Eltern-Kind-Kurse im Sport. Ein Katalysator für soziales Miteinander, Stressbewältigung und mehr Bewegung


Bachelorarbeit, 2019

61 Seiten, Note: 1,7

Johann Georg Beck (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gesellschaftliche Relevanz des Kurses
2.1 Bewegung- Eine Basis für die Entwicklung
2.2 Bewegungs- und Zeitmangel im digitalen Zeitalter
2.3 Bestehende Angebote im Eltern-Kinder-Sport
2.4 Fragestellung der Arbeit

3 Fördermöglichkeiten
3.1 Gesundheitsförderung
3.2 Förderung der Selbstwirksamkeit
3.3 Förderung des sozialen Miteinanders
3.4 Strategien zur Stressbewältigung
3.5 Integration in den Alltag

4 Zielsetzung
4.1 Ziele für die Kinder
4.2 Ziele für die Eltern
4.3 Ziele für die Eltern-Kinder-Beziehung

5 Konzept des Eltern-Kind-Kurses
5.1 Didaktisch-methodische Hinweise für die Umsetzung
5.2 Säulen des Konzeptes
5.3 Übungsvorschläge zur Umsetzung
5.4 Institutionelle Voraussetzungen

6 Ausblick

7 Literatur- und Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die Verbindung zwischen Eltern und Kindern ist eine der engsten im Leben. Gerade in den ersten Jahren verbringen sie normalerweise viel Zeit miteinander. Oft treten Eltern dadurch beruflich kürzer oder verzichten auf andere Lebensbereiche wie Freundschaft oder Sport. Dennoch gibt es Möglichkeiten, auch sein Kind mit in den Freizeitbereich einzubeziehen. Der gemeinsame Sport beginnt eventuell mit Babyschwimmen. Doch wie sollen weiterhin Bewegung, Sport und Familien verbunden werden? Ein großes Thema ist dabei immer wieder die fehlende Zeit.

In der vorliegenden Arbeit soll ein Konzept für einen Eltern-Kind-Kurs erstellt werden, welches den Fokus besonders auf die Gesundheitsförderung legt. Zu Beginn der Arbeit werden Veränderungen der Gesellschaft aufgezeigt und damit verbundene Folgen für das Familienleben. Dabei wird ebenso erörtert, wie wichtig Bewegung und Sport gerade für die Entwicklung der Kinder sind.

Das Konzept richtet sich an Eltern mit Kindern von drei bis sechs Jahren. Deshalb wird auf diesen Altersabschnitt besonders eingegangen. Dabei soll es auch um die Eltern gehen. Vor diesem Hintergrund werden allgemeine Auswirkungen von Bewegung und Sport betrachtet.

Zimmer und Hunger (2001) beschreiben Bewegung als ein wichtiges, unverzichtbares und austauschbares Mittel der Selbsterfahrung und Weltbegegnung von Kindern. Ihr kommt außerdem eine entscheidende erfahrungskonstituierende Rolle im kindlichen Entwicklungsprozess zu. Für Erwachsene kann Sport einen Ausgleich zu Alltagsbelastungen und Stress bieten. Viele Menschen können beim Sport abschalten. Während früher vor allem ehrenamtlich organisierte Vereine für Bewegung sorgten, gibt es heute mehr und mehr kommerzielle Angebote wie Fitnessstudios. Trotzdem wollen Eltern Zeit mit ihren Kindern verbringen. Deshalb soll es darum gehen, diesem Bedürfnis zu entsprechen, also Zeit mit dem Kind zu verbringen und Sport zu treiben.

Anhand dieser Grundlage werden Fördermöglichkeiten sowohl für Kinder als auch für Eltern erarbeitet. Ausgehend von den wissenschaftlichen Erkenntnissen sollen Ziele abgeleitet werden, die sich bei der Durchführung des Eltern-Kind-Kurses erreichen lassen. Im abschließenden Teil wird das Konzept mit Hinweisen zur Umsetzung vorgestellt. Dabei soll ein Konzept entwickelt werden, bei dem Drei- bis Sechsjährige gemeinsam mit ihren Eltern einen Sportkurs besuchen und bestmöglich die Übungen in ihren Alltag integrieren können. Zunächst wird geklärt, warum dieses Thema gesellschaftliche Relevanz besitzt und welche Sportangebote für Eltern und Kinder bereits bestehen.

2 Gesellschaftliche Relevanz des Kurses

In weiten Teilen von Europa geht es Kindern sehr gut. Die meisten können ohne Hunger und Folgen von Krieg aufwachsen. Besonders materielle Güter sind heutzutage im Überfluss vorhanden. Es gibt Spielsachen ohne Ende und es kommen immer neue Innovationen hinzu. Ebenso werden für Erwachsene die Kommunikationswege spürbar kürzer. Maschinen sollen das Leben weiter vereinfachen. Das sollte im Umkehrschluss auch bedeuten, dass Kinder über mehr Möglichkeiten verfügen, um sich zu bewegen und Eltern ausreichend Zeit mit ihren Kindern verbringen, um zu spielen, herumzutoben und gemeinsam Sport zu treiben. Doch warum leiden immer mehr Kinder an Übergewicht und vielen Erwachsenen fällt es schwer, Zeit für sich, den Sport und vor allem für ihre Kinder zu finden?

2.1 Bewegung- Eine Basis für die Entwicklung

Kinder verbringen viel Zeit am Smartphone, vor dem Fernseher und an der Konsole. Bei Erwachsenen nehmen Volkskrankheiten wie Herzinfarkt und Diabetes zu. Ausgangspunkt dafür sind oft Fehlernährung oder Bewegungs- und Zeitmangel. Der Aspekt der Ernährung wird in dieser Arbeit außen vor gelassen.

Bewegung ist ein sehr geläufiger Begriff. Doch was versteht man darunter? Funke- Wieneke (2007, S.74) führt aus: „Wenn sich jemand bewegt, dann verstehen wir das im alltäglichen Leben - wie wir alles betrachten und verstehen - als einen Ausdruck von Sinn." Der Sinn wird durch den Betrachter interpretiert. Das kann ebenso ästhetischer Natur sein. Der Sinn ergibt sich jedoch nicht nur für den Betrachter, sondern auch für die Person selbst. Was ist Bewegung überhaupt?

