Diese Masterarbeit leistet einen Beitrag zur Analyse der Konzepte, die durch Sport erzieherisch vermittelt werden sollen. Sie nimmt dabei die Standpunkte der verschiedenen Akteure, die in einem Entwicklungszusammenarbeitskontext aufeinander treffen, in den Blick. Im spezifischen Umfeld eines kleinstädtischen kenianischen Raums mit multiethnischen Akteuren habe ich hierfür eine exemplarische Forschung bei der deutschen Organisation „NGUVU Edu Sport e.V.“ durchgeführt. Diese macht es sich zur Aufgabe, sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen mithilfe einer Lernmethode in Verbindung mit Sport selbst definierte Werte wie Respekt, Toleranz und Selbstbewusstsein zu vermitteln.
Dabei stellten sich als Forschungsfragen, welche Elemente der Organisationsarbeit entscheidend auf die Wertebildung der Teilnehmer wirken, mit welchen anderen Werten der Teilnehmer die zu vermittelnden Konzepte eventuell im Konflikt stehen und inwiefern sich die Wertideen der Organisation tatsächlich in der sozialen Realität der Teilnehmer abbilden. Es zeigte sich, dass die Bereitstellung von Sicherheit und Grundversorgung durch das Projekt eine entscheidende Rolle für die Kinder und ihre Familien spielt. Werte und Lebenskompetenzen werden in der Vermittlung von den Teilnehmern implizit durch ihre risikobehafteten Lebensumstände bedingt beschleunigt aufgenommen, da sie durch den Zugang zu Grundversorgung und sicheren Räumen verstärkt motiviert sind, zu lernen und umzusetzen, was ihnen beigebracht werden soll - und zwar bis zu einem gewissen Grad unabhängig davon, ob dies über Sport oder andere Wege geschieht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1. Sport und Fußball aus ethnologischen Perspektiven
2.2. „Sport evangelism“? Sport und Sporterziehung in Ethnologie und Entwicklungszusammenarbeit
2.3. Zentrale Werte und ihre (sport-)erzieherische Vermittlung im kenianischen und deutschen Kontext
2.4. Aufwachsen in Kenia: Kindheit, Familie und Ethnizität
3. Projekt- und Standortbeschreibung
4. Forschungsverlauf und Methodenreflexion
5. „He keeps the children safe“: Analyse der Motive von Kindern und Familien für die Teilnahme am Projekt
6. Das NGUVU Edu Sport e.V. - Selection Team: Das Erschaffen einer Mannschaft im lokalen Kontext
6.1. „We are in Africa“ - Konstruktionen europäischer und afrikanischer Identitäten auf dem Fußballplatz und außerhalb
6.2. Albert Schweitzer oder „Sucher“? Bewegen und Handeln des Projektgründers in Juja
6.3. Rezeption des Projektes im Ort Juja
7. Exemplarische Analyse der Wertevermittlung durch Sport im Rahmen des Projekts NGUVU Edu Sport e.V.
7.1. Der „NGUVU-Wertekatalog“: Perspektiven von Teilnehmern, Projektmitarbeitern, Erziehungsberechtigten und Lehrern
7.2. Umsetzung: Beobachtungen auf dem Fußballplatz und außerhalb
8. Zusammenfassung, Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die erzieherischen Konzepte von Sportprojekten in der Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel des Projekts "NGUVU Edu Sport e.V." in Kenia. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, ob von Projektseite induzierte Wertevorstellungen in der Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen eine Rolle spielen, was ihre Teilnahmemotivation antreibt und wie das lokale Umfeld das Projekt wahrnimmt.
- Ethnologische Analyse von Sport und Fußball in der Entwicklungszusammenarbeit.
- Vergleich von erzieherischen Kontexten und Werten in Kenia und Deutschland.
- Untersuchung von Identitätskonstruktionen auf und außerhalb des Fußballplatzes.
- Analyse der Rolle des Projektgründers als zentrale Akteurfigur im lokalen Kontext.
- Empirische Fallstudie zur Bedeutung von Sicherheit und Grundversorgung für die Projektteilnahme.
Auszug aus dem Buch
6.1. „We are in Africa“ - Konstruktionen europäischer und afrikanischer Identitäten auf dem Fußballplatz und außerhalb
„I think, it’s not good, when he is using such words. ‚You Sudanese, you Kenyans, you Africans‘. Ja. It’s not good. ‚You Kenyans, You Africans, you’re like this…'. Ja. They were not happy about that. And that’s the reason why they have never attended a game anymore.“ (Owuor 2017: Interview).
