Am 13. Dezember 2020 referierte ich im Blockseminar "Auge und Avantgarde" am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin über "The Eyes of Gutete Emerita". Ich konzentrierte mich auf das Verhältnis von Text und Bild, das aus der Lektüren als wesentliches Kennzeichen des Werks hervorgegangen war und stieß zudem auf den Begriff des "Unsichtigen" des Kunsthistorikers Peter Geimer. Diese Arbeit nimmt ihn genauer unter die Lupe, um die Ästhetisierung von Gewalt durch die Verknüpfung von Text und Bild in "The Eyes of Gutete Emerita" besser zu verstehen.
Den ersten Teil meiner Hausarbeit leitet die Frage danach, wie dieses Unsichtige definiert werden kann. Dazu lese ich Geimers Artikel eng nach: Er bezieht sich auf Edmund Husserls "Logische Untersuchungen", auf den Aufsatz "Sehen. Hermeneutische Reflexionen" von Gottfried Boehm und auf Georges Didi-Hubermans Publikation "Bilder trotz allem". Diese drei Theorien des Sehens werden konsultiert, um Geimers Wortwahl nachzuvollziehen und das Unsichtige definitorisch zu konturieren. Letzteres schließt ein Zwischenfazit ab.
Der zweite Teil wendet den Begriff auf Jaars Installation "The Eyes of Gutete Emerita" an. Er fragt danach, was Blick und Ansicht, sowie Bild und Text mit dem Unsichtigen zu tun haben und was der Begriff zu ethischen Debatten des Zeigens bzw. Nicht-Zeigens von Gewaltbildern beitragen kann. Dabei folgt die Argumentation Geimers Schwerpunktsetzungen auf phänomenologische und ethische Implikationen der Sichtbarmachung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Das „Unsichtige“
2.1.1. Peter Geimer: Gegensichtbarkeiten, 2006
2.1.2. Begriffsbestimmung anhand verschiedener Theorien des Sehens
2.1.2.1. Edmund Husserl: Logische Untersuchungen, Bd. 2/1, 1901
2.1.2.2. Gottfried Boehm: Sehen, 1997
2.1.2.3. Georges Didi-Huberman: Images malgré tout, 2003
2.1.3. Zwischenfazit
2.2. Das „Unsichtige“ in The Eyes of Gutete Emerita, 1996/1997
2.2.1. Von Blickwinkel und Ansicht zum „Unsichtigen“
2.2.2. Textlich vermittelte Versionen des „Unsichtigen“
2.2.3. Das „Unsichtige“ im „Antlitz“ Emeritas
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Text und Bild in Alfredo Jaars Installation „The Eyes of Gutete Emerita“ (1996), um die Darstellung von Gewalt durch den Begriff des „Unsichtigen“ besser zu verstehen. Die Forschungsfrage fokussiert darauf, wie Jaar durch die gezielte Aussparung von Bildmaterial und die textliche Rahmung das „Unsichtige“ als aktiven Wahrnehmungs- und Vorstellungsraum aktiviert, um ethische Implikationen des Zeigens und Nicht-Zeigens von Gewaltbildern zu adressieren.
- Phänomenologische Fundierung des Begriffs „Das Unsichtige“ anhand von Husserl, Boehm und Didi-Huberman.
- Analyse der Werkdramaturgie und der Verknüpfung von Text und Bild in der Installation.
- Vergleich der Versionen von 1996 und 1997 hinsichtlich ihrer politischen und ethischen Kontexte.
- Diskussion der „Kunst der Obliteration“ und der Verantwortung des Betrachters im Kontext der Erinnerungskultur.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Alfredo Jaars Installation The Eyes of Gutete Emerita (1996) besteht aus einem Text und einem Foto. Die Stadtgalerie von Raleigh in North Carolina, zeigte sie 1996 in einem abgedunkelten Raum in zwei Leuchtkästen. [Abb. 1] Auf deren fast quadratischen Projektionsfolien erschien eine helle Schrift auf schwarzem Grund. Der aus näherer Sicht lesbare Text füllte jeweils die gesamte Bildfläche und begann in der linken Box oben: [Abb. 2]
“Gutete Emerita, 30 years old, is standing in front of a church where 400 Tutsi men, women and children were systematically slaughtered by a Hutu death squad during Sunday mass. She was attending mass with her family when the massacre began. Killed with machetes in front of her eyes were her husband Tito Kahinamura, 40, and her two sons, Muhoza, 10, and Matirigari, 7. Somehow, Gutete managed to escape with her daughter Marie Louise Unumararunga, 12. They hid in a swamp for three weeks, coming out only at night for food.”
