“Die Verwandlung“ als Graphic Novel im Literaturunterricht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

33 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

1 Einleitung

Im Deutschunterricht [...gibt] es noch immer ein Medium, das wenig oder gar nicht beachtet wird. [...] Graphic Novels werden oft unterschätzt: Sie transportieren verkürzt einen Sachverhalt und können durch die bildliche Darstellung sehr viel leisten. Humor und Ironie können dargestellt werden, Inhalte werden zugespitzt und prägnant vermittelt, man kann Kernbotschaften deutlicher hervortreten lassen.1

Wie der Landesbildungsserver Baden-Württemberg selbst feststellt, bringt der Einsatz von Graphic Novels im Deutschunterricht viele Vorteile mit sich. Umso bedauerlicher ist es, dass diese in Schulen wenig genutzt werden.

Gerade in der Sekundarstufe besteht beispielsweise noch oft das Vorurteil, dass Graphic Novels anspruchslos sind, das Lesen einer Graphic Novel kein “richtiges Lesen“ ist oder der Text an Bedeutung verlieren könnte.

Im Folgenden wird daher exemplarisch anhand der Graphic Novel Die Verwandlung von Mairowitz und Crumb, basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka, untersucht, welche Auswirkungen der Einsatz dieser Graphic Novel auf den Literaturunterricht haben könnte.

Dafür wird zunächst die Graphic Novel als solche definiert, um anschließend näher auf die Chancen, die der Einsatz von Graphic Novels für den Literaturunterricht mit sich bringt, einzugehen.

Gerade in Hinblick auf die Erzählung Die Verwandlung werden oft Bedenken gegen die Umsetzung als Graphic Novel geäußert. Nachdem diese kurz erläutert werden, wird die Graphic Novel Kafka von Mairowitz und Crumb und die in ihr enthaltende Umsetzung von Die Verwandlung näher betrachtet.

Abschließend wird auf die Darstellung des literarischen Körpers von Gregor Samsa genauer eingegangen, indem diese zunächst mit der literarischen Vorlage verglichen wird. Mit Blick auf den Literaturunterricht werden ergänzend Überlegungen darüber angestellt, ob es sinnvoll ist, diesen literarischen Körper abzubilden.

Neben der Untersuchung zur Darstellung wird anhand ausgewählter Panels ebenfalls analysiert, ob es durch diese Darstellung - wie von den Darstellungsgegnern befürchtet - zu einer Bedeutungsreduktion kommt.

2 Graphic Novels im Literaturunterricht

Bevor näher auf die Graphic Novel Die Verwandlung von Mairowitz und Crumb sowie ihren Einsatz im Literaturunterricht eingegangen wird, soll zunächst der Begriff der Graphic Novel definiert werden. Im Anschluss daran werden allgemeine Überlegungen in Hinblick auf den Einsatz von Graphic Novels im Literaturunterricht sowie die damit einhergehenden Chancen vorgestellt sowie Bedenken, die gegen den Einsatz einer Graphic Novel zu Die Verwandlung von Franz Kafka im Literaturunterricht sprechen.

2.1 Definition Graphic Novel

Der Begriff Graphic Novel wird einerseits als Genrebezeichnung genutzt, die sie als grafische Erzählung definiert, anderseits als Bezeichnung für eine Marketingstrategie aus den 1980-erJahren.2

Versteht man die Graphic Novel als grafische Erzählung, folglich als „einen aus Schrift- und Bildkomponenten bestehenden Text“3, dann kann man sie entweder als Comicformat, also als Untergruppe von Comics, oder aber als eigenständiges Genre definieren.

Der Begriff des Comics „bezeichnet eine ursprünglich rein humoristische [...] Bildgeschichte, die im Laufe ihrer Entwicklung Stoffe und Themen aller Art präsentiert.“4

Dafür, dass die Graphic Novel als eigenständiges Genre und nicht als Comicformat angesehen werden sollte, spricht unter anderem, dass sie sich laut Eisner mit Innen- statt Außenwelten auseinandersetzt, einen literarischen Anspruch erhebt und in ihrer Verbindung von Bild und Text auch nach neuen Wegen sucht, um ihr Thema bestmöglich umzusetzen.5