Es gibt vier bewegungstheoretische Grundlagen: das Bildverständnis, das funktionelle Verständnis, das phänomenale Verständnis und das digitale Verständnis. Einem Trainer, Lehrer oder Leiter einer Bewegungsgruppe „[…] erscheint […] die menschliche Bewegung als Bild dessen, was ein anderer tut“, schreibt Funke-Wieneke (2007, S.77). Die Bewegung ist sozusagen das, was man sieht. Das bedeutet, eine Bewegung, die vom anderen Menschen wahrgenommen wird, ist immer mit einem Urteil verbunden beziehungsweise liegt im Auge eines anderen Betrachters. Außerdem kann eine Bewegung einem funktionalen Verständnis unterliegen, wie man es aus der Physik kennt. Damit steht hinter jeder Bewegung eine Absicht. Funke-Wieneke (2007, S.84) führt an: „Den auf diese Weise in sich selbst funktional gegliederten und von verschiedenen psychosozialen (Zielen), gesellschaftlichen (Regeln), physiologischen (Beweger) und materiellen Bedingungen (Umgebung, Movendum) abhängenden Bewegungsablauf […]“ kann man in verschiedene Funktionsphasen einteilen. Das heißt, es gibt einen gewissen Rahmen, an den sich ein Mensch bei einer Ausführung der Bewegung halten muss.

Aber auch dieses Verständnis kann lediglich als Ansatz genutzt werden. Es wird nur die Perspektive von außen angewendet. Die Sicht des Individuums bleibt unbeachtet. Daraus hat sich ein weiteres Bewegungsverständnis entwickelt. Es spielen alle Erlebenstatbestände, die für Aneignung von Können wichtig sind, eine Rolle wie Funke-Wieneke (2007) betont. Diese kann man als phänomenales Bewegungsverständnis beschreiben. Das Sich-Bewegen gelangt in den Mittelpunkt. Es geht darum, seinen Körper und die damit verbundenen Bewegungen zu erleben. Es entsteht eine individuelle Weltansicht. Laut Funke-Wieneke (2007, S.92) ist „der einzige Weg, sie zu erkennen, führt über Selbstbetrachtung (Introspektion) und Beschreibung des Gefundenen.“ Nichtsdestotrotz steht diese Perspektive immer etwas im Gegensatz zur äußeren Perspektive. Zum Beispiel nimmt ein Sportler einen Hochsprung als sehr technisch sauber wahr, aber sein Trainer sieht von außen Fehler. Es ist immer ein Wechselspiel zwischen dem Sich-Bewegen und der wahrgenommenen Bewegung eines Anderen.

Beim dialogischen Verständnis geht es um die Wechselwirkung von Menschen und Umwelt. Der Mensch fährt zum Beispiel Fahrrad (Umwelt). Damit es durch den Menschen bewegt wird, muss ein Zusammenwirken stattfinden. Auf einer geraden Fläche würde nichts passieren, wenn der Mensch nur statisch auf dem Rad sitzt. Ausgenommen sind mit Motoren angetriebene Fahrräder. Der Mensch muss nun durch Druck auf die Pedalen die Räder des Fahrrades antreiben. Er muss wissen, wie das funktioniert und ein Gefühl dafür entwickeln. Außerdem muss er das Gleichgewicht halten. Wie Funke-Wieneke (2007, S.98) betont geht es also um einen Effekt, den ich - mich bewegend - in der Welt, dort, wo ich mit ihr zusammentreffe, erzeugen muss." Um die Grundlage für eine menschliche Bewegung besser einzuordnen, soll im folgenden geklärt werden, wie eine Bewegung im menschlichen Körper zustande kommt.

Die kleinsten Funktionseinheiten im menschlichen Körper sind die Zellen. Laut Sachs-Amid (2003) gelangen Reize zu den Zellen, können Reaktionen ausgelöst werden. Mehrere Zellen verbinden sich zum Gewebe, die wiederum als bauliche und funktionelle Einheiten die Organe bilden. Eine Bewegung wird aktiv durch den Muskelapparat bestimmt, passiv durch Knochen, Knorpel, Sehnen und Bänder. Die Wirbelsäule, welche aus sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln, fünf Lendenwirbeln, dem Kreuzbein und dem Steißbein besteht, besitzt eine entscheidende Bedeutung bei der Bewegung. Zwischen den Hals-, Brust- und Lendenwirbeln befinden sich die Bandscheiben mit den jeweiligen Gallertkernen. Bei einer Vorwärtsbewegung wandert der Kern nach vorn und bei einer Rückwärtsbewegung nach hinten, bei einer Seitwärtsbewegung zur Gegenseite. Die Funktion der Bandscheibe ist sehr wichtig. Gerade heutzutage leben Menschen zunehmend mit Fehlstellungen der Wirbelsäule. Die Bandscheiben saugen sich in Rückenlage mit Flüssigkeit voll. Bei Belastung gibt sie diese wieder ab. Sachs-Amid (2003, S.14) betont: „Dieser Aspekt gewinnt bei Fehlstellungen der Wirbelsäule an Bedeutung, da bei einseitig wirkenden Kräften innerhalb der Bandscheibe unterschiedliche Zug- und Druckspannungen entstehen. Teile des Faserrings können einreißen; der Kern somit nicht mehr mit der gleichen Festigkeit in seiner zentralen Position gehalten werden.“

Die Füße und Beine stellen den Kontakt zum Boden her. Sie müssen oft das gesamte Gewicht tragen. Deshalb sind entsprechende Bewegungsreize notwendig. Die Auswahl der Schuhe ist sehr wichtig. Wenn möglich, sollte man, so oft wie möglich, Barfuß gehen. Sachs-Amid (2003, S.15) schrieb dazu „Die Bewegungsübertragung erfolgt vom Hüftgelenk über Oberschenkel, Kniegelenk und Unterschenkel zu den Sprung- und Zehngelenken." Bei Schiefstellungen und Verkürzungen kann es hier zu Haltungsschäden kommen. Eine entsprechende Funktionsweise ermöglicht, dass der Mensch heben und tragen kann. Viele Erwachsene erleiden im Laufe ihres Lebens Hüft-, Knie- und Rückenschäden.

