Die Antiglobalisierungsbewegung

Zum regressiven Bedürfnis der No-Globals und ihrer Sympathisanten


Vordiplomarbeit, 2007
36 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Antisemitische Mobilisierung in der Linken
2.1 Der Begriff des modernen Antisemitismus
2.2 Antizionismus
2.3 Antizionismus in der Antiglobalisierungsbewegung
2.4 Zur Aktualität antizionistischer Agitationen der No-Globals
2.5 Antiamerikanismus in der Antiglobalisierungsbewegung
2.6 Kompatibilität zu rechter Globalisierungskritik

3. Die kollektive Identität der Antiglobalisierungsbewegung
3.1 Das Individuum in der MasseDie Freudsche Massenpsychologie und deren Weiterführung
3.2. Massenbildung
3.3. Die autoritäre Reaktion
3.3. Die Kritikresistenz der No-Globals

4. Was kommt nach Montag?

5. Literatur

1. Einleitung

Als Anfang Juni 2007 tausende Menschen nach Heiligendamm fuhren, um an den Protesten gegen den G8-Gipfel teilzunehmen, reaktivierte sich die sonst marginal erscheinende deutsche Linke, trieb die Mobilisierung in zahlreichen Kampagnen tatenkräftig voran und verband damit große Erwartungen, so war auf einem Plakat „Gute Nacht, G8 - we are winning“ zu lesen. Bei vielfältigen Aktionen bot sich die Möglichkeit, eigene linke Inhalte in die Öffentlichkeit zu rücken und einer breiten Masse zugänglich zu machen. Die so oft betonte Heterogenität der ‚Bewegung der Bewegungen’ zeigte sich im breiten Spektrum der mobilisierenden Gruppen und Initiativen. Gewerkschaften, Umweltgruppen, Frauengruppen, Dritte-Welt-Initiativen, Menschenrechts- und Bürgerrechtsgruppen, kirchliche Kreise selbst Neonazis und allen voran ATTAC waren auf den Protesten gegen die „Mächtigen der Welt“ vertreten um routiniert ihre jeweils spezifischen Themen mit dem Globalisierungsprozess zu verbinden. Das Gipfeltreffen in Heiligendamm bot einen willkommenen Anlass, um den Protest möglichst vielfältig und spektakulär in Szene zu setzen. Einer großen medialen Öffentlichkeit konnten sich die No-Globals dabei jedenfalls gewiss sein. Medien und Politik fokussierten vordergründig die Gewaltexzesse des Protests was in Wechselwirkung zur Militanzdebatte innerhalb der Bewegung stand - das Gipfeltreffen erschien nicht selten als ordnungspolitisches Problem.

Was aber sind die Inhalte der Globalisierungsgegner; welche Forderungen verbunden sich mit dem Protest; weshalb ließen sich 80.000 Menschen zu einer Bündnisdemonstration nach Rostock mobilisieren; und was verbindet die No- Globals in ihrem Protest? Um diese Fragen soll es meiner Arbeit gehen. Um dies zu erörtern, werde ich zunächst eine ideologiekritische Perspektive eröffnen und das Vorhandensein antisemitischer Tendenzen in der Antiglobalisierungsbewegung beleuchten. Im zweiten Teil frage ich im Rahmen einer massenpsychoanalytischen Perspektive danach, wie die der Protest auf den Einzelnen wirkt und was den Einzelnen dazu veranlasst Teil einer Massenbewegung zu sein. Anschließend werde ich zeigen, in welcher Weise die Bewegung mit Kritik umgeht.

2 Antisemitische Mobilisierung in der Linken

2.1 Der Begriff des modernen Antisemitismus

Antisemitische Deutungsmuster sind z. T. integraler Bestandteil der autoritären Ideologie und Mobilisierungsversuche auch linksradikaler Parteien und Bewegungen.[1] Um eine kritische Analyse der linken Agitation vorzunehmen, ist es deshalb notwendig, einen präzisen Begriff vom modernen Antisemitismus zu haben.