Inhaltlich fällt vor allem dieser literarische Anspruch, die Anlehnung an den Roman, auf, indem die Graphic Novel etliche Vorgaben des Romans übernimmt: Sie hat eine abgeschlossene Handlung und epische Ausrichtung, dem Plot wird eine besondere Bedeutung beigemessen und sie hat ein bestimmtes Thema, das dem Prinzip der architektonischen Komposition nach behandelt wird.6

Während das Comic oftmals als Endlosserie hergestellt wird, „erscheint die Graphic Novel als ein abgeschlossenes Buch [... und tritt] meist als Einzelwerk auf den Markt [und verspricht] zwischen seinen zwei Deckeln einen ästhetischen Genuss, der gerade dadurch entsteht, dass das abgeschlossene Werk im Ganzen also überhaupt erst als Werk erfasst werden kann und darin zur Reflexion seiner ästhetischen Mittel anregt.“7

Auch was die Gestaltung der Graphic Novels anbelangt fällt auf, dass sie sich - auch um die geforderten neuen Wege umzusetzen -von den bisher herrschenden formalen grafischen Vorlagen, wie etwa der Seitengestaltung und Panelanordnung, der Comics lösen, ihre Bild-Schrift-Verknüpfen auf neue Art und Weise vornehmen und ästhetisch innovativ sind.8

Während die so genannte Sprache des Comic mit spezifischen Layoutmustern und dem kontinuierenden Einsatz von gerahmten und ungerahmten Panels in Verbindung mit einheitlichen Figurationen von Schriftkomponenten operiert, erfindet die hybride graphische Erzählung ihre .Sprache“ jeweils neu und anders.9

Doch auch wenn die aufgezählten Unterschiede zwischen der Graphic Novel und dem Comic zunächst den Eindruck erwecken können, dass es sich hierbei um zwei vollkommen unterschiedliche Genre handelt, lässt sich die Graphic Novel nicht komplett vom Comic abtrennen, da sie „durch Panels, Sprechblasen und wiederholte Figuren unverkennbar [mit] den Mitteln des Comics verbunden“10 ist.

Die Graphic Novel scheint einerseits zu viele Unterschiede zu einem Comic aufzuweisen, als dass sie als reines Comicformat gelten könne, anderseits fällt es auch schwer, sie als vollkommen eigenständiges Genre anzusehen, da sie auch eine Bildgeschichte ist.

Die Einordnung der Graphic Novel als Marketingstrategie ist auf die Überlegung zurückzuführen, dass durch die Namensgebung auf Seiten der Käuferinnen sowohl eine eindeutige Abgrenzung zu dem scheinbar minderwertigen Comic als auch eine allgemeine höhere Wertigkeit der Graphic Novel suggeriert wird.11

Die Graphic Novel sollte dadurch von den Käuferinnen als neue Literaturrichtung aufgenommen werden, „die sich - teilweise provokativ - von der lange Zeit vorherrschenden kinderliterarischen Spielart des Comics abzusetzen und zu profilieren trachtet.“12

Mit diesem Verweis einer Zugehörigkeit zur Literatur sollte in den 1980-er Jahren also vor allem ein neues, erwachsenes Lesepublikum erschlossen werden. Neben der Namensgebund wurde dies auch dadurch kenntlich gemacht, dass die Graphic Novels - im Abgrenzung zu Comics - von Buchverlagen vertrieben wurden und im Buchhandel verkauft wurden.13

Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass bisher noch keine eindeutige Definition und Zuordnung für die Graphic Novel gefunden werden konnte: So besteht bis heute in der Forschung kein Konsens darüber, „ob es sich bei der Graphic Novel lediglich um eine Marketingstrategie, ein Comicformat oder sogar ein eigenständiges Genre handelt[.]“14

2.2 Der Einsatz von Graphic Novels im Literaturunterricht

Der Einsatz von Graphic Novels im Unterricht bringt viele Chancen mit sich, da sie den Schülerinnen viele unterschiedliche Zugänge zu dem in ihnen vermittelten Inhalt geben und dadurch unterschiedliche Lerntypen angesprochen werden. Entgegen allgemeiner Überzeugungen, dass Graphic Novels nicht anspruchsvoll genug für die Schülerinnen sind, fand Mallia 2004 in seiner Studie „Learning from the Sequence: The Use of Comics in Instruction“ heraus, dass die Verwendung von Graphic Novels anstelle herkömmlicher Texte keine Leistungseinbußen mit sich bringt, während Lyga und Lyga 2007 feststellten, dass durch die Verwendung von Graphic Novels drei der sieben Arten von multipler Intelligenz gefördert werden: verbal-linguistisch, räumlich­mechanisch und interpersonal-sozial.15