Eng mit der Entwicklung des Skeletts verbunden, ist die Entwicklung des Muskelapparates. Bei fehlerhafter Entwicklung kann es zu Haltungsschäden kommen. Graf, Dordel und Reinehr (2007, S.42) führen aus „Die aufrechte Haltung bedeutet aber lebenslang eine Auseinandersetzung mit der Schwerkraft und erfordert ein gut ausgebildetes Muskelkorsett, bei dem sich die Agonisten und ihre jeweiligen Antagonisten im Gleichgewicht befinden bzw. auf der Basis einer differenzierten Körper- und Haltungswahrnehmung sicher ausbalanciert werden können." Vielfältige Bewegungserfahrungen unterstützen diese Entwicklung. Interessant ist das Massen-Verhältnis zwischen Körper und Muskeln. „Die Muskelmasse beträgt zum Zeitpunkt der Geburt etwa 20 % der gesamten Körpermasse im Vergleich zu etwa 40 % beim untrainierten Erwachsenen" (Graf &al, 2007, S. 41). Erst verringert sich diese leicht, bevor sie bis zur Pubertät wieder auf 27 % ansteigt. Die Skelettmuskulatur bildet also das aktive Bewegungsorgan. Ein Muskel wird aus vielen Muskelzellen zusammengesetzt. Das Muskel- und Bindegewebe ermöglicht die Verknüpfung der Muskelzellen. Durch Kontraktion wird diese auf die Umgebung übertragen. Es wird zwischen glatter und quergestreifter Muskulatur (Skelett- und Herzmuskulatur) unterschieden. Es gibt schnell zuckende Muskelfasern, die bei explosiven und intensiven Bewegungen zum Einsatz kommen. Usain Bolt, der langjährige Weltmeister und Olympiasieger über 100 Meter, besitzt besonders viele schnell zuckende Muskelfasern. Die langsam zuckenden Muskelfasern werden bei geringerer, aber meist längerer Belastung beansprucht. Ein Marathonläufer benötigt zum Beispiel sehr viele davon. Die Energieversorgung wird über das Herz-Kreislauf-Atmungssystem sichergestellt. Das Blut dient als Transportmittel und versorgt die Organe.

Ein weiterer wichtiger Zusammenhang für die Funktionsweise des menschlichen Körpers ist der Ab- und Umbau der aufgenommenen Nahrung. Die Nahrung wird zum Teil in die unmittelbar verwendbare Energie Adenosintriphosphat umgewandelt. Man unterscheidet zwischen aerober und anaerober Ausdauer. Die aerobe Ausdauer tritt bei längeren Belastungen wie beim Joggen auf und die Energie wird über die Verbrennung von Glukose, Fetten und Eiweißen bereitgestellt. Die Energiebereitstellung erfolgt mit Hilfe von Sauerstoff. Bei der anaeroben Ausdauer unterscheidet man zwischen alaktazider und laktazider Energiebereitstellung. Bei der alaktaziden werden Adenosintriphosphat und Kreatinphosphat herangezogen. Dies entspricht hoch intensiven Belastungen bis etwa fünf Sekunden. Bei der laktaziden wird Milchsäure, das sogenannte Laktat, gebildet. Dies umfasst intensive Belastungen bis zu zwei Minuten.

Ein weiteres wichtiges System ist die Atmung. Es wird Sauerstoff aufgenommen und Kohlendioxid abgegeben. Der Gastaustausch erfolgt in den Lungenbläschen. Kommt es zu einer erhöhten körperlichen Belastung, beispielsweise im Kurs, benötigt der Organismus mehr Sauerstoff als im Ruhezustand. Sachs-Amid (2003, S.17) schreibt „Die normale Atemfrequenz beträgt beim Erwachsenen in Ruhe etwa 12 - 16 Atemzüge pro Minute. Die Atemfrequenz in Ruhe bei einem Sechsjährigen 25 Atemzüge pro Minute [...].“ Die Atmung kann sowohl bewusst als auch unbewusst gesteuert werden. Entsprechende Übungen und Reflexionen sollen deshalb in den Eltern-Kind-Kurs eingebaut werden. Gerade Yoga-Übungen fördern die Kontrolle des Atems.

Ebenso kann der Puls überprüft werden. Dies geschieht, indem man am Handgelenk oder an der Halsschlagader für 15 Sekunden zwei Finger mit leichtem Druck auf die Ader legt und die Schläge zählt. Dies sollte vor und nach den Belastungen geschehen.

Bei Erwachsenen ist der Kraftunterschied zwischen Männern und Frauen signifikant groß, während bei Kindern bis zu zehn Jahren kein Unterschied festzustellen ist. Dieser Fakt muss unbedingt bei den Übungen im Kurs beachtet werden, da ansonsten die Gefahr einer Überbelastung bei Frauen oder Unterbelastung bei Männern auftreten kann. Mithilfe dieser groben Beschreibung des menschlichen Körpers und dem bisher vermittelten Wissen über Bewegungen stellt sich jetzt die Frage nach dem Ablauf von Bewegungen. Dafür sind bestimmte Teile im Gehirn zuständig.

Folgender Ablauf soll laut Hotz/Weineck (1983) die anatomischen Strukturen und ihre Funktionen verdeutlichen: Das Limbische System und andere Motivationsareale sowie die Assoziationsfelder des Großhirns entscheiden über den Abruf von gespeicherten Programmentwürfen. Danach werden die räumlich und zeitlich gegliederten Bewegungshandlungen durch das Kleinhirn und die Basalganglien umgesetzt. Die motorischen Rindenfelder im Gehirn dienen als Exekutivorgan für die Ausführung des Bewegungsprogramms. Der Hirnstamm schafft die entsprechende Anpassung der Körperhaltung, die als Voraussetzung für die zielmotorische Handlung gilt. Danach werden die Signale ins Rückenmark und in die Skelettmuskulatur weitergeleitet. Dort werden sie auf Alphamotoneurone umgeschaltet. Diese entscheiden über die Impulsfrequenz sowie die abgestuften Muskellängen und die Kraftänderung der aktiven Muskeln, die letztendlich zu einer Bewegungs- oder Haltungsänderung führen. Dadurch erklärt sich auch, warum Wiederholungen die Grundlage für Bewegungen und Übungen sind. Köckenberger (1999) schrieb dazu„Durch ständige Wiederholungen werden Bewegungen automatisiert und situationsgerecht einsetzbar.“ Werden Teile des Körpers, zum Beispiel durch einen Knochenbruch, für längere Zeit ruhiggestellt, hat man zu Beginn große Probleme, diese Muskeln wieder anzusteuern.