Der moderne Antisemitismus äußert sich als „ideologische Reaktion auf die Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaft und die damit verknüpften gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüche.“[2] Die Juden werden für alle kulturellen Umbrüche verantwortlich gemacht: „für die Auflösung traditionaler Autoritätsbeziehungen, für die radikale Infragestellung der überkommenen Moral und aller bisher sicheren Werte und Normen, für freie Presse, moderne Kunst, Bordelle wie Frauenemanzipation. Kurzum: Die Juden werden als die Schuldigen, als Urheber der modernen Gesellschaft ausgemacht.“[3] Diesem Welterklärungsansatz liegen Denkstrukturen zugrunde, innerhalb derer der Antisemitismus traditionellen antijüdische Stereotype zu einem konsistenten Weltbild zusammenfügt.[4] Dieses Weltbild konstruiert sich in den Denkweisen des Einzelnen selbst und folgt den Strukturprinzipien antisemitischen Denkens:[5]

1. extremer Manichäismus: Das Weltbild wird strikt binär kodiert. Komplexe gesellschaftliche Verhältnisse werden auf konkurrierende Gut/Böse-Prinzipien verkürzt, die Welt anhand moralisierender Kategorien in ‚Gut’ und ‚Böse’ eingeteilt. Das Böse steht im existentiellen Kampf gegen das gute Prinzip.
2. Personifiziertes Denken: Alle unbegriffenen und verunsichernden Phänomene der modernen Gesellschaft werden dem absichtsvollen Handeln konkreter Menschen zugeschrieben. Das abstrakte Böse wird in erfassbaren Personen identifiziert, damit die Welt erklärbar wird und greifbare Schuldige für das Schlechte in der Welt gehasst und bekämpft werden können. Die Personifizierung abstrakter Vergesellschaftungsformen korreliert notwendig mit Verschwörungstheorien. Aus diesen Erklärungsmustern zieht der Antisemit seine Urteilskraft: Hinter allem Bösem in der Welt – das aus dem bewussten Handeln bestimmter Menschen resultiert – muss ein hinterlistiger Plan, eine weltweite Verschwörung stecken.
3. Konstruktion identitärer Kollektive: Indem sich ein Kollektiv als homogene, an sich harmonische Wir-Gemeinschaft konstituiert, grenzt sich das Eigenkollektiv gegenüber einer konstruierten Feindgruppe ab. Der Feindgruppe wird ein bösartiges Wesen zugeschrieben, welches die Existenz der Eigengruppe gefährdet. Dieses Feindbild ermöglicht erst die Konstitution einer Gemeinschaft (Haury spricht von Volksgemeinschaft), die dem Individuum festen Halt gibt und sichere Identität bietet