Besonders im kompetenzorientierten Deutschunterricht kann der Einsatz von Graphic Novel sinnvoll sein, denn sie können zur Entwicklung und Förderung von Lese- und Schreibkompetenz, von lexikalischen, sprach- reflexiven und interkulturellen Kompetenzen sowie zur Ausbildung eines differenzierten Medienverständnisses herangezogen werden.16

Auch in Hinblick auf die Lesekompetenz könnte im ersten Moment der Eindruck entstehen, dass die Graphic Novel diese weniger fördert als ein Buch, da sie weniger geschriebenen Text enthält. Doch durch ihre Gestaltung und Verbindung von Text und Bild ist das Lesen einer graphic novel [...] ein multiliteraler Akt, an dem lesendes Verstehen, Sehverstehen, die Wahrnehmung von Formen und Farben, das Dekodieren von Soundeffekt-Zeichen und anderer symbolischen Zeichen der Comic-Sprache sowie die Erfassung der panel-Sequenz, der panel-Komposition und der Seitenlayout beteiligt sind[.]17

Zudem müssen beim Lesen einer Graphic Novel die dekodierten Elemente in einen größeren Gesamtzusammenhang eingebettet, Leerstellen gefüllt und lokale und globale Kohärenz hergestellt werden. Das Lesen einer Graphic Novel ist demnach kein bloßes Betrachten von Bildern, sondern eine aktive Rezeptionsleistung18, bei der die Lesenden „kontinuierlich zwischen der Rezeption der Bilder und des Textes wechseln [...und] die Handlung [...] sich dem Leser nur aus der Betrachtung beider Elemente [erschließt].“19

Gerade für den Literaturunterricht sind Graphic Novels demzufolge „ergiebige Gegenstände für ein literarisches Lernen im Sinne von Literatur als kultureller Praxis“20 und „ermöglichen vor allem Lernen an und Reflexionen über Texte im Medienverbund.“21

In Bezug auf das literarische Lernen mit Graphic Novels fällt sofort auf, dass durch ihre Form „vor allem das bildlich dargestellt werden [muss], was in der Textvorlage idealerweise gar nicht beschrieben wird“22. Dadurch findet eine enorme Entlastung in Hinblick auf die Vorstellungbildung beim Lesen einer literarischen Vorlage statt. Die Lesenden müssen nicht die einzelnen Worte und Sätze in Bildern umsetzen, sondern sehen direkt zu Beginn diese Bilder., wodurch auch „schwierige bzw. sperrige gesellschaftliche, historische oder psychologische Themen im wahrsten Sinn des Wortes anschaulich werden[.]“23

Dies hat den großen Vorteil, dass somit auch die Lesenden, die Schwierigkeiten bei der Vorstellungsbildung eines herkömmlichen literarischen Textes haben, einen Zugang zum literarischen Verstehensprozess haben, da laut Spinner das „Schaffen eines Vorstellungsbildes Voraussetzung für jeden literarischen Verstehensprozess ist“24 und er darin „das grundlegendste Merkmal literarischer Rezeption“25 sieht.

Zu Schwierigkeiten in der Vorstellungsbildung kommt es vor allem durch biographische, kulturelle oder historische Faktoren, „denn wo bestimmte Erfahrungen nicht gemacht wurden, können sich auch keine Vorstellungen oder Imaginationen hierzu einstellen[.]“26

Dies kann „zu negativen Affekten während des Rezeptionsvorgangs führen, da weiterführenden Prozessen die Grundlage genommen wird.“27

Im schlimmsten Fall wird die Lektüre komplett aufgegeben und es findet keinerlei weitere Auseinandersetzung mit der Literatur statt.