Doch wozu brauchen wir überhaupt Bewegungen? Vor allem Erwachsene nutzen Bewegungen unter dem Aspekt der Leistungsfähigkeit. Eine Bewegung dient im Alltag häufig dazu, eine Leistung zu erbringen. Köckenberger (1999, S.19) schreibt: „Jeder Arbeitsvorgang und jede lebenspraktische Tätigkeit bestehen aus einer unendlichen Vielzahl einzelner Bewegungsanforderungen und körperlichen Leistungen, die zumeist auch noch unbewusst von statten gehen.“ Die körperliche Gesundheit ist oft von den Bewegungen abhängig. Auf der einen Seite finden viele Berufe nur noch sitzend im Büro statt. Diese zeichnen sich durch einen großen Bewegungsmangel aus. Auf der anderen Seite sind Berufe wie in der Baubranche körperlich schwer und sehr anstrengend. Köckenberger (1999, S.19) betont „Unsere körperliche Gesundheit profitiert von den alltäglichen Bewegungen. Harmonische Bewegungen des gesamten Körpers lockern die Gelenke, kräftigen und entspannen die Muskulatur und das Bindegewebe, unterstützen eine aufrechte und ökonomische Haltung, massieren die Organe, erleichtern eine optimale Atmung, fördern die Durchblutung und damit auch die Sauerstoffzufuhr des Gehirns.“

Auch der generelle Zustand in Bezug auf Muskelmasse, Körperhaltung, Ausdauer, Kraft usw. geht bei Erwachsenen stark auseinander. Der Zustand hängt ab vom Umfeld, zum Beispiel Beispiel, wie man sich im Beruf bewegt, aber noch mehr vom Lebensstil. Bei Kindern wird der Lebensstil oft durch die Eltern vorgegeben. Doch was ist bei ihnen besonders? Die Muskulatur, Sehnen, Bänder und Knochen befinden sich bei Kindern noch in der Entwicklung. Gerade die Wirbelsäule ist noch nicht so belastbar. Trotz dieser Besonderheiten fügt Sachs-Amid (2003, S.19) an „[...] im Bereich des passiven und aktiven Bewegungsapparates sprechen [diese] nicht gegen, sondern für die Notwendigkeit einer Kräftigung der Muskulatur." Kinder weisen bereits zum Schuleintritt Haltungsschwächen auf. Deshalb ist es wichtig, den Eltern und Kindern Übungen anzubieten, die diesen Schwächen entgegenwirken.

Bewegungen von Kindern bis sechs Jahren wirken oft sehr grobmotorisch. Die Abläufe im Körper sehen unkoordiniert aus. Köckenbergen (1999, S.15) stellte fest: „Das Kind ist bemüht, sich immer wieder – zuerst reflexartig – an die Schwerkrafteinwirkung anzupassen.“ Erst, wenn das Kind Vertrauen zu einer Position gefunden hat, beginnt es, mit der Schwerkraft zu spielen. Zunächst werden Bewegungen eher zufällig ausprobiert, bevor sie automatisiert werden. Während Erwachsene sich nicht zwangsläufig bewegen müssen, wenn sie nachdenken, ist bei Kindern die Bewegung und Kreativität Basis des Denkens. Aus Zufallsbewegungen entwickeln sich gesteuerte Bewegungen, die irgendwann automatisiert werden. Diese automatisierten Bewegungen führen zu Handlungserfahrungen, die eine Handlungsplanung ermöglichen. Handlungen können jetzt vorweggenommen und ersetzt werden. Dies nennt man logisches Denken. Das funktioniert so vom Greifen des Kindes über die Aufrichtung bis hin zum Laufen. Bis zum Vorschulalter erlernt das Kind vielseitige motorische Grundformen. Während der ersten zwei Jahre wächst das Kind sehr schnell. Bis zur Pubertät verläuft das Wachstum deutlich langsamer.

„Die Qualität des motorischen Entwicklungsstandes, z. B. zum Zeitpunkt der Einschulung, hängt aber wesentlich davon ab, in welchem Maße ein Kind Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen sammeln konnte, [...]“ Graf et al., 2007, S. 42). Deshalb können die Unterschiede teils sehr groß sein. Graf et al. (2007) betonen: „Umfangreiche und vielfältige altersentsprechende Wahrnehmungs- und Bewegungsreize sind für eine ungestörte neuromuskuläre Entwicklung, für die Entwicklung und Bewegung wie für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung erforderlich". Damit stellt Bewegung ein wichtiges Element für die Entwicklung eines Kindes dar. Das Kind lernt sich und die Umwelt kennen. Sie macht Spaß. „Bewegung, Spiel und Sport stellen für die körperliche und motorische, emotionale, psychosoziale und kognitive Entwicklung von Kindern wesentliche Voraussetzungen dar" (Graf et al, 2007, S. 63). Schon ein Baby im Kinderwagen greift gern nach einem Ball. Entscheidend sind das Wachstum, die Reifungsprozesse und das Lernen und Üben. Diese lass sich bis zum vierten Lebensjahr in für die Motorik zentral bedeutsamen Hirnarealen nachweisen. Dabei kann das Wachstum kaum (nur durch Hormone) beeinflusst werden, denn es ist genetisch bestimmt. Dafür können die Reifungsprozesse sowie das Lernen und Üben durch einen selbst und die Umwelt verändert werden. Graf et al. (2007) weisen darauf hin, dass Körperliche Aktivität als Katalysator für die motorische Entwicklung gilt.

Die Entwicklung wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Wie oben beschrieben, ist die Muskulatur ein wichtiger Bestandteil für den Bewegungsapparat. Graf et al. (2007, S.42) führen aus „Die Entwicklung der Muskulatur ist zum einen abhängig von der Ernährung, zum anderen aber von der muskulären Beanspruchung.“ Die Muskulatur entwickelt sich in Schüben. Ohne Einflüsse, zum Beispiel durch verstärkte Belastungen in einem Sportverein, ist zunächst die Rumpfmuskulatur am besten entwickelt. Beim Kleinkind betrifft das die Muskulatur der oberen Extremitäten und ab dem Schulalter die der unteren Extremitäten.