2.2 Antizionismus

„Im Antizionismus tritt er [der Antisemitismus; d.V.] als eine spezifische Form des Antisemitismus nach Auschwitz auf, der sich aus Mangel an konkreten Hassobjekten gegen den kollektiven Juden, den Staat Israel, richtet.“[6] Die Tradition des Antisemitismus in der Linken lässt sich bis zum Frühsozialismus zurückverfolgen. Von der Verharmlosung antisemitischer Ressentiments bis zu offen-antisemitischen Argumentationen lassen sich von Blanqui bis Fourrier, von Saint-Simon über Proudhon bis Bakunin alle Spielarten des klassischen Antisemitismus finden.[7] In der deutschen Arbeiterbewegung wurde Antisemitismus wiederholt abgestritten, verharmlost oder geleugnet in den krassesten Fällen sogar für legitim erklärt und als Antikapitalismus offen propagiert. In der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik kam es aufgrund unterschiedlicher politischer Grundausrichtungen und Bündniszugehörigkeiten zu verschiedenen Einstellungen gegenüber dem 1948 gegründeten Staat Israel. Nach dem zweiten Weltkrieg unterstützte die Sowjetunion kurzzeitig das Projekt zur israelischen Staatsgründung. Gegen Ende der vierziger Jahre änderte sich die Staatsdoktrin und Antizionismus wurde zu einem Element staatlicher Ideologie und Praxis. In der DDR wurde der Zionismus zu einer Abart des nationalstaatlichen Kapitalismus erklärt.[8] Die sozialistische Ideologie verunmöglichte es der DDR-Regierung quasi, freundschaftliche Kontakte zu israelischen Repräsentanten zu pflegen. Weiterhin zeichneten die staatlich gelenkten Massenmedien ein antizionistisch verzerrtes Bild der israelischen Gesellschaft und taten sich in antiisraelischen Angriffen hervor. Seit Anfang der 80er Jahre wurden in der DDR-Öffentlichkeit zunehmend antisemitische Tendenzen in im Zusammenhang mit rechtsextremen Aktivitäten wahrnehmbar.[9] In der BRD war der Antizionismus nach 1945 weitgehend eine Domäne der äußeren Rechten. Abgesehen von den dogmatischen kommunistischen Parteien, die sich am Kurs der Sowjetunion orientierten, war die westdeutsche Linke bis 1967 positiv gegenüber dem Staat der Shoaüberlebenden eingestellt. Der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 markiert eine schlagartige Entsolidarisierung der deutschen Linken mit Israel und die damit untrennbar verbundene pro-palästinensischen Wende. Gegen die israelische Regierungspolitik wurde harte Kritik laut[10] und die idealistische Identifikation mit dem Staat Israel kehrte sich in eine ablehnende Gegenidentifikation um, es vollzog sich eine Entsolidarisierung. In dieser Zeit, so Grigat, „beginnt (…) eine antizionistische Agitation, die eindeutige Affinitäten zum Antisemitismus aufweist, und die bald fast in der gesamten Linken hegemonial werden sollte.“[11] Diese Entwicklung vollzog sich international, wirkte in der BRD aber besonders nach. In einem breiten Spektrum der westdeutschen Linken – von linker Sozialdemokratie, den Grünen, feministischen Gruppierungen K-Gruppen, Autonomen, Antiimperialisten bis zu bewaffneten Gruppen – waren klar antizionistische Statements und Aktionen deutlich wahrnehmbar: 1969 wurde auf das jüdische Gemeindehaus in Westberlin ein Anschlag verübt, zu der sich die ‚Tupamaros Westberlin’ – eine linke Gruppe aus dem Spektrum der Studentenbewegung – bekannte[12] ; während der Olympiade 1972 in München wurden israelische Sportler ermordet, die RAF und andere linke Gruppen glorifizierten die Morde; in den achtziger Jahren fanden anlässlich der israelischen Kriegshandlungen gegen den Libanon zahlreiche Demonstrationen statt, die sich nicht etwa vor israelischen Botschaften, sondern vor jüdischen Synagogen manifestierten; Kampagnen, die zum Boykott Israels aufriefen und Solidaritätsbekundungen mit dem ‚Palästinensischen Widerstand’ bzw. mit dem ‚Volk Palästinas’ und Vergleiche Israels mit Nazi-Deutschland wurden laut. Im Zuge der Solidarisierung weiter Teile der deutschen Linken mit der sozialrevolutionären und antiimperialistischen nationalen „Palästinensischen Befreiungsorganisation“ (PLO) wird Israel als Brückenkopf des „US-Imperialismus“ im Nahen Osten zum kleinen Teufel an der Seite der USA in das antiimperialistische Weltbild gepasst. Mertens konstatiert eine Gesellschaftsfähigkeit antisemitischer Einstellungen für die 68er-Generation und deren Wirkung auf nachfolgende Generationen und zeigt antiisraelische Stellungnahmen in der bundesdeutschen Parteienlandschaft auf.[13] Die antiisraelische Stimmung in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren unter dem Eindruck der Zweiten Intifada, Nine-Eleven und dem War on Terror verfestigt und verbindet sich mit einem deutlich wahrnehmbaren Antiamerikanismus. Paul Spiegel bemerkte 2002: „Anstatt gegen Antisemitismus zu mobilisieren – was hier zu Lande tatsächlich etwas Neues wäre –, wird in Sachen Feindmarkierung eher der Schulterschluss mit den Antisemiten praktiziert.“ Grigat resümiert einen offensichtlichen Antisemitismus in der gegenwärtigen Linken, der sich zum einen im Antizionismus – der Gegnerschaft zum Staat Israel – als auch im strukturellen Antisemitismus – der verkürzten Kapitalismuskritik (später mehr dazu) - äußert.[14] Die antisemitische Traditionslinie zieht sich, wie deutlich geworden sein sollte, bis zur heutigen Zeit nicht nur durch die deutsche Gesamtgesellschaft, im speziellen zeigt sie ihre Wirkung in der deutschen Linken.