Hier wird recht sachlich geschildert, wie eine Person namens Gutete Emerita während eines Gottesdienstes Augenzeugin des Mordes an ihrem Ehemann und ihren zwei Söhnen wird. Auffällig sind die namentliche Nennung der Beteiligten sowie die Betonung des Sehens: „in front of her eyes“. Nach 45 Sekunden erschien eine zweite Folie synchron in beiden Lichtboxen. [Abb. 3] Der Text setzte sich fort, füllte aber nur noch die halbe Bildfläche:
„Her eyes look lost and incredulous. Her face is the face of someone who has witnessed an unbelievable tragedy and now wears it. She has returned to this place in the woods because she has nowhere else to go. When she speaks about her lost family, she gestures to corpses on the ground rotting in the African sun.”
Diese Beschreibung konzentriert sich auf die Augen, das Leid und die ausweglose Lage der Protagonistin. Sie endet mit dem Bild von Leichen in der afrikanischen Sonne, auf die Emerita zeigt. Nach 15 Sekunden wechselte die Folie erneut, wobei die Leuchtkästen nur noch zwei kurze Sätze beinhalteten: [Abb. 4]
„I remember her eyes. The eyes of Gutete Emerita.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Installation von Alfredo Jaar ein und skizziert die methodische sowie theoretische Herangehensweise der Arbeit zur Untersuchung des „Unsichtigen“.
2. Hauptteil: Dieses Kapitel definiert theoretisch den Begriff des „Unsichtigen“ anhand philosophischer Konzepte und wendet diese Analyse anschließend auf die spezifische Installation von Jaar an.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt das „Unsichtige“ als wirkungsvollen, ethisch aufgeladenen Vorstellungsraum in Jaars Werk.
Schlüsselwörter
Alfredo Jaar, The Eyes of Gutete Emerita, Das Unsichtige, Bild und Text, Phänomenologie, Gewaltbilder, Zeigen und Nicht-Zeigen, Rwanda Project, Ethik des Sehens, Visuelle Überschreitung, Edmund Husserl, Gottfried Boehm, Georges Didi-Huberman, Erinnerungskultur, Unvorstellbarkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie der Künstler Alfredo Jaar in seiner Installation „The Eyes of Gutete Emerita“ durch die Kombination von Text und reduziertem Bildmaterial die Darstellung von Gewalt reflektiert und dabei den Begriff des „Unsichtigen“ theoretisch wie künstlerisch nutzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Bildtheorie, Phänomenologie und ethischer Kunstbetrachtung, insbesondere im Kontext der Darstellung von Genoziden und der Verantwortung des Sehens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, das „Unsichtige“ als eine Kategorie zu definieren, die über eine bloße Absenz hinausgeht, und zu ergründen, wie diese Kategorie genutzt wird, um ethische Debatten über das Zeigen von Gewaltbildern zu führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine phänomenologisch geprägte Begriffsanalyse, die sie durch eine vergleichende Lektüre einschlägiger bildtheoretischer Schriften (Husserl, Boehm, Didi-Huberman) und eine kunsthistorische Werk-Analyse untermauert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des „Unsichtigen“ und dessen Anwendung auf die Installation Jaars, wobei insbesondere die Rolle des Textes bei der „Einschreibung“ und Kontextualisierung von Bildern untersucht wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Alfredo Jaar, Das Unsichtige, Bild und Text, Phänomenologie, Gewaltbilder sowie Ethik des Sehens.
Wie unterscheidet die Arbeit die Versionen der Installation von 1996 und 1997?
Die Autorin hebt hervor, dass die Version von 1996 stärker auf das persönliche Leid der Protagonistin fokussiert, während die Internet-Version von 1997 den politischen und völkerrechtlichen Kontext des ruandischen Völkermords in den Mittelpunkt stellt.
Warum spielt das „Nicht-Zeigen“ für Alfredo Jaar eine so große Rolle?
Das „Nicht-Zeigen“ wird als bewusste Inszenierung verstanden; es entzieht das Bild einer routinemäßigen Konsumierbarkeit und überführt es in den Bereich der Imagination, um die Schwere des Geschehens zu respektieren und den Betrachter zur moralischen Stellungnahme zu bewegen.
Welche Rolle spielt die „Kunst der Obliteration“ in der Analyse?
Die Autorin nutzt den von Levinas geprägten Begriff der „Kunst der Obliteration“, um Jaars Methode zu beschreiben, die Transparenz einer direkten Repräsentation zu verweigern und stattdessen das Scheitern bei der Darstellung des Undarstellbaren sichtbar zu machen.
Was ist das Fazit der Autorin zum Begriff des „Unsichtigen“?
Sie schließt, dass das „Unsichtige“ in Jaars Werk als Motor für eine ethische Form des Sehens fungiert, welches das Unvermögen zur allumfassenden Repräsentation als konstitutiv für eine wahrhaftige Begegnung mit dem Anderen anerkennt.
- Arbeit zitieren
- Marie Egger (Autor:in), 2021, Eine Begriffsbestimmung des 'Unsichtigen' am Beispiel von Alfredo Jaars 'The Eyes of Gutete Emerita' (1996/97), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1130851