Wenngleich die Digitalisierung ein Grund für die eingeschränkte Bewegung ist, besteht eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, dass sich Menschen wieder mehr bewegen. Bei Kindern geht es dabei vor allem um eine gesunde Entwicklung. Der Präsident des Deutschen und Schwäbischen Turnerbundes Rainer Brechtken (2009 in Scholz, Kucera und Kolb, S. 5) führt an: „Vielfältige Bewegung beeinflusst die Entwicklung der Kinder positiv, Mangel an Bewegung ruft Entwicklungsstörungen hervor.“ Entwicklungstabellen sollen Eltern helfen, festzustellen, ob sich ihr Kind normal entwickelt. Trotzdem durchläuft jedes Kind eine individuelle Entwicklung, die bei dem einen schneller und bei dem anderen langsamer vonstatten geht. Die kindliche Entwicklung wird durch viele Faktoren geprägt: durch die Gesellschaft, die Ernährung und die Umwelt. Dennoch ist die Bewegung ein fundamentaler Bestandteil. Schon im Bauch der Mutter fängt sich das Ungeborene an zu bewegen. „Die Bewegung ist also der Motor der Entwicklung“, wie Köckenberger (1999, S. 14) fest stellt.. Die Entwicklung läuft immer nach einem ähnlichen Muster ab. Dinge werden wiederholt, dann gespeichert, immer wieder angepasst und verändert. Dies geschieht durch Entdecken, Ausprobieren und Verfeinern. Bewegung ist jedoch nicht von Anfang an da, sondern muss erst erlernt werden. Es sind zwei Faktoren für die Entwicklung der Bewegung entscheidend. Grundspannung des Körpers und Gleichgewicht verhelfen Kindern, neue Bewegungserfahrungen zu sammeln. Das Kind lernt immer neue Bewegungen. Nach der Geburt kann ein Baby nur den Kopf, Arme und Beine bewegen, nach wenigen Wochen lernt es, sich vom Bauch auf den Rücken und vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Danach krabbelt es, setzt sich hin, zieht sich hoch bis Stehen. Es lernt, zu laufen und später zu rennen. Es ist in der Lage, Hindernisse zu überwinden und noch komplexere Bewegungen auszuführen. Die feineren Bewegungen des gesamten Körpers und das Ansteuern kleinerer Muskeln nennt man Feinmotorik.

Der Eltern-Kind-Kurs soll diese Entwicklung stärken. Es soll nicht nur die Person allein betrachtet, sondern auch die verbindende Wirkung von Bewegung. Alle Menschen befinden sich, auch wenn mehr oder weniger bewusst, in einem ständigen Austausch. Wie Watzlawick (2016) feststellte: „Man kann nicht, nicht kommunizieren.“ Dabei dient der Körper immer als Vermittler. Die Sprache hat dabei, anders als vermutet, nur einen recht geringen Anteil. Aber auch sie wird durch unseren Körper bestimmt. Gerade Eltern und Kinder haben durch Bewegung eine besondere Verbindung. Das Baby „[…] strampelt vor Freude mit Armen und Beinen, schaut sie an, erlebt über Körperkontakt Zärtlichkeit und versucht, seine Bedürfnisse lautstark und mit Strampeln durchzusetzen“, wie Köckenberger )1999, S. 28) betont. Der Kontakt zu Gleichaltrigen erfolgt auch durch einfache Bewegungen. Dabei lernt das Kind, seine Bewegungen und Ideen an andere anzupassen. Später einigen sich Kinder beim Spiel auf bestimmte Regeln. Somit ist Bewegung auch ein wichtiger Bestandteil für soziale Integration.

Ein besonders wichtiger Punkt ist die Bindung zur Familie. Auch wenn die gemeinsame Zeit zwischen Kindern und Eltern abnimmt, verbringen die meisten Kinder doch den Großteil ihrer Kindheit zu Hause. Dementsprechend sind die Eltern mit verantwortlich, wie viele Bewegungsreize und gerade gemeinsame Bewegungen gesetzt werden. Eine große Herausforderung besteht darin, die Kinder nicht nur vor vorgefertigte Spielsachen oder Konsolen zu setzen, sondern auch die Kreativität und die Fantasie zu fördern. Leider nehmen sich immer weniger Eltern die qualitative Zeit, sich mit den Kindern auseinander zu setzen. Köckenberger (1999, S.58) stellt fest; „Sie müssen als Vorbilder darauf achten, dass das Kind genügend Bewegungsmöglichkeiten erhält.“ Dabei erhalten die Kinder schon während der Schwangerschaft Wahrnehmungsreize im Bauch der Mutter. Eltern und Kinder lernen sich zunächst durch Haut- und Blickkontakt kennen. Deshalb sind Massagen sehr wichtig für die Bewegung und Entwicklung der Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Diese spezielle Art der Bewegung wird oft unterschätzt und vernachlässigt. Dabei können Musik oder spezielle Geschichten genutzt werden. Eine weitere Form der gemeinsamen Bewegung ist das Tragen. Auch dabei kommt es zu engen Berührungen. Das Kind lernt, Vertrauen, Nähe und Verständnis aufzubauen. Köckenberger (1999, S.75) fügt dazu an: „Sie verständigen sich über ihre Körpererfahrungen und gemeinsame Erlebnisse mit den Eltern.“ Solange das Kind ein Säugling ist, sind das Interesse und die Aufmerksamkeit der Eltern sehr hoch. Kleine 1997 weist darauf hin, dass schon im Vorschulalter die gemeinsame bewegte Freizeitgestaltung der Eltern mit ihren Kindern meist massiv reduziert. So verbringen nur 27 % der Eltern wöchentlich eine Stunde gemeinsame Bewegung mit ihren Kindern.

Grundsätzlich lieben es Kinder, mit Erwachsenen herumzutoben. Die Erwachsenen stellen dabei eine Art Vorbild dar. Häufig sieht man Kinder, die weglaufen und eingefangen werden. Außerdem haben Kinder oft den Drang, neu erlernte Bewegungen ihren Eltern zu zeigen. In der weiteren Entwicklung bieten sich Schwimmbadbesuche, Spielplätze oder Fahrradausflüge an. Wie bisher aufgezeigt wurde, ist Bewegung wichtig für grundlegende Entwicklungsprozesse. Später dient sie auch dazu, physische Funktionsweisen des Körpers aufrecht zu erhalten. Doch warum wird Bewegung immer seltener?

2.2 Bewegungs- und Zeitmangel im digitalen Zeitalter

Den Begriff Bewegungsmangel hört man immer öfter. Eine treffende Definition zu finden,ist schwer. Hollmann und Hettinger (2000) haben es versucht: „Bewegungsmangel ist als eine muskuläre Beanspruchung unterhalb einer individuellen Reizschwelle zu betrachten, die zum Erhalt der funktionellen Kapazitäten des menschlichen Organismus notwendig wäre." Somit fällt es schwer, Bewegungsmangel einheitlich zu evaluieren. Das ist sehr von der verwendeten Methode abhängig. Dazu zählen Interviews, Beobachtungen oder die Messung der Herzfrequenz.