2.3 Antizionismus in der Antiglobalisierungsbewegung

Besondere Aufmerksamkeit widmen auch die No-Globals dem sog. „Israel- Palästina-Konflikt“. Ausnahmslos auf jedem Sozialforum erklären die No- Globals explizit ihre Solidarität mit der „Sache der Palästinenser“. Im Folgenden werde ich einen kurzen Abriss über die herausragenden antiisraelischen Manifestationen der Antiglobalisierungsbewegung geben.

In der Abschlusserklärung des Weltsozialforums (WSF) in Porto Alegre 2001 wird erklärt, dass „Angesichts der brutalen Besatzung Israels“ die Aufgabe der Bewegung darin bestehe „zur Solidarität mit dem palästinensischen Volks zu mobilisieren und seinen Kampf um Selbstbestimmung zu unterstützen“[15], über den Terror und Antisemitismus ist darin nichts zu lesen. Während des WSF fand eine Pro-Palästinensische Demonstration statt.

[...]


[1] Vgl. Rensmann 2004, S. 17.

[2] Haury, Thomas: Der Antizionismus der Neuen Linken in der BRD, S. 218.

[3] Ebd., S. 218.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Haury 2001, S. 218f.

[6] Grigat 2007, S. 33.

[7] Vgl. Grigat 2007, S. 31.

[8] Vgl. Grigat 2007, S. 31; Mertens 1995, S. 89ff.

[9] Zum Antisemitismus und Antizionismus in der DDR liegen einige Arbeiten vor, u. a.: Dittmar, Peter: DDR und Israel. Ambivalenz einer Nichtbeziehung, In: Deutschland Archiv, 10 (1977).; Mertens, Lothar: Staatlich propagierter Antizionismus: Das Israelbild der DDR. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 2, hrsg. von Wolfgang Benz. Frankfurt a. M. 1993.

[10] Vgl. Grigat 2007, S. 32; Mertens 1995, S. 90.

[11] Grigat 2007, S. 32.

[12] Der Düsseldorfer Historiker Ralf Balke resümiert in einem Essay über die Genossen Judenhasser: „’Palästina gleich Vietnam, Faschismus gleich Zionismus, Israel gleich >Drittes Reich< und Al-Fatah gleich Antifaschismus’ lautete damals die Zauberformel der Tupamaros West-Berlin, die aufgrund ihrer Griffigkeit und Simplizität offensichtlich eine verheerende Faszination auf Teile der deutschen Linken ausübte. Aber noch viel mehr. Sie beinhaltete darüber hinaus nämlich auch das Angebot, sich vom „Judenknax“, wie es Kunzelmann immer wieder nannte, dem Schuldgefühl für die von den Deutschen begangene Vernichtung des europäischen Judentums, zu befreien.“

[13] Vgl. Mertens 1995, S. 90ff.

[14] Vgl. Grigat 2007, S. 33.

[15] Abschlusserklärung des WSF vom 5. Februar 2001, http://www.attac.de/themen/bewegung/wsf_abschluss.php, 27. September 2007.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Antiglobalisierungsbewegung
Untertitel
Zum regressiven Bedürfnis der No-Globals und ihrer Sympathisanten
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Philosophische Fakultät III - Erziehungswissenschaften)
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V113002
ISBN (eBook)
9783640125661
ISBN (Buch)
9783640126446
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antiglobalisierungsbewegung
Arbeit zitieren
Martin Hilpert (Autor), 2007, Die Antiglobalisierungsbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113002

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