Zudem stellt Spinner selbst fest, dass das Miteinander-ins-Spiel-bringen von der subjektiven Involviertheit und genauen Wahrnehmung unmittelbar an die Vorstellungsbildung anschließt, da die Vorstellungsbildung der notwendige erste Schritt ist, wobei es im zweiten Aspekt über die reine Vorstellungsbildung hinaus geht und einen höheren Grad an Bewusstsein erfordert.28

Auch für den vierten Aspekt - das Nachvollziehen der Perspektiven literarischer Figuren - sieht Spinner die Vorstellungsbildung als eine notwendige Grundlage an, da seiner Meinung nach das emphatische Verstehen eng mit dieser verknüpft ist.29 Natürlich würden sich auch alle anderen Aspekte des literarischen Lernens bei der Rezeption von Graphic Novels realisieren lassen, da Spinner selbst bei der Formulierung dieser elfAspekte explizit darauf hingewiesen hat, dass das literarische Lernen „auch auditive und visuelle Rezeptionsformen [...] einschließt“30.

Auch im Hinblick auf den 7. Aspekt nach Spinner, der sich mit dem Verständnis von Metaphern befasst, stellt Brune fest, dass „auf der impliziten Bedeutungsebene literarischer Texte Vorstellungs- und Begriffsbildung einander zuarbeiten“31, da die Analogiebildungen von Metaphern oftmals auf dem durch die Vorstellung recodierten Bildmodus basieren.32

Doch auch wenn die Graphic Novel die Vorstellungsbildung erleichtern kann, so bedeutet ihre Bildhaftigkeit nicht, dass auf Seiten der Rezipientinnen keinerlei Imaginationsleistung beim Lesen gefordert und gefördert wird, da die Rezipientinnen „die Abfolge statischer Bilder mit nicht im Text expliziter Bedeutung auffüllen und verklammern und so durch [...ihre] gedankliche Verknüpfung eine kausal stimmige Abfolge herstellen [müssen].“33

Gerade für den Literaturunterricht kann es demnach sinnvoll sein, Graphic Novels - einzeln oder als ergänzende Unterstützung - anzubieten, da die „konkreten Zeichnungen die Vorstellungsebene und Imaginationsfähigkeit der Rezipienten“34 entlasten, wodurch weitere Aspekte von literarischem Lernen besser für Schülerinnen zugänglich gemacht werden können, und zugleich eine motivierende Wirkung auf die Schülerinnen haben können, da sie ihnen „Imaginationsspielräume zur kognitiv­affektiven Inszenierung des im literarischen Stoff episch entfalteten Szenarios“35 bieten. Dadurch kann gerade in heterogenen Lerngruppen eher gewährleistet werden, dass alle Schülerinnen am Literaturunterricht teilhaben können.

[...]


1 Landesbildungsserver Baden-Württemberg

2 Vgl. Abel und Klein 2016: 156

3 Dolle-Weinkauff2014a:458

4 Dolle-Weinkauff2011: 307

5 Vgl. Abel und Klein 2016: 29

6 Vgl. Seeßlen 2017: 10

7 Frahm 2014: 57

8 Vgl. Abel und Klein 2016: 157

9 Dolle-Weinkauff2014b: 153

10 Frahm 2014: 54

11 Vgl. Grünewald 2014: 19

12 Dolle-Weinkauff2011: 327

13 Vgl. Abel und Klein 2016:159

14 ebd.: 156

15 Vgl.: Marrall 2013: 248

16 Kuzminykh 2014: 75

17 Hallet 2012: 4

18 Vgl. Kuzminykh 2014: 80

19 ebd.: 78

20 Vgl. Abraham/ Kepser 2005, zit. nach Frederking et al. 2008: 131

21 Wrobel 2015:4

22 Hoffmann 2015: 43

23 Wrobel 2015: 4

24 Spinner1993:494

25 Spinner2015: 189

26 Brune2020: 104

27 ebd.: 105

28 Vgl. Spinner2015: 190

29 Vgl. ebd.: 190

30 Spinner2006: 6

31 Brune 2020: 282

32 Vgl. ebd.: 287

33 Wrobel 2015:6

34 Boelmann und König 2018: 186

35 Meurer2011: 145

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
“Die Verwandlung“ als Graphic Novel im Literaturunterricht
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
33
Katalognummer
V1130386
ISBN (eBook)
9783346490070
ISBN (Buch)
9783346490087
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verwandlung, graphic, novel, literaturunterricht
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, “Die Verwandlung“ als Graphic Novel im Literaturunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1130386

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