Die Gesellschaft befindet sich zunehmend in einem großen Wandel. Immer mehr Menschen leben in der Stadt. Die Verbindung zur Natur wird dabei vernachlässigt. Autos, Konsum und Hektik bestimmen das Leben. Die stärker werdende Verbindung zu Maschinen und Technik drängt zwischenmenschliche Verbindungen zurück. Hinzu kommt ein immer stärkerer Bewegungsmangel, der vor allen Dingen durch sitzende Tätigkeiten und den steigenden Medienkonsum ausgelöst wird. „Medienkonsum fördert die Herausbildung von Bewegungsanalphabeten" wie Zimmer et al. (2001, S. 68) fest stellen. Ob dies der Hauptgrund ist, bleibt fraglich. Nichtsdestotrotz veranlassen Fernsehen, Computer und Co Kinder zur körperlichen Passivität.

Insbesondere die „körperliche Inaktivität" (Graf et al., 2007, S. 72) spielt eine entscheidende Rolle. Generell kann die Umwelt als bewegungsfeindlich betrachtet werden. Immer kürzere Strecken werden mit dem Auto zurückgelegt. In Städten entstehen zwar Spielinseln wie Jugendtreffs und Kinos, jedoch liegen diese immer weiter auseinander. Statt mit dem Fahrrad werden diese Strecken mit dem Bus oder der Bahn zurückgelegt. Während man früher beim Nachbarskind klingelte, um gemeinsam zu spielen, werden heute die Wege zu Freunden oft länger oder man kennt seine Nachbarn nicht einmal mehr. Der Sportunterricht in den Schulen wird gekürzt und die Menschen stürzen sich in Arbeit. Während noch vor wenigen Jahrzehnten in der westlichen Gesellschaft mehrere Kinder zu einer konventionellen Familie gehörten, stehen heutzutage sowohl bei Männern als auch bei Frauen der berufliche Erfolg und Karriere an erster Stelle ihrer Lebensplanungen.

Ebenso hat sich der Umgang der Eltern mit ihren Kindern gewandelt. Schaut man heutzutage auf einen Spielplatz, probieren Kinder kaum noch Dinge selbst aus. Ständig stehen Vater oder Mutter dahinter, um das Kind zu stützen. Kinder dürfen kaum noch Dinge mit einem gewissen Risiko ausprobieren. Ständig werden sie beobachtet. Die Extremversion wird Helikopter-Eltern genannt. Doch diese Entwicklung hat nicht erst in den vergangenen zehn Jahren eingesetzt. Sie sondern war schon vorher zu beobachten, wie Graf et al. (2007, S.70) fest stellen: „[...] die Bewegungsumfänge der Kinder [sind] von 3 - 4 Stunden in den 70er Jahren bis auf ca. 1 Stunde pro Tag in den 90er Jahren zurückgegangen."

Ein weiterer Aspekt ist, dass das Sicherheitsbedürfnis in der Gesellschaft stark steigt. Oft wird dieser Sicherheitsaspekt ausgenutzt, um Ängste zu schüren: Angst vor Terrorismus, vor Andersartigkeit, vor dem Tod, vor dem gesellschaftlichen Abstieg und so weiter. Diese Ängste entstehen in den Köpfen der Erwachsenen und werden auf die Kinder übertragen. Kinder dürfen nicht mehr alleine draußen spielen und viele Dinge wie auf Bäume zu klettern, wird gefährlicher als früher eingestuft. Dadurch entstehen bei Kindern Ängste vor bestimmten Bewegungen, die sie dadurch vermeiden. Hinzu kommen Reizüberflutung und Stress. Ebenso ist die Entwicklung hin zur Leistungsgesellschaft nicht zu unterschätzen. Oft werden Kinder in Sportvereine gebracht, um Leistungen zu erreichen, die die Eltern nicht geschafft haben. Das Kind soll besondere Leistungen vollbringen, anstatt einfach Spaß zu haben und seine körperlichen Fähigkeiten zu entwickeln.

Da Kinder in den ersten Lebensjahren hauptsächlich durch ihre Eltern sozialisiert werden, kann man Auswirkungen laut Graf et al. (2007) auf das Bewegungsinteresse im Kindergarten oder im Hort auf folgende Punkte zurückführen:

- Der Stellenwert von Bewegung in der Familie und das Bewegungsvorbild der Eltern haben sich verändert.
- Eltern entdecken - neben dem traditionellen Bewegungsbereich - neue Lern- und Erfahrungsfelder für ihre Kinder.
- Kindern stehen zunehmend weniger (natürliche) Bewegungsräume als Lern- und Erfahrungsfelder zur Verfügung.
- Sportvereine als traditionell etablierte Bewegungsanbieter stehen heute in der Gunst der Eltern und Kinder in erheblicher Konkurrenz zu anderen - durchaus als Anregungspotential bedeutsamen - kommerziellen und nicht- kommerziellen Angeboten zur Freizeitgestaltung.
- In der institutionalisierten Erziehung im Kindergarten/Hort und in didaktischen Konzepten der sozialpädagogischen Arbeit werden unzureichend bewegungsbezogene pädagogische Schwerpunkte gesetzt.

Auch Ärzte schlagen Alarm. Köckenberger (1999, S.30) fügt an: „Untersuchungen belegen, dass Kinder vor 20 Jahren ein besser entwickeltes Bewegungsvermögen, bessere Koordination und mehr Ausdauer besaßen.“ Dabei ist zu beobachten, dass es in der Gesellschaft einen Trend in zwei Richtungen gibt. Ein Teil lebt äußerst gesundheitsbewusst, achtet auf viel Bewegung und die entsprechende Ernährung und ein anderer Teil bewegt sich kaum noch und ernährt sich hauptsächlich von Fertigprodukten.

Diese Punkte beziehen sich zwar hauptsächlich auf die Kinder. Doch bei Erwachsenen sind genau dieselben Phänomene zu beobachten, gerade bei Menschen, die beruflich sitzende Tätigkeiten ausführen. Viele Firmen bieten ihren Mitarbeitern bereits Steharbeitsplätze oder offene Arbeitsplätze an, um diesen Risikofaktoren des Sitzen entgegen zu wirken. Auch Sportprogramme während der Arbeitszeit oder in den Pausen sind keine Seltenheit mehr.

