Tabak und alkoholische Getränke konsumiert werden dürfen. Bier, Wein, weinähnliche Getränke, Schaumwein oder Bier-Mischgetränke dürfen an Jugendlich ab 16 Jahren ausgegeben werden. Ausnahme besteht, bei der Begleitung eines Erziehungsberechtigten (§9 Abs. 1 & 2 JuSchG). Alkopops (alkoholische Süßgetränke) und andere alkoholische Getränke oder Lebensmittel, die andere alkoholische Getränke in hohen Mengen enthalten, dürfen ab 18 Jahren konsumiert und gekauft werden (§9 Abs. 1 S. 2 & Abs. 4 JuSchG). Unter den „anderen alkoholischen Getränken“ sind durch Destillation gewonnene, hochprozentige alkoholische Getränke gemeint, also mit einem Mindestalkoholgehalt von 15 Volumenprozent (BZgA, n.d.).

Es wird zusätzlich zwischen Drogengebrauch und Drogenmissbrauch differenziert. Drogenmissbrauch oder auch Substanzmissbrauch bedeutet allgemein eine „chronische oder übermäßige Anwendung von Medikamenten, Pharmaka und Drogen bei fehlender medizinischer Indikation“ (Janke, 2009, S. 231). Für die Jugendlichen haben Newcomber und Bender (1989) vier Gesichtspunkte zur Unterscheidung von Gebrauch und Missbrauch psychoaktiver Substanzen vorgestellt, die den entwicklungspsychologischen Besonderheiten des Jugendalters und den spezifischen Charakteristika der unterschiedlichen Drogen gerecht werden:

- Die Substanz und die Konsumumstände mit den unmittelbaren physiologischen und psychologischen Effekten der Substanz, der Konsummenge, -dauer und -situation
- Die Person, also der Entwicklungsstand und die Lebensumstände des Konsumenten
- Die Reaktion, in Bezug auf die körperliche und psychische Abhängigkeit
- Zuletzt die Konsequenzen. Unter Konsequenzen werden negative Folgen verstanden, wie Blackouts, Vandalismus, Verkehrsunfälle, Aggressionen und ungeschützter Geschlechtsverkehr, aber auch langfristige juristische, finanzielle und gesundheitliche Folgen werden hier mit einbezogen

Diese vier Dimensionen ermöglichen eine komplexe Unterscheidung zwischen Gebrauch und Missbrauch psychoaktiver Substanzen, die auch weit über die Differenzierung zwischen legalen und illegalen Drogenkonsum hinausgeht (zitiert nach Silbereisen & Reese, 2001, S. 131f.).

[...]


1 Wie in 2. gezeigt, lässt sich die Lebensphase Jugend nicht auf ein exaktes Lebensintervall festlegen, vor allem was das Alter der Beendigung der Jugendphase angeht. Um jedoch Uneindeutigkeiten zu vermeiden, wird das Alter der Lebensphase Jugend für die weitere Arbeit bestimmt: Der Jugendbegriff bezieht sich, wenn nicht anders benannt, auf die 13-18-Jährigen (vgl. Baacke, 2009). Mit dem Alter von 12-14 Jahren wird heute definitiv das Kindheitsalter, durch den Eintritt in die Pubertät, verlassen. In diesem Alter nehmen die Abgrenzungstendenzen gegenüber den Eltern deutlich zu. Gleichzeitig bleibt aber die Verantwortung für das Handeln der Jugendlichen noch weitgehend bestehen. Mit 18 Jahren sind die Jugendlichen dann nach dem Gesetz volljährig, auch wenn sie nicht „erwachsen“ im Sinne von „geistig reif und innerlich gefestigt“ sind (Göppel, 2019, S. 29). Sie können also ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihren eigenen Weg gehen, selbst dann, wenn sie ökonomisch von den Eltern noch abhängig sind (ebd.). Die 19-30-Jährigen bilden in dieser Arbeit die Altersgruppe der „jungen Erwachsenen“ (BZgA, 199). Somit ist die Übergangsphase in das Erwachsenenalter, wie das „Emerging Adulthood“ nach Arnett (2004), impliziert. Der Erwachsenenstatus wird anhand von Rollenübergangen, wie zum Beispiel Partnerschaft und Berufstätigkeit, geprüft.

Ende der Leseprobe aus 220 Seiten

Details

Titel
Der Drogenkonsum junger Erwachsener aus biografischer Perspektive
Untertitel
Eine empirische Untersuchung auf der Basis von narrativen Interviews
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,0
Jahr
2021
Seiten
220
Katalognummer
V1129962
ISBN (eBook)
9783346489739
ISBN (Buch)
9783346489746
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drogenkonsumverlauf, Drogenkonsumentwicklung, Drogenkonsum junger Erwachsener, Drogenkonsumhäufigkeit, Drogenkonsum Jugendlicher
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Der Drogenkonsum junger Erwachsener aus biografischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1129962

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