Das Verhalten von Projektgründer Firlej, das Owuor hier beschreibt, nennen Bale und Sang in Anlehnung an Edward Saids Konzept des Orientalismus „Africanism“ (1996: 52). Dabei definieren sie diesen Begriff als Gedanken, der auf einer Unterscheidung zwischen dem typisch „afrikanischen“ und „okzidentalen“ beruht (Bale und Sang 1996: 52). Gleichzeitig könne der Term als westliche Strategie gesehen werden, das „Afrikanische“ zu dominieren und zu restrukturieren (Bale und Sang 1996: 52). In jedem Fall sei das Phänomen ein Fall von „othering“, dem „I-not-I“-Dualismus der in vielen postkolonialen Studien herangezogen wird und ausnahmslos Hierarchien und Machtverhältnisse schafft (Bale und Sang 1996: 52). Die Individuen, die „geothered“ werden, verschmelzen zu einem homogenen „they“-Kollektiv, das im Verlauf zu einem ikonischen „he“ gefiltert wird, mit dem ein standardisierter männlicher Vertreter dieses Kollektivs gemeint ist (Pratt, zit. n. Bale und Sang 1996: 52). Dieses abstrakte „he“ oder „they“ agiert im Diskurs dabei immer im Präsens und wird also nicht in einem spezifischen historischen Ereignis charakterisiert, sondern durch gegebene Gewohnheiten oder Merkmale (Pratt, zit. n. Bale und Sang 1996: 52).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Rolle von Sportprojekten in der Entwicklungszusammenarbeit und stellt die Forschungsfragen bezüglich der Vermittlung von Werten.
2. Theoretischer Rahmen: Es werden ethnologische Perspektiven auf Sport und Fußball, Sportpädagogik sowie die Lebensbedingungen kenianischer Kinder im soziokulturellen Kontext diskutiert.
3. Projekt- und Standortbeschreibung: Dieses Kapitel liefert eine ethnographische Beschreibung der Stadt Juja und des Projekts NGUVU Edu Sport e.V.
4. Forschungsverlauf und Methodenreflexion: Die Autorin reflektiert ihren Zugang zum Feld, ihre Rolle als Forscherin und die angewendeten methodischen Ansätze während der Feldforschung.
5. „He keeps the children safe“: Analyse der Motive von Kindern und Familien für die Teilnahme am Projekt: Die Analyse zeigt, dass neben Werten vor allem die Grundversorgung und Sicherheit als zentrale Motivationsfaktoren für die Teilnahme am Projekt dienen.
6. Das NGUVU Edu Sport e.V. - Selection Team: Das Erschaffen einer Mannschaft im lokalen Kontext: Dieses Kapitel behandelt das Auswahlverfahren, Identitätskonstruktionen und die Rolle des Projektgründers.
7. Exemplarische Analyse der Wertevermittlung durch Sport im Rahmen des Projekts NGUVU Edu Sport e.V.: Die Umsetzung der angestrebten Werte wie Disziplin und Gemeinschaftssinn wird anhand von Interviews und Beobachtungen evaluiert.
8. Zusammenfassung, Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Bedeutung von Sportprojekten vor dem Hintergrund sozioökonomischer Herausforderungen.
Schlüsselwörter
Sportpädagogik, Entwicklungszusammenarbeit, Fußball, Kenia, Wertevermittlung, Ethnologie, Identitätsbildung, Kindheit, Armut, Sicherheit, Grundversorgung, soziale Mobilität, Gemeinschaftssinn, Disziplin, Ethnizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser ethnologischen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Sportprojekte im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit in Kenia erzieherisch wirken und welche Rolle Sport bei der Vermittlung von Werten im lokalen Kontext spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Themen sind die Analyse von Teilnahmemotivationen, die Bedeutung von Grundversorgung und Sicherheit, die Konstruktion von Identitäten durch Sport sowie die lokale Wahrnehmung und Rezeption des Projekts NGUVU Edu Sport e.V.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob die vom Projekt postulierten Wertvorstellungen bei den Kindern und Jugendlichen ankommen und wie diese Werte mit der sozialen Realität der Teilnehmenden interagieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer knapp viermonatigen Feldforschung, die teilnehmende Beobachtung, Interviews und Gespräche mit Kindern, Familien, Lehrern und anderen Akteuren im Umfeld des Projekts kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Motive für die Teilnahme am Projekt, das Auswahlverfahren für die Mannschaft, die Interaktionen und Identitätsbildungen im Projekt sowie die Wirksamkeit der Wertevermittlung durch Sport.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Konzepte sind Sporterziehung, Entwicklungszusammenarbeit, soziale Sicherheit, Identitätsbildung, ethnische Vielfalt und lokale Partizipation im kenianischen Kontext.
Welche Rolle spielen Sicherheit und Grundversorgung für die Teilnehmenden?
Die Studie zeigt, dass für die Familien in den untersuchten informellen Siedlungen die durch das Projekt gewährleistete Sicherheit und die Versorgung mit Nahrung oft eine tragendere Rolle für die Teilnahmemotivation spielen als die rein sportpädagogischen Ziele.
Wie bewerten Außenstehende in Juja das Projekt?
Die Mehrheit der befragten Außenstehenden rezipiert das Projekt sehr positiv, vor allem aufgrund der Unterstützung der Bedürftigen durch Nahrung und Schulgebühren, auch wenn vereinzelt Kritik an der Person des Projektgründers oder der mangelnden Inklusion geübt wird.
- Arbeit zitieren
- Katharina Wilhelm (Autor:in), 2018, Sport und Wertevermittlung am Beispiel des Projekts NGUVU Edu Sport e.V. in Kenia. „He keeps the children safe“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1130193