Der Bewegungsmangel hat enorme Folgen für Kinder und Erwachsene. Graf et al. (2007) stellten fest „Zurzeit gibt es allein in Europa mehr als 20 Millionen adipöse Kinder und Jugendliche, in Deutschland etwa eine Million“. Gerade Übergewicht führt neben einer höheren Gesundheitsgefährdung oft zu Ausschluss von Aktivitäten bis hin zu Mobbing. „Bewegungsmangel und fehlende Aktivität vergrößern die Verletzungs- und Unfallgefahr des Kindes. Sie führen zu Haltungsschäden, zu geringer Ausdauer und erhöhten Gesundheitsrisiken“, wie Köckenberger 1999, S. 35) belegt. In Kombination mit einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis und der fehlenden Selbsterfahrung bedingen sich diese beiden Punkte oft gegenseitig, wenn Kinder in Grenzbereichen Erfahrungen machen. Graf et al. (2007, S.74) fügten an: „Bei Kindern kommt hinzu, dass eine längerfristige Immobilisierung eine Stagnation bzw. Retardierung der körperlichen und (psycho)motorischen Entwicklung zur Folge haben kann."

Graf et al. (2007) betonen, dass es bei Erwachsenen zunächst zu einer Reduktion der körperlichen Leistungsfähigkeit bzw. Fitness" kommt. Neben diesen Risiken gibt es noch ein größeres Problem. Graf et al. (2007, S.44) betonen: „Wahrnehmungs- und Bewegungsmangel stellen vor allem auch einen Mangel an Entwicklungsreizen für den Haltungs- und Bewegungsapparat dar.“ Fehl- oder Unterentwicklungen können im Alter nur schwer oder durch viel Zeit- und Trainingsaufwand korrigiert werden. Oft bleiben lebenslange Schäden zurück. Übergewicht führt zu einer ständigen Belastung des Herzkreislaufsystems und einer mechanischen Belastung der Gelenke. Bewegungsmangel und fehlende Wahrnehmungserfahrungen führen „[...] zu einem Teufelskreis, der über fehlende Erfolgserlebnisse zu einer zunehmenden Meidung von Bewegungsaktivitäten und Bevorzugung inaktiver Freizeitbeschäftigungen führen kann" (Graf et al., 2007, S. 74). Um diesem Bewegungs- und Zeitmangel zu berücksichtigen, sollten Aktivitäten verknüpft werden. Gerade Eltern können sich oft nicht vorstellen Sport, Kinder und Freizeit zu verbinden. Hier soll der Eltern-Kind-Kurs ansetzen und neben den regelmäßigen Übungsstunden auch einen Anreiz für zu Hause und die Gestaltung der Freizeit bieten. „Laufen, Springen, Stützen, Klettern, Hängen u.a. sind elementare motorische Fertigkeiten, die sich im Vorschulalter entwickeln – vorausgesetzt, die Kinder haben Gelegenheit zu entsprechenden Tätigkeiten. Fehlen diese Entwicklungsreize, verläuft die muskuläre wie die gesamte motorische Entwicklung defizitär“, wie Graf et al.( 2007, S. 42) fest stellen. Der Kurs soll deshalb entsprechende Übungen und Anreize vermitteln, um die Entwicklung der Kinder zu unterstützen und die der Erwachsenen zu verbessern oder zu erhalten. Doch welche Angebote gibt es bereits?

2.3 Bestehende Angebote im Eltern-Kinder-Sport

Im folgenden werden bereits bestehende Angebote aus dem Eltern-Kind-Sport kurz vorgestellt. Dabei stellen die Kurse nur einen groben Überblick dar. Es gibt sicher noch weitere Formen, da mittlerweile viele Träger, aber auch kommerzielle Anbieter auf den Zeit- und Bewegungsmangel reagieren. Die Interessen sind dabei verschieden. Neben dem finanziellen Aspekt stehen gerade bei Familienbildungsinstitutionen der Gesundheitsaspekt und die gemeinsame Zeit von Kindern und Eltern im Vordergrund. Zum Abschluss diese Kapitels wird der in dieser Arbeit erarbeitete Kurs von den bisherigen Angeboten abgegrenzt.

Voetjebal ist ein Konzept aus dem Bereich des Fußballes. Es wurde in den Niederlanden entwickelt und erprobt. Gerade ist das Konzept in Deutschland angekommen, da man erkannt hat, dass bei Kindern unter sechs Jahren fußballspezifisches Training wenig Auswirkungen hat. Wichtiger ist eine vielfältige Bewegungsschulung. Voetjebal ist ein fußballorientiertes Spiel- und Bewegungskonzept für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren. Dabei erkunden die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern das Ballspielen. Kreative Trainingseinheiten mit Spiel, Spaß und Musik sollen einen Beitrag zur Entwicklung des Kindes leisten. Außerdem sollen die Kinder „Quality time" mit ihren Eltern verbringen. Dieses Konzept wird hauptsächlich in Fußballvereinen, aber auch in Kindergärten umgesetzt.

Einige Fitnesscenter haben den Bedarf an Sport gemeinsam mit dem Kind entdeckt. Originelle Namen wie „moving mama“ oder „Mom & Kid´s in Motion“ richten sich an Mütter nach der Schwangerschaft. Dabei werden Gruppenkurse angeboten, die den gesamten Körper kräftigen. Diese Kurse richten sich speziell an Frauen. Die Übungen finden alle mit dem Kind statt. Jedoch sollte das Kind noch nicht laufen können.

„Powerpapa! (Power Papa!)“ - Das beste Fitnessprogramm für Väter ist ein Buch von Andreas Lober und Andreas Ullrich. Sie haben ein Programm entwickelt, welches intensive Workouts beinhaltet. Es verspricht, in nur zwölf Wochen fit zu werden, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen und ebenso einen hohen Spaßfaktor. Dabei sind die Übungen zu Hause, im Park oder auf dem Spielplatz durchführbar.

Eltern-Kind-Turnen ist wahrscheinlich das geläufigste Angebot. Es wird in vielen Städten und von verschiedenen Institutionen bereitgehalten. Hauptsächlich wird es von Sport- oder Turnvereinen organisiert. Auch Krankenkassen und Familienbildungseinrichtungen bieten Kurse an. Oft richten sich diese an Kinder von zwei bis fünf Jahren. Die Kinder machen mit und ohne Geräte erste Bewegungserfahrungen. Viele Übungen bestehen aus Nachahmen. Am Anfang geben die Eltern viel Hilfestellung. Sie werden mit zunehmenden Alter der Kinder mehr und mehr zum Begleiter.

Im Jahr 1988 wurde die erste „Kinderturn- und Sportschule" (KISS) in Weingarten gegründet (vgl. Scholz, Kucera und Kolb, 2009, S.5). Initiatoren waren der TV Weingarten, der schwäbische Turnerbund und die Stadt Weingarten. Im weiteren Verlauf haben sich weitere Verbände großer Sportarten angeschlossen und einen eigenen Lehrplan entwickelt. Die KISS findet man nahezu in jeder größeren Stadt. Sie bindet verschiedene Altersbereiche ein. Bei den Bambini findet der Kurs gemeinsam mit den Eltern statt. Dabei agieren diese jedoch eher passiv. Hauptsächlich absolvieren die Kinder Übungen, bei denen sie von den Eltern unterstützt werden. Viele Eltern führen ihre Kinder zum Ziel, da sie nicht wollen, dass ihr Kind eine Aufgabe nicht meistert.

Graf et al. (2007) fügten bei den Angeboten im Eltern-Kinder-Sport an: „[...] sollten die Inhalte immer auch im Sinne einer Prävention gegenüber Überbelastung und Fehlbelastung des Haltungs- und Bewegungsapparates ausgerichtet sein.“ Ob dies der Fall ist, kann nicht bewertet werden und hängt immer von der individuellen Umsetzung des Trainers oder Leiters ab. Doch festzustellen ist, bei den bestehenden Angeboten steht entweder das Kind, beispielsweise bei der KISS, oder das Elternteil wie bei „Powerpapa!“ im Vordergrund. Außerdem konzentriert sich das jeweilige Angebot auf einen sportlichen Aspekt. Außerdem sind viele Angebote sehr spezifisch angelegt. Sie zielen auf die Förderung von Kraft, Ausdauer, Koordination oder auf eine spezielle Sportart ab. Gesundheitliche Aspekte werden dabei nur indirekt oder nebenbei gefördert.

Das hier erarbeitete Sportangebot zielt speziell auf das gemeinsame Bewegen und Erfahren von Eltern und Kindern, welches das soziale Miteinander stärkt und dessen positive Auswirkungen sich in den Alltag und in andere Lebensbereiche übertragen lassen. Es soll Hilfe zur Selbsthilfe leisten und eine nachhaltige Veränderung im Familienleben bewirken. Die Priorität des gemeinsamen Bewegens soll erhöht werden.

2.4 Fragestellung de r Arbeit

Welche Fördermöglichkeiten entstehen bei der Durchführung des Eltern- Kind-Kurses?

3. Fördermöglichkeiten

Bewegung stellt ein Fundament für die Persönlichkeitsentwicklung und für die körperliche Entwicklung dar. Dabei ist sie nicht nur für die Kinder von weitreichender Bedeutung, sondern ebenso für die Erwachsenen sowie die Bindung zwischen Eltern und Kind. In dem nächsten Kapitel werden anhand der Fragestellung Fördermöglichkeiten näher beleuchtet. Dabei sollen ausgehend von den theoretischen Grundlagen Ziele für den Eltern-Kind-Kurs erstellt werden, die dann in Kapitel fünf explizit umgesetzt werden.

3.1 Gesundheitsförderung

Gesundheit bietet die Basis für das alltägliche Leben. Oft wünscht man sich zum Geburtstag „viel Gesundheit" oder zum Beginn des neuen Jahres „ein gesundes Neues". Die Vorstellungen von Gesundheit sind sehr verschieden. Kottmann und Küpper (1995, S.3) fügen an: „Auch die aus dem Jahr 1946 stammende Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (Gesundheit als Zustand vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens)" lässt viele Aspekte offen. Unter anderem ist es schwer, daraus eine pädagogische Zielstellung abzuleiten. Viel genauer für die Fragestellung nach den Fördermöglichkeiten wäre es zu wissen, welche Faktoren die Gesundheit positiv oder negativ beeinflussen. Danach fühlt sich ein Mensch laut Kottmann et al. (2004) um so gesünder, je besser es ihm gelingt, die ständig auf ihn einwirkenden Stressoren auszubalancieren: Krankheitserreger, Umweltbelastungen, berufliche oder familiäre Überforderungen, soziale Diskriminierungen und eine Reihe weiterer Faktoren können die Balance in Frage stellen.. Deshalb sollte der Eltern- Kind-Kurs dabei unterstützen, diesen Prozess auszubalancieren. Sowohl den Eltern als auch den Kindern sollte dabei eine aktive Rolle zukommen.

In den Gesundheitswissenschaften hat sich der Ansatz geändert. Die traditionelle Perspektive umfasst mehr die Risikofaktoren. Heute wird das Augenmerk verstärkt auf Schutzfaktoren gelegt. Zimmer et al. (2001) betonen „An die Stelle der Pathogenese mit der Kernfrage 'was lässt die Menschen krank werden?' rückte die Salutogenese in den Vordergrund mit der viel entscheidenderen Frage 'Was lässt den Menschen trotz außerordentlicher Belastungen gesund bleiben?'" Dabei stehen die Gesundheitserziehung und die Gesundheitsförderung im Mittelpunkt. Bei der Gesundheitserziehung stellt sich die Frage: Wie kann ich Kinder und Eltern zu einem gesunden Leben bewegen? Laut der Charter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1986 ist es Ziel von Gesundheitsförderung, dass Menschen durch einen Prozess ein höheres Maß an Selbstbestimmung erlangen. Dadurch soll die Gesundheit einer Person gestärkt werden. In diesem Zusammenhang kommt der Begriff der Widerstandsressourcen ins Spiel. Dazu zählen die Strategien zur Stressbewältigung, auf die in Kapitel 3.4 eingegangen wird. Weiterhin fördert auf körperlicher Ebene ein intaktes Immunsystem die Gesundheit. Auf sozialer Ebene sollte ausreichend Unterstützung von Freunden, Kollegen und Familie vorhanden sein. Außerdem helfen personale Ressourcen, die Gesundheit zu fördern. Dazu zählt, die eigene Persönlichkeit und die Selbstwirksamkeit, was im nächsten Kapitel erörtert wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Eltern-Kind-Kurse im Sport. Ein Katalysator für soziales Miteinander, Stressbewältigung und mehr Bewegung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
61
Katalognummer
V1130751
ISBN (eBook)
9783346509369
ISBN (Buch)
9783346509376
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Gesundheit, Stress, Gesundheitsport, Bewegung, Stressbewältigung, Methoden, Eltern, Kind, Baby, Mutter, Mama, Papa, Vater, Homeoffice, Zu Hause, Übungen, Sozial, Gemeinschaft, Sportkurs, Pädagogik, Didaktik
Arbeit zitieren
Johann Georg Beck (Autor:in), 2019, Eltern-Kind-Kurse im Sport. Ein Katalysator für soziales Miteinander, Stressbewältigung und mehr Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1130751

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